Luther: Prædiken over den rige mand og Lazarus, 2

taget fra Erl 13,1-16, fra kirkepostillen 1522.

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1 Am ersten Sonntage nach Trinitatis.
Evang. Luc. 16,19-31
        Wir haben bisher in den Evangelien mancherlei Exempel des Glaubens und der Liebe; wie denn alle Evangelia Glauben und Liebe lehren, dass ihr, hoffe ich, reichlich genug wisset, wie kein Mensch Gott gefallen möge, er glaube und liebe denn. 
3  Nun hält uns der Herr in diesem Evangelio vor zugleich ein Exempel des Glaubens, und des Unglaubens oder des gottlosen Standes, dass wir auch an dem Widerspiel und Gegentheil des Glaubens und der Liebe uns scheuen, und desto fleissiger dem Glauben und der Liebe anhangen. 
4          Denn hier sehen wir ein Urtheil Gottes über die Gläubigen und Ungläubigen, welches erschrecklich ist, und auch tröstlich ist. Erschrecklich den Glaublosen, tröstlich den Gläubigen. 
5  Auf dass wir aber dasselbige desto besser fassen, müssen wir uns diese beide vorbilden, den reichen Mann, und den armen Lazarum: an dem (E2) Reichen sehen wir die Art des Unglaubens; an Lazaro dit art des Glaubens. 
6         Den reichen Mann müssen wir nicht ansehen nach seinem äusserlichen Wandel; denn er hat Schafskleider an, und sein Leben gleisset und scheinet hübsch, und decket den Wolf meisterlich: denn das Evangelium schilt ihn nicht, dass er Ehebruch, Mord, Raub, Frevel, oder irgend etwas begangen habe, das die Welt oder Vernunft tadeln möchte? Er ist ja so ehrbarlich an seinem Leben gewesen, als jener Pharisäer, der zweimal in der Wochen fastete, und nicht that, wie die andern Leute, davon Lucas 18,12 auch saget. 
7  Denn wo er solche grobe Knoten hätte gewirkt, würde sie das Evangelium haben angezeiget, weil es ihn so gar genau suchet, dass es auch sein Purpurkleid und Essen anzeiget, das doch äusserliche Dinge sind, und Gott nicht daselbst nach richtet; darum muss er gar einen feinen heiligen Wandel äusserlich geführet, und nach seinem und aller andrer Dünken das ganze Gesetz Mosis gehalten haben. 
8        Sondern man muss ihm ins Herz sehen, und seinen Geist richten. Denn das Evangelium hat scharfe Augen, und siehet tief in's Herzens Grund; tadelt auch die Werke, die die Vernunft nicht tadeln kann, und siehet nicht auf die Schafskleider, sondern auf die rechte Frucht des Baums, ob er gut oder nicht gut sey, wie der Merr im Matthäo 7,17 lehret. 
9 Also, wenn wir hier diesen reichen Mann ansehen nach den Früchten des Glaubens, so werden wir finden ein Herz und einen Baum des Unglaubens. Denn das Evangelium strafet ihn, dass er sich täglich hat köstlich gespeiset und herrlich gekleidet, welches doch keine Vernunft für sonderliche grosse Sünde achtet. Dazu die Werkheiligen meinen, es sey recht, und sie sind es werth, und haben's verdienet mit ihrem heiligen Leben, und sehen nicht, wie sie daran sündigen mit Unglauben. 
10        Denn dieser reiche Mann wird nicht darum gestrafet, dass er köstliche Speise und herrliche Kleider gebraucht hat; sintemal viel Heiligen, Könige und Königinnen vor Zeiten herrliche Kleider getragen haben, als Salomon, Esther, David, Daniel, und andere (E3) mehr; sondern dass sein Herz darnach gestanden, solches gesucht, daran gehangen und erwählet, alle seine Freude, Lust und Gefallen, und gleich seinen Abgott daran gehabt hat. 
11 Das zeiget an Christus mit dem Wort, "täglich", dass er täglich also herrlich gelebt hat. Daraus man merket, dass er solches Leben mit Fleiss gesucht und erwählet, nicht dazu gedrungen, oder Zufalls, oder Amts halben, oder seinem Nächsten zu Dienste drinnen gewesen ist: sondern nur seine Lust damit gebüsset, und ihm selbst gelebt und gedienet hat. 
12        Daran spüret man seines Herzens heimliche Sünde, den Unglauben, als an der bösen Frucht. Denn wo der Glaube ist, der fraget nicht nach herrlichen Kleidern und nach köstlicher Speise, ja, nach keinem Gut, Ehre, Lust, Gewalt, und allem, das nicht Gott selber ist; 
13 suchet, trachtet und hanget an nichts, denn an Gott, dem höchsten Gut alleine; gilt ihm gleich, köstliche und geringe Speise, herrliche und schlechte Kleider. Denn ob sie gleich köstliche Kleider tragen, grosse Gewalt und Ehre haben, so achten sie doch der keines, sondern werden dazu gedrungen, oder kommen Zufalls dazu, oder müssen's einem andern zu Dienste thun. 
