Julius Köstlin: Luther, sein Leben und seine Schriften
Fünftes Buch: (Fünfte neubearbeitete Auflage, nach des Verfassers Tode fortgesetzt von D. Gustav Kawerau)
Die erste kirchliche Neubau und der Kampf mit Schwärmerei und Aufruhr. Luther bis zu seiner Heirat.
Berlin 1903

Kap. 11: Der Bauernkrieg


Tilbage til Köstlin, indholdsfortegnelse!

Tilbage til oversigten!

Indhold: Vorahnungen, 695. -- Soziale Gärung 696. #7. -- Beginn des Aufruhrs 698. #19. -- Die zwölf Artikel der Bauernschaft. 699. #25. -- Luthers Ermahnung zum Frieden. 702. #41 -- Fortschritte des Aufruhrs in Thüringen 706. #82. -- Münzers Manifeste. 707. #85. -- Verhalten der Fürsten. 708. a#1. -- Luthers persönliches Eingreifen 709. a#7. -- Wider die mörderischen Rotten der Bauern. 711. a#25. -- Niederlage der Bauern. 712. a#33. -- Luthers Verteidigung seiner Schrift wider die Bauern. 714. a#45. -- Carlstadts weitere Haltung 718. a#77. -- Herzog Georg und Albrecht von Mainz. 720. a#90. -- Folgen des Bauernkriegs 723. a#104.
 
