Julius Köstlin: Luther, sein Leben und seine Schriften
Fünftes Buch: (Fünfte neubearbeitete Auflage, nach des Verfassers Tode fortgesetzt von D. Gustav Kawerau)
Der erste kirchliche Neubau und der Kampf mit Schwärmerei und Aufruhr. Luther bis zu seiner Heirat 1525.
Berlin 1903

Kap. 6: Luther und die weltliche Obrigkeit. Reichsregiment und Reichstag. Herzog Georg. Sickingen. Kurfürst Friedrich


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Indhold: Luther über die weltliche Obrigkeit 580. #1. -- Von weltlicher Obrigkeit 1523 582. #7. -- Reichsregiment. Nürnberger Reichstag 585. #24. -- Hadrian VI. 586. #27. -- Reichstagsabschied 587. #34. -- Hadrian und Kurfürst Friedrich 588. #37. -- Luther über das Reichsedikt 590. #44. -- Handel mit Herzog Georg 592. #53. -- Sickingens Untergang 593. #60. -- Luthers Stellung dazu. 595. #66. -- Edikt des Nürnberger Reichstags 1524 598. #77. -- Luthers Schrift dagegen. 599. #83. -- Regensburger Konvent 600. #87. -- Kurfürst Friedrichs Verhalten zur Reformation 601. #90. -- Verkehr mit Luther 602  #94.