14         Also spricht die Königin Esther, dass sie ungerne ihre königliche Krone trug, sie musste es aber um des Königes willen thun. David wäre auch lieber ein gemeiner Mann gewesen, aber er musste um Gottes und des Volks willen König seyn. 
15 Also halten sich alle Glaubigen, dass sie zu der Gewalt, Ehre und Herrlichkeit gezwungen werden, und bleiben immer mit dem Herzen davon, und handeln mit äusserlichem Wesen ihrem Nächsten zu Dienste, wie der 62. Psalm v. 11. sagt: "Verlasset euch nicht auf Unrecht und Frevel, haltet euch nicht zu solchen, da nichts ist; fället euch Reichthum zu, so hänget das Herz nicht daran". 
16       Aber wo Unglaube ist, da fällt der Mensch darauf, klebet daran, suchet es, und hat keine Ruhe, bis er's erlange; und wenn er's überkommt, so weidet und mästet er sich darinnen, wie eine Sau im Dreck, und hat gleich seine Seligkeit darinnen; fraget nichts darnach, wie sein Herz mit Gott stehe, und was er an demselbigen haben und gewarten soll, sondern der Bauch (E4) ist sein Gott; und wenn er's nicht haben kann, dünket ihn, es gehe nicht recht zu. 
17 Siehe, solche greuliche böse Früchte des Unglaubens siehet dieser reiche Mann nicht, und decket sie zu, und blendet sich selbst mit viel guten Werken seines pharisäischen Lebens, und verstocket sich selbst also, bis dass da keine Lehre, Vermahnung, Dräuen, noch Verheissen hilft. Siehe, das ist die heimliche Sünde, die das Evangelium straft und verdammt. 
18        Daraus folget nun die andere Sünde, dass er der Liebe gegen seinem Nächsten vergisset; denn da lässt er den armen Lazarum vor seiner Thür liegen, und thut ihm keine Hülfe. 
19 Und ob er personlich nicht hätte ihm wollen etwas helfen, dass er's doch seinen Knechten befohlen hätte, dass sie ihn in einen Stall trügen und sein warteten. 
20 Das machet, er hat ganz keinen Verstand von Gott, hat auch seiner Güte nie nichts gefühlet. Denn wer Gottes Güte fühlet, der fühlet auch seines Nächsten Unfall; wer aber Gottes Güte nicht fühlet, der fühlet auch seines Nächsten Unfall nicht. Darum, wie ihm Gott nicht gefället, so gehet ihm auch sein Nächster nicht zu Herzen. 
21         Denn der Glaube hat die Art, dass er sich zu Gott alles Guten versiehet, und allein auf den Gott sich verlässet. Aus diesem Glauben erkennet denn der Mensch Gott, wie er so gut und gnädig sey, dass aus solchem Erkenntniss sein Herz weich und barmherzig wird, dass er jedermann auch gern also thun wollte, wie er fühlet, dass ihm Gott gethan hat; 
22 darum bricht er aus mit Liebe, und dienet seinem Nächsten aus ganzem Herzen, mit Leib und Leben, mit Gut und Ehre, mit Seel und Geist, und setzet alles zu ihm, wie ihm Gott gethan hat; darum siehet er auch nicht nach gesunden, hohen, starken, reichen, edlen, heiligen Leuten, die sein nicht bedürfen, sondern nach kranken, schwachen, armen, verachteten, sündigen Menschen, denen er nütze seyn kann, und sein weiches Herz an ihnen üben, und thun, wie ihm Gott gethan hat. 
23       Aber der Unglaube hat die Art, dass er sich nichts Gutes zu Gott versiehet. Aus welchem Unglauben denn sein Herz verblendet wird, dass er nicht fühlet (E5) noch erkennet, wie gut und gnädig Gott sey; sonern, wie der Psalm 14,3 sagt, "er achtet Gottes nicht, fraget auch nicht nach ihm". 
24 Aus solcher Blindheit folget denn weiter, dass sein Herz so hart, verstockt und unbarmherzig wird, dass er keinem Menschen Lust hat zu dienen, ja vielmehr jedermann zu schaden und zu beleidigen. 
25 Denn wie er nichts Gutes an Gott fühlet, so fühlet er auch keine Lust Gutes zu thun seinem Nächsten. Daher folget denn, dass er nicht siehet nach kranken, armen, verachteten Menschen, denen er nütze seyn und wohlthun könnte und sollte, sondern wirft die Augen auf, udn siehet nur nach Hohen, Reichen, Mächtigen, davon er selbst Nutz, Gut, Lust und Ehre haben möge. 
