Julius Köstlin: Luther, sein Leben und seine Schriften
Fünftes Buch: (Fünfte neubearbeitete Auflage, nach des Verfassers Tode fortgesetzt von D. Gustav Kawerau)
Der erste kirchliche Neubau und der Kampf mit Schwärmerei und Aufruhr. Luther bis zu seiner Heirat 1525.
Berlin 1903

Kap. 1: Luthers Wiedereintritt in Wittenberg


Tilbage til Köstlin, indholdsfortegnelse!

Indhold: Luthers äussere Erscheinung 500. #1.-- Neues Schreiben an den Kurfürsten 501. #4. -- Acht Sermone 502. #12. -- Beurteilung der Stellung Luthers 507. #36. -- Erfolg seines Auftretens 508. #43. -- Verhandlung mit den neuen Propheten 509. #48.

Tilbage til oversigten!
 
 
1         Voll frischer Kraft und feurigen Geistes erschien Luther nach seinem unfreiwilligen Stillleben auf der Wartburg wieder unter den Seinigen. Sein Äusseres wird uns von jenem Kessler beschrieben, der ihn jetzt hier wieder traf. Wir erinnern an die frühere Schilderung Luthers, des abgemagerten Mönchs, durch Mosellan im Jahre 1519 (oben S. 243): so erscheint er auch auf sichtlich gelungenen Abbildungen aus Cranachs Hand. Jetzt fand ihn Kessler von "ziemlicher Feiste". Um so stattlicher aber war, wie dieser beschreibt, seine Haltung: er ging aufrecht einher, mehr nach hinten als nach vorn sich neigend, das Angesicht gen Himmel aufgehoben, dazu "mit tiefen, schwarzen Augen und Augenbrauen blinzelnd und zwitzerlnd wie ein Stern, dass die nit wohl mögen angesehen werden". 
Das waren die "tiefen Augen", welche schon einem Cajetan bange machten und welche der Nuntius Aleander "dämonische" nannte. Ähnlich beschreibt sie im folgenden Jahre der Pole Johann Dantiscus (später Bischof von Culm und von Ermeland), der auf der Rückreise von Spanien nach Polen sich Wittenberg angesehen und auch Luther aufgesucht hatte: seine Augen, sagt er, blicken scharf und haben ein gewisses furchtbares Blitzen -- wie man's hie und da bei Besessenen findet; von seinen Gesichtszügen bemerkt er, sie seien wie seine Bücher, von seiner Rede im Gespräch, sie sei heftig und voll Stichelei und Spott.   
3   So erzählt von ihm ein feindlich Gesinnter, gegen den er selbst seine herbe Seite stark hervorgekehrt haben mag. Wiederum ein anderer, (501) ein Gesinnungsgenosse Kesslers, der in Wittenberg studierende Albert Burrer, der ihn gleichfalls nach der Rückkehr von der Wartburg kennen lernte, rühmt sein mildes, freundliches Aussehen, seine angenehme, wohlklingende Stimme und holdselige Redeweise, die Frömmigkeit alles Redens und Tuns, die Kraft seines Wortes, welches einen solchen Widerhaken in die Seelen der Zuhörer werfe, dass jeder, der kein Stein sei, ih, wenn er ihn einmal gehört, immer und immer wieder hören möchte. (n3
4         Die erste Aufgabe für ihn nach seiner Ankunft war ein neues Schreiben an seinen Kurfürsten. Dieser hatte den aus Borna abgesandten Brief vom 5. März am Tag darauf in seiner Residenz zu Lochau erhalten und unverzüglich eine Anweisung deshalb an seinen Wittenberger Rat, den Professor der Rechte, Hieronymus Schurf, geschickt. Er wiederholte, dass Luther noch eine Zeitlang hätte innehalten sollen, und forderte, dass derselbe jetzt eine Schrift für ihn aufsetze, die er anderen vorweisen könne, um gegen Vorwürfe, die er selbst in dieser Sache erwarten müsse, sich zu verwahren. Von seiten der Gegner drohte man ihm, dem Beschützer Luthers, wirklich bald deshalb mit der kaiserlichen Acht. 
5         Luther schrieb gleich am 7ten. Er entschuldigte sich, ohne Friedrichs Wissen und Willen den Schritt getan zu haben, durch welchen diesem Gefahr zu erwachsen scheine, vor allem aber ihm selber stündlich der Tod drohe. Er habe nicht anders gekonnt. Denn die Wittenberger Kirche, zu deren Diener ihn Gott gemacht und bei welcher durch ihn dieses Wesen angefangen habe, habe ihn schriftlich mit grossem Flehen gerufen; der Satan sei dort in seine Hürden gefallen, wogegen er persönlich und mit lebendigem Mund handeln und für seine Kinder in Christo sein Leben einsetzen müsse. 