 
1         Mit wehmütigem Blick auf die deutsche Naion, welche die köstlichsten Gaben des Evangeliums von Gott angeboten erhalte und grossenteils schnöde abweise, und mit Warnun und Drohung für die grossen geistlichen und weltlichen Herren, welche dieselben dem darnach hungernden Volke verwehrten, hatte Luther längst ein grosses Gericht und Blutvergiessen angekündigt. Er wollte unschuldig daran sein; aufs dringenste mahnte er ja fort und fort, dass das Evangelium selbst nicht durch Faust und Schwert, (696) sondern allein durch seine eigne innere Gotteskraft siegen wolle. 
Aber er ahnte, dass die grosse Menge, die jetzt überall durch ernste, aber auch durch leichtfertige schwärmerische, wilde Prediger und Schriftsteller über die kirchliche Tyrannei und Betrügerei aufgeklärt wurde, ohne darum schon das reine Licht des evangelischen Wortes in sich aufzunehmen, sich durch keine christliche Mahnung mehr werde halten, durch keine Gewalt mehr werde dämmen lassen.   
3  Er sah auch, dass die neue Zeit bei der Menge des Volkes, das bisher gewohlheitsmässig unter seine Gebieter sich gebeugt und seine Lasten getragen habe, einen andern Geist hatte lebendig werden lassen. So wahrnte er 1523 in seiner Schrift von weltlicher Obrigkeit (oben S. 582ff) die Fürsten und Herren, dass sie sich hüten sollten vor dem Sprüchlein in Psalm 107,40: "Verachtung war auf die Fürsten geschüttet". (lyd02#66  
4  Er sagt: "der Fürsten Plage, die Gott Verachtung nennt, gehet gewaltig daher unter dem Pöbel und gemeinen Mann, und ich sorge, ihm werde nicht zu wehren sein, die Fürsten stellen sich denn fürstlich und fangen wieder an mit Vernunft und säuberlich zu regieren". (lyd02#67)
5  Er ruft ihnen zu: "Man wird nicht, man kann nicht, man will nicht eure Tyrannei und Mutwillen die Länge leiden, -- Gott will's nicht länger haben. Es ist jetzt mehr eine Welt wie vor Zeiten, da ihr die Leute wie das Wild jaget und triebet". (lyd02#68
6 Was er so herannahen sieht, ist ihm ein Gottesgericht, worin Gott die Sünden des einen Teils durch Sünden des anderen strafen werde: denn frevelhaft bleibt ihm jede aufrührische Gesinnung gegen die obrigkeitlichen Gewalten, auch wenn sie durch diese selbst hervorgerufen ist und wie mit der Notwendigkeit einer unaufhaltsamen Naturmacht losbricht. 
7         Ein Vorgefühl solcher Stürme ging auch durch ganz Deutschland. Es liefen Prophezeiungen um, die besonders aus den Gestirnen unerhörte Umwälzungen vorhersagten, ohnedies schon fürchtete oder auch hoffte; Luther übrigens wagte gerade jetzt nie eine bestimmtere Deutung irdischer oder himmlischer Wunderzeichen und sprach spöttisch von den Astrologen: er dachte am liebsten immer gleich an den Jüngsten Tag. (n7  
8          Wir mussten neben und schon vor der kirchlichen Bewegung, welche durch Luther ausbrach, immer auf die politischen und sozialen Verhältnisse, Wirren und Entwicklungskämpfe im damaligen deutschen Volk und Reich den Blick richten. Die verschiedenen Elemente vebanden sich dann fort und fort in der grossen allgemeinen Gärung. 
9         Der Sturm, der aus der Mitte des deutschen Adels sich so mächtig für Staat und Kirche zu erheben schien, war schnell gebrochen. Die Ansprüche dieses Standes ruhten mehr auf einer grossen Vergangenheit, als dass sie noch für die Gegenwart und Zukunft Kraft gehabt hätten. (697) 
10      Eine ganz andere Macht lag in der deutschen Bauernschaft, unter der jetzt die evangelische Predigt und die Bibel sich verbreitete und die schon zuvor von dem allgemeinen Streben und Ringen nach einer Neugestaltung der öffentlichen Zustände und nach einer Befriedigung der verschiedenen Standesinteressen heftig erregt worden war. 
11         Bauernaufstände waren dem Beginn der Reformation schon mehrfach vorangegangen. Die Lasten, die auf den Bauern lagen, waren in der letzten Zeit von den geistlichen udn weltlichen Herrschaften, deren Leibeigene oder Zinspflichtige sie waren, durch allerlei Künste oder durch offene, gewaltsame Willkür grossenteils noch sehr gesteigert, Freie zur Leibeigenschaft herabgedrückt, die Abgaben und Frondienste vermehrt, die Rechte, die sid dafür ansprechen durften, ihnen entzogen oder geschmälert worden. 
12 Anderseits hören wir klagen über die Üppigkeit und Aufgeblasenheit, die jetzt an die Stelle der alten Einfalt dieses Standes getreten sei. So schilderte schon am Ende des 15. Jahrhunderts der berühmte Satiriker Sebastian Brandt, wie die Bauern jetzt aufs Weintrinken verfallen seien; statt des Zwilchs tragen sie kostbare Kleider, trotz ihrer hohen Kornpreise stecken sie in Schulden, treiben Wucher und Betrug, ja lehren sogar die Städter den Betrug. 
13 Luther warf ihnen vor, dass sie im ruhigen Genuss ihrer Güter und der öffentlichen Sicherheit deren Wert und die Wohltat einer schützenden Obrigkeit nicht achteten, dass sie nach den grossen Hansen auf schönen Hengsten und mit goldenen Ketten gafften und an deren Stelle sitzen möchten, dass niemand im Volk mehr etwas geben und jeder doch prassen, saufen, sich kleiden und müssig gehen wolle, als wären sie allzumal Herren. (n13
14 Ohne Zweifel haben auch diese Schilderungen ihre Wahrheit. Jene Vermehrung der Lasten fiel in eine Zeit, in der bei den Bauern ein bisher nicht gekanntes Selbstgefühl, ein Bewusstsein ihrer Rechte und auch ein Streben, das alte Joch abzuwerfen, erwachte. Über die Lust an Luxus und schnellem Erwerb wird damals bei allen Ständen geklagt: auch die Bauern nahmen jetzt daran teil. Nahm trotz der Lasten der äussere Wohlstand bei vielen unter der fortwährenden, ausserordentlichen Steigerung der Fruchtpreise zu, so eben hiermit auch ein gefährlicher Übermut, bei anderen, die keinen solchen Besitz hatten, der Unmut und Drang nach Neuerung. 
15       Dazu kam jetzt die neue Predigt von Evangelium. Die Tyrannei der Herren erschien vollends gottwidrig und unerträglich, wenn sie ins Höchste und Heiligste eingriff und den bedrückten Untertanen gar auch das Brot des Lebens verbot. Ferner wurde nun auch den aufs Weltliche und Leibliche bezüglichen Beschwerden und Forderungen eine höhere Weihe gegeben. 
16  Schon bei früheren Aufständen hatten die Bauern sich für ihre Ansprüche auf ein gottliches Recht und die göttliche Gerechtigkeit berufen; sie waren darin (698) teilweise schon von Geistlichen der alten Kirche bestärkt worden. Jetzt wurde die christliche Freiheit, von der das Neue Testament redet und welche Luther verkündigte, auch unmittelbar aufs weltliche Gebiet übertragen. 