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1         Bei dieser Tätigkeit lag auf Luther fort und fort die Acht des Reichtes. Gemäss dem Ausspruch der kirchlichen Autoritäten, von denen er sich losgesagt, hatten auch die höchsten weltlichen Gewalten, die über ihm standen, ihr verdammendes Urteil über ihn getan. Im Bewusstsein, diesem verfallen zu sein, war er aus dem Schutz der Verborgenheit nach Wittenberg zurückgekehrt: er legte seinem Landesherrn weder Pflicht noch Vollmacht bei, ihn und sein Werk gegen Kaiser und Reich zu beschirmen. Wirklich schien das Reichsregiment, das den abwesenden Kaiser vertrat, in voller Übereinsstimmung mit diesem der Entscheidung Nachdruck geben zu wollen, welche 1521 von seiten des Reichs in Worms erfolgt wear: es forderte in dem Edikt vom 20. Januar 1522 die Bischöfe zu scharfem Einschreiten gegen die Neuerungen auf und versicherte sie eben hiermit des Rückhalts und der Hilfe, die sie von seiten des weltlichen Arms haben sollen.
Längst waren Luthers Bücher kraft obrigkeitlicher Verfügung da und dort verbrannt worden. In den Niederlanden, die unmittelbar unter dem Kaiser standen, ging man auch mit persönlichen Gewaltmassregeln gegen seine Anhänger voran: schon wurden einzelne eingekerkert, mit dem Scheiterhaufen bedroht, zu Widerruf gezwungen; Luther vernahm davon seit dem Frühjahr 1522 (vgl. Kap 7). Er hörte, dass die Fürsten über seinen Kopf ratschlagten. (581) -- Was war gemäss dem neuen Licht des Evangeliums von der Obrigkeit zu halten, wenn sie ihr Amt und ihre Macht so gebrauchte?   
3   Zugleich aber fand Luther von einer anderen Seite her sich aufgefordert, über den Beruf und das Gebiet der weltlichen Obrigkeig eingehend sich zu äussern. Mit dem Evangelium sollte, wie er selbst lehrte, das Reich des Geistes und der Freiheit für die gläubigen Gotteskinder angebrochen sein: welche Stelle blieb da noch der gesetzlichen Gewalt und dem Rechte des Schwertes? Darüber befragte ihn namentlich auch Melanchthon während seines Wartburgaufenhaltes. Wie sollten ferner damit die neutestamentliche Aussprüche sich vertragen, dass man dem Bösen nicht widerstehen, vielmehr dem Widersacher willfähig sein und Gott die Rache anheimgeben solle (Matth. 5,39; Röm 12,19)? 
4  In der katholischen Theologie wurde gelehrt, dass dies nicht Gebote, wohl aber Ratschläge für vollkommene Christen seien, und auf diese Weise Raum für die Übung der weltlichen Gewalt behalten. Luther aber gab den Unterschied zwischen Räten und Geboten überhaupt nicht mehr zu; die Sophisten, sagte er, stossen Christum herunter, indem sie aus dem, was er gebietet, einen blossen Rat machen. 
5  Endlich hatte das Papsttum auch hinsichtlich der weltlichen Dinge über Fürsten und Kaiser sich erhoben: ihr Recht sollte erst daddurch feststehen, dass sie es von Gott durch seinen irdischen Stellvertreter zum Lehen erhalten hätten, und den höchsten Entscheidungen des Papstes unterworfen bleiben; die Sophisten, sagt Luther, haben den Stand der weltlichen Obrigkeit am Ende niemand auf Erden als dem allervollkommenssten Stande des Papstes selbst zugeeignet. 
6          Luther hatte hiergegen schon früher, namentlich in seiner Schrift an den Adel, für die Obrigkeiten ein Recht in Anspruch genommen, das Gott selbst ihnen verliehen habe, und in welchem sie als Christen ebenso wie andere in anderen weltlichen Berufsarten Gott dienen sollten, und ihnen ein Gebiet zugewiesen, das von dem der geistlichen, kurchlichen Gewalt verschieden und ihr gegenüber selbständig sei. Melanchthon erwiderte er, dass freilich das Evangelium als solches nicht von der Gewalt des Schwertes handle, und dass man des Schwertes auch nicht bedürfte, wenn alle wahrhaft dem Evangelium gehorchen würden, dass man aber der Sünder wegen diese Gewalt im irdischen Leben nicht entbehren könne, dass sie auch durch klare und hohe Gottesworte des Neuen Testaments wir Röm 13,1ff. bestätigt werde, dass endlich diese Bestätigung für sie genüge, und sie nicht etwa von Christus habe eingesetzt und geordneet werden müssen, indem sie leicht durch die Menschen selbst sich ordnen lasse.   
7  Über die weltliche Obrigkeit hielt er sodann im Herbst 1522 jene Predigt zu Weimar (oben S. 521). Herzog Johann und andere Freunde baten ihn, si drucken zu lassen. Indem (582) er aber an ihrem Inhalt noch weiter arbeitete, wurde aus dem Sermon eine kleine Schrift. Ferner wollte er hier jetzt besonders auch gegen die Obrigkeiten sich richten, welche ihre Gewalt gebrauchten, um ihren Untertanen christliche Bücher zu nehmen und den Glauben und ihr Gewissen zu meistern. So entstand sein Büchlein "Von weltlicher Obrigkeit, wie weit man ihr Gehorsam schuldig sei". Es erschien im März 1523, mit einer Dedikation an Herzog johann, datiert vom Neujahrstag. (n7) (lyd01#1
8          Im ersten der drei Teile begründet Luther mit biblischer Aussprüchen das weltliche Recht und Schwert, damit niemand daran zweifle, es sei von Gottes Willen und Ordnung in der Welt. Als dessen Aufgabe bezeichnet er, äusserlich Frieden zu schaffen und den bösen Werken zu wehren, die Bösen zu strafen und die Frommen zu schützen. Deshalb sollen auch Christen dem Reich des Schwertes sich unterwerfen und christliche Regenten das Schwert führen. (lyd01#22)
9  Die Aussprüche Christi vom Dulden des Übels und von der Willfährigkeit gegen die Widersacher sind dem nicht entgegen. (lyd01#35) Ihre Meinung ist nur, dass Christen nicht um ihrer selbst willen, im selbstischen Interesse, der Gewalt gebrauchen und sie für sich zu Hilfe rufen sollten. Wohl aber mögen und sollen sie es tun zum Besten der Nächsten und des Gemeinwesens, damit der Bosheit gestuert und Frömmigkeit geschützt werde. So hat Christus am selben Ort Matth. 5,35ff auch das Schwören verboten; dennoch dürfen und sollen sie, wie das Exempel des Paulus und auch Christi eignes lehrt, da schwören, wo Not, Nutz und Seligkeit oder Gottes Ehre es fordert: sie sollen nur nicht schwören für sich selbst, aus eignem Willen und Lust. (lyd01#120)
10 Ja möglicherweise wird so ein Christ auch in eigner Sache des Schwertes gebrauchen können, sofern er nämlich auch hier nicht das Seinige sucht, sondern Bestrafung des Übels, obgleich dies eine gefährliche Sache ist und man dazu des rechten Geiste bedarf. (lyd01#112) Den Beruf der Obrigkeit stellt dann Luther wieder, wie schon in der Schrift an den Adel, mit andern weltlichen Ständen und Berufsarten zusammen: man habe das Schwert ebenso zu schätzen wie den ehelichen Stand oder das Ackerwerk oder sonst ein Handwerk und solle darin ebenso Gott dienen. (lyd01#104)
11         Diese Obrigkeit aber soll man, wie Luther im zweiten Teil ausführt, ihren Arm nicht strecken in ein ihr fremdes Gebiet hinein. (lyd02#1) Ihre Sache ist, dem Bösen zu wehren und äusseren Frieden zu schaffen, nicht aber die Menschen fromm zu machen. Fromm werden vor Gott kann man nur durch Christi Regiment über die Seelen und in den Seelen. Das weltliche Regiment mit seinen Gesetzen geht nur auf Leib und Gut und was äusserlich ist auf Erden; über die Seelen kann und will Gott niemand regieren lassen, denn sich selbst allein. (lyd02#4) Man soll und kann niemand zum Glauben zwingen; es ist ein frei Werk um den Glauben, ja es ist ein göttlich Werk im Geist. 
12 Wahr sagt auch das Sprichwort: Gedanken sind zollfrei. (lyd02#23) Bringt man's doch auch mit dem Zwang nur dahin, dass die Schwachen lügen und anders sagen, als sie's im Herzen haben. Dawider darf man nicht das Wort des Apostels (Röm 13) anführen, dass eine jede Seele der Gewalt und Obrigkeit untertan sein solle; denn Paulus kann nur einen Gehorsam in den Dingen meinen, wo Gewalt statthaben kann, nämlich in den äusseren, irdischen. In dem, was zum glauben und Himmelreich gehört, gilt vielmehr der Ausspruch, dass man Gott mehr gehorchen muss denn den Menschen. -- (lyd02#39)
13  Hiernach lehrt Luther, wie die Gläubigen auch gegen jene Gebote der Bücherauslieferu9ng, namentlich der Auslieferung des Neuen Testamtnes (583) sich zu verhalten hätten: sie sollten den Tyrannen, die solches geböten, kein Blättlein überantworten, denn sie würden hiermit Christum dem Herodes in die Hände geben; übrigens sollten sie leiden, wenn man ihnen die Bücher mit Gewalt nähme und dazu ihr Hab und Gut: sie seien selig, wenn sie um des göttlichen Wortes willen duldeten, -- die tyrannischen Narren werde Gott richten. Luther erwartet auch von den Fürsten insgemein nichts Besseres; er sagt: "ihr sollt wissen, dass von Anbeginn der Welt gar ein seltsam Vogel ist um einen klugen Fürsten, noch viel seltsamer um einen frommen Fürsten; sie sind gemeiniglich die grössten Narren oder die ärgsten Buben auf Erden. (lyd02#47) Gerät ein Fürst, dass er klug, fromm oder ein Christ ist, das ist der grossen Wunder eines und das allerteuerste Zeichen göttlicher Gnade über dasselbe Land". (lyd02#49)
14 Es ist nicht bloss der Zorn über die damaligen Verfolger des Evangeliums, der ihn zu solchen Äusserungen fortreisst. Sie hängen vielmehr mit seiner allgemeinen Anschauung von der Art der Welt überhaupt zusammen: die Welt ist nun einmal Gottes Feind, darum müssen auch ihre Fürsten tun, was ihr recht ist, damit sie nicht um ihre Ehre kommen und rechte Fürsten bleiben. Für gute Fürsten ist die Welt zu böse und ihrer nicht wert: Frösche müssen Störche haben. (lyd02#50) Die Achtung vor ihrer amtlichen Würde soll darunter nicht leiden, sofern sir nur ihr Handwerk nicht zu weit strecken; Gottes Wille ist, dass man sie, die er als seine Stockmeister und Henker zur Strafe für die Bösen und zur Erhaltung äusseren Friedens gebraucht, gnädige Herren heisse, ihnen zu Füssen falle und in aller Demut untertan sei. -- (lyd02#49)
15 Endlich kommt er auf das Vorgeben, dass ja die weltliche Gewalt nicht zum Glauben zwinge, sondern nur äusserlich der Verführung der Leute durch falsche Lehre wehre, -- dass man ja sonst den Ketzern nicht wehren könnte. Hierauf antwortet er: "Das sollen die Bischöfe tun, denen ist solches Amt befohlen und nicht den Fürsten; denn Ketzerei kann man nimmermehr mit Gewalt wehren, es gehört ein anderer Griff dazu; Gottes Wort soll hier streiten; wenn's das nicht ausrichtet, so wird's wohl unausgerichtet bleiben von weltlicher Gewalt, ob sie gleich die Welt mit Blut füllete. Ketzerei ist ein geistlich Ding, das kann man mit keinem Eisen hauen, mit keinem Feuer verbrennen, mit keinem Wasser ertränken." (lyd02#52)
16 Sein Standpunkt ist hier -- nach andrer Seite gewendet -- derselbe, wie da, wo er vor der Meinung warnt, dass das Papsttum durch äussere Gewalt umzustossen sei. Er bezieht aufs rechte Verstören der Ketzerei, was Jesaias (11,4) von Christus sagt: "er wird die Erde schlagen mit der Rute seines Mundes und die Gottlosen töten mit dem Geist seiner Lippen". (lyd02#59) Gottes Wort müsse die Ketzerei aus den Herzen reissen: wenn dieses die Herzen erleuchte, falle sie von selbst. So lange man, anstatt den Teufel von den Herzen zu jagen, seine Gefässe mit Feuer und Schwert umbringe, so sei's dem Teufel nur, wie wenn man mit einem Strohhalm wider den Blitz stritte." (lyd02#61)
17       Im dritten Teil kehrt Luther zurück zur Übung der weltlichen Gewalt in ihrem eignen Gebiet. Er will um derjenigen willen, die doch rechte christliche Herren sein möchten, noch davon reden, wie sie denn "sich drein schicken sollen". (lyd03#1) Was er hierüber ausführt, fasst er in vier Stücke zusdammen: ein Fürst soll sich zu Gott verhalten mit rechtem Vertrauen und herzlichem Gebet, zu seinen Untertanen mit Liebe und christlichem Dienst, gegen seine Räte und Gewaltigen mit seiner Vernunft und einem Verstand, der sich ihnen nicht gefangen gibt, gegen die Übeltäter mit "bescheidener" (d. h. verständigem, das rechte Mass haltendem) Ernst und Strenge. 