6  Für ganz Deutschland sei eine Empörung zu fürchten, da der gemeine Mann das Evangelium fleischlich aufnehme, die andern aber das Licht mit Gewalt dämpfen wollten und dadurch nur die Herzen erbitterten und zum Aufruhr trieben: hiergegen wolle er mit seinen Freunden tun, wie Gott durch Ezechiel fordere, dass man sich setze als eine Mauer für das Volk.   
7  Wohl möchten deshalb seine Feinde über ihn lachen; aber es sei gewisslich viel anders im Himmel beschlossen, denn zu Nürnberg (beim Reichsregiment), und es werde sich zeigen, wie wenig die, welche das Evangelium gefressen zu haben meinten, schon damit fertig seien. Er handle auch nicht aus Verachtung Kaiserlicher Majestät oder der Kurfürstlichen Gnaden oder irgend einer andern Obrigkeit: man m¨sse der Obrigkeit gehorchen, wenn sie nichts gegen Gottes Gebot vornehme; hier aber rufe ihn Gott. Christus werde ihn auch wohl vor den Feinden schützen können; dem Kurfürsten solle ihm zu lieb kein Leid geschehen. (502) 
8          Nach dem Wunsche Friedrichs schrien er dann am 12. den Brief mit ein paar kleinen, indes charakteristischen Änderungen noch einmal um. Die Erwähnungen Nürnbergs und derer, die das Evangelium schon gefressen haben wollten, fiel weg, und die Worte "Kaiserliche Majestät" erhalten den Beisatz "meines allergnädigsten Herrn". Dieser Beisatz war ihm, wie er an Spalatin schrieb, anstössig, weil ja das, dass der Kaiser ihm gnädig, eine lächerliche Unwahrheit sei; doch wolle er sein Gewissen damit beruhigen, dass der übliche Stil es so mit sich bringe. 
9          Der Kurfürst verfehlte nicht, den beabsichtigten Gebrauch von dem Brief zu nehmen und ihn namentlich auch seinem Gesandten beim Reichsregiment mitzuteilen. Luther aber blieb getrost bei seinem Verzicht auf menschlichen Schutz. Er schrieb einige Tage nachher einem auswärtigen Freund: "Ich habe micht mitten ins Wüten des Papstes und Kaisers stürzen müssen, um den Wolf aus meiner Hürde zu treiben; die Feinde um micht her sind nach menschlichem Recht befugt, mich jeden Augenblick zu töten; -- will Christus, dem der Vater alles zu Füssen gelegt hat, meinen Tod, so geschehe sein Wille; will er's nicht, wer wird micht töten?" (n9
10  Ja er spricht am 19. März in einem Brief an W. Link ein Hochgefühl von seiner Lage aus, das von keiner andern Äusserung des Reformators je überboten worden ist: "Was", sagt er, "Christus im Sinn hat, weiss ich nicht; das aber weiss ich, dass ich in dieser Sache nie so mutigen und stolzen Geistes gewesn bin wie jetzt; und obwohl ich zu jeder Stunde der Todesgefahr inmitten der Feinde ausgesetzt bin ohne jeden menschlichen Schutz, habe ich doch zeitlebens nicht so verachtet, wie jene törichte Drohungen von Herzog Georg und seinesgleichen; -- -- mein Christus lebt und herrscht, und ich werde leben und herrschen". (n10
11         Über diei Wittenberger Erignisse und Zustände liess er sich von seinen Freunden noch näher berichten. So trafen ihn im Gespräche darüber am Samstag, dem 8ten, jene beiden Schweizer bei ihrem Landsmann Schurf mit Melanchthon, Jonas und Amsdorf zusammen, wo er sie lachend begrüsste und ihnen Melanchthon zeigte, von welchem er ihnen in Jena gesagt habe. Aus dem Kreis dieser Freunde bekannte damals Schurf in einem Bericht an den Fürsten, wie dem Ärgernis gegenüber, das durch die neuen Prediger entstanden sei, auch er noch sich im Glauben schwach fühle, aber zu Gott hoffe, dass derselbe durch Doktor Martin Gnade und Barmherzigkeit dawider verleihen werde. 