17 Man stritt mit jenen Aussprüchen des Paulus, dass in Christo kein Knecht noch Freier sei, und dass die durch Christum teuer Erkauften nicht der Menschen Knechte werden sollten, auch gegen jene äussere Dienste, Abhängigkeitsverhältnisse und Standesunderschiede, während freilich Paulus meinte, dass ein Erlöster Christi gerade auch unter dem äusseren Knechtsverhältnis ein Gefreiter Christi sein könne und solle und in dem äusseren Stand, in er zu Christus berufen worden sei, verbleiben möge (1 Kor 7,22ff). 
18 In eigentümlicher Weise wurde auch wieder das Alte Testament beigezogen: daraus, dass Gott den Stammeltern der Menschheit die Herrschaft über die Vögel unter dem Himmel, die Fische im Wasser und die Tiere des Landes zugeteilt hat, schloss man, dass mindestens Fischfang und Jagd dem gemeine Gebrauch frei sein müsse. Vor allen erhob sich Widerspruch gegen die Verpflichtungen an Klöster und Klerus: sollte ja doch das Mönchtum selbst und ebenso die weltliche Gewalt der Geistlichkeit kein Recht des Fortbestandes mehr haben. 
19        Solche Ideen erzeugten sich überall leicht unter der gärende Menge, als die neue Predigt durch Wort und Schrift unter sie drang. Es ist jedoch sehr zu beachten, dass der Hauptherd für sie und ihre praktischen Konsequenzen nur Gegenden wurden, wo eine ordentliche evangelische Unterweisung des Volkes durch die katholischen Herren verhindert war und wo neben dem in Luthers Sinn wirkende Predigern oder in Ermangelung von solchen vielmehr Männer der schwärmerischen, wiedertäuferischen Richtung die ihnen eigne Wirksamkeit ausübten. 
20 Im Südwesten von Deutschland soll der Wiedertäufer Hubmaier, der die unter Österreich stehende Stadt Waldshut zu seinem Sitz machte, auch zur Aufregung der Bauern beigetragen haben. In denselben Landschaften zog jetzt auch Münzer eine Weile umher, von der Erlösung Israels predigend. 
21 Doch scheint er für seine weitergehenden Ideen von einer Aussonderung und Vernichtung der Gottlosen und einer allgemeinen Gütergemeinschaft hier wenig Bodn gefunden zu haben. Die Bauernschaft im grossen und namentlich die von Südwestdeutschland, bei welcher der Geist der bürgerliche Freiheit am stärksten sich regte, beschränkte sich überhaupt darauf, Genugtuung für ihre vorhin bezeichneten besonderen Beschwerden und Ansprüche unter Berufung aufs göttliche Recht zu verlangen und zugleich die Zulassung und Bestellung evangelischer Predigt zu fordern. 
22       Nachdem schon seit dem Spätsommer 1524 in jenen Gegenden zwischen dem obern Rhein und den Donauquellen Erhebungen und Zusammenrottungen unter den Bauern stattgefunden hatten, loderte seit Anfang des Jahres 1525 (699) ein Brand auf, der sich mit Sturmesgewalt erst über Schwaben, dann einesteils durch Franken und den Odenwald, andernteils gegen Österreich hin verbreitete. 
23 Auch kleinere Städte schlossen sich an: sie vermochten den anstürmenden Bauernhaufen nicht zu widerstehen; ein grosser Teil ihrer Einwohner, die mit der bestehenden aristokratischen Verfassung, der Herrschaft weniger Geschlechter und den gegenwärtigen Magistraten unzufrieden waren, machten mit jenen gemeinsame Sache; auch hoffte manche Stadt im Bund mit den Bauern ihre eigne Rechte gegen Fürsten und Ritterschaft zu erweitern, an der Beute von Klöstern und geistlichen Gütern sich zu beteiligen. 
24 Als geistige Führer und Ratgeber traten neben Volkspredigern aus dem geistlichen Stand auch Männer von einer gewissen juriscischen Bildung und Übung bei ihnen ein: so vornehmlich der gewandte Wendel Hipler, früherer Beamter der hohenlohischen Kanzlei. Herrensitze und Klöster sanken massenweise unter den Händen der Bauern. 
25       Für die schwäbischen Bauern hatte der Kürschner Sebastian Lotzer in Verbindung mit dem Memminger Prediger Schapeler das "göttliche Recht" der Bauern in zwölf Artikeln zusammengefasst. (n25) Der Inhalt derselben ist entschiedent massvoll, nur halten sie es nicht für nötig, die von ihnen vorgetragenen Rechtsansprüche mit den bestehenden öffentlichen und Privatrechten auszugleichen. 
26 Sie tragen jene ruhig, ja in der Form demütiger Bitte vor und verwahren sich ausdrücklich gegen die der Bauernschaft vorgeworfene Absicht, die geistlichen und weltlichen Obrigkeiten zu reformieren, auszurotten, ja gar zu erschlagen, lassen jedoch die Frage beiseite, ob das göttliche Recht, auf das sie sich stützen, auch mit Gewalt gegen die Obrigkeiten durchgesetzt sein wolle, deren göttliche Einsetzung sie ausdrücklich anerkennen. 
27 Vor allem erbitten sie für jede Gemeinde das Recht, sich selbst ihren Pfarrer zu erwählen, der ihr das Evangelium lauter predigen solle, und ebenso das Recht, ihn zu entsetzen. Den Zehnten vom Korn wollen sie auch ferner bewilligen, zum Unterhalt des Pfarrers und der Armen, aber nicht mehr den Zehnten vom Vieh, weil Gott dieses frei für den Menschen geschaffen habe. 
28 Die Leibeigenschaft wollen sie schlechthin abgetan haben: denn Christus hat alle, die Niedrigsten so got wie die Höchsten, mit seinem köstlichen Blutvergiessen erlöst. Ebenso finden sie einen Widerspruch gegen Gottes Wort darin, dass kein armer Mann Gewalt haben sollte, Wildbret, Gevögel oder Fische zu fangen. Weiter handeln sie von der Nutzniessung der Wälder, die überall, wo nicht ein Besitz der Herrschaft durch Kauf sich nachweisen lässt, den Gemeinden zu freier Entnahme des notwendigen Brennholzes anheimfallen sollen, und von den mancherlei Auflagen an Zinsen und Frondiensten, die man noch täglich den Bauern vermehre. 
29 Von allem, was etwa in diesen Forderungen dem Wort Gottes nicht gemäss (700) wäre, erbieten sie sich abzustehen, wenn man dagegen klaren Grund aus der Schrift vorbringe. Beim Zusammenschluss der drei grossen süddeutschen Bauernverbände, der Allgäuer, Baltringer und Bodenseebauern am 6. März 1525 kam dies "göttliche Rechtg" zur Annahme. Hier war der ernstliche Wille vorhanden, eine friedliche Verständigung zu erzielen. In zahlreichen Drucken flogen diese 12 Artikel durchs Land. 
30        Daneben entwarfen Hipler und einige andere Häupter bereits auch neue Ordnungen für das Deutsche Reich überhaupt, und zwar mit Rücksicht auf wirkliche, längst gefühlte Bedürfnisse und mit manchen Gedanken und Wünschen, die schon damals sehr berechtigt waren, wenn sie gleich erst nach drei Jahrhunderten sich realisieren konnten: so sollten höchste Gerichte von Reichs wegen eingesetzt, die weltlichen Ämter streng von den geistlichen getrennt, die Zölle so weit als möglich abgeschafft, gleich Münze, Mass und Gewicht eingeführt werden u. s. w. 