18 Ausdrücklich rechtfertigt er auch das Kriegsführen der Regenten, sofern sie dabei nicht das Ihrige, sondern Schutz und Hilfe für ihre Untertanen zum Ziel und vor- (584) her den Feinden Recht und Frieden anbieten. Auf den weiteren Inhalt des weltlichen Regimentes, der Gesetzgebung, Verwaltung u. s. w. lässt er, dedr geistliche Ratgeber, sich nicht ein. So brachte ja, wie er gegen Melanchthon äusserte, auch Christus nicht weiter über die Ordnungen der weltlichen Gewalt zu bestimmen. In jener Predigt sagt er darüber: "Ich will nicht anzeigen, wie es da in allen Dingen zu halten sei, ich will das der Vernunft lassen und heimgeben; was darf ich dem Schneider sagen und ihn lehren, einen Rock zu machen? er weiss es vorher". 
19         Luther sagt später einmal von sich, dessen Lehre man aufrührisch schelte: "Ich möcte mich schier rühmen, dass seit der Apostel Zeit das weltliche Schwert und Obrigkeit nie so klärlich beschrieben und herrlich gepreiset ist, wie auch meine Feinde müssen bekennen, als durch mich". In der Tat hat jenen katholischen Auffassungen gegenüber erst er die volle und selbständige sittliche Berechtigung des weltlichen Regiments zur Geltung gebracht. 
20 Zugleich war durch seine Ausführungen und Schriftauslegungen, wie wir sie im ersten Teil des Büchleins vor uns haben, auch schon die Lehre späterer Wiedertäufer, wonach die Handhabung der äussern Gewalt und des Schwertes nur Sache der Weltkinder und nicht der wahren Christen sein sollte, im voraus abgewiesen. Nicht minder war schon durch Luthers damalige Sätze die Selbständigkeit der durch menschliche Vernunft zu gestaltenden staatlichen Verfassung und Gesetzgebung gegen die gleich nachher sich regende Meinund verwahrt, als ob ein Staat von Christen die in der heiligen Schrift, nämlich im Alten Testament, gegebenen bürgerlichen Gesetze zu den seinigen machen müsse. 
21        In demjenigen ferner, was er über die Beschränkung des weltlichen Reiches dem geistlichen gegenüber aussagt, finden wir die grundlegenden Prinzipien einer bis dahin unbekannten Scheidung der beiden Gebiete und ein in der katholischen Christenheit unerhörtes, unendlich bedeutungsvolles Zeugnis für die Freiheit der Gewissen. Hier freilich müssen wir auch anderer Aussagen Luthers uns erinnern, wie wir sie namentlich bei seinem gleich darauf folgende Kampfe gegen den Messgottesdienst der Wittenberger Stiftskirche bereits vernommen haben. Er wollte zwar auch nachher und auch bei diesem Anlass keinen Zwang zum Glauben; so wiederholte er z. B. in seiner Auslegung des 5. Buches Mose: die tolle Päpste und Fürsten, welche zum Glauben nötigen möchten, massten sich an, was kein Mensch tun könne und dürfe, griffen in das Gericht ein, welches Gott sich vorbehalte. 
22 Aber wenn er der Ketzerei und der Verführung der Leute durch das Wort gewehrt haben wollte, welches den Irrtum aus den Herzen reisse, so wollte doch auch er dort wenigstens gegen die äusseren Kundgebungen einer verkehrten religiösen Überzeugung ein strafendes Einschreiten der obrigkeitlichen Gewalt. Freilich, wie er in jenem Gottesdienste Gotteslästerung sah, so die katholischen Obrigkeiten in dem evangelischen Bekenntnis, für das er (585) Freiheit forderte! Nur auf das rein innerliche Gebiet des Glaubens als solchen konnte seine Forderung sich dann noch erstrecken. 
23        Dies ist die Stellung, welche Luther zu der Obrigkeit und ihren gegen das Evangelium sich richtenden Geboten einnahm. 
         Indessen tat die Reichsgewalt keineswegs schon die letzten entscheidenden Schritte, welche das Wormser Edikt und jenes Mandat das Reichsregimentes erwarten liess. 
24         Die kühne Rückkehr des geächteten Luther nach Wittenberg erregte beim Reichsregiment in Nürnberg wohl Aufsehen und unter seinen Gegnern Entrüstung. Sein Kurfürst verwahrte sich zunächst nur gegen den Vorwurf, dass dies mit seiner Zustimmung geschehen sei, indem er eine Abschrift jenes Briefes, den er darüber sich von Luther hatte ausfertigen lassen (S. 501), seinen Gesandten Hans von der Planitz nach Nürnberg zugehen liess. Bald aber machte die Ruhe, welche Luther in Wittenberg stiftete, das Mass in seinen eignen Reformen und die geistliche Gewalt, mit welcher er weit gefährlichere Geister bändigte, dort grossen Eindruck. 
25 Planitz suchte zu zeigen, dass seine Neuerungen nicht bedeutend seien, und wies darauf hin, welche schlimmeren Nachfolger, wenn man ihn entferne, sich an seiner Stelle erheben möchten. Seit Anfang Juli nahm Kurfürst Friedrich persönlich am Regimente teil, mit dem Gewichte der hohen Achtung, die ihm fortwährend auch von strengen Anhängern der alten Kirche gezollt wurde. Bei manchen Beisitzern des Regiments gaben sich sodann entschiedene Sympathien für Luther zu erkennen. 
26 Von besonderem Einfluss war dort der angesehene Jurist Johann von Schwarzenberg, Hofmeister, d. h. höchster weltlicher Beamter des Bischofs von Bamberg. Dieser wandte sich selbst mit einer (verlorenen) Schrift an Luther, worin er ihn über die wichtigsten Fragen des Glaubens, ferner über die Heiligendienst, die kirchlichen Bilder, das Verhältnis des Evangeliums zum weltlichen Schwert u. s. w. um Erklärungen bat. Luther antwortete ihm (21. September 1522) unter Hinweis auf diejenigen seiner Schriften, in denen er die gewünschte Belehrung finden könne. Später, im Jahre 1524, nahm derselbe eine seiner Töchter aus einem Bamberger Kloster, dessen Priorin sie war, indem er zugleich den bischöflichen Dienst verliess. (n26
27        In Rom war zu Anfang des Jahres Papst Hadrian VI. auf Leo X. gefolgt. Er hat sich unter den Päpsten jener Zeit, obgleich er nur zwanzig (586) Monate lang regierte, einen hervorragenden, rühmlichen Namen erworben durch seinen aufrichtigen, sittlichen Ernst gegen die Verderbnisse, Standale und Missbräuche im kirchlichen Leben und Regiment und zumeist am päpstlichen Hofe. Für unsere gegenwärtige Zeit ist er besonders auch deshalb denkwürdig, weil er vor seiner Erhebung auf den päpstlichen Stuhl die päpstliche Infallibilität aufs bestimmteste verneint hat. Aber in den Fragen des Glaubens, um welche es bei der deutschen Reformation sich handelte, und in dem Streit über die entscheidende Autorität der Kirche, ihrer Tradition und ihrer Konzilien war er fester Katholik, Scholastiker und Thomist; 
28 er war es, der dem Verdammungsurteil der Löwener Fakultät über Luther im Jahre 1519 mit besonderem Eifer beistimmte und Luthers Ketzereien bei einem halbwegs gebildeten Theologien unbegreiflich fand (oben S. 266); mit dem weit tieferen inneren Interesse, das er, verglichen mit einem Leo, für jene Glaubensfragen hegte, musste sich bei ihm ein noch stärkerer Widerwille gegen die deutschen Ketzer verbinden. Dabei schien jetzt der Bund zwischen Papst und Kaiser gesichert: Karl V. war Hadrians dankbarer Schüler und dachte über das Bedürfnis und die rechte Art kirchlicher Reformen wie er. 
29        Hadrian also richtete ein langes Breve an die Fürsten und Stände Deutschlands und liess ihnen weitere Vorstellungen durch seinen Gesandten Chieregati in Nürnberg machen, wo im Januar 1523 die kirchliche Frage verhandelt wurde. Die Deutschen erhielten schöne Worte, als die bisher vor allen Nationen für christliche gegolten hätten; dagegen drohe ihnen jetzt Schmach, innere Zwietracht, Aufruhr, Verlust der Güter, Totschlag und Gottverlassenheit, wenn das "Enorme" geschehen, wenn eine so fromme und grosse Nation sich verführen lassen würde durch ein einziges "Brüderlein", das vom Glauben abgefallen sei und Gott gelogen habe: durch diesen Mann, der allein weise sein und den heiligen Geist empfangen haben wolle, durch ihn, der ähnlich wie Mahomed, ja noch gefährlicher und trügerischer als dieser, das Volk durch fleischliche Freiheit ködere und ebenso wie dieser Vielweiberei erlaubt habe, den lüsternen Mönchen, Nonnen und Priestern das Heiraten empfehle. 
30 Wenn eingewendet würde, dass Luther nicht gehörig geprüft worden sei, sollte der Legat erwidern: seine Hauptsätze seien schon durch frühere Konzilien von der gesamten Christenheit verworfen; was hier einmal festgesetzt worden sei, dürfe nicht wieder in Zweifel gezogen werden. Er forderte somit die Ausführung des Wormser Edikts. Anderseits liess der Papst den Legagen das Bekenntnis ablegen: "Wir wissen, dass an unserem heiligen Stuhl etliche Jahre lang viel Verabscheuswerte vergekommen ist, -- und es ist kein Wunder, dass die Krankheit vom Haupte zu den Gliedern herabstieg; wir alle, Prälaten und kirchliche Personen, sind abgewichen auf unsere eignen Wege, -- es ist lange Zeit keiner gewesen, der (587) Gutes tue". 
31 Deshalb versprach er, allen Fleiss anzuwenden zu einer Reform von oben herunter, wie denn danach alle Welt begehre; nur solle man sich nicht wundern, wenn die veraltete Krankheit erst allmählich sich heilen lasse; Schritt für Schritt müsse die Kur gehen. (n31) In der Tat eine grosse Erklärung für einen Papst! wie beruhigend hätte sie wirken mögen, wenn sie erschienen wäre, ehe das Papsttum sich in seinen Grundfesten erschüttert fühlte, ehe der Angriff eines Luther gegen die Grundlagen des ganzen damaligen Kirchentums und Glaubenssystems sich gerichtet hatte!
32        Sie kan zu spät auch bei den deutschen Reichsständen. Die Majorität des Reichstags nahm dieselbe mit voller Zustimmung auf, ohne durch sie zu einem nachdrücklichen Verfahren gegen Luthers Person oder auch nur gegen seine Bücher sich bestimmen zu lassen. Vielmehr erhielt der Legat zur Antwort: gerade durch Luthers Schriften seien alle Stände deutscher Nation jetzt über die drückende Missbräuche so viel unterrichtet, dass wenn man ernstlich nach dem päpstlichen Urteil und den kaiserlichen Mandaten handeln wolllte, dies gewisslich für eine tyrannische Unterdrückung der evangelischen Wahrheit und für ein Festhalten der Missbräuche angesehen werden und zu einer grossen Empörung führen würde. 
33 Nicht einmal zu einer Massregel gegen mehrere evangelisch gesinnte Prediger Nürnbergs, unter denen namentlich der junge Osiander offen auf der Kanzel dem Papste Trotz bot, war der Reichstag bei dieser Stimmung der Majorität zu bewegen. Der Beschluss, welcher, dank den Bemühungen des Herrn Johann von Schwarzenberg (S. 585), aus den Verhandlungen der Stände und aus dem Kampf der entgegengesetzten Richtungen unter ihnen hervorging und sodann als kaiserliches Edikt (vom 6. März 1523) publiziert wurde, sprach in Betreff der kirchlichen Frage aus: der Papst sei gebeten, ein freies christlich Konzil an bequemer Mahlstatt deutscher Nation binnen Jahresfrist zu veranstalten; mittlerweise möge Luthers Landesobrigkeit verfügen, dass er nichts Neues drucken lasse, und jede Obrigkeit im Reich dafür besorgt sein, dass die Prediger alles, was zu Ungehorsam und Uneinigkeit im Reich führe, vermieden, disputierlicher Sachen beim Predigen sich enthielten und allein das heilige Evangelium nach Auslegung der von der christlichen Kirche approbierten Schriften vortrügen. (n33
