Julius Köstlin: Luther, sein Leben und seine Schriften
Fünftes Buch: (Fünfte neubearbeitete Auflage, nach des Verfassers Tode fortgesetzt von D. Gustav Kawerau)
Der erste kirchliche Neubau und der Kampf mit Schwärmerei und Aufruhr. Luther bis zu seiner Heirat 1525.
Berlin 1903

Kap. 5: Arbeit am göttlichen Wort, Bibelübersetzung und Auslegung


Tilbage til Köstlin, indholdsfortegnelse!

Indhold: Das deutsche Neue Testament 562. #1. -- Luthers Vorreden dazu 564. #10. -- Aufnahme des Neuen Testaments 568. #28. -- Übersetzung der fünf Bücher Mose 569. #33. -- Die weiteren Teile des Alten Testaments 572. #47. -- Betbüchlein 574. #59. -- Predigttätigkeit und Kirchenpostille 575. #65. -- Auslegung biblischer Bücher 577. #75. -- Predigten 578. #80. -- Akademische Tätigkeit. 579. #86.

Tilbage til oversigten!

Tilbage til koestlin5,4!
 
1          Die grösste Gabe für sein deutsches Volk und das wichtigste Mittel für den Kampf gegen ein unchristliches Kirchentum und für den Aufbau neuen christlichen und kirchlichen Lebens brachte Luther in seiner Übersetzung des Neuen Testaments von der Wartburg mit. Es äusserte später öfters, dass er die Hoffnung gehegt habe, wenn einmal die Bibel in aller Hände kommen werde, so werde das viele menschliche Bücherschreiben ein Ende nehmen; Gottes Wort werde genügen. 
          Seit seiner Rückkehr nahm er mit anhaltendem Fleiss in Gemeinschaft (563) mit Melanchthon, nach dessen Hilfe er schon auf der Wartburg sich gesehnt, seine Arbeit aufs neue durch und bereitete sich schon auch zur Übertragung des Alten Testaments vor. Melanchchon erschien das Unternehmen kühn, aber wert, dass alle, so viel sie können, dazu beitrügen. Sobald ein Teil des neutestamentlichen Textes fertig war, wurde er auch schon in die Presse gegeben. Der Drucke und die weitere Arbeit am Manuskript liefen neben einander her. Inzwischen wandten sich Melanchthon und Luther auch noch an Freunde ausserhalb Wittenbergs wegen verschiedener einzelner Punkte um Rat, und zwar ganz besonders an Spalatin. 
3  Sie hatten namentlich auch zu seinem Geschick und seiner Bildung in der deutschen Sprache sonderliches Vertrauen, wie ja Luther ihn bald nachher auch zum Dichten deutscher Gesänge ermuntern wollte. Nur ermahnte ihn Luther, ihnen lauter einfältige, volkstümliche deutsche Ausdrücke an die Hand zu geben, nicht Wörter des Schlosses und Hofes.   
4          Man sieht aus einzelnen, noch vorhandenen Anfragen Melanchthons und Luthers, wie sie mit einer bis ins kleinste gehenden Sorgfalt nach den treffendsten Ausdrücken suchten, auch wie sehr ihnen dies bei dem damaligen Stand der deutschen Sprache und Übersetzungskunst noch erschwert war. Luther sagt später, sie hätten oft mehrere Wochen lang nach einem einzigen Wort gesucht und auch so noch oft vergeblich. Namentlich wo "kräftige, emphatische" Wörter nötig seien, wünschten sie Rat; so besann sich Luther z. B. lange weden der Übersetzung von 1 Mos. 2,20, wo wir jetzt bei ihm lesen, dass "für den Menschen keine Gehilfin gefunden ward, die um ihn wäre": es schien ihm weder "neben ihm", noch "für ihn", noch "um ihn" genügend.   
5   Ein deutsches Wort fehlte ihm z. B. für "Person"; auch darüber wurde Spalatin gefragt und das Fremdwort dann doch an mehrere Stellen aufgenommen. -- Was das Sachliche betrifft, so erstreckte sich die Sorgfalt auf kleines wie auf grosses. Auch für Dinge, die keine unmittelbare religiöse Bedeutung hatten, wünschte Luther möglichste Sicherheit und Klarheit. So bat er Spalatin, ihm die in der Offenbarung Johannis Kapitel 21 aufgeführten Edelsteine zu benennen und zu beschreiben, womöglich auch Exemplare derselben ihm vom fürstlichen Hof her zu verschaffen. Derselbe Spalatin sollte behilflich sein, die deutschen Namen für die im mosaischen Gesetz erwähnten Tiere zu treffen. Melanchthon befleissigte sich sehr einer Untersuchen der Münzen, die im Neuen Testamente vorkommen, und schrieb deshalb an verschiedene ihm befreundete Humanisten. (n5
6           Der Druck des Werkes wurde Melchior Lotther in Wittenbert anvertraut. Schon am 10. Mai sandte Luther die ersten gedruckten Bogen des Neuen Testaments an Spalatin. Die Evangelien und die Apostelgeschichte einesteils, die apostolischen Briefe andernteils kamen neben einander in die (564) Presse. So waren bis zur ersten Hälfte Juli das Matthäus-, Markus- und Lukas-Evangelium und zugleich der Römer- und die Korintherbriefe fertig. Die einzelnen Bogen liess Luther fort und fort lieferungsweise Spalatin und Herzog Johann zugehen; jener sollte sie auch dem Kurfürsten mitteilen. Sonst wurden sie sorgsam geheim gehalten, bis das Ganze hinausgehen werden könne: Hauptursache für diese Fürsorge war ohne Zweifel die wohlbegründete Furcht vor Nachdruckern, die sich andernfalls sogleich auf das Buch geworfen, dem rechtmässigen Verlegen Schaden zugefügt und dem Gesamteindruck des Werkes durch stückweise Veröffentlichung Eintrag getan haben würden. 
7  Gegen Ende Juli arbeiteten, wie Luther berichtet, zu gleicher Zeit drei pressen daran, indem jetzt auch die Offenbarung Johannis neben jenen beiden andern Reihen von Schriften vorgenommen wurde, und leisteten, so viel sie vermochten. Noch glaubte Luther die Vollendung des Werkes nicht vor Michaelis erhoffen zu dürfen. Sie erfolgte indessen schon zum Matthäusfeiertag, dem 21. September. An 20. schickte Luther Exemplare, die bis auf die Vorrede zum Römerbrief fertig waren, durch Spalatin an den Kurfürsten und an Johann Friedrich; an Herzog Johann hatte er durch dessen Hofprediger Stein ein Exemplar nach Weimar gesandt. Die Römerbrief-Vorrede folgte in einer nächsten Sendung nach: wie begierig war man also bei Hofe nach diesem Werke! Am 25. schickte Luther eines der ersten fertigen Exemplare auch seinem treuen Wartburgwirte, dem Schlosshaupptmann von Berlepsch. (n7
8          Das Buch ging aus in Folio mit dem einfachen Titel: "Das Newe Testament Deutsch. Vuittenberg", ohne Angabe des Übersetzers, des Druckers und der Jahreszahl. Luther wollte, dass die deutsche Christenheit es ohne Rücksicht auf seinen, von den einen hoch gefeierten, von den andern verabscheuten Namen aufnähme. 
9         Lotther setzte den Kaufpreis für die damalige Geldverhältnisse hoch an: zu 1½ Gulden. Sogleich wurde auch ein Nachdruck in Basel angefertigt. Dennoch war die sehr starke Wittenberger Ausgabe schnell vergriffen. Schon im Dezember erschien hier eine zweite Auflage, und Luther befleissigte sich, bereits verschiedene Verbesserungen seiner Übersetzung bei ihr vorzunehmen. (n9
10         Dem deutschen Texte waren Vorreden Luthers zu den einzelnen neutestamentlichen Briefen, der Offenbarung Johannis und dem Neuen Testament im ganzen, ferner einzelne kurze, erklärende Randbemerkungen beigegeben. Luther und Melanchthon wünschten, dem Buch eine Beschreibung des heiligen Landes voranschicken zu können. Melanchthon suchte dazu eine römische Karte des Landes zu bekommen, die im Besitz eines Leipziger Antiquars sich befinden sollte, die Ausführung unterblieb jedoch aus Gründen, die wir nicht nähre kennen: der Gedanke war wohl für die damalige Zeit (565) noch zu kühn. Auch wurde das Buch mit Holzschnitten Cranachs zum Eingang der verschiedenen Schriften und einzelner Kapitel, ferner mit einigen grösseren zur Offenbarung Johannis ausgeschmückt. (n10
11         Luthers Vorwort zum Neuen Testament beginnt: "Es wäre wohl recht und billig, dass dies Buch ohn' alle Vorrede und fremden Namen ausginge und nur sein selbst eigen Namen und Rede führte". Um der Verwirrung und Unwissenheit willen, welche durch die Deutungen und Vorreden anderer verursacht worden sei, findet er es indessen nötig, dem einfältigen Manne vorher anzuzeigen, was er in diesem Buch zu erwarten habe und ihn aus dem alten Psalm auf die rechte Bahn zu führen. 
12 So erklärt er hier, was das Evangelium und Neye Testament sei; nämlich "eine gute Märe und Geschrei, in alle Welt erschollen durch die Apostel, von einem rechten David, der mit der Sünde, Tod und Teufel gestritten und überwunden und alle die Gefangenen ohn' ihr Verdienst erlöst hat", -- schon zuvor verheissen durch die Propheten und seit Adam und Abraham im Alten Testament. Daraus solle man ja nicht ein Gesetzbuch, -- aus Christus nicht einen Moses machen, wie bisher geschehen sei. Auch wisse man das Evangelium noch nicht, wenn man Christi werke und Geschichte kenne; sondern dann wisse man es, wenn die Stimme komme, die dem Leser sage, dass Christus sein eigen sei mit Leben, Lehren, Werken, Sterben, Auferstehen und allem, was er sei und habe, tue und vermöge. 
13          Insonderheit wollte Luther sodann die Leser in den Römerbrief einführen, dem er selbst sein Licht darüber, wie wir in Christus selig werden sollen, am meisten verdankte. Diese Epistel, sagt er, ist das rechte Hauptstück des Neuen Testaments, würdig und wert, dass sie ein Christenmensch nicht allein von Wort zu Wort auswendig wisse, sondern täglich damit umgehe als mit täglichem Brot der Seelen. Er legt den Lesern kurz diie Grundbegriffe seiner ganzen evangelischen Lehre dar, indem er ihnen im Vorwort zu er Epistel erklärt, was Paulus mit den Worten Gesetz, Sünde, Fleisch, Gnade, Glaube, Gerechtigkeit, Geist meine, und ihnen eine Übersicht über den Brief gibt; ähnlich war damals in den Loci Melanchthons aus Erläuterungen zu diesem Brief die erste reformatorische Dogmatik hervorgegangen (oben S. 442 = 4,1#48). 