31 In manchen Punkten trafen sie mit den von Luther ausgesprochenen Wünschen zusammen: so wollten sie eine Ordnung für den Kaufpreis der Waren und Aufhebung der grossen Handelsgesellschaften. Ihre Klagen über das damalige Rechtswesen, die Verschleppung der Prozesse durch die vielen Doktoren des Rechts u. s. w. erinnern an Luthers Äusserungen in seiner Schrift "An den Adel" über die weitläufigen, fern hergeholten Rechte und über die "eignen kurzen Rechte", nach denen jedes Land regiert werden sollte, wogegen freilich jene vielmehr alle weltlichen Rechte abtun und das "göttliche und natürliche Recht" einführen wollten. 
32        Allein während jene Artikel immer noch Mass hielten und solche Reichsverfassungsentwürfe aller Erwägung wert erscheinen mussten und nur sehr bedenklich, wie dieser letzte Punkt zeigt, ins Weite und Blaue hinein sich verliefen, wurden sogleich noch andere Stimmen unter den Bauern und ihren Ratgebern mündlich und in Schriften laut: man dürfe keine Häuser im Land mehr dulden als Bauernhäuser, keine ummauerten Städte mehr, sondern nur noch Dörfer, keine der bisherigen Obrigkeiten mehr, sondern nur noch freigewählte Vorsteher; die Bedrücker des Volkes, diese Tyrannen, Wüteriche, Neronen, Moabsfürsten u. s. w. müsse man, wenn sie noch Widerstand leisteten, in Block setzen, köpfen, vierteilen u. s. w.
33 Vor allem aber verloren jene besonnenen, massvoll auf Verständigung hinarbeitenden Führer völlig die Gewalt über die vorwärts drängenden Massen. Unaufhaltsam gingen seit dem April die Bauernhaufen von Südwesten bis nach Thüringen und dem Harz hinauf zu wilder, schonungsloser Revolutionen über. Greuel aller Art wurden verübt, Schlösser, Klöster und Kirchen zerstört, in wilder Luft wurde geplündert, viel wertvolles Gut verwüstet. 
34 Mit jenen wilden Drohungen machten die Bauern furchtbaren Ernst: die Grausamkeit (701) womit sie nach der Einnahme Weinsbergs (am 16. April) den Grafen von Helfenstein vor seiner flehenden Gattin und seinem zweijährigen Knäblein durch ihre Spiese jagten, war nur ein Beispiel unter vielen. Während ferner jene Führer grossartige Pläne für ein einheitliches Deutsches Reicht machten, fin bereit Unordnung, Zwietracht und Meuterei die Erfolge ihrer Scharen zu hemmen an, und man musste fragen, was daraus erst werden sollte, wenn sie dennoch die Oberhand gewännen. 
35        Nach Mühlhausen war zunächst Pfeifer (am 13. Dezember 1524) heimgekehrt und hatte dem Rat der Stadt die Macht entwunden, Klöster geplündert und Mönche verjagt; dann war auch Münzer (im Februaf 1525) von seiner Wanderung durch Süddeutschland hier wieder angelangt, wo er auch während seiner Abwesenheit die Verbindung mit seinen Anhängern unterhalten hatte. 
36 Mit ihnen und mit Hilfe der umwohnenden Bauern wühlte er weiter: der Rat wurde genötigt einzuwilligen, dass die Einwohner dem längst von ihm angelegten Bunde beitraten, und musste dann (am 16. März) einem neugewählten Rate den Platz räumen. Von da aus wurden weitere Unternehmungen vorbereitet. Zunächst wurde mit nächtlichen "Pfaffenstürmen" im anliegenden Gebiete des Herzog Georg begonnen. Mit grösseren Taten wartete Münzer, bis die aufständischen Bauern von Franken hervordrangen. (n36
37         Luther aber war der Mann des Evangeliums, auf den die grosse Meng jener Bauern in der südlichen Hälfte Deutschlands bei ihrer Erhebung noch vorzugsweide die Blicke richtete. Beantragten doch die schwäbischen Bauern, dass man ihn, Melanchthon und andere angesehene Evangelische Theologen zu Schiedsrichtern über ihre Ansprüche machen solle. (n37) An ihn vor allen erging die Forderung ihrer zwölf Artikel, auf Grund des göttlichen Wortes diesen entweder beizustimmen oder sie zu widerlegen. 
38         Er aber verhielt sich zum wirklichen Ausbruch der Bewegung ganz so, wie er vorher die Verantwortung für die drohenden Ausbrüche von sich abgewiesen und die wahren evangelischen Christen vor jeder Teilnahme an Gewalt und Aufruhr gewarnt hatte. 
39         Schon Mitte Januar 1525 sprach er den Wunsch aus, dass durch Amsdorf in Magdeburg der Erzbischof Albrecht erinnert würde, seine Untertanen von Aufruhr und Tumult zurückzuhalten. Es lag ihm daran, dass die friedliche Gesinnung der Evangelischen bezeugt würde. Auf Nachrichten hin, die er aus Thüringen, ohne Zweifel besonders über Münzers Treiben, erhalten hatte, äusserte er zu Anfang April: die Welt sei bisher von fleischlosen Geistern voll gewesen, jetzt aber von fleischgewordenen; so wüte der Teufel gegen Christus, der doch noch stärker sei. (n39
40         Jetzt kamen ihm auch die zwölf Artikel der Bauernschaft zu und (702) zugleich jene andere Schrift, in der sie sich auf ihn beriefen. Er rüstete sich zu einer öffentliche Erklärung darüber, während er im Begriff stand, nach dem Wunsch des Grafen Albrecht von Mansfeld jenen Besuch in Eisleben zur Einrichtung der dortigen Schule unter Agricolas Rektorate zu machen (oben S. 548). 
41 Am 16. reiste er dorthin ab. Und hier schrieb er nun -- wohl nach seiner Gewohnheit  rasch in einem Zug, zwischen den 17. und 20. April -- seine "Ermahnung zum Frieden auf die zwölf Artikel der Bauerschaft in Schwaben" nieder: er fing an ihr zu schreiben an im Garten des Mansfeldischen Kanzlers Johann Thür. (n41) Von den Greueltaten der Bauern in Schwaben und Franken, wie jener in Weinsberg, wusste er bei den damaligen Verkehrsverhältnissen natürlich noch nichts. 
42         Luther stellt seiner Schrift die Psalmverse voran: "Sein Unglück wird auf seinen Kopf kommen und sein Frevel auf seinen Scheitel fallen (Psalm 7,17). (formaning#3
43       Das Erbieten der Bauern, Belehrung anzunehmen, hat ihm, wie er in einleitenden Worten sagt, gefallen: er will es für Ernst nehmen und daher seine christliche Meinung über ihre Artikel an den Tag legen. (formaning#5) Er fügt aber sogleich bei: Etliche unter ihnen hätten ohne Zweifel nur "zur Farbe und Schein" sich also erboten; denn es sei nicht möglich, dass ein so grosser Haufe allesamt rechte Christen seien und gute Meinung hätten, sondern ein grosser Teil werde die gute Meinung der andern zum Mutwillen missbrauchen und nur das Eigne darunter suchen. (formaning#8)
44 Und zwar ist die Sache, um die sich's handelt, gross und gefährlich, als die da beides, Gottes Reich und der Welt Reich betrifft; denn würde der Aufruhr überhand nehmen, so würde weder weltlich Regiment, noch göttlich Wort bleiben, sondern eine ewige Verstörung des ganzen deutschen Landes folgen. Deshalb ist es nötig, frei und offen ohne Ansehen irgend einer Person davon zu reden und zu raten. (formaning#9)
45       So redet er zuerst zu den Fürsten und Herren, sonderlich den geistlichen Herrschaften: 