34         Diese Entscheidung hat den Charakter eines Kompromisses, der über die wichtigsten Fragen in Wahrheit nichts entschied. Es war nicht gesagt, worin die Freiheit des Konzils oder seine Befugnisse bestehen sollten; ein Antrag auf die Teilnahme stimmberechtigter weltlicher Mitglieder an demselben, der im Reichstage gestellt war, fand keine Aufnahme in den Beschluss. Die Forderung jener Freiheit aber war dennoch etwas sehr Bedeutsames, und die Abhaltung des Konzils in Deutschland musste demselben eine dem (588) Papsttum jedenfalss unliebsame Zusammensetzung und Richtung geben. 
35 Jener Zusatz über die Auslegung des Evangeliums konnte die Forderung einer echt evangelischen Predigt wieder ganz illusorisch machen; allein es wurde absichtlich unbestimmt gelassen, welche Schriften für die kirchlich approbierten gelten sollten: ein Antrag der geistlichen Reichsstände, die vier lateinischen Kirchenväter, nämlich Ambrosius, Augustin, Hieronymus und Gregor, ausdrücklich zu nennen, ging nicht durch. Gegenüber dem Wormser Beschluss bezeichnet der gegenwärtige eine grosse Wendung, durch welche für die lutherische Reformation nicht bloss die augenblickliche Gefahr beseitigt wurde, sondern sogar ihr allmähliches Durchdringen zum Sieg im Deutschen Reiche möglich erschien. 
36        Das Edikt verfügte noch hinsichtlich der Geistlichen, welche heirateten, und der Mönche, welche aus den Orden traten, sie sollten gemäss dem kirchlichen Recht ihrer Rechte und Pfründen verlustig gehen, und die weltliche Obrigkeit solle dies nicht hindern; dagegen nahm es nichts auf von den weltlichen Strafen, welche die Kirche durch den Arm der Obrigkeit über sie verhängt haben wollte. 
37        Auch speziell den Kurfürsten Friedrich hatte Hadrian schon im Herbst 1522 ermahnt, den heiligen Glauben schützen zu helfen, und gnädig die Hoffnung, dass er dies tun werde, ausgesprochen -- in einem Breve, das Chieregati ihm am 20. Oktober zusandte, als er nicht persönlich auf dem Reichstag erschien. Der sächsische Gesandte, Planitz, übergab darauf am 11. Dezember des Kurfürsten höfliche Antwort. Nun aber sandte Chieregati ein zweites Breve voll väterlicher Mahnungen und Vorwürfe -- seinen Wortlaut kennen wir nicht, aber wir ersehen aus der Instruktion, die Friedrich jetzt Planitz erteilte, dass der Papst ihn nachdrücklich darin erinnert hatte, er habe doch dem Kardinal Cajetan einst das Versprechen gegeben, er werde, sobald Luther durch päpstlichen Spruch verurteilt sein würde, der erste sein, ihn in Strafe zu nehmen. 
38 Mit seinem ganzen diplomitischen Geschick wies Friedrich den Vorwurf zurück und stellte sein bisheriges Verhalten in Sachen Luthers als das eines "gehorsamen Sohnes der heiligen christlichen Kirche" dar. Verschiedene Entwürfe zu einer Antwort an den Papst selbst, für welche auch Melanchthon die Feder anzusetzen hatte, hielt der Kurfürst einstweilen vorsichtig zurück, bis er aus Nürnberg Bericht erhielte über die Haltung, die Chieregati beobachten würde, und sendete dann eine möglichst farblose, kurze Antwort an Hadrian, die sich damit begnügte zu versichern, er müsse von "seinen Missgünstigen" beim Papste fälschlich angegeben worden sein: er sei ja stets bereit alles treulich zu fördern, was "zur Stärkung von Gottes heiligem Wort, Dienst, Frieden udn Glauben" dienstlich sei und begehre ein gehorsamer Sohn der christlichen (589) Kirche zu bleiben. 
39 Ein noch unaufgeklärtes Dunkel liegt nun auf einem angeblichen dritten Breve des Papstes an Friedrich, das im Sommer 1523 in einer Druckschrift nach Sachsen gelangte. In empfindlicher Schärfe beschwerte sich hier der Papst in den heftigsten Ausdrücken darüber, dass Friedrich der Hoffnung nicht entspreche, sondern Heerlinge statt der Trauben trage, dass er die Schlange, die ihn betrogen, an seinem Busen geschützt habe und einen fleischlichen Menschen, der "immerfort Wein und Rausch ausrülpfe", mehr als der ganzen Welt glaube u. s. w.; dann wird er übrigens als "geliebter Sohn in Christo" angefleht, sich von Luther, dem Stein des Ärgernisses, noch loszusagen. Dem Kurfürsten wurde dieses Breve nicht eingehändigt; in den Niederlanden war es gedruckt und so ihm zu Händen gekommen. 
40 Er zweifelte an seiner Echtheit, liess indessen Luther wegen einer Erwiderung durch Spalatin befragen. Luther meinte: der Stil und die Weisheit desselben würden für Hadrian passen; die Kardinäle würden es aber wohl wegen seines drohenden Tones zurückgehalten haben; da sei es heimlich ausgesendet worden. Anfangs erwog er, ob er selber darauf in seinem eignen Namen antworten solle. Als er dann wegen einer im Namen des Kurfürsten zu verfassenden Antwort befragt wurde, erwiderte er, eine Entgegnung von seiten des Fürsten müsste mit aller Kraft des Geistes und mit gewissenhaftem Fleiss abgefasst werden; hätte er sie nur von sich aus zu machen, so wäre es ihm leicht, einem solchem Esel zu antworten. 
41 Soviel wir wissen, blieb dieses Schriftstück schliesslich unbeantwortet. Man hat es neuerdings für eine Privatarbeit des Cochläus ansehen wollen, da dieser es 1545 in seinen "Miscellaneen" abgedruckt hat. Aber diese enthalten neben Aufsätzen von seiner Hand auch geschichtliche Dokumente, und er bezeichnet es hier nur als Breve Hadrians; auch ist bemerkenswert, dass die päpstlichen Historiker Raynaldus und Pallavicini es als echt behandeln. Es war wohl ein in der Kurie verfasstes Konzept, dessen Absendung inopportun erschien,, das aber dann doch auf eine nicht aufgeklärte Weise den Weg in die Öffentlichkeit fand. (n41
42        Chieregati hatte viele Breven nach Deutschland mitgebracht; das an den Rat der Stadt Bamberg gerichtete, das die Unterdrückung und Verbrennung der Schriften Luthers forderte, war -- wohl durch Schwarzenberg -- Luther abschriftlich mitgeteilt worden, noch während der Tagung des Reichstages. Schleunigst übersetzte dieser es, versah es mit Randglossen und einem kräftigen Nachwort. 
43       Den Satz des Breve, die Bamberger möchten darüber selbst urteilen (vobis judicandum relinquimus), ob nicht die Beschreibung der Irrlehrer in der Schrift auf Luther passe, griff er heraus: hier überlasse der Papst selbst den Christen das Urteil; wohlan so möchten sie denn richten zwischen ihm und dem Papst, wer Gottes Wort (590) lehre und wer der Lügenmeister sei. Ein andrer Wittenberger veranstaltete alsbald eine lateinische Ausgabe, die Luthers Glossen vermehrte und besonders auch das Latein des Papstes und seines Gesandten verspottete. (n43
44        Luther nahm vom Reichsregiment und Reichstag in seinen Briefen und Schriften aus jener Zeit auffallend wenig Notitz, auch Spalatin, den Vertrauten des Kurfürsten, fragte er nicht danach. Das blieb auch später seine Art, -- die Verhandlungen der irdischen Regenten ihren Gang gehen zu lassen, mit wenig Vertrauen zu ihnen, aber mit unbedingtem Vertrauen zu Gott, der über allem das Regiment führe. 
45 Es hing dies übrigens bei ihm nicht bloss mit seinem religiösen Standpunkt, sondern auch mit seiner ganzen Geistesart und Bildung, und zwar nicht bloss mit seiner Grösse des Geistes, sondern auch mit den Schranken seiner Begabung zusammen: während er den hellsten, schärfsten Blick für die Fragen und Gegensätze im grossen und den kühnsten Mut, sie offen durchzukämpfen, besass, war er nicht dazu angelegt, in den Rücksichten, Vermittlungsversuche und Übergänge sich einzulassen, welche die konkrete Zustände und Bedürfnisse des Gemeinlebens, wo die Gegensätze eben noch nicht so fertig vorliegen, doch immer notwendig mit sich bringen. 
46        Die Nürnberger Beschlüsse nahm er anfangs mit grosser Freude auf. Aber sofort wurde er auch der Doppelseitigkeit inne, die ihnen eigen war. Und da liess er nun hinsichtlich der Schranken, die sie seiner eignen Tätigkeit setzten, sich seinerseits keinerlei Zugeständnis gefallen. Als ihm der Kurfürst die auf ihn und seine Schriftstellerei bezüglichen Bestimmungen des Reichsediktes offiziel angezeigt hatte, erwiderte er am 29. Mai in einem Schreiben, das jener zu seiner Rechtfertigung, besonders auch Herzog Georg gegenüber, gebrauchen konnte: weil seine Gegner, vornehmlich Fabri und Emser, in immer neuen Büchern nicht bloss ihn, sondern das Evangelium lästerten, wolle es ihm zu schwer sein, dies zu dulden; auch meine er: da das Edikt wolle, dass das Evangelium gelehrt werde, könne es nicht so verstanden werden, als ob die evangelische Wahrheit verhindert und ihm verboten sein sollte, sie gegen jedermann zu verantworten. Dann führte er seine Meinung über das Edikt öffentlich aus in einem Sendschreiben an den kaiserlichen Statthalter und die Reichsstände, das er (Anfang Juli) drucken liess mit dem Titel: "Wider die Verkehrer und Fälscher des kaiserlichen Mandats."
47        Er gibt seiner Auslegung des Mandats die Form einer Beschwerde über die Deutung von seiten der Gegner. Er bekennt hir, das Nürnberger Mandat mit hohem Dank untertäniglich angenommen, auch, wie es befohlen war, dem Volk verkündigt zu haben, unterzieht dann aber vornehmlich jene Sätze über die Predigt des Evangeliums nach Auslegung der kirchlich approbierten Schriften seiner eignen Erörterung. Seine Gegner, sagt er, deuteten sie so, als ob das Evangelium wie bisher (591) nach der Lehre der hohen Schulen, des Thomas, Scotus, u. s. w., und nach dem, was die römische Kirche approbiert habe, gepredigt werden sollte; aber das Mandat rede nicht von jenen und nicht von der römischen, sondern von der christlichen Kirche. 
48 Bei jenen Schriften werde es die ältesten Lehrer, wie Augustin und Cyprian, meinen; bekanntermassen aber hätten diese nicht allezeit gleich noch recht geschrieben, und Augustin, dieses sonderliche Licht der Kirche, habe selbst ausdrücklich erklärt, dass er nur von den heiligen kanonischen Büchern glaube, keiner ihrer Schreiber habe geirrt, den Inhalt der andern Schriften aber bei all ihrer Kunst und Heiligkeit doch nur darum und insoweit für recht achte, als sie ihn aus der heiligen Schrift oder hellen Vernunft bewiesen; einen andern Sinn könnte er auch im Mandat nicht annehmen und leiden, es gehe darüber, wie Gott wolle. 
49 Auch wolle ja das Mandat erst noch die Entscheidung eines freien Konzils: wozu dies, wenn es selbst schon ein viel weitergehendes Urteil gefällt hätte, als vielleicht das Konzil fällen werde? Deshallb habe er dem Volk das Mandat also gedeutet, dass nach demselben die Sache bis auf ein Konzil ruhen und nicht weiter getrieben werden, den Widersachern aber geboten sein sollte, ihr Schulgezänk und ihre heidnische aus hohen Schulen gezogene Kunst daheim zu lassen und nur das lautere Evangelium zu verkündigen. 
50 Der Artikel über die heiratenden Geistlichen und die Mönche war nach Luther zu hart und im Widerstreit mit dem von der Predigt des Evangeliums; doch fand er ihn leidlich, wenn nur das andere recht verstanden und gehalten würde: denn solche Strafe werde unschädlich sein den Unschuldigen, nicht unschädlich denen, die mit Unrecht strafen. Schliess bemerkt er über seine eigne Person: er solle nun billig aus Bann und Acht entlassen sein bis aufs künftige konzil, da er sonst nicht wüsste, was der Aufschub bedeuten solle, und da er ja in die Artikel des Mandats willige; doch sei an ihm nicht viel gelegen; er bitte nur für den armen Haufen, wenn der die andern Artikel halte und nur den zuletzt erwähnten nicht so ganz treffen könne, während man ja die Widersacher des Evangeliums, welche die andern nicht halten, ungestraft lasse. (n50