26       Also sehen wir nun an diesem Exempel des reichen Mannes, dass unmöglich ist lieben, wo nicht Glaube ist, und unmöglich glauben, da nicht Liebe ist; denn es will und muss beides bei einander seyn, dass ein Gläubiger jedermann liebet und jedermann dienet; ein Ungläubiger aber jedermann feind ist im Herzen, und von jedermann ihm gedienet haben will; 
27 und doch solche greuliche, verkehrte Sünden alle decket mit einem geringen Schein seiner heuchlerischen Werke, mit dem Schafsbalg; gleichwie der grosse Vogel Strauss, der so thöricht ist, wenn er den Hals mit einem Reisse bedecket, so meinet er, dass sein ganzer Leib bedecket sey. 
28 Ja, hier siehest du, dass kein blinder und unbarmherziger Ding sey, denn Unglaube: denn hier sind die Hunde, die doch die zornigste Thiere sind, barmherziger über diesen Lazarum, denn dieser reiche Mann, und erkennen des aruemn Noth, und lecken seine Schwären; so doch der verstockte, verblendete Heuchler so hart ist, dass er ihm die Brosamlein seines Tisches nicht gönnet. 
29        Dieser Art des reichen Heuchlers sind nun alle glaublose Menschen. Der Unglaube lässt sich nicht anders thun noch seyn, denn wie dieser reiche Mann sie abmalet und anzeiget mit seinem Leben. 
30 Und sonderlich sind der Art die Heuchler, die für die Geistlichen wollen gerühmet seyn, als unsrer Papisten- und Pfaffenvolk, (wo unter ihnen noch so gute sind,) wie wir (E6) vor Augen sehen, die kein rechtargit gut Werk nimmer thun, sondern nur gute Tage haben, niemand dienen noch nutz sind, sondern von jedermann ihnen dienen lassen: Rips raps nur in meinen Sack, ein andrer habe, was er mag. 
31 Und ob etliche nicht haben köstliche Speise und Kleider, so mangelt es doch am Willen nicht. Denen folgen denn nach die Reichen, Fürsten und Herren, thun viel gute heuchlerische Werke mit Stiften und Kirchenbauen, damit sie den grossen Schalk, den Wolf des Unglaubens, decken, dass sie verstockt und verhärtet, und keinem Menschen nütze werden. Das ist der reiche Mann. 
32         Den armen Lazarum müssen wir auch nicht äusserlich ansehen mit seinem Geschwär, Armuth und Kummer. Denn viel Menschen sind, die auch Jammer und Noth leiden, und doch nichts daran gewinnen; als der König Herodes ein böses Leiden hatte, wie in den Geschichten der Aposteln 12,13 geschrieben stehet; 
33 aber dadurch hatte er's nichts desto besser vor Gott: denn Armuth und Leiden macht niemand vor Gott angenehm; sondern, wer zuvor vor Gott angenehm ist, dess Armuth und Leiden ist vor Gott köstlich, wie der 116 Psalm v. 15. sagt: "Wie theuer ist der Tod seiner Heiligen vor dem Herrn". 
34 Also müssen wir auch Lazaro in's Herz sehen, und den Schatz suchen, der seine Schwären so köstlich gemachet hat; das ist aber sein Glaube und Liebe gewisslich gewesen: denn ohne Glauben kann Gott nichts gefallen: wie der Meister der Epistel zu den Hebräern sagt, 11,6. 
35        Darum muss sein Herz also gestanden seyn, dass er auch mitten in solchem Armuth und Elend sich zu Gott alles Guten versehen, und tröstlich sich auf ihn verlassen hat: an welcher Güte und Gnade er ihm hat so reichlich lassen begnügen, und ein solch' Gefallen daran gehabt, dass er herzlich gerne noch mehr Jammers hätte gelitten, wenn der Wille seines gnädigen Gottes das gewollt hätte. 
36 Siehe, das ist ein rechter lebendiger Glaube, der ihm durch Erkenntniss göttlicher Güte sein Herz erweichet hat, dass ihm nichts zu schwer noch zu viel gewesen wäre zu leiden und zu thun. (E7) Ein solch' geschickt Herz machet der Glaube, wenn er Gottes Gnade fühlet. 
37       Daraus folget nun die andere Tugend, nämlich die Liebe des Nächsten, dass er auch willig und bereit gewesen ist, jedermann zu dienen; aber weil er arm und elend ist, hatte er nichts, damit er dienen konnte; darum wird sein guter Wille für die That gerechnet. 