12          Am folgenden Tage, dem Sonntag Invocavit, bestieg Luther wieder seine Kanzel in der Pfarrkirche und hielt sofort acht Tage nach einander Sermone über das eingerissene Treiben. Daneben hielt er in der Fastenzeit auch täglich Predigten über die zehn Gebote. (n12) Jene bedeutsamen acht (503) Sermone hat Luther selbst als Predigten nicht in Druck gegeben. Andre haben sie nach dürftigen Nachschriften in Süddeutschland herausgegeben, und Aurifaber hat sie später danach sprachlich überarbeitet. Aber den vollen Inhalt dieser Sermone verarbeitete Luther selbst zu der Schrift: Von beider Gestalt das Sakrament zu nehmen und anderer Neuerung -- eine Weise, die er seither mehrfach beobachtet hat, Predigten über brennede Tagesfrage hernach in Umarbeitung als Schriften herauszugeben. (Vgl auch die Anmerkung zu S. 494.) 
13c        Klar, scharf und bündig legte er in den Sermonen seiner Gemeinde die Grundsätze dar, nach denen wir ihn schon bisher jenes Treiben beurteilen hörten. Von den tiefsten Prinzipien des christlichen Glaubens und Lebens in praktischer Unterweisung ausgehend, blieb er jeder unklaren Mystik ferne, woran Carlstadts Traktate und demnach ohne Zweifel auch seine Predigten so reich waren, und wodurch eine religiös angeregte, unreife Menge sich so leicht umnebeln lässt; ernüchternd wollte sein Wort wirken bei aller Tiefe. 
14c Den erregten Leidenschaften stellte er die Sicherheit seiner eignen Überzeugung und Erkenntnis und die innere Ruhe entgegen, die er vermöge jener Gewissheit bei allem Unwillen über die zu bekämpfenden Verirrungen behauptete. So streng er diese aufzudecken und zu rügen bedacht war, und so sehr er hiermit seine Popularität aufs Spiel setzte, so schlicht und aufrichtig gab sich sein Eifer der Liebe unm diejeningen kund, deren Seelen er dadurch bedroht sah. Seine rücksichtslose Schärfe verlor so doch für sie das Verletzende. Auf die Urheber der Irrung, auf Carlstadt und Zwilling machte er keine Hindeutung. Das Treiben der vorgeblichen Propheten, welche an jene Carlstadtische Bewegung anknüpften, die aber doch noch keinen der Gemeinde vorzuwerfenden Erfolg hatten, liess er unberührt. 
15        Er begann die erste Predigt mit der Mahnunt an den Tod, der ihm und seinen Zuhörern allen bevorstehe, und mit welchem jeder für sich werde kämpfen müssen, ohne dass ein anderer für ihn eintreten könne. Darum muss jeder die Hauptstücke des Christentums wohl kennen und gerüstet sein. Jeder muss wissen, wie er ein Kind des Zornes ist, dass aber Gott seinen eingeborenen Sohn gesandt hat, damit wir, auf ihn vertrauend, von Sünden frei und Gottes Kinder werden. Dieser Glaube aber ist nichts ohne die Liebe, durch die wir einander tun sollen, wie Gott für seinen so reichen Schatz und Gabe nicht dankbar gewesen; die Lehre oder die Worte mögen sie wohl gelernt haben, wie ja schier ein Esel Lektion singen kann, Gott aber will nicht blosse Zuhörer oder Nachredner haben, sondern Nachfolger, und zwar im Glauben durch die Liebe. 
16 Nicht das also muss jedermann tun, wozu er ein Recht hat, sondern man muss in Liebe und Geduld zusehen, was dem Bruder förderlich ist. Und wie Gott durch Mose spricht: "Ich habe dich aufgezogen, wie eine Mutter ihrem Kinde tut", also sollen auch wir, wenn wir stark sind, die noch Schwachen tragen, ihren Milchspeise geben, bis sie auch stark werden, und nicht ohne sie gen Himmel fahren wollen, sondern der Brüder und Schwestern auf der andern Seite gedenken, die zu uns gehören (n16) und auch noch herzu müssen. 