14   Eine sorgsame Rücksicht auf die Fassungsgabe, welche er noch bei der Menge der Leser vorauszusetzen hatte, zeigt er hierbei darin, dass er bei Kap. 9-11, wo von der Prädestination oder göttliche "Versehung" zu reden war, mit der kurzen Bemerkung sich begnügt: man solle zuerst nach den vorangehenden Kapiteln die eigne Sünde und Christi Gnade erkennen und dann mit der Sünde streiten; darnach, wenn man mit dem 8. Kapitel unter das Kreuz und Leiden gekommen sei, werde man hierdurch recht lernen die Versehung, wie tröstlich sie sei; sonst könne man von ihr nicht ohne Schaden handeln; man dürfe nicht den starken Wein trinken, so lange man noch ein Säugling sei.   
15  Den Glauben, durch welchen man der Gottesgerechtigkeit teilhaftig werden soll, stellt er zugleich sehr nachdrücklich nach seiner sittlichen, praktischen Seite dar: er ist eine lebendige Zuversicht auf Gottes Gnade und macht hierdurch das Herz "fröhlich und trotzig"; zugleich soll er von selbst Gutes wirken gegen jedermann und gar nicht für Glauben anerkannt werden, wo er nicht hierin sich bewärht. "Er ist", sagt Luther, "ein göttlich Werk in uns, dasd uns wandelt und neu gebiert aus Gott, -- machet uns ganz andere Menschen von Herzen, Mut und Kräften; -- o es ist ein lebendig, geschäftig, tätig, mächtig Ding um den Glauben, dass unmöglich ist, dass er nicht ohne Unterlass sollte Gutes wirken; -- solche Zuversicht göttlicher Gnade machet fröhlich, -- daher man ohne Zwang willig (566) und lustig wird, jedermann Gutes zu tun, zu dienen und zu leiden, Gott zu Lieb und zu Lob, der einem solche Gnade erzeigt hat, also dass unmöglich ist, Werke vom Glauben scheiden, ja so unmöglich als Brennen und Leuchten vom Feuer mag geschieden werden;  -- wer nicht solche Werke tut, weiss weder was Glaube noch was gute Werke sind". Wir haben in dieser Vorrede zum Römerbrief überhaupt eine der anregendsten kurzen Ausführungen Luthers von den Grundwahrheiten des Evangeliums. 
16       Als Buch aller Bücher wollte so Luther die heilige Schrift dem ganzen deutschen Volk zu eigen machen. Aber während er sie so über alles schätzt, eröffnet sich uns in seinen Vorreden noch eine andere Seite seiner Stellung zu ihr. Der wahre Sinn und Wille der göttlichen Offenbarungen und Heilstaten hatte sich ihm erschlossen zunächst von jener Verkündigung des Apostels Paulus aus, mit der seine eigne Erfahrungen in Sündennot und Genuss der Versöhnung so ganz zusammentraf. Unter Jesu Worten waren es vor allem die im Johannesevangelium in welchem sich ihm der Erlöser und Gottessohn mit seiner Fülle der Gnade und Wahrheit offenbarte.   
17  In Jesu Geschichte erfasste sein Glaube als Haupttatsachen die des Todes, in welchem unsere Sünde und unser Tod verschlungen, und der Auferstehung, in welcher das Leben ans Licht gebracht ist. In diesem Mittelpunkte stehend, will er von hier aus das gesamte Schriftwort betrachtet haben. Und von hier aus urteilt er nun auch frei über den eigentümlichen Gehalt, Charakter und Wert der verschiedenen einzelnen Schriften, welche im Buch des Neuen Testaments vereinigt waren.   
18 Es ist derselbe Standpunkt, von welchem aus er schon im Streit mit Eck (oben S. 256) die Autorität des Jakobusbrief kühn zurückwies, als sie gegen die Glaubensgerechtigkeit geltend gemacht wurde. So fährt er jetzt in seiner Vorrede zum Neuen Testament nach jener Erklärung über das Wesen des Evangeliums fort: "Aus diesem allen kannst Du nun recht urteilen unter allen Büchern und Unterschied nehmen, welche die besten sind". Er bezeichnet als solche das Evangelium Johannis nebst dessen erstem Brief, die Briefe des Paulus, vor allem den an die Römer, ferner die an die Galater und Epheser, endlich den ersten Brief Petri; sie seien der rechte Kern und das Mark unter allen Büchern; sie zeigen Christum und alles, was zu wissen not und selig sei.
19    "Darum," sagt er, "ist Sankt Jakobs Epistel eine recht stroherne Epistel gegen sie, denn sie doch keine evangelische Art an ihr hat". Luthers spezielle Vlorrede zu diesem Brief redet gemässigter von ihm, lobt, dass er keine Menschenlehre setze, sondern nur Gottes Gesetz treibe, erkennt auch seine gute Absicht an, dem falschen Vertrauen auf einen der Werke ermangelden Glauben zu wehren, meint aber, Jakobus sei mit seinem Verständnis und seinen Worten für diese Sache zu schwach gewesen, so dass er mit Gesetztreiben ausrichten wolle, was die Apostel mit Reizen zur Liebe ausgerichtet haben, und dabei der Lehre des Paulus von der Glaubensgerechtigkeit stracks widerspreche. 
20 Auch vermisst Luther im Brief eine Lehre von Christus: das aber sei der rechte Prüfstein für alle Bücher, wenn man sehe, ob sie Christum treiben oder nicht; was Christum nicht lehre, sei nicht apostolisch, wenn's gleich Petrus oder Paulus lehreten, was Christum predige, apostolisch, wenn's gleich Judas, Hannas oder Pilatus täte. Er erinnert übrigens zugleich daran, dass dieser Brief in der alten Kirche noch nicht allgemeine Anerkennung genossen habe. Eben dies bemerkt er dann auch in Betreff des Hebräerbriefs, Judasbriefs und der Offenbarung Johannis. 
21   Auch bei dieser aber sind die Bedenken, welche ihr Inhald ihm erweckte, für ihn noch stärker. Den Hebräerbrief nennt er eine ausbündige, feine Epistel, das Werk eines trefflichen, gelehrten, im Glauben erfahrenen und in der Schrift geübten Mannes. Dass aber Paulus, welchem er denselben noch (567) im Jahre 1521 unbefangen beilegte, der Verfasser nicht sein könne, ist ihm jetzt schon aus Hebr. 2,3 klar, wonach der Briefsteller seine Lehre erst von den Aposteln überkommen hatte; und indem er in dem Brief den Satz zu finden glaubt, dass für Sünder nach ihrer Taufe keine Busse mehr möglich sei, scheint ihm dies ein harter Knoten, der schwerlich im Einklang mit den Evangelien und mit Paulus sich lösen lasse.   
22 Bei der Epistel des Judas weist er namentlich darauf hin, dass sie fast nichts sage, was nicht im 2. Petribrief stehe, und dass sie (Vers 9. 14f) Sprüche und Geschichten anführe, die nicht aus der heiligen Schrift stammen. Bei der Offenbarung Johannis  stösst er sich an den dunklen Visionen, während Jesus und der Apostel Weissagung in klaren Worten sich bewege, findet auch zu wenig Lehre und Erkenntnis von Christus in ihr; er wolle, sagt er, darin jedermann seines Sinnes walten lassen, sein Geist aber könne sich in das Buch nicht schicken.   
23        Offen, wie sie seinem Geiste damals sich aufgedrängt hatten, trägt Luther alle diese Wahrnehmungen der christlichen Gemeinde vor. Er hält es nicht für nötig, einem anstoss vorzubeugen, der hieraus für den Glauben an die Schrift überhaupt sich erheben könnte. Ja, er hat hiernach auch die Reihenfolge der neutestamentlichen Bücher, welche er in der kirchlichen Sammlung vorfand, für die Bibel, die das deutsche Volk von ihm empfangen hat und noch jetzt besitzt, selbständig geändert. Dort stand der Hebräerbrief unmittelbar hinter den paulinischen und ihm folgte der Bries des Jakobus. Erst durch Luther sind beide hintangestellt worden vor den Judasbrief und die Offenbarung Johannis. 
24 Indem er zu diesen übergeht, erklärt er: "bisher haben wir die rechten gewissen Hauptbücher des Neuen Testaments gehabt, diese vier nachfolgenden aber haben vor Zeiten ein ander Ansehen gehabt". Und auch im Register scheidet er sich scharf durch einen Absatz und dadurch, dass er sie nicht mit fortlaufenden Ziffern mit den andern mitzählt, von den übrigen Büchern des Neuen Testaments. 
25        Gegenwärtig werden unbefangene Theologen, auch wenn sie im übrigen verschiedene Ansichten über Ursprung und Charakter der neutestamentlichen Schriften hegen, doch darin übereinstimmen, dass von Luther hier der eigentümlicht Wort, den die drei ersten Evangelien neben dem des Johannes für unsere Kenntnis des Erlösers haben, nicht gehörig gewürdigt ist, und dass auch dem Jakobusbrief im geschichtlichen Zusammenhang der apostolischen Lehrentwicklung und im inneren Zusammenhang des Offenbarungswortes doch eine höhere Bedeutung zukommt. Auch hat Luther selbst nachher seine Äusserungen teilweise modifiziert: er hat den Schluss seiner Vorrede zum Neuen Testament mit den worten von dder strohernen Epistel in späteren Ausgaben weggelassen; jenen "Knoten" im Hebräerbrief löste er durch eine andere Auslegung der betreffenden Sätze; an die Stelle jener Vorrede zur Offenbarung Johannis setzte er eine andere, die zwar ihren apostolischen Ursprung dahingestellt sein lässt, jedoch am Charakter ihrer Visionen nicht mehr solchen Anstoss nimmt und selbst versucht diese auszulegen. 
26 Allein sonst kehren sehr scharfe Urteile über Jakobus noch bis in den letzten Abschnitt seines Lebens wieder. (n26) Jene Freiheit der Prüfung und des Urteils hat er prinzipiell sich immer gewahrt. Und in der Tat hing sie wesentlich zusammen mit dem Grundcharakter seines evangelischen Standpunktes, mit dem Weg, auf dem er zu seinem festen, frohen Glauben an die christliche Heilswahrheit gelangt war, und mit der Art, wie sich diese für ihn fort und fort innerlich bezeugte und rechtfertigte, ohne durch jene Kritik Schaden zu leiden. -- 