51        Zur selben Zeit setzte Luther seine heftigen Ausfälle auf jene Messpriester der Wittenberger Stiftskirche ununterbrochen fort. Gegen eine ernstliche Vermahnung des Kurfürsten (im August), dass er ja dem kaiserlichen Edikt nachzuleben und allen Anlass zu Aufruhr vermeiden zu wollen versprochen habe, berief er sich wieder auf den Sinn, in dem er jenes verstehe. Er erklärte rundweg: so es anders verstanden würde, wollte er's nicht befolgen. Weil die Messen wider das Evangelium seien, wollte er nicht aufhören, gegen sie zu predigen. Von Aufruhr mahne er das Volk ab: er meine ja nicht, dass man etwas mit der Hand dazu tun solle. (n51
52        Luthers Weigerung zu schweigen, kann, auch wenn wir von seinem persönlichen Charakter und Wesen absehen, uns nicht befremden. Sollte nach dem Sinn des Reichsbeschlusses die Auffassung des Evangeliums den bisherigen kirchlichen Lehrautoritäten unterworfen und die seinige verurteilt bleiben, so galt es für ihn wirklich, Gott mehr zu gehorchen als den Menschen. Wollte der Beschluss die Entscheidung über die streitige Lehre bis zum Konzil dahingestellt sein lassen, so hätte auch der Gegenpartei Schweigen auferlegt werden müssen. (592) 
53        Neben jenen Verhandlungen des Reichsregiments und Reichstags lief ferner ein Handel zwischen ihm und Herzog Georg her, bei dem seine persönliche Art unleugbar stark und nicht glücklich einwirkte. Wie Georg fort und fort am heftigsten unter den Reichsfürsten die Unterdrückung der Neuerung betrieb, so war es bei Luther dahin gekommen, dass er in jenem nur noch den verhärteten Feind des Evangeliums sah und ihm gegenüber alle Rücksichten der äusseren Achtung fahren liess, die nach seinen eignen Aussagen über die Obrigkeiten auch ein unchristlicher Reichsfürst doch wohl noch für sich in Anspruch nehmen durfte. Zu jenem Streit gab das Sendschreiben Anlass, welches Luther im März 1522 an Hartmuth von Kronberg gerichtet hatte (oben S. 515f). Indem er nämlich hier von der "strohernen und papierenen Tyrannei" sprach, vor der man sich nicht fürchten dürfe, fuhr er fort: 
54      "Der einer ist vornehmlich die Wasserblase N., trotzt dem Himmel mit ihrem hohen Bauch und hat dem Evangelio entsagt, hat's auch im Sinn, er wolle Christum fressen, wie der Wolf eine Mücke: -- ich hab' zwar mit ganzem Herzen für ihn gebeten, -- aber ich sorge, es drück' ihn sein Urteil, vorlängst verdient; ich bitt', Ihr wollt hin auch im Gebet dem Herrn befehlen, -- ob er dermaleins möchte für einen Saulus einen Paulus geben, denn mit solcher elender Leute Verderben uns nicht geholfen ist; ich wollt Euch wohl ermahnen, dass Ihr eine dergleichen Schrift [wie Kronberg damals eine an den Kaiser und eine an die Bettelorden erlassen] auch an ihn tätet, wollte aber auch nicht gern das Heiligtum vor die Hunde und die Perlen vor die Säue werfen lassen". 
55        Unstreitig war hiermit Goerg gemeint. Kronberg aber, der Luthers Sendschreiben in Strassburg in Druck gegeben hatte, hatte bei einem zweiten Abdruck daselbst in kecker Herausforderung an Stelle des "N." den Namen "Herzog Jörg zu Sachsen" eingeschaltet, wie er auch an einer andern Stelle, wo Luther von dem noch schwachen Glauben seiner Gönner geredet, nicht weniger herausfordernd den Namen des Kurfürsten eingesetzt hatte. 
56 Diese Ausgabe kam dem Herzog gegen Ende Dezember in die Hände. Er forderte Luther sogleich brieflich zur Erklärung auf, ob er geständig sei, die Schrift, in der er "sonderlich mit Namen benannt" und geschmäht worden sei, herausgegeben zu haben. Luther erklärte umgehend: weil Seiner Fürstlich Ungnagen zu wissen begehrte, was er geständig sein wolle, so sei seine Antwort kürzlich die, dass ihm gleich sei, ob es für gestanden, gelegen, gesessen oder gelaufen angenommen werde; er erbiete sich mit dem, was er heimlich oder öffentlich wider Seiner Ungnaden handle, zu Recht und wolle es wohl auch für Recht erhalten. 
57 Er werde hier abermals vom Herzog belogen und böslich angeschuldigt; daher habe er billig über ihn Injurien halber sich zu beklagen, wolle aber davon schweigen; vor einer Wasserblase werde er sich nicht zu Tode fürchten. Mit derselben Versicherung, dass er (593) sich vor des Papstes "Schuppen und Wasserblasen" nicht fürchte, hatte er dann auch wieder in der Schrift "Von weltlicher Obrigkeit" den Herzog gereizt. Georg beschwerte sich bei Kurfürst Friedrich in wirklich beweglichen Worten über jene Ausdrücke: sein Bauch sei nicht so gross, um von Dresden gen Wittenberg, geschweige denn gegen den Himmel Trotz zu bieten, und Luther kein Herzenskündiger, um über seine Gesinnung gegen Christus zu urteilen; er bat um Schutz gegen diese aus der kurfürstlichen Stadt Wittenberg kommenden Schmähungen. 
58 Es entspann sich hierüber ein Schriftwechsel zwischen den fürstlichen Vettern, in den dann auch die Klage über letztere Schrift eingemischt wurde, der im Mai 1523 damit endete, dass Luther, der sich zu Recht erboten hatte, auf eine Mahlstatt nach Naumburg vergelanden werden sollte; es kam jedoch nicht dazu, ohne dass uns weiteres über den Verlauf der Sache bekannt wäre. Auch ans Reichsregiment wandte sich Georg, und Planitz, der kurfürstliche Gesandte in Nürnberg, schrieb deshalb an Luther. Dieser antwortete: dem Kurfürsten könne ja Georgs Klage nicht schaden, da jener reichlich bewähren könne, dass er ihm so harte Schreiben oft mit grossem Missfallen verwehrt habe. Er selbst aber wisse, dass man alle seine Schriften zuerst angesehen haben, als ob sie vom Teufel wären, dass es jedoch hernach bald anders geworden sei; er wolle sich damit nicht entschuldigen, als ob nichts Menschlicheres an ihm wäre, aber er habe, ub er auch zu hart sei, dennoch die Wahrheit gesagt und wolle lieber die Wahrheit unvernünftig herausstossen, als sie bei sich behalten und heucheln. 
59 Vergeblich war auch ein persönliches Bemühen des Grafen Albrecht von Mansfeld, ihn zu einer Äusserung zu bewegen, die den Herzog beschichtigen konnte; er bekannte sich zu dem Schreiben an Kronberg und erklärte nur, die Drucke nicht veranstaltet und darüber, ob sie alle oder teilweis Georgs Namen enthielten, nichts gewusst zu haben. Einen Angriff auf die Ehre und den Stand des Herzogs wollte er nicht beabsichtigt, zu seinem Schreiben aber gute Gründe gehabt haben. -- Das Reichsregiment zeigte auch in dieser Sache, die denn doch starken Anlass zu persönlichen Einschreiten gegen ihn bot, seine Abneigung vor entscheidenden Massregeln gegen ihn. Es bezeugte dem Herzog seine Teilnahme, verwies ihn jedoch an Luthers Landesherrn Friedrich. Auch dadurch liess es sich nicht gegen Luther in Bewegung setzen, dass Georg ihm vorhielt, wie dieser in seiner Schrift von der weltlichen Obrigkeit die Fürsten insgemein Buben gescholten habe. (n59
60      Zu ebenderselben Zeit endlich, in welcher zu Nürnberg über die wichtigsten Fragen der Kirche und des Reichs Beschluss gefasst werden sollte, entlud sich in Deutschland mit raschen Schlägen das Gewitter, das in der Spannung zwischen eine hochstrebenden, beengten Reichsritterschaft und zwischen der fortschreitenden Übermacht der grossen weltlichen und geistlichen (594) Fürsten längst vorbereitet lag. Wir wissen, wie jene seit dem Jahre 1520 auch an der kirchlichen Bewegung sich beteiligte, wie Hutten Luther die Hand reichte und zum Krieg gegen Papst und Pfaffen aufrief, wie Sickingen, der begabteste und mächtigste Kriegsmann unter ihnen, dem Reformator seinen Schutz anbot und dem Drängen eines Hutten gegenüber nur noch auf den rechten Augenblick zu warten schien, wo er mit Erfolg losschlagen könnte, um eine neue Ordnung der weltlichen und kirchlichen Dinge im Reich durchzusetzen. 
61 Im August 1522 nun begann Sickingen mit einem Kriegszug gegen den Kurfürsten Erzbischof von Trier. Den Anlass gaben ihm untergeordnete Privathandel, -- Rechtsansprüche von noch dazu zweifelhafter Art. Im Hintergrund lagen ohne Zweifel weitreichende Absichten. Der oberrheinische Adel hatte kurz zuvor einen Bund geschlossen und ihn zum Hauptmann gemacht; er hoffte die Interessen des Adels überhaupt jetzt durchfechten zu können. An der religiösen Frage hatte er noch unter den Zurüstungen zum Feldzug durch ein offenes Sendschreiben sich beteiligt, in welchem er einen seiner Schwäger ermahnte, ohne Furcht sien von den Menschensatzungen, der Messe, dem Heiligendienst u. s. w. loszureissen. 
62 Den Untertanen des Erzbischof verhiess er in einem Manifest, sie von dem schweren antichristlichen Gesetze der Pfaffen zu erlösen und zur evangelischen Freiheit zu bringen. Sein Freund Hartmuth von Kronberg meldete an Spalatin, dass Sickingen ausziehe, um dem Evangelium eine Öffnung zu machen, und schickte während des Kriegs von Basel aus am 26. November ein Schreiben an die Fürsten und Stände nach Nürnberg mit drohenden Ermahnungen, dass sie dem Evangelium sich anschliessen möchten. (n62
63 Allein von einer wirklichen Scheidung nach den religiösen und kirchlichen Standpunkten konnte diesem Kampfe gegenüber keine Rede sein. Die Fürsten erkannten die Gefahr, die ihnen als solchen drohte, zumeist die Nachbarn Triers, der Kurfürst von der Pfalz un der längst mit Sickingen verfeindete, für Rom niemals begeisterte junge und tatkräftige Landgraf von Hessen: sie rüsteten sich sogleich, dem Angegriffenen beizustehen. Anderseits wurde Erzbischof Albrecht von Mainz nicht ohne Grund eines zweideutigen Verhaltens in der gemeinsamen Sache beschuldigt: natürlich war seine Absicht dabei nur die, für alle Fälle sicher zu gehen. 
64 Und nun zeigte sich, dass Sickingen auch im Vertrauen auf die eigne Kraft udn auf die Teilnahme seiner Standesgenossen sich übel verrechnet hatte. Er selbst suchte vergebens durch einen raschen Angriff die Stadt Trier zu nehmen, musste vielmehr die Belagerung aufgeben und sich auf seine Feste Landstuhl in der Nähe von Zweibrücken zurückziehen. Die Freunde, auf die er dort wartete, wurden durch die Übermacht der Fürsten und des schwäbischen Bundes ein Schranken gehalten. Die wenigen, die mit ihm die Waffen ergriffen hatten, unterlagen schnell den Truppen von Trier, Hessen und Pfalz: (595) unter ihnen jener Hartmuth, dem deshalb sein Schloss Kronberg im Oktober genommen wurde. Gegen Ende April 1523 erschienen die drei gegen Sickingen verbündeten Fürsten auch vor dem Landstuhl; schon am 7, Mai zogen sie in seine durch schweres Geschütz gebrochene Burg ein, während er selbst, durch einen Schuss verwundet, im Sterben lag. --
65 Wenige Monate nach Sickingen (August oder Anfang September) endede Ulrich von Hutten, der ritterliche Held des Wortes, der seine besten Hoffnungen auf dieses Freundes Schwert gesetzt hatte, sein unstetes Leben, verlassen und krank auf einer Insel des Zürcher Sees. 
66        Luther, der Sickingen noch von der Wartburg aus eine Schrift gewidmet und Kronberg in seinem oben (S.515) erwähnten Sendschreiben noch besondere Grüsse an ihn und Hutten aufgetragen hatte, war dem kriegerischen Unternehmen und Plane völlig fremd geblieben. Aus seinen früheren Äusserungen musste Sickingen wissen, wie sehr er eine scolhe Gewalttat missbilligen würde. Auf die erste Nachricht von Sickingens Tod wünschte er, sie möchte falsch sein; dann erklärte er: "Gott ist ein gerechter, aber wunderbarer Richter". Melanchthon hatte, ohne Zweifel im Einverständnis mit ihm, das Unternehmen schon in einem Brief vom 1. Januar 1523 für einen schnöden Raubzug erklärt. (n66