46         "Erstlich mögen wir niemand auf Erden danken solches Unrats und Aufruhrs, denn Euch, die Ihr noch heutigen Tages verstockt nicht aufhört zu toben wider das heilige Evangelium, -- dazu im weltlichen Regiment nicht mehr tut, denn dass Ihr schindet und schätzet, bis der arme und gemeine Mann nicht kann noch mag länger ertragen. Das Schwert ist Euch auf dem Hals; noch meinet Ihr, Ihr sitzet so fest im Sattel, -- solche verstockte Vermessenheit wird Euch den Hals brechen. (formaning#12) -- 
47 Ihr müsst anders werden und Gottes Wort weichen. Tut Iihr's nicht durch freundliche, willige Weise, so müsst Ihr's tun durch gewaltige und verderbliche Unweise. Tun's diese Bauern nicht, so müssen's andere tun. Gott will Euch schlagen und wird Euch schlagen. (formaning#19) --
48 Auf dass Ihr Euch aber noch weiter versündigt und ja ohn' alle Barmherzigkeit zu Scheitern geht, so fahen etliche an und geben dem Evangelium die Schuld und sprechen, das sei die Schuld meiner Lehre. Nu, nu, lästert flugs, Ihr wollt nicht wissen, was ich gelehrt habe; es ist aber vor der Thür, der es auch lehren wird gar bald. (formaning#23)
49 Ihr und jedermann muss mir Zeugnis geben, dass ich mit aller Stille gelehrt habe, heftig wider Aufruhr gestritten und zu Gehorsam auch Eurer tyrannischen Obrigkeit die Untertanen vermahnt mit höchstem Fleiss, dass dieser Aufruhr nicht kann aus mir kommen; sondern die Mordpropheten, welche mir ja so feind sind als Euch, sind unter diesen Pöbel kommen. (formaning#24) So nun Gott Euch zu strafen gedenkt und (703) lässt den Teufel durch seine falschen Propheten den tollen Pöbel wider Euch erregen und will vielleicht, dass ich nicht wehren sollte noch könnte -- was kann ich oder mein Evangelium dazu? -- (formaning#25)
50 Wenn ich Lust hätte, mich an Euch zu rächen, so möcht ich jetzt in die Faust lachen und den Bauern zusehen, oder mich auch zu ihnen schlagen und die Sachen helfen ärger machen, aber da soll mich mein Gott vor behüten wie bisher. (formaning#26) -- -- 
51 Ist's Euch nun noch zu raten, meine Herren, zo weichet ein wenig um Gottes willen dem Zorn Gottes, der Euch strafen will. Einem trunkenen Mann soll ein Fuder Heu weichen; wie viel mehr sollt Ihr die störrige Tyrannei lassen und mit Vernunft an den Bauern handeln, als an den Trunkenen oder Irrigen. Fahet nicht Streit mit ihnen an, -- sucht's zuvor gütlich, weil Ihr nicht wisst, was Gott tun will, auf dass nicht ein Funken angehe und ganz Deutschland anzünde, dass niemand löschen könnte. (formaning#29) -- 
52 Sie haben zwölf Artikel gestellt, unter welchen etliche so billig und recht sind, dass sie Euch vor Gott und der Welt denGlimpf nehmen und den Psalm wahr machen, dass sie Verachtungen schütten über die Fürsten (Ps. 107,40). Doch sind sie fast alle auf ihren Nutzen gestellt und nicht aufs beste ausgestrichen. Ich hätte wohl andere Artikel wider Euch zu stellen, die gemein Deutschland und Regiment betreffen, wie ich getan hab im Buch an den Adel: aber weil Ihr die habt in Wind geschlagen, müsst Ihr nun solche eigennützige Artikel wehren und leiden, und geschicht Euch eben recht." (formaning#33)
53        Mit längere, eingehender Mahnung und Belehrung wendet sich dann Luther an die Bauern. Zu den Herren sprach er als zu Verstockten, bei denen noch ein letztes Wort versucht werden soll, zu den Bauern als zu "lieben Freunden", die in grosser gefährlicher Verirrung klar, warm und scharf zurechtgewiesen werden müssen. (formaning#40)
54 Er erkennt auch ihnen gegenüber an, wie sehr jene Herren verdient haben, durch Gottes Hand von Stuhl gestürzt zu werden: nichtsdestoweniger aber sollen sie ihrerseits sich wohl vorsehen, ihre Sachen mit gutem Gewissen und Recht verzunehmen, damit Gott ihnen beistehen könne, und sie nicht auch trotz zeitlichem Sieg und Gewinn an Leib und Seele verloren werden. (formaning#42)
55 Er weiss auch, dass wohl etliche unter ihnen, von den Mordgeistern vergiftet, ihr hassen und einen Heuchler nennen werden; aber es ist ihm, wie er sagt, genug, wenn er etliche Gutherzige und Rechtschaffene von der Gefahr göttlichen Zorns errettet; nach jenen will er nicht fragen, sich nicht vor ihnen fürchten, auf seinen Gott trotzend ihren Trotz aushalten. (formaning#45)
56        Er wahnt sie vor allem, sich eine christliche Rotte oder Vereinigung zu nennen, denn Gott werde den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen unnütz führe (2 Mos 20,7f), und ihm, der die ganze Welt mit der Sündflut ersäuft habe, sei es ein schlecht Ding, auch sie zu würgen, so gross ihre Menge und ihr Schrecken sei. Dass sie aber Gottes Namen entweihen, beweise Gottes Wort, wonach, wer das Schwert nehme, durch Schwert umkommen und jede Seele der Obrigkeit untertan sein solle (Matth. 26,52; Röm 13,1). Denn Unrechttun der Obrigkeit entschuldige den Aufruhr nicht. (formaning#53)
57          So ist doch schon nach dem gemein göttlichen und natürlichen Recht, das auch Türken und Heiden halten müssen, klar, dass niemand sein eigner Richter sein, (formaning#58) (formaning#71) noch sich selbst rächen darf, wenn anders Friede und Ordnung in der Welt bleiben soll. Duldet man von einem Haufen, dass er selber zufahre, richte und strafe, so kann man's auch den einzelnen Personen nicht wehren. Ob sie's denn leiden würden, wenn in ihrer eignen Mitte sich jeder wider den andern setzte und selbst an seinem Beleidiger rächte? (formaning#68)
58        Das Evangelium aber, des sie sich rühmen, lehrt: "Ihr sollt dem Übel nicht (704) widerstehen (Matth. 5,39ff); unser Herzog Christus spricht, wir sollten Gutes wünschen denen, dieuns beleidigen. Christen gebührt, sich nicht zu rächen und zu fechten, sondern Unrecht zu leiden. (formaning#79) Die Obrigkeit will er nicht rechtfertigen in ihrem unerträglichen, greulichen Unrecht: aber das meint er, dass, wenn sie sich nicht weisen lassen und aufeinandertreffen, keiner der beiden Teile Christen heissen dürfe; sondern dann werde Gott einen Buben mit dem andern strafen. (formaning2#18)
59       Er selbst will die Sache Gott anheimstellen, seinen Hals mit Gottes Gnaden dran wagen, (formaning2#12) auf ihn sich gegen sie wie bisher gegen Papst und Kaiser verlassen, für sie bitten, dass Gott sie erleuchte und wider ihr Vornehmen stehe; (formaning2#24) sei er gleich ein armer sündiger Mensch, so sei er doch gewiss, dass er in diesem Fall eine rechte Sache habe und seine Gebete von Gott erhört werden; von ihnen aber wisse er, dass ihrer keiner Gott in solcher Sache angerufen habe, noch anrufen könne, sondern sie trotzen nur mit ihrer Faust. Wären sie Christen, so würden sie Faust und Schwert lassen, und sich zum Vater-Unser halten. Das sei die rechte christliche Weise, vom Unglück und Übel los zu werden, nämlich dulden und Gott anrufen. (formaning2#33)