27         Den Wünschen und Hoffnungen, mit denen Luther sein Werk hinaus- (568) gab, entsprang die freudige, begierige Aufnahme, die es in der Gemeinde fand. Auch während der folgenden Jahre wurde eine neue Auflage um die andere notwendig. Das göttliche Wort in seiner reinen Gestalt konnte jetzt wirklich, wie Luther wollte, zum täglichen brot für alle hungernden Seelen werden. Schon begann sich zu erfüllen, was damals Eberlin, einer der hervorragendsten volkstümlichen Prediger der Reformation, als Wunsch aussprach: "Ein heilsam Ding wäre, dass jeglicher Christ eine Bibel im Haus hielte, wer lesen könnte, täglich eine Zeit, lang oder kurz, darin läse, sein Herz dadurch zu Gott richtete, seine Sitten gegen den Nächsten, und andrer Bücher müssig stünde, so viel möglich wäre. Gott gebe, dass wir denselbigen Tag erleben". (n27
28   Über die Wirkungen haben wir aus den Munde des erbitterten Gegners Cochläus ein interessantes Zeugnis. Er berichtet: wunderbar sei dieses Neue Testament vervielfältigt worden, also dass auch Schuster, Weiber und jedwede Laien es gelesen, mit sich herumgetragen und den Inhalt in ihr Gedächtnis aufgenommen hätten; dadurch seien sie binnen weniger Monate so anmassend geworden, dass sie sich erdreistet hätten, nicht bloss mit katholischen Laien, sondern mit Priestern und Mönchen, ja mit Magistern und Doktoren der Theologie über den Glauben zu disputieren. 
29 Bisweilen seien auch wirklich lutherische Laien imstand gewesen, bei Gesprächen mehr Bibelstellen aus dem Stegreif anzuführen als die Mönche und Priester; und Luther habe dem Haufen seiner Anhänger längst die Überzeugung beigebracht gehabt, dass man keinem Satz glauben müsse, der nicht aus der heilige Schrift stamme. So hätten bei jenen nun die gelehrtesten katholischen Theologien doch für Ignoranten in der Schrift gegolten, und Laien hätten hin und wieder sogar öffentlich vor dem Volk den Theologien widersprochen, weil diese Lügen und menschliche Erfindungen gepredigt hätten. 
30 Katholischerseits erkannte man sogleich die grosse Gefahr einer deutschen Bibel und nahm natürlich ohnedies an Luthers Vorreden und Glossen schweren Anstoss. Herzog Georg von Sachsen verbot alsbald (schon am 7. November) das Buch und befahl, alle in sein Land eingedrungenen Exemplare der Obrigkeit abzuliefern; die Ungehorsamen wurden mit strengen Strafe bedroht, die Gehorsamen sollten keinen Schaden haben: Georg liess ihnen den Preis der Bücher wiedererstatten. Nicht minder ergingen Verbote in Bayern, Österreich, der Mark Brandenburg und andere Gebieten. Johann Fabri aber rechtfertigte solche Verbote, indem er schrieb: "denn dein Testament schädlicher ist, denn der Abgötter Bücher zu Epheso (Apg. 19,19), ja es hat mehr Schaden getan, denn der Hagel in Ägypten". 
31 Die Leipziger theologische Fakultät wurde vom Herzog zu einem Urteil über Luthers Werk aufgefordert, bemerkte auch sogleich, dass seine Dolmetschung an vielen Orten nicht wahrhaftig sei, erbat sich jedoch für die Ausführung ihrer Kritik längere Zeit und (569) liess dann ihre Arbeit nie an den Tag kommen. (n31) Emser, vom Herzog und vom Merseburger Bischof angetrieben leistete mehr. Er gab 1523 eine Schrift heraus, worin er Luthern nicht weniger als 1400 Fehler und ketzerische Irrtümer nachgewiesen haben wollte: es waren grösstenteils Abweichungen von der lateinischen Übersetzung der Kirche, bei denen Luther richtig dem griechischen Grundtext folgte; oder er forderte eine wörtliche Übersetzung, wo Luther nach seiner Auffassung der Aufgabe des Übersetzers freier verfuhr; die vereinzelten Stellen, bei denen etwa Emser recht hatte, waren sehr untergeordneter Art und ohne Belang für die Fragen des Glaubens, zum Teil nur Druchversehen. 
32 Eine Fälschung wirklich nachzuweisen, war ihn trotz alles Fabelns von einem "hussischen Buche", dem Luther gern folge, nicht geglückt. Später, im Jahre 1527, veröffentlichte er selbst auf Drängen Herzog Georgs eine "emendierte, restituirte und allenthalben zurechtgebrachte" Übersetzung des Neuen Testaments, um, wie er sagt, das Verkehrte wieder zurecht zu bringen, und zwar mit der beigefügten Erklärung, dass die Schrift allein den Geistlichen befohlen sei, und die Laien vielmehr um ein gottselig Leben als um die Schrift sich bekümmern sollten; es war eine nach der lateinischen Bibell durchkorrigierte Ausgabe der Übersetzung Luthers. Georg soll indessen die Leistung Luthers nachher so gewürdigt haben, dass er äusserte: "Wenn doch der Mensch die Bibel vollends deutsche und ging darnach hin, wo er wollte." (n32
33         Während sein Neues Testament gedruckt wurde, begann Luther seine Arbeit auch am Alten mit den Büchern Mose. Für sie hatte er in seiner Einsamkeit auf der Wartburg sich noch zu schwach gefühlt. Jetzt half ihm neben Melanchthon namentlich Aurogallus, der neu angestellte Lehrer fürs Hebräische in Wittenberg (oben S. 444 = 4,1#59). Bei Luthers ganzer Bibelübersetzung leistete auch der Wittenberger Diakonus Georg Rörer treue Dienste, besonders für die Redaktion und Korrektur des Druckes. Luther selbst hatte zwar, wie wir gesehen haben, bei seinem Lieblingsstudium der Psalmen und bei seinen Vorlesungen über sie sich längst in der Sprache des Alten Testaments geübt, längst auch die Schriften Reuchlins sich dafür zu nutzen gemacht. 
34 Allein er war, wie er noch später von sich bekannte, doch kein "grammatikalischer und regelrechter Hebräer". Aurogallus hatte unter den dreien ohne Zweifel am meisten ordentliche Schulbildung im Hebräischen, nächst ihm Melanchthon. Luther verdankte, wie er selbst sagt, seine Bekanntschaft mit der Sprache des Alten Testaments vornehmlich seiner fortwährenden Lektüre desselben, bei welcher er die einzelnen Aussprüche zu ihrer gegenseitigen Beleuchtung und Erklärung zusammenhielt. Und er hat hierdurch und vermöge des ihm eignen feinen Sprachsinnes auch seinerseits Grosses erreicht.
35 Zudem zog die Eigentümlichkeit dieser Sprache mit ihrer Originalität, ihrer "eignen Farbe", ihrem Reichtum an anschaulichen, kräftigen, anmutigen Bildern und (670) zugleich mit der Einfachheit ihrer Wortbildung ihn ganz besonders an. Er fand es bei vielen jener Ausdrücke sehr schwer, sie passend wiederzugeben. Hatte er aber einmal ihren Sinn sich klar gemacht, so war gerade er mit seinem lebendigen Gefühl für eine volkstümliche deutsche Rede und mit seinem steten Horchen auf den Mund seines Volkes ganz vorzüglich geeignet, dieselben in gleich wirksamen Formen der Muttersprache umzugiessen. 
36 Da suchte er dann in echt deutschen Worten und Wendungen denselben Sinn und dieselbe Wirkung zu erzielen, während er vermöge dieses Interesses eine strenge Buchstäblichkeit der Übertragung hintansetzte. Diese fand er beim Alten Testament weit wenig möglich und angemessen als beim Neuen. Er ist so teilweise sehr frei verfahren, hat uns aber dafür mit einer Reihe von Kernaussprüchen beschenkt, welche in Geist, Gemüt und Mund des Volkes übergingen, wie es bei einer wörtlichen Übersetzung nicht möglich gewesen wäre. -- Für den hebräischen Text gebrauchte er eine Ausgabe des Alten Testamentes, die in Brescia 1494 erschienen war (die Berliner Bibliothek besitzt noch sein Handexemplar). -- 
37 Von älteren Hilfsmitteln benutzte er die kirchliche lateinische Übersetzung und die griechische der alten alexandrinischen Juden (der sogenannten Septuaginta). Unter den ältern Erklärern schätzte er jetzt weit mehr als früher den Nikulaus von Lyra, dessen Stehenbleiben beim Buchstaben der Schrift ihm einst missfallen hatte. Nach seinem Vorwort hat er, wie wir unten hören werden, auch mit jüdischen rabbibischen Auslegungen sich bekannt gemacht. Wir können jedoch nicht sagen, wie weit er die damals bereits gedruckten Schriften der mittelalterlichen Gelehrten Moses und David Kimchi bereits direkt benutzt oder jene Auslegungen vielmehr in Citaten Lyras kennen gelernt hat. 
38 Zudem har er die nach einem Werke Davids bearbeitete Sprachlehre Reuchlins gebraucht. Er äusserte später, dass er, wenn er jetzt das Hebräische studieren wollte, hauptsächlich jene beiden Kimchi als Grammatiker zu Rate ziehen würde, bekannte aber hiermit freilich auch, dass er es bis dahin nicht so getah habe, wie er es getan haben möchte. Die Schriften des christlichen und evangelischen Orientalisten Sebastian Münster, den er später einigemale erwähnt, waren damals noch nicht erschienen. Überhaupt waren die Übersetzer des Alten Testaments noch überall auf eignes Suchen, Forschen und auch Vermuten angewiesen. (n38
39         Die Ausgabe des Alten Testaments veranstaltete Luther in mehrere Teilen, die allmählich auf einander folgen sollten; er fürchtete, das Buch würde, wenn es auf einmal erschiene, zu gross und kostbar. (n39) Für die Reihenfolge der einzelnen Schriften nahm Luther die herkömmliche der kirchlichen Übersetzung an (nicht die davon wesentlich verschiedene, nach andern Gesichtspunktetn bestimmte Ordnung des hebräischen Kanons). Für (571) die Benennung der einzelnen Bücher und für die Wiedergabe der Eigennamen schloss er sich dagegen enge an die hebräische Bibel an. 
40         Der erste Teil sollte die fünf Bücher Mose bringen. Luther bedauerte, in der Arbeit daran immer wieder durch andere Geschäfte aufgehalten zu werden. In der ersten Novemberwoche 1522 stand er noch am dritte Buche; kurz zuvor hatte er die oben (S 521 = 5,2#47) erzählte Reise nach Weimar und Erfurt gemacht; jetzt wollte er sich zu Haus einschliessen, um endlich rasch voran zu kommen; und wirklich wurde er noch im Dezember mit dem ganzen Mose fertig. Im Dezember war auch schon der Druck im Gange, während Luther und seine Freunde daneben noch fleissig seine Arbeit revidierten. (n40