67 Jetzt lag auch ganz klar das Unheil am Tage, das eine engere Verbindung mit dem deutschen Adel als die, in welche Luther einst sich einliess, der Reformation hätte bereiten müssen. Nicht bloss war von Anfang an sehr zweifelhaft, wie weit die Kraft und die Begeisterung, auf die hier ein Hutten pochte, in Wirklichkeit reichen würde; auch war nicht bloss die Reinheit der religiösen Motive und Schritte durch den Bund mit der Politik schwer bedroht; sondern die Männer dieses Standes vermochten schon darum nicht Vorkämpfer und Führer der Nation zu werden, weil auch die edelsten unter ihnen mit den höchsten Interessen immer ihre Sonderinteressen verbanden. Der heldenmütige, patriotische Sickingen erscheint in der Art, wie er jenen entscheidenden Kampf eröffnete, viel mehr wie ein Held des alten Faustrechts, als wie ein Mann, der für Reich, Staat und Kirche eine neue Zeit heraufzuführen befähigt war. 
68        Die Gegner der Reformation sahen auch so noch in Sickingens Freidensbruch und Niederlage einen schweren Schlag für dieselbe und setzten grosse Hoffnungen darauf. Melanchthon klagte in jenem Briege bitter über die Gehäftigkeiten, womit man gegen Luthers Sache jenes Unternehmen ausbeute, mit dem sie trotz Sickingens Vorgehen gar nichts zu tun habe. Nach Sickingens Untergang hörte man sagen: der Gegenkaiser sei gefallen, der Gegenpapst Luther müsse folgen. Namentlich wurde von der römischen Partei in diesem Sinne währende und nach dem Feldzug unter den Reichs- (596) ständen in Nürnberg gearbeitet, von wo Kurfürst Friedrich zu wiederholten Malen bedrohliche Berichte erhielt. 
69 Ohne Zweifel steht hiermit eine Audeutung in einem Brieg Luthers an Spalatin vom 12. Januar in Zusammenhang, wonach im Rate Friedrich davon die Rede war, ihn wieder irgendwo zu verstecken. Ferner liess der Kurfürst damals bereits den Wittenberger Theologen die Frage vorlegen, ob es recht wäre, wenn er um des Evangeliums willen Krieg führen würde. Luther wies jenen Gedanken, dass er sich wieder in einen Winkel zurückziehen sollte, schlechthin ab: das werde er nicht tun, so unsinnig auch der böse Feind wüten möge. Dagegen hatte er, was den Inhalt jener Fragen betrifft, in seiner Soeben erscheinenden Schrift von der weltlichen Obrigkeit (oben S. 582f, se #7) bereits ganz allgemein erklärt: "dass kein Fürst wider seinen Oberherrn, als den König und Kaiser oder sonst seinen Lehnsherren, kriegen soll, sondern lassen nehmen, wer da nimmt". (lyd03#44
70 In Betreff Friedrichs kam ihm dann noch dazu, dass dieser ja bisher immer auf eignes Urteil in den Glaubenssachen der Öffentlichkeig gegenüber verzichtet hatte. So antwortete er jetzt: derselbe dürfe keinen Krieg für diese Sache unternehmen, sondern solle der kaiserlichen Gewalt weichen und sie in seinem lande gefangen nehmen und verfolgen lassen, wen sie wolle. Daneben hatte er den eigentümlichen, offenbar unklaren Gedanken: wenn derselbe dennoch jetzt aus jener Neutralität hervortreten und die Sache des Evangeliums mit den Waffen beschützen wollte, so müsste er dies nicht so tun, wie wenn er für seine eignen Untertanen als solche die Waffen ergriffe, sondern wie wenn er "als Fremder Fremden aus einen fremden land zu Hilfe käme"; und zwar dürfte er es tun, wenn er durch einen "sonderlichen Geist und Glauben" sich dazu berufen fühlen würde. 
71 Es war das erste Mal, dass Luther in dieser Frage, die nachher weit dringender wiederkehrte, sich zu äussern hatte; wir werden sehen, dass er das Recht des Fürsten zum Widerstand gegen ihren Kaiser nachher nur noch entschiedener verneinte und erst dann sein Urteil modifizierte, als ihm entgegengehalten wurde, dass nach dem Rechte des Reiches und Kaisers selbst das Verhältnis der Reichfürsten zum Kaiser eben nicht das Verhältnis einfacher Untertanen zur Obrigkeit sei. (n71
72         Allein die faktischen Verhältnisse lagen hinsichtlich des Sickingenschen Unternehmens doch zu klar vor, als dass sie wirklich in jenem Sinn sich hätten ausnützen lassen. Gegen Luther wusste man keine neue Beschuldigung vorzubringen, als dass unter Sickingens Briefen solche von Luther gefunden worden seien, in denen er den Kaiser schmähe. Hessen und Pfalz, denen die römisch Gesinnten den Fall ihres geführchtetsten kriegerischen Feindes zu verdanken hatten, teilten nicht auch jenen Eifer gegen Wittenberg und Kursachsen. Das Reichsregiment hielt seinen Standpunkt in der kirchlichen (597) Frage fest; überdies wurde es jetzt den Besiergn Sickingens gegenüber über seine eigne Autorität besorgt, als diese selbst eigenmächtig und eigennützig verfuhren und nach ihm so wenig fragten, als vorher Sickingen es getan hatte. 
73        So kam zur Zeit, als Sickingen schon im Unterliegen begriffen war, doch jener Nürnberger Reichsbeschluss über die kirchliche Angelegenheit zustande. 
74         Im Sommer 1523 schritt dann das Reichsregiment auf Grund dieses Beschlusses nachdrücklich zu Gunsten zweier Fomherren und bischöflich bambergischer Räte, Johann Apel und Friedrich Fischer, ein, die ihr Bischof, Konrad von Thüngen, ins Gefängnis gesetzt hatte und weiter bestrafen wollte. Sie waren nämlich als Anhänger der neuen Lehre in den Ehestand getreten, während ihr Kanonikat (obgleich sie nicht die Priesterweihe empfangen hatten) sie zum Cölibat verpflichtete. Apel hatte sogar eine Nonne geheiratet. Er war seinem Berufe nach Jurist, hatte früher kurze Zeit als solcher in Wittenberg doziert und war auch persönlich mit Luther befreundet. Zu seiner Verteidigung verfasste er eine Schrift, die Crotus an Luther schickte, und dieser mit einem Begleitschreiben an Crotus drucken liess. 
75 Der Bischof behauptete, die beiden Gefangenen weiter auch wegen ihrer Anhänglichkeit an die "verdammte Luthersche Lehre" in kraft des Wormser Edikts aburteilen zu müssen und protestierte gegen jeden Eingriff in seine kirchliche Jurisdiktion. Allein das Reichsregiment, von Apels Verwandten angerufen, bestand darauf, dass sie nur laut des Nürnberger Beschlusses mit dem Verlust ihrer geistlichen Pfründen und Privilegien bestraft werden dürften. Der Bischof musste sie schlieslich frei geben. Apel ging nach Wittenberg, verband sich dort vollends innig mit den Männern der Reformation und wurde von Luther dem Kurfürsten dringend für die durch des Jonas Übergang zur Theologie erledigten Vorlesungen über kanonisches Recht empfohlen, die ihm dann auch wirklich zugewiesen wurden. (n75
76         Während Kurfürst Friedrich und sein Hof doch immer in sorgen schwebten, schrieb Luther im Herbst an Spalatin: "Gar wohl erinnere ich mich an das, was ich dem Fürsten aus Borna (oben S. 498 = 4,4#33) geschrieben; dass doch auch Ihr daran glaubtet und Euch mahnen liesset durch die offenbarliche Hand Gottes, durch welche ich seither fast zwei Jahre lang wider alle Erwartung lebe und der Fürst nicht allein sicher geblieben ist, sondern auch weit weniger, als noch vor einem Jahr, das Wüten der andern Fürsten zu fühlen bekommt. Wüsste ich Mittel, ihn herauszuziehen ohne eine Schmach fürs Evangelium, so würde ich mein Leben darum nicht schonen. Er wird ohne Zweifel unangefochten bleiben, so lange er nicht öffentlich sich zu der Sache bekennt. Warum er unsere Schmach mittragen muss, weiss Gott; gewiss aber ist, dass es ihm nicht zu Schaden und Gefahr, vielmehr zu grossem Heile dienen wird". (n76
77        Ein neuer Reichstag wurde zu Nürnberg im Januar 1624 eröffnet. Papst Hadrian war inzwischen gestorben, gedrückt von bitterem Hass und Widerstreit, den er mit seinem edleren Streben in Rom gefunden hatte. Sein Nachfolger Clemens VII., ein Vetter und Geistesgenosse Leos X., schlug sogleich wieder ganz die herkömmliche päpstliche Politik ein. Kardinal Campeggi erschien jetzt als päpstlicher Legat in Nürnberg. Er kannte die Stimmung, die in Deutschland und namentlich am Sitze des Reichstages herrschte. So zog er hier am 14. März als schlichter Reiter ein, ohne Kardinalshut, ohne nach der Sitte segnend das Kreuz zu schlagen, ohne den ihm in der Sebalduskirche bereiteten feierlichen Empfan anzunehmen. 
78 Den Reichsständen erklärte er, dass er nicht gekommen sei, um etwas von ihnen zu fordern, sondern nur um mit ihnen die richtige Arznei für den der Nation so gefährlichen kirchlichen Schaden zu suchen; er äusserte sich verwundert darüber, in welcher Weise man in Deutschland dem Wormser Edikt nachkomme, vermied es jedoch in seiner Rede, Luther zu nennen. Bald nach seiner Ankunft vernahm  er mit Tränen von einer Predigt, die eben jetzt Osiander über den in Rom regierenden Antichrist hielt und vom der auch der kursächsische Gesandte meinte, Osiander habe sich damit "fast unnütz gemacht". Mehrere katholische Ceremonien der Karwoche wurden während seiner Anwesenheit in Nürnberg abgeschafft. 
79  An dem Abendmahl unter beiden Gestalten nahem mehrere Tausend auf einmal teiil. Ja sogar diie Schwester des Kaisers und seines Statthalters Ferdinand, die aus Anlass des Reichstages anwesende Gattin des vertriebenen Königs Christian von Dänemark, Isabella oder Elisabeth, liess sich öffentlich den Laienkelch reiichen, und zwar aus Osianders Hand, und unter den Teilnehmern an jener grossen Kommunion zählte man 30 bis 40 Männer aus Ferdinands Hofgesinde. Auf ein Mandat gegen Luthers Bücher, das Ferdinand für seine Lande erlassen hatte, antworteten ihm eben jetzt die niederösterreichischen Stände mit der Bitte, sie hiermit nicht zu beladen, indem sie sich als fromme Christen halten wollten. 
80 Über die Mitglieder des Reichsregiments wurde dem Kaiser von seinem Gesandten berichtet, dass siie der Mehrzahl nach "grosse Lutheraner" seien. Der Kaiser wollte das Wormser Edikt, nur etwa verbessert, wiedder ausgehen lassen, und Ferdinand bestand hierauf. Aber die Majorität des Reichstages war dagegen, wenn auch grossenteils, wie der kursächische Gesandte meldete, "nicht aus gutem Willen, sondern weil sie ihrer Haut fürchteten"; sogar der Kardinal riet schliesslich davon ab. Endlich einigte sich der Reichstag über folgende Beschlüsse, die in den Reichstagsabschied vom 18. April aufgenommen wurden. Die Fürsten und Stände versprachen, dem Wormser Edikt nachzuleben, -- aber mit dem Beisatz: "so viel ihnen möglich seii". 
81 Die Forderung eines freien, in Deutschland zu haltenden Konzils wurde wiederholt (599) und dazu nun weiter verordnet: es solle schleunig auf Martini eine gemeine Versammlung der deutschen Nation in Speier veranstaltet werden, auf der alle Fürsten und Stände persönlich erscheinen möchten, um zu beraten, wie es bei Anstellung dieses Konzils zu halten sei; für diesen Zweck sollten sie bis dahin durch Gelehrte, verständige Räte aus den neueren Büchern die disputierlichen Punkte ausziehen und in Speier vorlegen lassen. In Betreff der Predigt wurde die Bestimmung des vorigen Jahres erneuert, dass inzwischen das heilige Evangelium nach Auslegung deer von der Kirche approbierten Lehrer verkündigt werden solle.
82 Der Inhalt dieses Reichstagsabschiedes wurde durch Ferdinand in Form eines kaiserlichen Mandates publiziert, das schärfer gegen Luther gefasst war, als der Abschied. Der Satz über die Predigt des Evangeliums wurde hier durch die mit der Redaktion beauftragte Reichskanzlei weggelassen und davon, dass das Wormser Edikt bisher schlecht befolgt worden sei und jetzt von allen gehorsam, so viel wie möglich beobachtet werden solle, weitläufig geredet; ausdrücklich wurde jedoch auch hier erklärt: das Gute solle neben dem Bösen nicht unterdrückt undLuthers Lehre solle erst noch von neuem "mit höchstem Fleiss examiniert und disputiert und das Gute vom Bösen abgeschieden werden". (n82