60         Von den zwölf Artikel erörtert Luther die drei ersten: über die Einsetzung der Pfarrer, den Zehnten und die Leibeigenschaft. 
61       Er erklärt den Herren, dass sie den Bauern ihr Verlangen, das Evangelium zu hören, und das Recht einen Pfarrer zu erwählen, nicht abschlagen können. Ja er stellt den algemeinen Satz auf: "Obrigkeit soll nicht wehren, was jedermann lehren und glauben will, es sei Evangelium oder Lüge; ist genug dass sie Aufruhr und Unfriede zu lehren wehret". (formaning#36
62 Die Bauern aber belehrt er: sie sollen zuerst den Pfarrer sich von der Obrigkeit erbitten; will diese nicht, so sollen sie sich einen eignen wählen, dürfen jedoch dann die Pfarrgüter, die nicht von der Gemeinde, sondern von der Obrigkeit herkommen, für ihn nicht in Anspruch nehmen, sondern haben ihn auf ihre eignen Kosten zu ernähren: eine Entscheidung, mit welcher Luther ganz seinen bisher vorgetragenen Grundsätzen getreu blieb. Gewaltsamen Widerstand gestattet er auch für den Fall nicht, dass die Obrigkeit einen solchen Pfarrer nicht dulden würde: man soll ihn dann an einen andern Ort fliehen lassen und mit ihm hinwegfliehen, wie Jesus lehre (Matth. 10,23). (formaning2#53)
63       So hat er bei diesem Artikel das geistliche Recht der Christen zu wahren gesucht, ohne irdische Rechtstitel zu verletzen. Die beiden andern Artikel, bei denen sichs nur um weltliche Güter und eignen Nutzen handle, verwarf er einfach als Eingriff in fremde Rechte. Der Artikel vom Zehnten sei eitel Raub; die Bauernschaft wolle mit demselben machen, was sie wolle, während er der Obrigkeit gehöre (die Zehnten hatten in Deutschland von Anfang an den Charakter nicht bloss kirchlicher, sondern auch weltlicher Steuern). 
64 Der Artikel von der Leibeigenschaft mache christliche Freiheit ganz fleischlich, stelle alle Menschen untereinander gleich und mache aus dem geistliche Reich Christi ein weltliches, äusserliches. Ein Leibeigner könne wohl Christ und in Christo frei sein, so gut als ein Gefangener und Kranker ein Christ und doch nicht leiblich frei sei. Weiter verwies Luther über diese Frage auf eine Schrift seines gleichgesinnten Freundes Urbanus Rhegius. 
65        Die andern Punkte weist er alle einfach den Juristen zu; denn den Christen als solchen gehen sie nicht an. Er als Prediger des Evangeliums habe darüber nicht zu urteilen, und die Bauern sollten dabei den Christennamen weglassen und davon nur handeln als solche, die gern menschlich und natürlich recht haben wollten. 
66        Die Frage, ob nicht die Achtung vor der Würde der nach Gottes Bild geschaffenen und durch Christus erlösten Menschen auch gerade einen Lehrer des (705) Evangeliums bestimmen könne und müsse, auf Anerkennung gewisser äussere Rechte für alle zu dringen, erhebt sich für Luther nicht. Es war dies ebensowenig bei andern Männern der Reformation der Fall: so fertigt z. B. auch Bullinger, der Bürger der freien Stadt Zürich und Freund Zwinglis, jenen Artikel von der Leibeigenschaft kurzweg damit ab, dass die Bauern dies aus dem Evangelium und den Aposteln nicht gelernt hätten, vielmehr Leibeigenschaft zur Apostelzeit gar im Schwang gewesen sei, und Paulus die Knechte den Herren ihre Schuldigkeit tun heisse. (n66
67 Wohl aber ermahnt Luther im Betreff jener leiblichen Besteuerungen die Herren, dass die Obrigkeit nicht eingesetzt sei, um ihren Nutzen und Mutwillen bei den Untertanen zu suchen, sondern um das Beste bei ihnen zu schaffen; ihr Schinden sei nicht auf die Länge zu ertragen; sie sollen ihrer Pracht und Verschwendung Einhalt tun, das Gut nicht verschleudern mit Kleidern, Fressen, Saufen, Bauen und dergleichen. (formaning#38)
68       Zuletzt kommt er darauf zurück, dass beide Teilen nicht um eine christliche Sache, sondern nur um heidnisch oder weltlich Recht zu tun sei und beide vor Gott unrecht haben. (formaning2#76) Beiden, den Tyrannen und den Rotten, sei Gott feind; darum hetze dieser sie beide aneinander, damit sie beides Teils schändlich umkommen. Das erbarmt ihn so, dass er, wie er sagt, er gern mit seinem eignen Leben und Sterben abkaufen möchte. (formaning2#85)
69 Er bittet sie, der unschuldigen Kinder, Weiber und alten Leute zu gedenken, die sie mit in die Gefahr des allgemeinen Blutvergiessens ziehen. Noch ist es Zeit für beide Teile, ihrer Sache besser zu raten durch Busse vor Gott und freundlichen Vertrag oder williges Leiden, als durch Trotz und durch einen Streit, der schnell angefangen ist, den aber niemand wieder zu enden die Macht hat. (formaning2#88)
70 Er schlägt vor, zu friedlichem Ausgleich etliche Grafen und Herren und etliche Ratsherren aus den Städten zu wählen; Theologen wollte er offenbar absichtlich nicht bei dem Schiedsgericht haben als in einer Sache weltlichen Rechts; Leute aus der Zahl der Bauern selbst hielt er wohl nicht befähigt dazu. (formaning2#91)
71 Noch einmal ermahnt er die Herren, dass sie ein wenig von ihren Unterdrückungen weichen, und dem armen Mann Luft und Raum zum Leben zu vergönnen, und die Bauern, dass sie etliche ihrer Artikel fahren lassen, die zu viel und zu hoch greifen. -- (formaning2#92)
72 "Wohlan," so schliesst er, "ich habe, als mir mein Gewissen Zeugnis gibt, Euch allen christlich und brüderlich treu genug geraten. Gott gebe, dass es helfe. Amen". (formaning2#97)
73        So schrieb Luther und gab seine Schrift in den Druck, noch ehe er von dem grossen Ausbruch des Kampfes über Schwaben hin oder gar von Szenen wie jener in Weinsberg und vom Vorrücken der Bauern nach Mitteldeutschland Kunde hatte und haben konnte. (n73) Er wusste nur von Zusammenrottungen in Schwaben, warnte noch von der Losschlagen und hielt sich an das Erbieten der Bauern, noch Belehrung anzunehmen. 
74 "Aber," so sagt er in seiner nächsten, darauf folgenden Schrift, "ehe denn ich mich umsehe, fahren sie fort und greifen mit der Faust drein, mit Vergessen ihres Erbietens, rauben gleich und toben und tun wie die rasenden Hunde". -- (bond1#40
75 Zeit zum Warten auf Belehrung hatten die Bauern freilich nicht gehabt, wenn sie überhaupt einmal zum Schwert greifen wollten; die Fürsten und Herren in Schwaben boten, im Bewusstsein ungeheurer Gefahr, so rasch als möglich ihr Kriegsvolk gegen sie auf; der Landgraf von Hessen schickte schon am 12. April an Kursachsen eine Aufforderung, gemeinsam gleichfalls (706) gegen sie vorzugehen und ihnen zuvorzukommen, ehe sie weiter um sich griffen. 