41 Es erschienen im Laufe des Jahres 1523 zwei Auflagen dieses Teiles nach einander aus der Druckerei Lotthers, ferner drei Nachdruck-Ausgaben in Augsburg und eine in Basel: weitere dann in den folgenden Jahren an verschiedenen Orten. 
42         Auch dem alttestamentlichen Texte setzte Luther Glossen bei. In einer Vorrede ermahnte er zu fleissigem Lesen der alttestamentlichen Schriften überhaupt, weil Christus und die Apostel "das Neue Testament so mächtiglich grüinden und bewähren durchs Alte", und bat einen jeglichen frommen Christen, sich nicht zu stossen an der einfältigen Rede und Geschichte, die ihm hier oft begegnen werde, sondern nicht zu zweifeln, dass es eitel Worte, Werke und Gerichte der hohen, göttlichen Majestät, Macht und Weisheit seien.
43 Er belehrt dann über die Bedeutung des Gesetzes: es werde Gutes gefordert und Sünde angezeigt, bis dass Christus, der Heiland, komme, durch welchen die Sünde vergeben sei. Zugleich erinnert er an die Gnadensprüche, die schon dort neben dem Gesetzt stehen und durch welche die heiligen Väter und Propheten bereits im Glauben Christi erhalten worden seien (Luther nahm mit der ganzen Theologie seiner Zeit eine sehr entwickelte Kenntnis der kommenden Heil und Erlöser schon bei jenen Vätern an). Namentlich weist er hin auuf die Verheissungen und die Exempel des Glaubens, die das erste Buch Mose bringe. 
44        Über seine eigne Arbeit sagt er schliesslich im Vorwort: "Ich bekenne frei, dass ich mich zu viel unterwunden habe, sonderlich das Alte Testament zu derdeutschen; denn die hebräische Sprache liegt leider gar zu sehr darnieder, dass auch die Juden selbst wenig genug davon wissen; -- ich aber, wiewohl ich mich nicht rühmen kann, dass ich alles erlangt habe, darf ich doch das sagen, dass diese deutsche Bibel lichter und gewisser ist an vielen Orten, denn die lateinische, dass es wahr ist, die deutsche Sprache habe hier eine bessere Bibel, denn die lateinische Sprache. -- 
45 Nun wird sich auch der Kot an das Rad hängen und wird keiner so grob sein, der nicht wollte Meister über mich sein und mich hie und da tadeln; -- ist jemand so fast über mich gelehrt, der nehme ihm die Bibel ganz vor zu verdeutschen und sage mir danach wieder, was er kann. Macht er's besser, warum sollte man ihn nicht mir vorziehen? Icbh meinete auch, ich wäre gelehrt, -- aber nun sehe ich, dass ich noch nicht meien angeborene deutsche Sprache kann; ich hab' auch bisher noch kein Buch noch Brief gelesen, da rechte Art deutscher Sprache innen wäre; es achtet auch niemand, recht deutsch zu reden, sonderlich der Herren Kanzleien und die Lumpenprediger und Puppenschreiber, die sich lassen dünken, sie haben Macht, deutsche Sprache zu ändern, -- (572) Summa, wenn wie gleich alle zxusammen täten, wir hätten doch alle genug an der Bibel zu schaffen, dass wir sie ans Lucht brächten, einer mit Verstand, der andere mit der Sprache: denn auch icn nicht allein hierinnen hab' gearbeitet, sondern dazu gebraucht, wo ich nur jemand hab' mögen überkommen. Darum bitt' ich, jedermann lasse sein Lästern, -- sondern helfe mir, wo er kann. -- Gott wolle sein Werk vollführen, das er angefangen hat. Amen". 
46         Zu Unterscheidung der beiden hebräischen Gottesnamen, des den Juden unaussprechlichen Tetragammaton Jhvh (Jahve, Jehova) und des Adonai, die er beide mit "Herr" übersetzte, wendete er das einfache Mittel an, dass er ersteren ganz, letzteren halb, in grossen Buchstaben (HERR, HErr, HERre) drucken liess. 
47         Der zweite Teil, die Geschichtsbücher (von Josua bis Esther) umfassend, kam zu Anfang des Jahres 1524 heraus. Luthers Manuskript, welches dem Drucke zu grunde lag, ist zum grössten Teil noch erhalten im herzoglich Anhaltschen Archiv zu Zerbst. Wir sehen daraus den Fleiss, mit welchem er im Manuskript und noch beim Drucke nachgebessert hat. (n47
48        Für den dritten Teil -- er nennt ihn anfangs kurzweg "die Propheten" -- hatte Luther alle die übrigen alttestamentlichen Bücher (ohne die Apokryphen) bestimmt. Er wusste, dass dieser nicht bloss der grösste, sondern auch der schwerste sein werde. 
49          Besondere Mühe kostete gleich das erste Stück, das Buch Hiob, wegen seines, wie Luther sagt, wuchtigen Stiles (ob styli grandissimi granditatem). Er schreibt an Spalatin: "Hiob scheint ebensowenig unser Dolmetschen ertragen zu wollen, als einst die Tröstungen seiner Freunde". Später äussert er einmal darüber: "Im Hiob arbeiteten wir, Magister Phillipps, Aurogallus und ich also, dass wir in vier Tagen zuweilen kaum drei Zeilen konnten fertigen. Lieber, nu es verdeutscht ist, kann's ich jeder lesen und meistern, läuft einer jetzt mit den Augen durch drei, vier Blätter und stösst nicht einmal an, wird aber nicht gewahr, welche Klötze da gelegen sind, -- da wir haben müssen schwitzen und uns ängsten, ehe wir solche aus dem Weg räumten". In der Tat, die Arbeit jener Männer ist der grössten Hochachtung wert, wenn sie gleich gerade im Hiob noch viele rauhe Steine für ihre Nachfolger liegen lassen mussten. (n49
50         Das Psalmbuch liess Luther noch vor der Gesamtausgabe des dritten Teiles gesondert erscheinen (Mai 1524). Er wollte es speziell zum täglichen Gebrauch den Christen in die Hände geben. Ihm hat er auch jetzt und später, wie schon früher, fortwährend besondere Sorgfalt gewidmet. 
51        Noch unmittelbar vor dieser Ausgabe des ganzen Psalters hatte er eine neue Verdeutschung des 120. Psalms in eins seiner Sendbriefen an auswärtige Bekenner des Evangeliums aufgenommen (vgl unten S. 618): jetzt, im Texte des Psalters, erscheint dieser Psalm schon bedeutend verbessert. Einzelne neue Änderungen folgten dann gleich in seiner Gesamt- (573) ausgabe vom dritten Teil des Alten Testaments und weiter in einer neuen Ausgabe seiner, aus dem Jahre 1517 stammenden Auslegung der Busspsalmen, die er im Jahre 1525 veröffentlichte. 
52 Später hat er seine ganze Psalmenübersetzung noch weiter so durchgreifend, wie die keines anderen biblischen Buches, überarbeitet, um ihr bei freierer Behandlung des Buchstabens immer besseren Wohlklang und echt deutsche Farbe zu geben. Wer seine Übersetzungskunst in ihren Fortschritten verfolgen will, findet hierfür das reichste und interessanteste Material eben in diesen Psalmen. Wir erinnern auch noch an diejenigen, die er bereits früher einzeln veröffentlicht hatte. Im ganzen sind von ihm bis zum Jahre 1525 erschienen: Die sieben Busspsalmen, nämlich Ps. 6. 32. 38. 51. 102. 130. 143 im Jahre 1517 (oben S. 116), Ps. 110 im Jahre 1528 (oben S. 197), Ps. 68. 119 und 37 im Jahre 1521 (S. 437; Anm. 1. zu S. 447; S. 447), die Psalmen 12. 67. 51. 103. 20. 79. 25. 10 in seinem Betbüchlein vom Jahre 1522 (unten S. 574), die besondere Ausgabe des Psalters 1524, die Ausgabe desselben im dritten Teil des Alten Testaments 1524, Ps. 120. 127 und 10 (S. 618. 619. 624) 1524, die neue Ausgabe des Busspsalmen 1525. Da liegt uns also z. B. der 51. Psalm bereits fünfmal mit mannigfalten Änderungen vor, und weitere wurdenihm auch später noch zu teil. (n52
53         Hiob, Psalter und die sogenannten Salomonischen Schriften, nämlich die Sprüche, der Prediger und das Hohe Lied, wurden dann von Luther zum dritten Teil seiner Bibel vereinigt, der dem zweiten noch im nämlichen Jahre 1524 folgte. Auf seine Absicht aber, auch schon die Propheten in diesen aufzunehmen, verzichtete er. Die Aufgabe war nach Umfang und Inhalt doch zu gross. 
54         Aus den Vorreden, mit denen Luther diese Bücher im einzelnen versah, erwähnen wir eine weitere Äusserung über die Sprache des Hiobbuches: sie sei "so reisig und prächtig als keines Buches in der ganzen Schrift". Der Inhalt desselben war und blieb ihm stets sehr wert als Darstellung tiefster Leiden und Anfechtungen, die Gott über die Seinigen kommen und in denen er sie wohl auch straucheln lasse, also dass sie ihn für einen zornigen Tyrannen ansehen; dies bezeichnet er als das höchste Stück in dem Buch, das aber erst denen verständlich werde, die selber Ähnliches erfahren. 
55 Die Sprüche Salomons wünschte er besonders für die Jugend in Brauch und 
Übung zu bringen, damit diese aus ihnen lerne, "vor Gott seliglich nach dem Geist und vor der Welt weislich mit Leib und Gut handeln". Während er übrigens von ihnen sagt, dass sie ihren Ursprung in Gottes Wort und Werk haben, stellt er gerade mit Bezug hierauf diesen biblischen Weisheitssprüchen auch die Sprichwörter zur Seite, welche aus dem Munde des Volkes in allerlei Sprachen und Zungen hervorgehen und auf die er selbst gerne und mit feinem Sinn gehorcht, deren er auch sehr viele in seinen Büchern gebraucht hat. 
56 Denn auch sie, sagt er, seien auf Gottes Werk gegründet und kämen aus demselben, wenn schon Gottes Wort nicht da sei; er meint nämlich hiermit: sie seien mit dem, was sie über den Lauf der Dinge in der Welt aussagen, aus der Erfahrung vom Walten Gottes darin hervorgegangen; (574) man müsse da zuletzt merken, dass ein anderer als wir Menschen "das Rädlein treibt". 
57 Ganz eigentümlich ist seine Auffassung vom Hohen Lied, wie er sie in jener Vorrede und auch später in einer Auslegung des Buches vorgetragen hat: Salomo wolle in diesen reden vom Liebenden uund der Geliebten zeigen, wiie da, wo Gehorsam und gut Regiment sei, Gott wohne und seine liebe Braut mit seinem Wort küsse und herze, und wolle für den Gehorsam als eine Gottesgabe Gott lobsingen: dabei schien ihm das Buch ein gestücktes Werk zu sein, von anderen aus Salomos Mund entnommen. Sein, freilich unhaltbarer, allegorischer Versuch verdient Erwähnung wegen der Originalität, mit der er hier einen neuen Weg einschlug. (n57