17 Gott wird von denen Rechenschaft fordern, welche durci ihre lieblose Freiheit einen Bruder verleitet haben, zu tun, was er nicht mit eignem gutem Gewissen hat tun können, und was ihn deshalb in der Stunde des Todes anfechten wird. Nur nebenbei und nach dieser Pflicht der Liebe, auf welche Luther immer wieder zurückkommt, gedenkt er auch der Pflicht der Ordnung, (504) die man verletzt habe: die Messe abzutun ist wohl gut gewesen, aber es hätte "ordentlich" getan werden müssen; jetzt ist es "in einem Frevel geschehen, ohne alle Ordnung, mit Ärgernis des Nächsten"; denn "man sollte gar mit Ernst zuvor darum gebeten haben und die Obersten dazu genommen, so wüsste man, dass es aus Gott geschehen wäre". Ihm selbst stehe das Predigtamt in der Wittenberger Kirch zu, das der Rat ihm trotz seines Widerstrebens übertragen habe; deshalb hätte man nicht handeln sollen, ohne auch ihn vorher zu befragen. 
18         In den folgenden Sermonen unterscheidet Luther zwischen den Dingen, welche allerdings abgetan werden müssen, als streitend wider Gottes Willen, wie die Winkelmessen, und zwischen solchen, welche Gott frei gelassen habe, wie das Ehelichwerden der Geistlichen, das Leben in Klöstern, das Fasten oder Essen, die Bilder in Kirchen, das Anfassen des Sakraments, d. h. des Brotes und Kelches im Abendmahl, mit den eignen Händen. 
19         Aber auch was abgetan werden musste, sollte doch nach Luther nicht mit Gewalt niedergerissen werden. Vielmehr meint er, auch die Messe sollte nur durch die Wirkung des Wortes auf die Herzen dahinfallen, ohne dass man mit Gewalt gegen sie einschreiten dürfte. Denn er will keinen äusseren gottesdienstlichen Akt, der nicht aus dem Glauben und Gewissen der Gemeindeglieder käme; will auch, dass die einzelnen nicht bloss dem Beschluss der Gemeinde folgen, dass vielmehr die Gemeinde warte, bis auch sie in ihrem Herzen fürs Rechte gewonnen seien: sonst, sagt er, entsteht neue äusserliche Satzung, Gleissnerei, Spiegelfechten, Affenspiel. 
20 Der Leute Herz muss man zuerst fahen, und das geschicht allein durch Gottes Wort. Dieses allein wird es ausrichten. Mit diesem also soll man die Messe strafen vor Laien oder Pfaffen, ohne auf eine gemeine Ordnung zu dringen. Wer dann folgen will, möge folgen, wer nicht will, möge es lassen. Das Wort aber wird in die Herzen fallen und wirken: jetzt wird der eine gefangen werden, sich schuldig geben und von der Messe ablassen, morgen ein anderer; so muss das Ding zuletzt von ihm selbst zerfallen und aufhören. Er schliesst seine Ausführung mit den Worten: "Summa Summarum: predigen wil ich's, sagen will ich's, schreiben will ich's; aber zwingen, bringen mit Gewalt will ich niemand; denn der Glaube will willig ungenötigt angezogen werden. 
21 Nehmet ein Exempel von mir. Ich bin dem Ablass und allen Papisten entgegen gewesen; aber mit keiner Gewalt. Ich hab allein Gottes Wort getrieben, geprediget und geschrieben: sonst hab ich nichts getan. (invocav2#24 Tag et eksempel fra mig! Jeg var imod afladen og alle papister, men ikke med nogen magt. Jeg har alene drevet på med Guds ord, prædiket og skrevet, ellers har jeg intet gjort.
22 Das hat, wenn ich geschlafen hab, wenn ich Wittenbergisch Bier mit meinem Philippo [Melanchthon] und Amsdorf getrunken hab, also viel gethan, dass das Papstthumb also schwach worden ist, dass ihm noch nie kein Fürst noch Kaiser so viel abgebrochen hat. Ordet har, mens jeg har sovet, og mens jeg har drukket wittenbergsk øl med min Filip og min Amsdorf, bevirket så meget, at pavedømmet er blevet langt mere svagt end om nogen fyrste eller kejser havde ødelagt det.
23 Ich hab nichts gethan: das Wort hat es alles gehandelt und ausgericht. Wenn ich hätte wollen mit Ungemach fahren, ich wollte  Deutschland in ein gross Blutvergiessen gebracht haben; ja ich wollt wohl zu Worms ein Spiel angericht haben, dass der Kaiser nicht wäre sicher gewesen. Aber was wäre es? Narrenspiel wäre es gewesen. Ich hab nichts gemacht: ich hab das Wort lassen handeln." (invocav2#25) Det er ikke mig, der har gjort noget, ordet har bevirket og udrettet det altsammen. Hvis jeg havde villet fare frem med magt, så ville jeg have bragt Tyskland ud i en stor blodsudgydelse, ja, jeg ville have anrettet et spil i Worms, så at kejseren ikke havde været sikker dèr. Men hvad ville det have været? Det ville have været et narrespil. Det er ikke mig, der har bevirket det, jeg har ladet ordet handle.