76        Nun kamen Nachrichten von der Gewalttätigkeiten, die von Süden her Deutschland in hellen Aufruhr versetzten. Dazwischen kan aber auch Luther eine Schrift zu Händen, die den Vertrag enthielt, den die Bodensee- und Allgäuer Bauern mit dem Feldherrn des Schwäbischen Bundes, Truchsess Georg von Waldburg, an 22. April abgeschlossen hatten: sie unterwarfen sich, erhielten aber Schiedsgerichte zugebilligt, die ihre Beschwerden zu rechtlichem Austrag bringen sollten. 
77 Erfreut veranstaltete Luther sofort nach seiner Rückkehr nach Wittenberg eine Ausgabe dieses "Vertrages zwischen dem löblichen Bund zu Schwaben und den zweien Haufen der Bauern", mit Vorwort und Nachwort. 
78        Mit grosser Freude habe er diesen Vertrag als eine besondere Gnade Gottes empfangen; nach diesem Beispiell lasse sich vielleicht dem blutgierigen Vornehmen des Teufels noch wehren. Durch ihren Aufruhr hat die Bauernschaft sich mit schweren Sünden beladen und Gottes Zorn über sich erweckt. Wehe den falschen Propheten, die das arme, einfältige Volk so versuchet haben! "Darum, liebe Bauern, lasst ab, höret und lasset euch sagen ... Gebt euch zum Frieden und Vertrag, ob's auch gleich mit leiblichem Schaden geschehen müsste, dass doch die Sünde und Verderben der Seelen aufhöre!" (n78) (bond1#37
79        Den Taten und Fortschritten der Bauern in Schwaben und Franken war rasch auch schon ihr Vordringen gegen die Sächsischen Lande gefolgt, wo man, anstatt ihnen zuvorzukommen, noch nicht einmal gegen sie gerüstet war. Am 24. April berichtet der Schlosshauptmann der Wartburg an Herzog Johann nach Weimar, dass die Stadt Salzungen den anrückenden Haufen sich ergeben habe, alles Landvolk ihnen zulaufe, Eisenach schwer bedroht sei. 
80 An demselben Tage zog eine Schar, welche bei Waltershausen sich zusammenrottete, nach dem Kloster Reinhardsbrunn und verwüstete es. Schnell waren durch ganz Thüringen hin die Bauern in Bewegung. Auch viel Volk aus den Städten lief ihnen zu. Eine grosse Zahl von Adeligen, Amtleuten und Grafen gelobte im Drang der Not, die zwölf Artikel anzunehmen, ja auch in ihren Bund zu treten. 
81         Dem Herzog Johann schickte eine Bauernversammlung am 28. April ihre Forderungen zu. Sie hielten sich wesentlich in den Schranken jener Artikel. Zum Ersatz für die Verluste, die er erleiden sollte, verwiesen sie ihn auf die Güter von Reinhardsbrunn und anderen Klöstern, die dem Fürstentum einst der Antichrist angenötigt habe und Gott jetzt wieder schenke. 
82       An denselben Tage öffnete die Stadt Erfurt, gegen deren Stadtpöbel Eberlin von Günzburg seine evangelische Beredsamkeit mutig, aber nur mit einem kurzen Augenblickserfolge, versucht hatte, infolge einer Bewegung unter ihren eignen Einwohnern den Bauern die Tore. 
83 Hier stellte nun (707) auch die unzufriedene Bürgerschaft am 9. Mai ihre Artikel auf: Abtun der unerträglichen Zinse, Verpflichtung des Rats zur Ablegung jährlicher Rechenschaft vor den Handwerkern, Freiheit der Kaufmannschaft für alle Bürger, Freiheit des Handwerks mit Aufhebung des Zunftzwangs, Fürsorge des Rats für billigen Verkauf von Brot und Fleisch u. s. w., -- zugleich die Einsetzung der Geistlichen durch die einzelnen städtischen Gemeinden, -- ferner Abtun des öffentlichen Bordells; und zwar wollten die Bürger, dass diese Artikel Luther und Melanchthon vorgelegt, und dass sie selbst zu einer Besprechung in die Stadt eingeladen würden. 
84 Der Rat stimmte allem bei und liess gleich tags darauf die Einladung nach Wittenberg ergehen, übrigens ohne die Artikel schon mitzusenden. Luthers Antwort auf die Einladung kennen wir nicht. Dass er ihr unter den vorliegenden Verhältnissen nicht folgte, war selbstverständlich. Ende Mai stürzte der Pöbel das Stadtregiment und setzte einen Rat nach seinem Willen ein. (n84
85       Auch die Mühlhauser Scharen liessen sich jetzt nicht länger halten; Pfeifer trieb sie an, auf einen Traum sich berufend, in dem er eine Menge Mäuse tot geschlagen habe, wärend Münzer lieber noch Verstärkungen erwartet hätte. Sie zogen stürmend und plündernd nach dem Eichsfeld. Andere Haufen breiteten sich über den Harz, die goldene Aue und das Mansfeldische aus. 
86 Binnen vierzehn Tage sollen damals im Harz und in Thüringen über vierzig Klöster zerstört worden sein, dazu eine Menge Rittersitze. Münzer sandt nach allen Seiten hin anfeueernde Briefe. Allen Vermittlungsversuchen wirkte er geflissentlich entgegen. Eine Probe seines Geistes und seiner Sprache gibt vornehmlich ein Aufruf, den er von Mühlhausen an die "lieben Brüder" ausgehen liess, damit sie, in Gott gelassen stehend, den Streit des Herrn streiten möchten. 
87        "Dran", ruft er, "dran, dran! lasst Euch nicht erbarmen, ob auch der Esau gute Worte vorschlägt, 1 Mos 33. Seht nicht an den Jammer der Gottlosen; sie werden Euch also freundlich bitten, greinen, flehen wie die Kinder. Lasset Euch nicht erbarmen, wie Gott durch Mosen befohlen hat 5 Mos 7, und uns hat er auch offenbart dasselbe. (muenzer#11
88 Reget an in Dörfern und Städten und sonderlich die Bergleute ... dran, dran, dieweil das Feuer heiss ist. Schmiedet Pinkepank auf dem Amboss Nimrods. Werfet ihnen den Turm zu Boden. Es ist nicht möglich, weil sie leben, dass Ihr der menschlichen Furcht solltet leer werden. Die Geschichten stehen beschrieben Matth. 24, Ezech. 34, Daniel 7, Esther 16 (Stücke in Esther 6) Offenb. Joh. 6 (Ankündigungen der Gerichte Gottes und der Rettung des Gottesvolkes), welche Schrift alle Röm 13 (über die Obrigkeit) erklärt. Darum lasst Euch nicht abschrecken, Gott ist mit Euch". (muenzer#15)
89        Für Münzer und Pfeifer war jetzt die Zeit der allgemeinen Gleichheit und der Ausrottung aller Gottlosen angebrochen. Sie gedachten ein Reich Christi aufzurichten wie das, welches nachher die Wiedertäufer in Münster herstellten. Münzer war natürlich besonders gegen Luther erbittert. (708) Melanchthon schrieb aus Wittenberg an Camerarius: "wir schweben hier in grosser Gefahr; denn falls es Münzer glückt, so ist es, wenn Gott uns nicht rettet, um uns geschehen; jener trägt eine mehr als scytische Grausamkeit zur Schau, und es lässt sich nicht ausdrücken, wie schrecklich er alle bedroht, die den Aufstand missbilligen.". (n89
90 Doch hatte sein spezieller Einfluss auch in diesen Gegenden nicht etwa schon alle Bauern erfasst. In ihren öffentlichen Kundgebungen blieben diese auch hier grossenteils bei Forderungen im Sinne der zwölf Artikel stehen. Oder sie wollten, statt alles gleich zu machen, wenigstens damit sich begnügen, dass die hohen Herren erst bescheiden sich dem geringsten Bruder gleichstellten und sich von ihnen das Regiment auf Wohlverhalten wieder übertragen liessen; da sollte dann ein Fürst höchstens noch acht, ein Graf vier, ein Edelmann zwei Pferde halten. In solcherlei Gedanken erging sich die siegesgewisse Menge. 