58        Mit diesem dritten Teil erlitt die Herausgabe des Alten Testaments einem Stillstand. Die schwere Arbeit an den Propheten wurde besonders durch die Streitigkeiten, welche Luther jetzt auf dem Boden der Reformation selbst zu führen hatte, zu sehr gestört und unterbrochen. 
59         Der Hauptinhalt der im Alten und Neuen Testament geoffenbarten Wahrheit fasste sich, wie wir längst bemerkten, für Luther kurz zusammen in den zehn Geboten, den Sätzen des apostolischen Glaubensbekenntnisses und dem Vaterunser. Diese Stücke sollten jetzt, gemäss der heiligen Schrift ausgelegt, die Bibel selbst nicht etwa fürs Volk ersetzen, vielmehr in das Verständnis und die eigne Lektüre derselben erst hineinführen. So liess Luther zur gleichen Zeiit mit seinem Neuen Testament auch eine neue Ausgabe seiner "kurzen Form" der zehn Gebote u. s. w. erscheinen, welche er 1520 zuerst neu veröffentlicht hatte (oben S. 291f.). Sein nächster Zweck hierbei war, damit diejenigen Betbüchlein zu beseitigen, in welchen "so mancherlei Jammer von Beichten und Sünde erzählen, so unchristliche Narrheit in den Gebetlein zu Gott und seinen Heiligen, den Einfältigen eingetrieben werde", und welche dennoch mit Ablassverheissungen und rotem Titel sich hoch aufblasen und hohe künstige Namen führen. 
60 Statt dessen wollte er hier "eine einfältige christliche Form und Spiegel vorhalten, die Sünden zu erkennen und zu beten". Er nannte sein Schriftchen jetzt "ein Betbüchlein" (vgl. oben S. 544 = 5,3#73). Zu jenen drei Stücken fügte er hier das Ave Maria, die vorhin (S. 573 = #52) aufgeführten acht deutschen Psalmen und den Titusbrief hinzu. Zwei dieser Betpsalmen, den 12. und 67., hat er (vgl oben S. 589) bald nachher auch in kirchliche Gesänge umgedichtet. Merkwürdig erscheint in dem evangelischen Gebetbüchlein das Ave Maria, dessen bisheriger Gebrauch so innig mit einem von ihm für unchristlich erklärten Kultus der Gottesmutter zusammenhing. 
61 Beim Beten des Rosenkranzes pflegte man es zugleich mit dem Vaterunser und dem Glaubensbekenntnis herzusagen. Er schloss sich dennoch so an die herkömmliche Übung des Volkes an, dass er es in der Verbindung mit diesen beiden Stücken beibehielt; auch später verblieb es in seinem Betbüchlein, so streng er gegen die sich aussprach, welche "das Ave Maria immer im Maul (575) haben" und dabei "Christi Wort und Glauben aufs höchste vermaledeien". Aber er führte den Inhalt des Ave Maria, in welchem diese als Fürsprecherin vor Gott angerufen worden war, jetzt zurück auf den einfachen biblischen Gruss des Engels an die Jungfrau Luk. 1,28, und er lehrte, darin nur Gott selbst Lob und Ehre zu geben für die an ihr geoffenbarte Gnade, nicht aber ein Gebet und Anrufen daraus zu machen. 
62 Es kam ihm also wesentlich darauf an, vor dem üblichen Gebrauch des Ave Maria zu warnen. Diese Auslegung, die er wohl erst für das Betbüchlein niedergeschrieben, wurde dann in die Kirchenpostille herübergenommen, wo sie seiner Predigt zu Mariä Verkündigung von 1522 angehängt wurde. (n62
63         Das Büchlein erhielt eine ungemeine Verbreitung in immer neuen Auflagen, in welchen dann der Stoff immer mehr erweitert wurde. 1523 kam die Vorrede zum Römerbrief und der Abdruck dieses Briefes, der Timotheus- und Petrusbriefe, sowie das Judasbriefes hinzu; am Schluss wurde der Sermon von Betrachtung des Leidens Christi (S. 279) angefügt. Der Titel wurde jetzt vorübergehend zu dem eines "Bet- und Lesebüchlein" erweitert. Dann kamen aber auch die andern Sermone von Taufe, Abendmahl und Beichte (S. 282ff) hinzu; desgleichen der Sermon vom Gebet (S. 279) und von der Bereitung zum Sterben (S. 281f). 
64 In weiterer Fortentwicklung wurde dann auch ein umfängliches Kalendarium und das "Passional" hinzugetan. Ersteres war -- nach charakteristischen Redewendungen in den lateinischen Ausgaben zu schliessen -- eine Zutat, die Melanchthon beisteuerte; letzteres eine kleine Bilderbibel, 11 alttestamentliche und 38 neutestamentliche Abbildungen mit erläuternden Bibelsprüche enthaltend, "um der Kinder und Einfältigen willen". Später kamen auch noch ein Bekenntnis des Glaubens Luthers von 1529, die "drei Symbola", der Unterricht von der Kirche (aus Luthers Schrift Von Konzilien und Kirchen), das Gebet Manasse und Luthers Gebet wider den Türken hinzu. Die lateinischen Ausgaben nahmen ausserdem auch seit 1529 Luthers kleinen Katechismus und die Litanei mit auf. (n64
65          Die Predigt des göttlichen Wortes von der Kanzel aus übernahm Luther wieder im grössten Umfang seit seiner Rückkehr von der Wartburg bis zur Übernahme des Stadtpfarramtes durch Bugenhagen (vgl. oben S. 549): er pflegte damals an den Sonntagen und hohen Festen zuerst im Frühgottesdienst seines Klosters eine Ansprache an seine Brüder zu richten und mit ihnen das Abendmahl aus der Hand des Priors zu geniessen, dann die Predigt in der Pfarrkirche zu halten, endlich nachmittags hier noch einmal zu predigen. (n65
66 Auch nachher aber setzte er immer fleissig diese Tätigkeit fort: teils betrat er oft noch des Sonntages die Kanzel mit Predigten über die kirchlichen Perikopen, teils legte er in fortlaufenden Predigten ganze Bücher der heiligen Schrift aus. Andere pflegten seine Predigten nachzuschreiben. Man war weithin durch Deutschland nach ihnen begierig. Er selbst fand bis aufs weiteres keine Zeit, sie zum Druck fertig zu machen oder auch nur die Nachschriften zu revidieren und zu sammeln. 
67           So musste er auch mit der Herausgabe seiner Kirchenpostille innehalten, obgleich sie, wie wir wissen, erst bis Epiphaniä fortgeschritten war. (576) Da unternahmen Buchdrucker es eigenmächtig, jenes Verlangen zu befriedigen. In Basel erschienen im Jahre 1523 fünfzehn "schöner christlichen Predigten Dr. Martin Luthers" über kirchliche Evangelienstücke aus dem Jahre 1522. Er verwahrte sich hiergegen im Vorwort zu einer Predigt über den reichen Mann und Armen Lazarus, die er zu besonderem Zweck, nämlich wegen der Frage über den Zustand der Toten, über Seelenmessen u. s. w. veröffentlichte. Er beklagt sich hier, dass man auf diese Weise Gottes Wort gar unfleissig und ungeschickt ausgehen lasse. 
68 Dazu erklärt er: "Ich hatte gehofft, man sollte sich hinfort an die heilige Schrift selbst geben und meine Bücher fahren lassen, nachdem sie nun ausgedient und die Herzen in und zu der Schrift geführet haben, welches meine Ursach war zu schreiben meine Bücher; trink' doch so mehr aus dem Brunnen selbst, als aus den Flüsslein, die Dich zum Brunnen geleitet haben; -- wollt' Gott, ich hätt' meiner Bücher das Mehrteil wieder heim". 
69 Aber gleich darauf liess ein Strassburger Buchdrucker wieder 27 Predigten von ihm erscheinen. Derselbe hatte ihn zuvor vergeblich nach "vieler frommer Christen Begehr" um eine Predigtsammlung angegangen und bemerkte jetzt in einer Zuschrift an Luther: dieser habe wohl nur anderer, grösserer Geschäfte halber nicht willfahrt, er aber habe jetzt die Predigten mit Rücksicht auf jene Beschwerde desselben unter Beihilfe geschickter Leute zusammengebracht, durchgesehen und korrigiert; das möge denn Luther im besten aufnehmen, dieweil es unbillig wäre, den Hungrigen göttlichen Wortes das Brot nicht darzubrechen und den Durstigen ihren Trank vorzuenthalten. 
70 In Wittenberg wurden zunächst nur vereinzelte Predigten Luthers gedruckt. Erst im Verlauf der beiden nächsten Jahre sehen wir ihn wieder mit der Fortsetzung seiner Postille beschäftigt, und er kam mit ihr auch im Jahre 1525 nur bis zu Predigten für die Karwoche (wir greifen hiermit schon in uunsern nächsten Hauptabschnitt seines Lebens hinüber). Da tastete ihm fremde Dieberei gar sein eignes Manuskript an: als dieses erst bis auf den 6. Epiphaniensonntag gedruckt war, wurde die andere, grössere Hälfte von einem Setzer der Wittenberger Druckerei entwendet und erschien dann gedruckt in Nürnberg, -- der Text, wie Luther klagt, "falsch und schändlich zugerichtet", zumal da er selbst immer erst noch während des Druckes an seinen Arbeiten korrigierte. 
71 Er führte darüber bittere Beschwerde beim Nürnberger Magistrat: nicht wegen seines eignen pekuniären Verlustes, indem er selbst für seine Bücher sich nichts bezahlen liess, wohl aber wegen des Schadens, den sein Werk erleide, und insbesondere deshalb, weil seine Wittenberger Drucker bübisch betrogen und beraubt seien und unter solchen Gefahren den Verlag seiner andern Schriften nicht mehr riskieren würden. Der Druck dieses ganzen Teiles der Postille wurde indessen doch in Wittenberg noch während des Jahres 1525 vollendet; wahr- (577) scheinlich musste Luther dazu sich eines Nürnberger Exemplars bedienen, indem er den Text desselben verbesserte. 
72 Von den Besitzern des Nürnberger Abdrucks bat er sich dann aus, dass sie diesen wenigstens nach seinem eignen korrigieren, von den fremden Druckern, dass sie künftig mindestens ein oder zwei Monate nach dem Erscheinen seiner Bücher mit ihrem Nachdrucken warten möchten. Auch suchten jetzt seine Wittenberger Verleger mit auswärtigen Druckern, namentlich am Rhein und in Koburg, ein Abkommen gegen Eingriffe zu treffen. 