38        Aber diesen Mangel leibliches Dienstes erstattet er gar reichlich durch einen geistlichen Dienst. Denn jetzund, nach seinem Tode, dienet er der ganzen Welt mit seinen Schwären, Hunger und Elend. 
39 Sein leiblicher Hunger speiset unsern geistlichen Hunger; seine leibliche Blossheit kleidet unsere geistliche Blossheit; seine leibliche Schwären heilen unsere geistliche Schwären; damit, dass er uns mit seinem Exempel lehret und tröstet, wie Gott einen Gefallen an uns habe, wenn es uns übel gehet auf Erden, so wir glauben; und uns warnet, wie Gott einen Zorn habe über uns, wenn es uns wohl gehet im Unglauben; gleichwie Gott an ihm in seinem Elend Gefallen, und am reichen Mann einen Missgefallen gehabt hat. 
40        Sage mir, welcher König vermöchte mit allem seinem Gut aller Welt einen solchen Dienst zu thun, als dieser arme Lazarus mit seinen Schwären, Hunger und Armuth gethan hat? O der wunderbarlichen Werke und Urtheil Gottes! Wie schändet er so meisterlich die kluge Närrin, die Vernunft und weltliche Weisheit. 
41 Sie gehet daher und siehet lieber den schönen Purpur des reichen Mannes, denn die Wunden des armen Lazari; sie siehet lieber einen gesunden schönen Menschen, wie der reiche Mann war, denn einen greulichen und nacketen, wie Lazarus war; ja, sie stopfet ihre Nase zu vor dem Gestank seiner Wunden, und wendet die Augen von seiner Blösse. 
42        Indess lässt sie Gott gehen, die grosse Närrin, vor solchem edlen Schatz über, und urtheilet immer für sich in der Stille sein Urtheil, und machet dieweil den armen Menschen so theuer und köstlich, dass darnach alle Könige nicht würdig sind, ihm zu dienen und seine Schwären zu wischen. 
43 Denn welcher König, meinest du, würde jetzund nicht aus ganzem Herzen seine (E8) Gesundheit, Purpur und Krone für die Schwären, Armuth und Elend dieses Lazari gerne geben, wenn es ihm werden möchte? Und welcher Mensch ist, der jetzt auch einen Dreck geben wollte für den Purpur und ganzes Reichthum dieses reichen Mannes? 
44        Meinist du nicht, dass dieser Reiche selbst, wenn er nicht so blind gewesen wäre, und gewusst hätte, dass ein solcher Schatz, so ein theurer Mann vor Gottes Augen, vor seiner Thür läge, er wäre heraus gelaufen, hätte ihm seine Schwären gewischet und geküsset, in seine besten Betten gelegt; alle sein Purpur und Reichthum hätte ihm müssen dienen?
45 Aber zu der Zeit, da Gottes Urtheil gieng, sahe er's nicht, dass er es thun konnte. Da dachte Gott: Wohlan, du sollst auch nicht werth seyn, dass du ihm dienest. Darnach, da nun das Gerichte und Werk Gottes aus ist, siehet sich um, und da er nun  in der Hölle leidet, gäbe er gerne Haus und Hof, dem er zuvor nicht einen Bissen Brods geben wollte; und begehret nun, dass ihm Lazarus mit den äussersten Theil des Fingers seine Zunge kühlt, den er zuvor nicht anrühren wollte. 
46         Siehe, solches Urtheils und Werks macht Gott nbocn täglich die Welt voll, und niemand siehet es, ja, jedermann verachtet es. Da, da sind vor unsern Augen Arme und Dürftige, die Gott als den grössten Schatz uns vorleget; 
47 aber wir thun die Augen zu gegen sie, und sehen nicht, was Gott da machet, hinten nach, wenn Gott nun ausgemachet hat, und wir den Schatz versäumet haben, so kommen wir denn und wollen dienen, so ist's zu lange geharret. 
48 So fahen wir denn an, und machen Heiligthum aus ihren Kleidern und Schuhen, und Gefässen, und riehcten Wallfahrten an, bauen Kirchen auf ihre Gräber, und haben viel zu schaffen mit dem Narrenwerk, spotten unser selbst, dass wir die lebendigen Heiligen mit Füssen treten und verderben haben lassen, und nun ihre Kleider, da es nicht noth noch nütze ist, ehren: 
49 dass uns freilich unser Herr das Urtheil fällen wird, wie er im Matthäo 23,29-33 sagt: "Wehe euch Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr die Propheten (E9) Gräber bauet, und schmücket der Gerechten Gräber, und sprecet: Wären wir zu unsrer Väter Zeiten gewesen, so wollten wir nicht theilhaftig seyn mit ihnen an der Propheten Blut. 