Videre til koestlin5,11a!

Noter:

n7:  Vgl oben Anm. 478,2. Zum folg. vgl. W. Vogt, Vorgeschichte d. Bauernkriegs. Halle 1887. Grupp, Die Ursachen d. Bauernkriegs in Hist. pol. Blätter 124, 18ff. Ströle in Deutsch-ev. Blätt. 1900, 145ff.

n13:  EA 24,309. 35,317f.

n25  Stern, Die zwölf Artikel der Bauern. A. Götze in Hist., Vierteljahrsschr. 1901 u. 1902, der 23 Drucke der 12 Art. nachweist.

n36:  Vgl. die Anm. 674,1 angegebenen Quellen; Tzl. 2,339ff. Brief Münzers an Melanchth. 29. März 1525; Mel. Suppl. 21ff. Merx, Münzer u. Pfeifer 1,86 ff.

n37:  Möller, Osiander 72. Wachsmuth, Der deutsche Bauernkrieg 44ff.

n39: Br 2, 616. 642. (E 5, 105. 152)

n41:  Br 2,646 (E 5,157). CR 1. 739 (am 17. Apr. kam Luther mit Mel. bis Bitterfeld.) Fröschel in F 8 1731, 698. Roth 39. -- EA 24,257ff.

n66:  Bullinger, Reformationsgesch. 1, 245.

n73:  Jörg freilich (Deutschland in der Revolutionsperiode 286) redet, als ob L. damals schon von Weinsberger Greueln (oben S. 701) gewusst hätte; ähnlich Janssen, Gesch. d. deutschen Volkes (1 Aufl.) 2, 490 Anm. Vgl die guten Bemerkungen von Egelhaas, Deutsche Gesch. im 16. Jhrh. 1, 613f.

n78:  EA 65, 1f.

n84:  Mel. Suppl. 23f. CR 1, 744. Tzl. 2,343ff. NM 15, 189ff. Riggenbach, Eberlin 213ff.

n89:  Münzers Aufruf: EA 65,14ff., grossenteils genauer in NM 12, 150ff. (statt "Pinkepank" steht hier übrigens das unverständliche "hinoberpauchst"). -- EA 65,43. CR 1, 741. -- Kawerau, Agric. 48.