73 Wir erhalten so nebenbei einen Blick in die damaligen Zustände der Presse und des literarischen Eigentums; der völlige Mangel an Schutz und Recht, der hier bestand, hatte jedoch bei der grossen Uneigennützigkeit und Opferwilligkeit Luthers, der, wie gesagt, kein Honorar nahm, für seine Verleger, ausser in einem solchen Fall groben Raubes, nur wenig zu bedeuten und beförderte sehr die ungemein rasche Verbreitung seiner Schriften. 
74         Die Postille fürs Winterhalbjahr kam so im Jahre 1525 zum Abschluss. Hierauf aber trat wieder ein Stillstand ein, und Luther gab dann, wie wir sehen werden, die weitere Redaktion derselben in fremde Hände. Schon jetzt hatte er ja die Herausgabe seiner Predigten gegen andere Arbeiten, namentlich gegen die an der deutschen Bibel, sehr hintangesetzt, und zwar, wie wir sehen, grundsätzlich. (n74
75         An den Nachmittagen der Sonn- und Feiertage begann er Reihenpredigten über den 1. Petribrief (etwa von Mai bis Dezember 1522); es folgten von Januar bis Anfang März 1523 solche über den 2. Petri- und Judasbrief. Caspar Cruciger, der sie nachgeschrieben, bearbeitete sie für den Druck, und es erschienen erstere zu Ende des Jahres 1523, letztere im Frühjahr 1524. Für einen Teil sind auch Rörers Nachschriften erhalten geblieben, die das gesprochene Wort noch deutlicher in seiner Unmittelbarkeit widerspiegeln, als die Bearbeitung für den Druck. (se 1pet1)
76 Martin Bucer in Strassburg veranstaltete alsbald eine lateinische Übersetzung, in der er Luther als den Mann pries, der so rein und so geschickt wie kein andrer seit der Apostel Tagen die Schrift auszulegen vermöge. (n76
77 Im März 1525 begann er mit Predigten über den 1. Timotheusbrief, die aber schon zu Ostern abgebrochen wurden; von ihnen sind bisher nur einzelne Stücke veröffentlicht worden. (n77
78        Besonders riech und lebendig ist seine Auslegung des 1. Petribriefs, wie ihm denn dieser "der edelsten Bücher eins im Neuen Testament" ist. Beim zweiten Brief hält er Bedenken gegen dessen Echtheit nicht zurück; er stieff sich an dem Ausspruch Kap. 3,9, dass Gott niemand wolle verloren gehen lassen, weil er denselben mit Gottes Ratschluss und Allwirksamkeit auch den Verlorenen gegenüber nicht zu vereinigen wusste (wie weit seine Ansicht hierüber damals ging, werden wir unten sehen (n78); doch war ihm glaubhaft, dass die Epistel nichtsdestominder des Apostels (578) sei, indem dieser zwar hier "ein wenig herunter gehe unter den apostolischen Geist", aber nur aus herablassender Liebe gegen schwache Brüder. 
79 Die apostolische Abfassung des Judasbriefes bezweifelte er in seinen Predigten ebenso wie in seinen Vorreden zum Neuten Testament. Aber auch das Gebiet der Textkritik sehen wir ihn gelegentlich betreten, wenn er zu 1. Petr. 4, 6.7 die Frage aufwirft, ob dieser "seltsame, wunderliche" Text wohl "ganz zu uns kommen, oder ob etwaas herausgefallen sei". Und wir nehmen Akt von der Unbefangenheit, mit der er solche Bedenken auch vor der Gemeinde ausgesprochen hat. 
80         In der Zeit vom 22. März 1523 bis 18. September 1524 predigte er dann weiter über das 1. Buch Mosis; ein grosser Teil dieser Predigten ist uns in Nachschriften erhalten geblieben. Aber erst 1527 wurden sie von zwei verschiedenen Bearbeitern (Roth und Cruciger?) fur den Druck zugerichtet; es erschien im August in Hagenau eine lateinische und gleich darauf in Wittenberg eine deutsche Ausgabe, beide von Luther mit einem Vorwort versehen. Schom am 2. Oktober 1524 begann er eine neue Predigt-Serie über das 2. Buch Mosis, die er erst am 2. Februar 1527 zum Abschluss brachte. 
81 Wir kommen in Buch VI. Kap. 8. darauf zurück. Diese alttestamentlichen Predigten motivierte er in einleitenden Worten damit, dass Christen die ganze heilige Schrift geläufig werden und man ersehen solle, wie sie durch und durch zu Christus hinleite. Auch andere evangelische Männer versuchte bald sowohl alttestamentliche als neutestamentliche Bücher den Gemeinden vorzutragen; so gingen in der Wittenberger Kirche während des Jahres 1525 Predigten Bugenhagens über Hiob neben denen Luthers über das 2. Buch Mosis her. 
82        Für den geschichtlichen Inhalt dieser Bücher forderte Luther einfältigen Glauben: so in jener Einleitung zunächst für die Schöpfungsgeschichte Mose. Er will aber einen Glauben von echt religiösem und praktischem Charakter: indem wiir hier mit dem Geiste fassen, dass Gott alle Dinge im Himmel und auf Erden schaffe, müssen wir, wie er sagt, inne werden, dass auch unser Leben ganz in seiner Hand stehe; es soll ein Glaube sein, der sich allein auf Gott verlässt, vor keiner Kreatur fürchtet, in Freude und Sicherheit steht, ja aller Dinge Herr ist. Im weiteren Verlauf dieser Predigten benutzte sie Luther besonders, um dem Gebrauch gegenüber, den Münzer und andere vom mosaischen Gesetze machen wollten, über die wahre Bedeutung desselben zu belehren (vgl. unten in Kap. 10).
83         Wie er 1522 nach der Rückkehr von der Wartburg täglich über den Dekalog gepredigt hatte (S. 502), so hielt er auch 1523 vom 24. Februar bis zum 11. März einen Cyklus von 11 Predigten über die Gebote, den Glauben und das Vaterunser; eine Predigt über den Missbrauch des Ave Maria machte den Beschluss. Diese Predigten fanden nachmittags um 5 Uhr statt; die Kämmerei zahlte das Geld für die nötigen Lichte. (n83
84         Seinen Klosterbrüdern trug Luther -- vom Februar 1523 an -- das 5. Buch Mose vor, und zwar in lateinischer Sprache und, wie er selbst bemerkt, in vertraulichem Gespräch; er machte sich auch unter Beihilfe (579) Melanchthons an eine verbesserte lateinische Übersetzung des Buches. Es zog ihn überhaupt jetzt besonders zum Studium der mosaischen Bücher hin; denn er war überzeugt: wie die Weltweisen in Homer den Vater aller Dichter und die Quelle, ja einen Ocean aller Weisheit und Beredsamkeit sehen, so sei Moses Quelle und Vater aller Propheten und heiligen Schriften oder der himmlischen Weisheit und Beredsamkeit. 
85 Bugenhagen scheint unter seinen Zuhörern gewesen zu sein; noch existiert (in Berlin) das Heft mit seiner Nachschrift; und als er bald darauf (1524) selber eine Auslegung des Deuteronomium herausgab, machte er von Luthers Erläuterungen ausgiebigen Gebrauch. Seine Anmerkungen bereitete Luther selbst auf die Bitte der Brüder schon seit dem Frühjahr 1524 zum Druck vor, sie erschienen jedoch erst im folgende Jahre. (n85
86         Auch seine akademische Tätigkeit setzte er regelmässig fort mit Auslegung der heiligen Schrift. Gegen März 1524 begann er vor einer grossen Zuhörerschaft eine Vorlesung über die kleinen Propheten mit Hosea, am 9. August beendete er Joel. Im Dezember 1524 und Januar 1525 folgte Amos, dann Obadja und Micha, der am 7. April beendet wurde. Mit den Vorlesungen über diese und mehrere andere kleine Propheten beschäftigte er sich auch noch in den nächsten Jahren (s. unten in Bd. II). (n86
87         Sein dringender Wunsch war, dass Melanchthon eine fortwährende Wirksamkeit auf demselben Gebiet bei der Universität übernehmen möchte. Er wandte sich deshalb 1524 auch direkt an den Kurfürsten mit der Bitte, ihn vom Lehrfach der griechischen Sprache, wofür ihm seine Besoldung angewiesen war, zu entbinden, da man für dieses genügend andere Lehrkräfte habe. Melanchthon wollte vielmahr nach Luthers Rückkehr sich von den theologischen Vorlesungen, in denen er nur Stellvertreter für diesen gewesen sei, ganz auf die philologischen oder humanistischen zurückziehen. Er versicherte Spalatin, dass er für jene höchsten aufgaben sich untüchtig fühle. Dagegen erklärte Luther dem Kurfürsten: "Philippus ist von Gottes besonderen Gnaden reichlich begabt, die Schrit zu lesen, auch besser denn ich selbst". 
88 Eine Nachschrift der Vorlesungen, die während seiner Abwesenheit Melanchthon über den Römerbrief und die Korintherbriefe gehalten hatte, wusste er sich insgeheim zu verschaffen und gab sie mit einer Zuschrift an ihn selbst heraus. Zu Ende des Winterhalbjahres 1522-23, in welchem derselbe das Johannesevangelium ausgelegt hatte, entriss er ihm sein eignes Manuskript und beförderte es schleunig gleichfalls zum Druck; er bekannte, diesmal nicht mehr gestohlen, sondern mit Gewalt geraubt zu haben. Luthers fortgesetzte Bemühungen führten endlich (1526) dahin, dass Melanchthon förmlich auch für biblische Vorlesungen angestellt und besoldet wurde. Es war so wesentlich Luthers Werk und grosses Verdienst, Melanchthon (580) dem theologischen Beruf erhalten zu haben, während dieser freilich durch die grossen Aufgaben und bittern Kämpfe desselben sich schwer belastet, ja oft peinlich niedergedrückt fühlte. (n88
89         Einen wertvollen Genossen im Dienste des göttlichen Wortes, und zwar sowohl vom Katheder als von der Kanzel aus, besass jetzt Luther auch an Bugenhagen. Er suchte für ihn eine Besoldung als Professor nach. Während er selbst zur Fortsetzung seines Psalmenkommentars seit der Wartburg keine Zeit mehr fand, entstand jenem aus seiner ersten theologischen Vorlesung eiine ausführliche lateinische In Librum Psalmorum Interpretatio (erschienen im März 1524 in Basel). Luther führte diese mit einer Vorrede ein, worin er die Leser aufforderte, auf seinen Psalter nicht länger zu warten, sondern hier einen überreichen Ersatz dafür dankbar in Empfang zu nehmen. "Ich wage zu behaupten, dass unser Pomeranus der erste in der Welt ist, der da verdient, ein Psalterausleger zu heissen", -- so sehr freute es ihn, nunmehr über den ganzen Psalter eine Auslegung im evangelischen Geiste zu besitzen. (n89
90 Videre til koestlin5,6