83         Für Luther bestimmte sich der ganze Wert dieses neuen Mandats danach, dass es das Wormser Edikt neu aufrichtete, während es doch die Entscheidung über das Gute und Böse in seiner Lehre erst noch der künftigen Reichsversammlung in Speier vorbehalte. Seine Entrüstung über diesen Widerspruch überwog bei ihm alles andere. Er liess das Wormser Mandat und das neue zusammen drucken mit einer Einleitung zu beiden und mit Randglossen zu dem Wormser, indem er seine Schrift betitelte: Zwei kaiserliche uneinige und widerwärtige Gebote den Luther betreffend. (se paabud1
84         "Schändlich" nennt er es in der Einleitung, (paabud1#5) dass Kaiser und Fürsten solche einander widerwärtige Gebote zugleich ausgehen liessen, wonach die Deutschen ihn als einen Verdammten verfolgen und doch noch warten sollten, wie er verdammt werden solle: in der Tat waren ja dort seine Schriften schon schlechthin für ketzerisch und er selbst für einen Sohn der Bosheit erklärt, mit dem niemand mehr menschliche Gemeinschaft haben dürfe. "Wohlan", sagt er, "wir Deutschen müssen Deutsche und des Papsts Esel und Märtyrer bleiben, ob man uns gleich im Mörfer zerstiesse, als Salomo spricht" (Sprüchw. 27,22) (paabud1#7). 
85 Den Fürsten ruft er mit Bezug auf das durch jenes Edikt über ihn verhängte Urteil zu: "Meine liebe Herren, Ihr eilet fast mit mir armen einigem Menschen zum Tod, und wenn das geschehen ist, so werdet Ihr gewonnen haben. Wenn Ihr aber Ohren hättet, die da höreten, ich wollt Euch etwas Seltsames sagen; wie, wenn des Luthers Leben so viel vor Gott gälte, dass, wo er nicht lebete, Euer keiner seines Lebens oder Herrschaft sicher wäre und dass sein Tod Euer aller Unglück sein würde? Es ist nicht zu scherzen mit Gott. Fahret nur frisch fort, würget und brennet; ich will nicht weichen, ob Gott will; hie bin ich! Und bitt Euch gar freundlich, wenn Ihr mich getötet habt, dass ihr (600) mich ja nicht wieder aufwecket und noch einmal tötet". (paabud1#8-10)
86 Er rät jedoch allen, die noch an einen Gott glauben, sich der Vollziehung des Edikts an ihm zu enthalten; denn sagt er, "sie sollen es doch nicht eher tun, mein Stündlein sei denn da und Gott rufe mir, und sollten sie noch so sehr toben und wüten. Denn der mich nun bis ins dritte Jahr wider ihren Willen und über all meine Hoffnung hat lebendig behalten, kann mich auch wohl länger fristen, wiewohl ich's nicht hoch begehre". (paabud1#12) Mit Bezug auf das Nürnberger Mandat, das den Kaiser von sich als "Schirmer und Schützer des heiligen christlichen Glaubens" reden liess und zugleich zum Kriege gegen die Türken aufrief, fügte Luther seiner Schrift nicht minder heftige Schlussbemerkungen bei. Er warnt, jenem Aufruf zu folgen; denn: "der Türke ist zehnmal klüger und frommer als unsere Fürsten; was wollte solchen Narren wider den Türken gelingen?" (paabud1#86) Jenen Titel erklärt er für ein "unverschämtes Rühmen" des Kaisers, dieses "armen Madensacks", der seines Lebens nicht einen Augenblick sicher sei; der Glaube, der nach der Schrift eine göttliche Kraft sei, stärker denn Tod und Teufel, brauche keinen Schutz von einem Kinde des Todes. (n86) (paabud1#27); (paabud1#86)
87        Anderseits zürnte auch der Kaiser über das in seinem Namen von Nürnberg ausgegangene Mandat. Er selbst erliess jetzt (am 15. Juli) aus Spanien ein Edikt an die Reichsstände, worin er ihnen vorwarf, mit ihren Beschlüssen über den nächsten Reichstag und das Konzil in seine und des Papstes Rechte eingegriffen zu haben; Luther erklärte er für einen Unchristen und Unmenschen und für einen Verführer wie Mahomed und forderte strenge Befolgung seiner kaiserliche Befehle und namentlich des Wormser Mandats. Ferner schlossen jetzt auf Campeggis Betreiben der Erzherzog Ferdinand, die Herzöge von Bayern, der Erzbischof von Salzburg und eine grosse Anzahl süddeutscher Bischöfe auf einem Konvent, den sie mit dem päpstlichen Legaten in Regensburg abhielten, eiine Vereinigung unter einander ab, um mit der Vollziehung des Wormser Edikt Ernst zu machen, die Ketzer und Verführer zu strafen, die alten Ordnungen aufrecht zu erhalten. 
88 Mit diesem Sonderbund gelang es dem Vertreter der Kurie, die Spaltung der deutschen Nation in die Wege zu leiten. Ungünstig war für die evangelische Sache auch die Entlassung der bisherigen Mitglieder des Reichsregiments durch den Nürnberger Reichstag, wiewohl dieselbe nicht bloss durch den Unwillen der katholischen Partei, sondern zugleich durch verschiedenartige politischen Ursachen herbeigeführt wurde. (n88) -- Doch so entschieden der Wille des Kaisers und die Tendenzen jener Verbündeten waren, so sehr fehlte es ihnen doch noch an macht und deshalb auch an Mut dazu, bei den andern Reichsständen etwas zu erzwingen. --
89 Für eine richtige Beurteilung der lutherischen Reformation und ihrer Folgen verdient es übrigens alle Beachtung, dass, wie unsere bisherige Darstellung gezeigt hat, ein in der Fremde heimischer Kaiser in die friedliche Entwicklung eingriff, die noch von den Vertretern der deutschen Nation versucht wurde, und dass in der kirchlichen Frage das erste Sonderbündnis innerhalb des Deutschen Reiches nicht von (601) Anhängern Luthers, sondern von der anderen Partei unter der Leitung eines römischen Kardinals geschlossen worden ist. 
90         Kurfürst Friedrich wusste sich bis an sein Ende dem für ihn so schweren Bruch mit der katholischen Kirche und mit dem einen Teil des Reiches zu entziehen. Auf den letzten kaiserlichen Erlass erwiderte er (am 20. Oktober) ähnlich wie einst auf das Breve Hadrians: er versprach, sich so zu verhalten, dass die Ehre Gottes und des christlichen Glaubens, diie Nächstenliebe, Eintracht und Frieden dadurch gefördert werde. In den Nürnberger Abschied hätten er und sein Bruder nicht gewilligt. -- 
91  Blicken wir zurück auf sein Verhalten seit dem Beginne des kirchlichen Streites, so beseelte ihn stets, wie es auch Feinde nicht bestreiten, eine aufrichtige Liebe zum göttlichen Wort und der sehnliche Wunsch, dass der lautere Inhalt desselben an den Tag treten und siegen möge; es kam ihm vom Herzen, dass er im Jahre 1522 eine Münze mit der Inschrift "Verbum dei manet in aeternum" (Gottes Wort bleibt in Ewigkeit) prägen, auch die Anfangsbuchstaben dieser fünf Wörter seiner Dienerschaft auf den rechten Ärmel ihrer Kleidung sticken liess. Er behiellt ferner ein gutes Vertrauen zu der Wahrheit, welche Luther aus diesem Gottesworte zog; musste er doch auch wissen, dass sein eigner Hofkaplan Spalatin ihm keine andere vortrug. 
92  Er wollte sie und Luther beschirmen, so weit er es irgend als Reichsfürst vermochte. Aber bis zu seinem Ende hin behiellt er auch die Scheu davor, in Widerspruch gegen die Gesamtkirche zu geraten und einen Riss ins Deutsche Reich zu bringen. So kam er immer wieder zurück auf die Erklärung, dass ihm als Laien eine Entscheidung im Streit überhaupt nicht zustehe, und einesteils auf die Ausflucht, dass er der Sache Luthers, die er tatsächlich gewähren liess, sich doch nicht annehme, andernteils auf jene ersten, ja zum Teil zornigen Verwarnungen und Verbote, mit denen er wenigstens das äussere Vorgehen des Reformators vergebens einzuschränken versuchte und welche er ja auch noch in jenem Jahre 1624 wegen des Messgottesdienstes in seiner Wittenberger Schlosskirche an ihn ergehen liess (oben S. 528).
93  Den Laienkelch aber, dessen Forderung für eine böhmische Hauptketzerei (besonders auch bei seinem Vetter Georg) verschrieen war, wagte er noch nicht anzunehmen. Wir dürfen hierauf wohl ein Schreiben Luthers vom 4. April 1524 beziehen, worin dieser auf eine durch Spalatin an ihn ergangene Anfrage antwortete: Anderen rate er immer, dass sie, wenn ihr Gewissen ihnen den Empfang des Abendmahls unter einer Gestalt nicht mehr erlaube und ihr Glaube doch aus Menschenfurcht noch zu schwach sei, um den Kelch zu (602) nehmen, einstweilen ganz aufs Sakramen verzichten sollten. Friedrichs Rod wird uns wieder hierauf führen. (n93
94          Einen persönlichen Verkehr mit Luther vermied Friedrich durchweg: jener hat ihn nie in seinem Leben gesprochen: "Ich habe mein Leben lang mit demselben Fürsten nie kein Wort geredet noch hören reden, dazu auch sein Angesicht nie gesehen, denn einmall zu Worms vor dem Kaiser" -- so hat Luther wiederholt versichert, und der Vermittler zwischen beiden, der getreue Spalatin, bezeugt, Friedrich habe ihn "gewisslich gnädiiglich lieb und wert gehabt, -- wiewohl er nicht mit ihm jemals umging". 
95  Seine treue, gnädige Gesinnung gegen ihn wurde aber selbst durch heftige Antworten, die er von ihm erhielt, nicht erschüttert. Er nahm auch mit grosser Rücksicht die Fürsprache an, die Luther bei Beschwerden von Privatpersonen gegen die fürstliche Regierung mit grosser Freiheit an ihn richtete; so setzte dieser namentlich lange Zeit die Verhandlungen über eine Geldforderung gewisser Brüder Leimbach furt, bei der er ein Unrecht von seiten des Fürsten befürchtete, wiie es überhaupt das Los des Fürsten sei, beinahe mit Notwendigkeit durch Beeinträchtigung Würdiger und Gunst gegen Unwürdige sich zu verfehlen. (n95) --
96  Luther war oft sichtlich aufgebracht über die Ängstlichkeit und Menschenfurcht des Kurfürsten; seit der Zeit seines Aufenthalts auf der Wartburg fühlte er oftmals stark den Unterschied seiner Natur von der Weise, die Dinge anzusehen und zu behandeln, die am Hofe herrschte. Aber sein Vertrauen und seine Liebe zeigt sich doch gerade auch in der derben Offenheit, womit er z. B. bei seinem Abgang von der Wartburg Friedrich ermutigte und zurechtwies. Und immer stimmte doch auch er wieder zu, dass derselbe ja nicht in seinen Handel und seine Gefahren hineingezogen würde. 
97           Spalatin, der Vertraute Luthers und Friedrichs, der dem Bestreben des letzteren, Luther zu mässigen, stets hilfreich war, meinte doch seine Stellung bei Hofe im Jahre 1524 nicht mehr behalten zu können. Er klagte sehr, dass er mit seiner Wirksamkeit hier zu wenig Erfolg habe, mit seiner Predigt des Evangeliums viele missfalle, sich auch wirklich für sein Amt nicht tüchtig genug fühle. Er korrespondierte darüber im November und Dezember mit Luther. Die schwierigen Verhältnisse, welche die Haltung des Kurfürsten mit sich brachte, trugen ohne Zweifel mit dazu bei. 
98  Ferner hegte er den Wunsch, in den Ehestand zu treten, was er doch auf seinem Posten nicht möglich fand. Luther aber machte ihm das Ausharren auf diesem aus Liebe zum Kurfürsten dringend zur Pflicht: er dürfe diesen, der wohl dem Grabe nahe stehe, nicht verlassen und seine letzten Tage dadurch betrüben, dass er einen neuen Diener annehmen müsse. (n98
99           Durch jenes Verhalten der Reichsstände und vornehmlich durch das (603) Friedrichs erhielt nun die deutsche Reformation ihren eigentümlichen Gang in diesen jahren ihrer Begründung, -- einen Gang, der auch am meisten den neuen Grundsätzen Luthers entsprach. Sie blieb geschützt vor übermächtigen äussern Angriffen, vor gewaltsamer Unterdrückung und vor dem Drange, sich mit Gewalt und Blut Bahn zu brechen. Anderseits hat ihr in Sachsen, dem Land ihrer Geburt, auch keinerleii obkrigkeitliches Gesetz oder Machtgebot zum Dasein verholfen: der Fürst liess nur gewähren, was Wort und Geist wirkte und was er selbst noch in weit engeren Grenzen zu halten gewünscht hatte. 
Videre til koestlin5,7! 