50 So gebet ihr zwar über euch selbst Zeugniss, dass ihr Kinder seyd derer, die die Propheten getödten haben. Wohlan, erfüllet auch ihr das Maass eurer Väter. Ihr Schlangen, ihr Orterngezüchte, wie wollet ihr der höllischen Verdammniss entrinnen?"
51        Dieser Art des armen Lazari sind alle Gläubigen, und sind allesamt rechte Lazari; denn sie sind gleiches Glaubens, Sinnes und Willens, wie dieser Lazarus. Und wer nicht ein Lazarus seyn wird, der wird gewisslich mit dem reichen Schwelger in der Höllen Glut sein Theil haben. 
52 Denn wir müssen alle, wie Lazarus, mit dem rechten Glauben auf Gott trauen, ihm uns ergeben, nach allen seinem Willen mit uns zu handeln, und bereit seyn jedermann zu dienen. Und ob wir nicht alle solche Schwären und Armuth leiden, so muss doch derselbige Wille und Meinung in uns seyn, die in Lazaro waren, solches gerne anzunehmen, wo es Gott haben wollte. 
53         Denn solche Armuth des Geistes kann wohl in grossen Gütern stehen; wie Hiob, David, Abraham, arm und reich gewesen sind. Denn David spricht Psalm 39,15: "Ich bin beide, dein Pilgrim und dein Bürger, wie alle meine Väter". Wie gieng das zu, so er doch ein König war und gross Land und Städte hatte? 
54 Also gieng es zu: ob er solches wohl hatte, so hieng er doch nicht daran mit dem Herzen, und war ihm eben als nichts, vor dem Gut, so er vor Gott hatte. Also hatte er auch von seiner Gesundheit gesagt, dass ihm eben so viel als nichts wäre gegen der Gesundheit vor Gott, und hätte wohl mögen leiden auch äusserliche Schwären und Krankheit. 
55         Also auch Abraham, ob er wohl solche Armuth und Krankheit nicht hatte, wie Lazarus, hat er doch eben den Sinn und Willen, dieselbigen anzunehmen, den Lazarus hatte, wenn sie ihm Gott hätte zugefüget. Denn die Heiligen sollen einerlei Sinn und Muth haben innerlich, aber sie können nicht einerlei Werk und (E10) Leiden haben äusserlich. 
56 Darum erkennet auch Abraham diesen Lazarum für den Seinen, und nimmt ihn in seinen Schoos; welches er nicht thäte, wenn er nicht gleiches Sinnes wäre,und Gefallen hätte an Lazari Armuth und Krankheit. Das sey gesagt der Summa und Meinung des Evangelii, dass wir sehen, wie allenthalben der Glaube selig mache, und der Unglaube verdamme. 
57        Nun bringet das Evangelium etliche Fragen mit sich. Die erste: Was der Schoos Abrahams sey? Hierauf zu antworten, ist zu wissen, dass des Menschen Seele oder Geist keine Ruhe oder Statt hat, da er möge bleiben, denn das Wort Gottes, bis dass er am jüngsten Tage zur hellen Beschauung Gottes komme. 
58 Darum halten wir den Schoos Abrahä nichts anders, denn das Wort Gottes, da dem Abraham Christus verheissen ward, 1. Mos. 22,18. nämlich, "durch deinen Saamen sollen alle Völker gesegnet werden." In diesen Worten ist Christus ihm zugesaget, als durch den jedermann gesegnet, das ist, von Sünde, Tod und Hölle erlöset werden soll, und sonst durch niemand, noch durch keine Werke. 
59 Alle, die nun an diesen Spruch geglaubet haben, die haben an Christum geglaubet, und sine rechte Christen gewesen, und sind also durch den Glauben an diess Wort von Sünden, Tod und Hölle erlöset. 
60         Also sind alle Väter vor Christi Geburt in den Schoos Abrahams gefahren, das ist, sie sind im Sterben mit festem Glauben an diesem Spruch Gottes blieben, und in dasselbige Wort entschlafen, gefasset und bewahret, als in einem Schoos, und schlafen auch noch darinnen bis an den jüngsten Tag; 
61 ausgenommen die, so mit Christo schon sind auferstanden, wie Matth. 27,52. schreibet, woe sie also geblieben sind. Gleichwie auch wir, wenn wir sterben, uns erwegen und ergeben müssen mit starkem Glauben in das Wort Christi, da er sagt Joh. 11,26: "Wer an micht glaubet, der wird nimmermehr sterben," oder desgleichen; und also darauf sterben, entschlafen, und in Christi Schoos gefasset und bewahret werden, bis an den jüngsten Tag. 
62 Denn es (E11) ist eben dasselbige Wort, das zu Abraham und zu uns gesagt ist; alle beide sagen sie von Christo, dass wir durch den müssen selig werden. Jenes aber heisst Abrahams Schoos, darum, dass es zu Abraham am ersten gesagt ward, und an ihm anfieng. 