Noter:

n5: : 563,1: Br 2, 176f. 195. 197. 264. 266. 274. 339 (E 3, 325. 358. 360. 4, 37f. 40f. 35). EA 65, 109. CR 1, 567. 570f. 574f.

n7:  564,1: H. Schott, Geschichte d. deutschen Bibelübersetzung M. L.s 1835. Hopf, Würdigung der L.schen Bibelverdeutschung. Nürnb. 1847. Riehm, L. als Bibelübersetzer StKr 1884, 294ff. -- Faksimile-Ausgabe der September-Bibel mit Vorwort v. Köstlin. Berlin 1883. -- Br 2, 170ff. (an Spalatin, auf die Zusendung des Matthäus sich beziehend) ist nicht in den März (vgl. zu Matth.: CR 1, 567. Br 2, 195. 197. E 3, 358. 360), sondern erst hinter den Brief v. 29. Mai (Br 2, 201ff. E 3, 377ff) zu setzen (L. besteht dain auf seiner Empfehlung Zwillings, nachdem er Br 2, 203. E 3, 378 das Gesuch der Altenburger um ihn befürwortet; vgl. dazu oben S. 519; gegen Schott S. 35 Anm.; vgl jetzt E 3, 381f. -- Br 2, 183 "die Tiburtii" ist nicht von 14. Apr. (de Tib. Valer. et Max.), wonach Johannes vor Mark. u. Luk. (Br 2, 216. e 3, 426) geddruckt wäre, sondern vom 11. Aug. (d. Tib et Susann.): vgl daselbst über Probsts Ankunft und hierzu einerseits Br 2, 179f. 194. 206f. 213. 215. 218. (E 3, 328. 331. 357. 394. 397. 404. 407. 411), anderseits CR 1, 578. Kurf. Frierich war in Nürnberg (gegen Schott 36 Anm.) erst vom 2. Juli an bis gegen Michaelis (Spal. Menck. 612. Spal. Nachl. 1, 167); vgl jetzt E 4, 440ff. -- Unklar sind die Worte Br 2, 236 (E 3, 436: v. 26 Juli): "quanquam singulis diebus decies millia chartarum sub tribus prelis excudant ingenti labore" etc.; auch wenn dabei, wie zu vermuten, jeder Bogen doppelt gezählt ist, weil auf beiden Seiten zu bedrucken, bliebe es immer noch eine für jene Zeit ausserordentliche Leistung. Von hier stammt die Angabe, dass das N. T. in 3000 Exemplaren gedruckt worden sei, vgl. Riederer (Giese), Histor. Nachrichten von der Bibelübersetzung (1771) 198. -- Zur Volleudung u. Herausgabe: Br 2, 245. 249. 252. (E 4, 2. 7) 587ff. (vom 20. u. 21. Sept. 1522 E 4, 4f.). Kolde Anal 40; dazu StKr 1884, 384f. Zeitschr. d. histor. Vereins f. Schwaben 20, 224 (Brief Spalatins vom 16. Okt. 1522).