Noter:

n7:  Br 2,23f (S. 23 ist consilium nicht -- nach de W.-- in consultum zu ändern, vgl E3, 190). 249. 254. 262. 281f. (E4, 22. 23. 45. 53) -- WA 11,229ff. (EA 22,59ff) EA 16,474. Vgl auch E. Brandenburg, L.s Anschauung vom Staat u. d. Gesellschaft. Halle 1901.

n26:  Tzl. 2,279. -- Br 2, 249. 263. 581. (E4, 5f. 37. 85) EA 20, 35. -- Kolde, Friedr d. W. 61ff.

n31:  Op. v. a. 6, 460ff. WW 15, 2543ff. 2534ff. Raynaldus Ann. eccl. 1522 n. 60ff. 65ff.

n33:  WW 15, 2550ff- 2625ff. Spal. Ann. 81ff.

n41:  Das 1. Breve: Op. v. a. 6, 459f. Das 2. lässt sich rekonstruieren aus der Instruktion für Planitz in Kirchengesch. Studien, H. Reuter gewidmet 1888, 216ff., und aus Pallavicini Hist. Conc. Trid. I, 2 c. 8. n. 20. Friedrichs Antwort Spal. Ann. 79 (vgl CR 1, 585ff.: Januar 1523). Das 3. Breve: Raynaldus, Ann. eccles. ad a. 1522 n. 73. Pallavicini a. a. O. Op v. a. 6, 478ff. Der latein. Druck: Panzer Annales IX, 132 n. 142; der deutsche: Katholik 1873, 2, 242. -- Br 2, 357. 378. 400 (E4, 178. 200. 220.) -- Vgl die Abhandlungen von Otto in Katholik 1873, 2, 237ff., H. Ulmann in DZGW 1893, 10, 1ff. u. Kolde in Kirchengesch. Studien 202ff.

n43:  WA 11, 337ff (EA 64,410ff. Op v. a. 6, 466ff).

n50:  WA 12,58ff. Spal. Ann. 71ff. Br 2,311 (E4 96). Seid. Br. 18ff. Br 2 357. 367ff. (E4, 174ff. 178).

n51:  CR 1, 621ff.

n59:  Br 2, 164f. 285f. (6,37) 299. 305f. 316 (E4, 56f. 60f. 62. 75f. 123). E4, 49. Seid, Erl. 59ff. Seck. 1, 261. E. Kück, H. v. Cronberg als Interpolator des von L. an ihn gerichteten Missives in ZKG 19, 196ff. Mende, Fr. v. Sickingen (Progr.) Dresden 1863, 68. WA 11,247. -- Über Herzog Georg (ein Gedicht desselben im Reformationsstreit) vgl. auch Seidem. in Schnorr v. Carolsfelds Archiv für Literaturgesch. 3, 1, 45ff. 168 (auch Archiv f. sächs. Gesch. 12, 1, 104f).

n62:  Spal. Menck. 612f. 615. Spal. Nachl. 173. Die Schriften H. v. Cronberg. Halle, 1899, S. XXXVIIff 95ff.

n66:  Br 2, 170. 265. 340f. (E4, 40. 141. 143). CR 1, 598.

n71:  Seck. 1, 261. Br 2, 299 (E4, 62). EA 22,101. Br 6, 38f (E4, 76ff) CR 1, 600ff. Im Sommer 1523 empfahl Planitz dem Kurfürsten, L. aus Kursachen ziehen zu lassen: Baumgarten, Karl V. 2, 335f.

n75:  Muther, Aus d. Univers.- u. Gelehrtenleben u. S. 230ff. Br 2 358ff (E4, 180ff) WA 12,68ff  (Op v. a. 7, 500f). ZhTh 1874, 560f. Briefw. d. Jon. 1,98.

n76:  597,2: Br 2,421 (E4, 244f)

n82:  599,1: Förstem., N. Urkundenb. 113ff. 160ff. Spal. Menck. 633f. Spal. Nachl. 194 (als Zahl der Kommunikanten wird hier nicht 300, sondern 3000 zu9 lesen sein nach Sp. menck. 634; nach v. d. Planitz, bei Förstem. 173, waren es 4000). -- Reichstagsabschied: WW 15, 2675. Mandat: EA 24,240ff. Förstem. 189ff. Weitere Literatur s. WA 15,245.

n86:  600,1: WA 15,241ff (EA 24,220ff.). Br 2, 473 (E 4, 295).

n88:  600,2: Förstem. 204f (Tzl. 2, 204ff. WW 15, 2705ff.). (Die Nachricht L.s, Kolde Anal. 56, E 5, 14, dass Herzog Georg "crudele mandatum Caesaris" veröffentlicht habe, kann wohl nicht auf das Schreiben vom 15. [nicht 27.] Juli bezogen werden, denn dies langte z. B. in Kursachsen erst am 30. Sept. an, Förstem. 204).

n93:  602,1: Seck. 1, 290. Spal. Menck. 614. 616. 642. Br 2, 507 (E 4, 317. vgl. Br 6, 612. Bk 70: Melanchth. (Cr 1, 652) u. Bugenhagen gaben über jene Frage wegen des Abendmahls ein mit Luther übereinsstimmendes Gutachten und Spalatin übersetzte es). Köstlin, Friedr. d. W. 101f.

n95:  602,2: EA 29, 161, 26(2), 67. Köstlin a. a. O. 56. Spal. Nachl. 34. Wohl hat L. 1518 in Weimar vor Friedrich gepredigt, aber von einer persönlichen Begegnung (Lenz, M. Luther 69) erfahren wir nichts. Auch Br 1, 396 (wo coenavimus statt certavimus zu lesen ist, E 2, 305) spricht nicht notwendig für eine Begegnung; vgl. ThLBl 1884, 66. 95. -- Briefe über Leimbach: Br 6 673 u. Bk 516 sub voce.

n98  602,3: Br 2, 570. 573 (E 5, 76. 81). Seck. 1, 314. Schlegel, Vita Spal. 213. Engelhardt, Spalatin 45f. (Seid. Br. 23 = Br 6, 52 gehört nicht hierher, denn es ist ein Stück aus dem Briefe vb. 3. Sept. 1528 Br 3, 372; E 6, 376, vgl. 5, 78).