63        Also, wiederum, kann die Hölle an diesem Ort nicht seyn die rechte Hölle, die am jüngsten Tag angehen wird. Denn des Reichen Leichnam ist ohne Zweifel nicht in die Hölle, sondern in die Erde begraben; es muss aber ein Ort seyn, da die Seele seyn kann, und keine Ruhe hat, derselbige kann nicht leiblich seyn. 
64 Darum achten wir, diese Hölle sey das böse Gewissen, das ohne Glauben und Gottes Wort ist, in welchem die Seele begraben ist, verfasset bis an den jüngsten Tag, da der Mensch mit Leib und Seele in die rechte leibliche Hölle wird verstossen werden. 
65 Denn, gleichwie Abrahams Schoos Gottes Wort ist, darinnen die Gläubigen durch den Glauben ruhen, schlafen und bewahret werden bis an den jüngsten Tag; also muss je wiederum die Hölle seyn, da Gottes Wort nicht ist, darinnen die Ungläubigen durch den Unglauben verstossen sind bis an den jüngsten Tag. Das kann nichts anders, denn ein leer, unglaubig, sündig, bösses Gewissen seyn. 
66        Die andere Frage: "Wie gehet denn das Gespräch zu, mit Abraham und dem reichen Manne?" Antwort: Es kann je kein leiblich Gespräch seyn, sintemal ihrer beider Leib in der Erden begraben liegen; also wenig als auch eine leibliche Zunge ist, die der Reiche klaget in der Hitze; auch kein leiblicher Finger oder Wasser, dess er von Lazaro begehret. 
67 Darum muss solches alles im Gewissen zugehen, auf die Weise: Wenn das Gewissen im Sterben oder Sterbensnöthen eröffnet wird, so wird es gewahr seines Unglaubens, und siehet denn allererst den Schoos Abrahams, und die darinnen sind, das ist, das Wort Gottes, daran er sollte geglaubet haben, und hat es nicht gethan; davon er denn die allergrösseste Pein und Angst, wie in der Hölle, hat, und findet keine Hülfe noch Trost. 
68       Da heben sich denn solche Gedanken im Gewissen, die solch Gespräch hielten, wenn sie reden könnten, wie dieser Reiche mit Abraham hält, und suchet denn, ob (E12) ihm das Wort Gottes, und alle, die daran geglaubet haben, helfen wollen, so ängstliglich, dass es auch den allergeringsten Trost von dem Allergeringsten annehme, und kann ihm doch nicht werden. 
69 Denn Abraham antwortet ihm, das ist, sein Gewissen nimmt einen solchen Verstand vor dem Wort Gottes, dass es nicht seyn kann, sondern habe sein Theil in seinem Leben davon gebracht, und er müsse nun leiden, aber die andern getröstet werden, die er verachtet hat. 
70        Zuletzt fühlet er, dass ihm gesaget wird, "es sey eine grosse Kluft zwischen ihm und den Gläubigen gemachet, dass sie nimmer können zusammen kommen." Das sind die Gedanken der Verzweifelung, wenn das Gewissen fühlet, dass ihm ewiglich das Wort Gottes entsaget und ihm nimmer zu helfen sey; darnach ringen die Gedanken seines Gewissens, und wollten gerne, dass solches die Lebendigen wüssten, dass es also zugienge in Sterbensnöthen, und begehrte, dass es ihnen jemand sage. 
71 Aber da wird nichts aus, denn er fühlet eine Antwort in seinem Gewissen, dass es genug sey an Mose und den Propheten, denen sollen sie glauben, wie er auch sollte gethan haben. Solches handelt sich alles zwischen einem verdammten Gewissen und Gottes Wort in der Stunde des Todes oder Todesnöthen, und kann kein Lebendiger inne werden, wie es gehet, denn der es erfähret; und der es erfähret, wollte, dass sie es wüssten; aber es ist umsonst. 
72        Die dritte Frage: Wenn solches geschehen sey? Und ob der reiche Mann noch täglich ohn Unterlass solches leide bis an den jüngsten Tag? Das ist eine subtile Frage, und nicht leichtlich zu beantworten für den Unerfahrnen. 
73 Denn hier muss man die Zeit aus dem Sinne thun, und wissen, dass in jener Welt nicht Zeit noch Stunden sind, sondern alles ein ewiger Augenblick; wie St.Petrus sagt 2. Epist. 3,8: "Ein Tag vor dem Herrn ist wie tausend Jahr, und tausend Jahr wie ein Tag," Ps. 90,4. 