n9:  564,2. W. Kuhn, Verhältnis der Dezember- zur September-Bibel. Greifswald 1901.

n10:  565,1. EA 63, 1ff. 64, 1ff. -- CR 1,583. Krafft 46.

n26:  567,1 Kawerau in ZkWL 1889, 359ff. u. in Beitr. z. bayr. Kgesch. 5, 131. W. Walter in StKr 1893, 595ff.; L. Th. 2,32f.

n27:  568,1: Eberlin, "Ain kurzer gschrifftlicher Bericht etc". Ausgew. Schriften 1, 179.

n31:  569,1: Seid. Erl. 50ff. Kawerau, Emser. Halle 1898, 58ff. Christenliche Underrichtung Dokter Johann Fabri vber ettliche Puncten der Visitation. Dresden 1528. Bl. Biijb. Johann Hasenberg redet gar von 3000 gefälschten Stellen! vgl. Soffner, Ein Lutherspiel aus alter Zeit. Breslau 1889, 16.

n32:  569,2: Seid. K. u. S. Bl. 1877, 286. Kawerau a. a. O. 65ff.

n38:  570,1: C 1, 261f. 2, 212 ff. TR 4, 571. Op. v. a. 5, 456. EA 42, 86. RE(3) 3, 70ff.

n39:  570,2: Br 2, 255 (E 4, 23)

n40:  571,1: Br 2, 254. 2163. 266 (E 4, 23. 37. 40). 338f. (vgl auch zum Datum E 4, 35f: L. fragt hier noch über 1 Mos. 1: während der Durchsicht vor dem Druck). CR 1, 599. -- Kolde Anal. 40 (aber wohl erst später als Sept. 1522, vgl E 4, 23): Luth. Leviticum jam finivit.

n47:  572,1: Roth 31. Anhalt. Staatsanzeiger v. 8. März 1877, Beil.; Mitteil. d. Vereins f. Anhalt. Geschichte u. Altertumsk. 1877, 1, 1. Der Brief L.s, den C. Krafft in Theol. Arb. d. Rhein. wissenschaftl. Predigervereins 2,90ff. als v. 3. Juli 1523 mitteilt, gehört erst ins J. 1540, vgl. Kolde Anal. 355.

n49:  572,2: Br 2, 486 (E 4, 300) EA 65, 109.

n52:  573,1: Roth 33. Mel. paed. 141. 144. EA 37. 104ff. 344ff. 443.

n57:  574,1: Roth 33. Op. ex. 21, 276 (vgl unten Buch 6, Kap 8): L. vergleicht das H. Lied mit dem Theuer Dank, "qui Maximiliano sponsam Ehrenreich conjungit".

n62:  575,1: EA 15, 318, vgl. Cohrs, Katechismusversuche 4, 273. Die Predigt von 1522 (nicht 1523) in WA 12, 457ff (vgl. 11,71). Eine Predigt wider den Missbrauch des Ave Maria hielt L. am 11. März 1523. WA 11,59ff.

n64:  575,2: EA 65,266f. Die Vorrede, welche EA 22,3 (gebet20#6) vor der "Kurzen Form" steht, gehört nicht zu dieser, sondern erst z. Betbüchlein. Vgl. Mönckeberg, D. erste Ausg. v. L.s Kl. Katechismus 1851, 70ff. Eine kritische Ausgabe fehlt noch, ebenso eine vollständige Bibliographie. Wegen der Bedeutung des Wortes "Passinoal" s. WA 9, 687 Anm. 1.  -- Ausg. v. 1525: Roth 46. 53. 54. Ausg. v. 1528, von Roth besorgt, zu der Georg Rhau Holzschnitte fertigen liess: Roth 66. 70.

n65:  575,3 Fröschel FS 1731, 690f.

n74:  577,1: EA 7 Einl.; 13,1ff (65,221); 7, 13. Br 2, 490. 621. 6, 70f. 3, 47f. (E 4, 307. 5, 115. 224. 268).

n76:  577,2: WA 12,249ff. (EA 51,324ff.); zur Zeitbestimmung: WA 14,2. -- WA 14,1ff. 75ff. (EA 52, 212ff. 272ff.). Roth 33.

n77:  577,3: Buchwald, Ungedr. Predigten 1, XXI f. EA 51, 275ff. 305ff. 316ff. (?)

n78:  577,4: denne note synes at mangle hos Köstlin.

n83:  578,1: Genesis: WA 14, 92ff. 12, 435ff. 24, XIII f. 1ff. Schon im Sept. 1524 hofft man auf ihr Erscheinen im Druck: Roth 35. Exodus: WA 16,1ff (EA 33-36). WA 11,30ff.

n85:  579,1: WA 14, 489ff. 745ff. (Op. ex. 13). -- Br 2, 527. 621. 647 (E 4, 360. 5, 115. 159). Roth 35. 39. Mel. paed. 134 (oder gegen die Worte hier auf Bugenhagens annotationes in Deuteron.?). Nach Dantiscus (Hipler, Copern, u. Luth. 73) war L. im Sommer 1523 mit Übertragung der Bücher Mose ins Latein beschäftigt, vgl. unten Buch 6, Kap. 8. Die durch Jonas 1532 herausgegebene Verdeutschung der Auslegung L.s von 5 Mos. 32 (EA 52,400ff. Op. ex. 12 p. I) ruhte nur auf Op. ex. 13, 331ff. WA 14, 732ff.

n86:  579,2: Spal. Menck. 639f. ZKG 2,133. WA 13,1ff. Spalatin schreibt 15. Juni 1524: Lutherus Hoseam prophetam frequentissimo praelegit auditorio, numquam otiosis, numquam feriatus. Zeitsch. d. hist. Ver. f. Schwaben 20,225; vgl auch Mel. paed. 144 (2 Jan. 1525).

n88:  580,1: Brt 2, 217. 238ff. 303f. 490f. (E3, 426. 438. 4, 149ff. 308f.). CR 1, 575. 606f. WA 12, 52ff.

n89:  580,2: WA 15,1ff. 23, 389. Br 2, 254. 284. 587 (E 4, 10. 55. 4). Vogt, Bugenh. 40. 56. Hering, Dr. Pomeranus 1888, 30f.