24         Hinsichtlich der Dinge, welche Luther für an sich frei erklärte, versteht sich ohnedies von selbst, dass er jedem Versuch wehrte, andere darin zu einem Verhalten, das in ihrer eignen Überzeugung nicht begründet wäre, durch aufdringliches Zureden, Vorbild oder gar gesetzlichen Zwang zu bestimmen. Er will auch jetzt, dass die Gläubigen von ihrem Rechte zum Trotz denen, welche es ihnen nahmen wollen, Gebrauch machen: gerade dazu sollen sie Fleisch essen, wenn man's ihnen verbietet, gerade dann die Mönchkappen ablegen, wenn der Papst sie zum Tragen derselben (505) zwingen will. Aber den noch Schwachen gegenüber soll man zusehen, was die Liebe fordert; bringt es doch den Starken weder an Leib noch an Seele Gefahr, wenn sie um jener willen des Essens sich enthalten. 
25          Vom Gebrauch der Bilder hatten Carlstadt und Genossen behauptet, dass er eben nicht frei oder ein Adiaphoron sei, weil ihn Gott verbiete durch das Wort des Dekalogs: "du sollt dir kein Bildnis machen u. s. w." Nach seinem unsprünglichen Sinn und Zusammenhang geht das Wort ohne Zweifel nur auf Darstellungen der Gottheit, damit man diese nicht, wie die Heiden taten, versinnliche. Jene bezogen es auf alle religiösen Bilder, namentlich auch auf die Kruzifixe. (n25
26 Luther nun hielt der Berufung auf dasselbe entgegen, dass es das Machen der Bilder nur im Zusammenhang mit dem Anbeten verbieten wolle; in Betreff der Bilder von Gott schränkte er so allerdings den Sinn des Verbotes mehr ein, als dieses ursprünglich gemeint war, sofern im Alten Bund solche allerdings überhaupt nicht angefertigt werden sollten; hinsichtlich anderer Bilder konnte er mit Recht anführen, dass ja doch z. B. Cherubimbilder im Allerheiligsten des Tempels standen. Die Hauptsache aber war bei ihm im Unterschied von Carlstadt und Zwilling, dass er nicht aus dem äussern Buchstaben des mosaischen Gesetzes entschied, sondern frei aus den sittlich religiösen Prinzipien heraus urteilte und hiernach auch die Geltung der mosaischen Gebote für die Christenheit bemass. 
27 Wir werden in Betreff anderer Bestandteile des alttestamentlichen Gesetzes hiervon unten noch weiter zu reden haben. Er fragt nach dem inneren Grund, aus welchem die Bilder auzutun wären. Und da kennt er selbst einen starken Grund: den argen Missbrauch, der mit ihnen getrieben werde. Der gefährlichste ist ihm übrigens nicht etwa der, dass man sie anbete; denn er meint, hierzu hätten doch die meisten Menschen noch zu viel Verstand; es werde doch nicht leicht einer ein Kruzifix für Gott anstatt für ein blosses Zeichen halten. Wohl aber findet er die Welt voll des andern Missbrauchs, dass sie meint, mit Bildern, welche sie in die Kirche setzt, Gott einen Dienst zu tun, und ungescheut führt er als Beispil von Menschen, welche in solchem Wahn viel kostbare Bilder gestiftet haben, neben dem Erzbischof Albrecht den eignen Landesfürsten an. 
28 Deshalb erklärt er, sei auch er den Bildern nicht hold, denn solche Meinung sei rechte Abgötterei. Allein um die Bilder abzureissen und zu verbrennen, genügt ihm diese Ursache nicht. Denn, sagt er, es haben immerhin nicht alle Menschen jene Meinung; andere können der Bilder wohl gebrauchen; an sich sind diese weder gut noch böse; Wein und Weiber bringen auch manchen in Jammer und machen ihn zum Narren, und doch wird man darum nicht alle Weiber töten und allen Wein ausschütten wollen. Nein, man soll vielmehr predigen, wie die Bilder nichts sind und man Gott keinen Dienst mit ihnen tut; dann werden auch sie von selbst zergehen. 