74 Darum achte ich, dass in diesem reichen Manne angezeiget sey, wie es allen Unglaubigen gehen wird, wenn ihre Augen im Sterben oder Sterbensnöthen aufgethan werden; welches geschehen kann einen Augenblick lang, und darnach wieder (E13) aufhören bis an den jüngsten Tag, wie das Gott gefället; denn keine gewisse Regel hierauf gestellet werden mag. 
75 Daher ich nicht sagen darf, dass der reiche Mann noch jetzt also leide, wie er dazumal gelitten hat; darf auch nicht läugnen, dass er noch also leide: denn es stehet in Gottes Wilkühr beiderlei; und uns genug ist, dass uns angezeiget ist sein Exempel und Anfang des Leidens aller Ungläubigen. 
76       Die vierte Frage: Ob man auch für die Todten bitten soll, weil hier kein Mittelstand angezeiget wird im Evangelio, zwischen dem Schoos Abrahams und der Höllen, und die in Abrahams Schoos dess nicht bedürfen, und denen, die in der Höllen sind, nichts nützet?
77 Wir haben kein Gebot von Gott, für die Todten zu bitten; darum niemand daran sündigen kann, der nicht für sie bittet; denn was Gott nicht geboten oder verboten hat, daran kann sich niemand versündigen. Doch wiederum, weil Gott uns nicht hat lassen wissen, wie es um die Seelen stehet, und wir ungewiss seyn müssen, wie er's mit ihnen mache, wollen und können wir denen nicht wehren, noch zu Sünden machen, die da für sie bitten. 
78 Denn wir je aus dem Evangelio gewiss sind, dass viel Todten auferweckt sind, welche wir bekennen müssen, dass sie ihr endlich Urtheil nicht empfangen noch gehabt haben; also mögen wir auch noch nicht von irgend einem andern gewiss seyn, dass er sein endlich Urtheil habe. 
79         Dieweil nun solches ungewiss isst, und nicht wissen, ob die Seele verurtheilet sey, ist's nicht Sünde, dass du für sie bittest; aber auf die Weise, dass du es ungewiss lassest bleiben, und sprechest also: Lieber Gott, ist die Seele in dem Stande, dass ihr noch zu helfen ist, so bitte ich dich, wollest ihr gnädig seyn. Und wenn du das einmal oder zwei gethan hast, so lass es gut seyn, und befiehl sie Gott. 
80 Denn Gott hat verheissen, er wolle uns erhören, was wir bitten. Darum, wenn du einmal oder drei gebeten hasts, sollst du glauben, dass du erhöret seyest, und nimmer bitten, auf dass du Gott nicht versuchest oder misstrauest. 
81        Aber dass man ewige Messen, Vigilien und Gebet darauf stiftet, und alle Jahr plärret, als hätte es Gott (E14) vor dem Jahr nicht erhöret, das ist der Teufel und Tod, da wird Gott verspottet mit Unglauben, und ist solch Gebet eine lautere Lästerung Gottes. 
82 Darum hüte dich dafür, og gehe dess ab. Gott fraget nichts nach jährlichen Stiftungen, sondern nach einem herzlichen, andächtigen, gläubigen Gebet; dasselbige wird den Seelen helfen, soll ihnen etwas helfen. Vigilien und Messen helfen wohl den Pfaffen-, Mönchen- und Nonnenbäuchen; aber den Seelen ist nichts damit geholfen, und Gott wird nur damit geschändet. 
83        Hast du aber in deinem Hause einen Rumpelgeist oder Poltergeist, der da vorgiebt, man solle ihm mit Messen helfen, den sollst du für einen Teufel halten. Es ist nich nie keine Seele von Anfang der Welt erschienen; Gott will es auch nicht haben: denn hier siehest du im Evangelio, dass Abraham dem Reichen nicht gestatten will, dass ein Todter die Lebendigen lehre, sondern weiset auf Gottes Wort in der Schrift 5. Mos. 31, und spricht: "Sie haben Mosen und die Propheten, lass sie dieselbigen hören". 
84 Damit siehet Abraham auf Gottes Gebot im fünften Buch Mosis, und erinnert uns desselbigen, da Gott spricht: "Du sollst nichts von den Todten fragen." (5 Mos 18,11) 
85       Darum ist gewiss eitel Teufelsgespenste, dass sich etliche Geister lassen beschwören, und bitten um so und so viel Messen, solche und solche Wallfahrt, oder andere Werke, und erscheinen darnach mit Klarheit, geben vor, sie sind erlöset. 
86 Damit schaffet der Teufel den Irrthum, dass die Leute vom Glauben alle Werke fallen, und meinen, die Werke vermögen solch gross Ding. Und wird also erfüllet, das St. Paulus 2. Thess. 2,10.11. verkündiget hat, "dass Gott kräftige Irrthum und Verführungen zur Ungerechtigkeit über die Ungläubigen sendet, dafür, dass sie die Liebe der Wahrheit nicht haben aufgenommen, dass sie selig würden". 
87          Darum sey klug, und wisse, dass Gott uns will nicht wissen lassen, wie es mit den Todten zugehe, auf dass der Glaube Raum behalte durch Gottes Wort, der da glaubet, dass Gott nach diesem Leben die Gläubigen selig machet, die Ungläubigen verdammet. 
88 Wenn dir nun ein Poltergeist vorkommt, so achte sein nicht, und (E15) sey gewiss, dass es der Teufel ist, und stoss ihn mit diesem Spruch Abrahams: "Sie haben Mosen und die Propheten", item, mit dem Gebot Gottes in Mose: "Du sollst nicht von den Todten fragen;" so wird sich der bald trollen. Trollet er sich nicht, so lass ihn poltern, bis er müde wird, und leide um Gottes willen in festem Glauben seinen Muthwillen. 
89        Und ob es möglich wäre, dass es gleich eine Seele oder guter Geist wäre, so sollst du doch nichts von ihm lernen noch fragen, weil es Gott verboten; denn darum hat er seinen Sohn selbst gesandt, dass er uns alles lehrete, was uns zu wissen noth ist; was uns derselbige nicht gelehret hat, das sollen wir gerne nicht wissen wollen, uns begnügen lassen an der heiligen Apostel Lehre, durch welche er uns geprediget hat. Doch davon habe ich weiter geschrieben in der Postille über das Evangelium an der heiligen drei Könige Tag, und im Büchlein vom Missbrauch der Messen; da magst du mehr davon lesen. 
90        Also, dass wir auch ein Exempel sagen, lesen wir in der Historia tripartita von einem Bischof, der gen Corinthum kan, da er zum Concilio zog, und als er nicht füglich Herberge fand für sich und sein Gesinde, sahe er ein wüstes Haus stehen verschlossen, fragete, ob man ihn daselbst nicht könnte herbergen? da ward ihm geantwortet, es wäre so ungeheuer drinnen, dass niemand darinnen wohen könnte, und wären vielmal des Morgens die Leute todt darinnen gefunden. 
 91  Da machte er nicht viel Worte, und hiess stracks einziehen, und lag die Nacht darinnen; denn er sahe wohl, dass es des Teufels Gespenst war, und hatte einen festen Glauben, dass Christus des Teufels Herr wäre, darum verachtete er ihn, und zog zu ihm ein. Da ward das Haus durch sein Beten und Herbergen frei, dass hinfort kein Rumpeln noch Ungeheuer darinnen gehöret ward. Siehe, da siehest du, dass es Teufel sind die Rumpelgeister, und dass nicht viel mit ihen zu disputiren ist, sondern mit fröhlichem Glauben soll man sie verachten, als wären sie nichts. 
 92        Item, also lieset man von dem Bischof Gregorio in Cappadocien, dass er über das Welsche Gebirg zog, (E16) und herbergete bei einem heidnischen Küster oder Kirchner, der hatte einen Abgott, der antwortete ihm, was er fragte, und nährete sich desselben Handels, dass er den Leuten heimliche Dinge sagete. 
 93  Davon wusste nun der Bischof nichts, und zog Morgens seine Strasse. Aber der Teufel konnte des heiligen Mannes Gebet und Gegenwärtigkeit nicht leiden, und flohe aus dem Hause, dass der Kirchner hinfort nicht mehr konnte weissagen, wir vorhin. Da er nun seinen Abgott rief, und heulete um seinen Schaden, erschien ihm das Teuflein im Schlaf, und sprach: es wäre seine Schuld, dass er den Bischof beherberget hätte, vor welchem er nicht hätte können bleiben. 
 94          Der Kirchner eilete dem Bischof nach, und klagete ihm, dass er ihm seinen Gott und Nahrung verjagt hätte, und der Herberge übel gedanket. Da nahm der Bischof Papier und schrieb kurz also: Gregorius dem Apollini meinen Gruss zuvor; ich erlaube dir zu thun, das du vorhin gethan hast; gehab dich wohl. 
 95  Den Brief nahm der Kirchner, und legete ihn bei seinen Abgott; da kan der Teufel wieder, und that wie vorhin. Zuletzt gedachte der Kirchner, welch ein geringer Gott ist mir das, der sich von diesem Gott, der ein Mensch ist, treiben und führen lässet: und machte sich auf zu dem Bischof, und liess sich lehren und taufen, und nahm also zu, dass er ein trefflicher Bischof ward zu Cäsarien in Cappadocia, nach dieses Bischofs Tode. Siehe, so einfältig gehet der Glaube daher, und handelt doch so freudig, sicher und mächtig einher. Also thue auch deinen Poltergeistern. 

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