29         Recht bezeichnend war für die Wittenberger Neuerer besonders auch der Eifer, mit welchem sie forderten, dass jeder Abendmahlsgenosse das Sakrament mit den eignen Händen nehme, weil Jesus sage: nehmet, esset. Über das päpstliche Verbot, dies zu tun, urteilt Luther jetzt so scharf wie früher: er nennt es ein närrisches. Er verwirkt auch in einer gleich darauf folgende Schrift (unten S. 512f) die ganze Überschätzung des Sakramentes, welche bei demselben obwaltet; das Wort Gottes, welches alle Dinge und auch das Sakrament heiligt, ist höher als dieses, und wird doch mit Mund und Ohren aufgegriffen, -- wie sollte man nicht auch das Sakrament mit Händen angreifen dürfen? (n29
30 Aber auch davon will er nun nichts wissen, das das "Nehmet" notwendig heissen müsse "mit Händen greifen", -- dass aus der Freiheit ein Gebot gemacht werde. Und gerade bei diesem heiligen (506) Akt warnt er nun besonders dringens seine Zuhörer, dass sie nicht durch den Gebrauch ihrer Freiheit den Schwachgläubigen ein Ärgernis geben, während ja ihnen selbst der Gebrauch nichts fromme, der Missbrauch nichts schade. 
31        Anders stand die Sache beim Genuss des Kelches durch Laien. Hier erkennt Luther wieder wie beim Abtun der Messe an, dass es sich um etwas Nötiges handle: die Stiftung Christi erfordert den Genuss des Abendmahls unter beiden Gestalten. Aber auch hier will er, dass man "keinen Gezwang daraus mache, noch in einer gemeinen Ordnung stelle". Andererseits wollte er denen, welche die richtige Einsicht hatten, für ihre eigne Person keineswegs mehr einen Verzicht auf den durch die römische Tyrannei geraubten Kelch zumuten, ist vielmehr ganz damit einverstanden, dass ihnen derselbe gereicht werde, hat auch ganz gern auf der Wartburg gehört, dass etliche angefangen hätten, das Sakrament in beider Gestalt zu nehmen. Aber dabei, meint er, hätten man es belassen sollen, -- nicht mit dem Kopf durchfahren und gleich jedermann dazu dringen. Dass man dann inzwischen eine zweifache Form der Spendung des Sakraments in der einen Gemeinde gehabt hätte, macht ihm gar kein Bedenken. 
32        Gerade das Abendmahl ist ihm vorzugsweise der Ort, wo die rücksichtsvolle, duldende Liebe geübt werden sollte: "nun", sagt er, "haben wir von Gott eitel Liebe empfangen, denn Christus hat für uns gesetzt und gegeben Gerechtigkeit und alles, was er hat; die Liebe, sag ich, ist eine Frucht dieses Sakraments: die spür ich noch nicht unter euch allhie zu Wittenberg, wiewohl euch viel gepredigt ist". 
33         Die letzte der acht Predigten handelte noch von der Beichte. Die Privatbeichte hatten die Wittenberger Reformatoren abgeschafft, weil sie in der heiligen Schrift nicht geboten sei. Da weist sie Luther vor allem auf eine andere Beichte hin, welche von Gott in der Schrift, nämlich Matth. 18,15ff, geboten werde, die in der Christenheit abgekommen sei, und welche wiederaufzurichten ein rechtes reformatorisches Werk wäre. Er meint jenes Verfahren Matth. 18, wonach man grobe, öffentliche Sünder, "Ehebrecher, Wucherer, Räuber, Säufer", erst brüderlich unter vier Augen zurechtweisen, weiter in Gemeinschaft mit ein paar andern Brüdern ermahnen und endlich vor der ganzen Gemeinde dem Pfarrer anzeigen sollte, damit dieser von wegen und vor der Gemeinde die Unbussfertigen in den Bann täte, d. h. absonderte, bis sie sich erkenneten und wieder angenommen würden. 
34 "Allhie", sagt er, "solltet ihr euch gemüht haben und diese Beichte wieder aufgerichtet". So ernstlich war er vom Beginn der kirchlichen Reformen an auf die Herstellung einer solchen evangelischen Gemeindezucht bedacht. Er fügt freilich auch bei: "das getrau ich aber alleine nicht auszurichten". -- Auch für die Privatbeichte jedoch nahm er wieder das Wort in demselben Sinne wie bisher (vgl. oben S. 446f.): dafür nämlich, dass ein Angefochtener in zweifeligen Sachen, mit denen er für sich nicht ins Reine komme, seinen Bruder auf einen Ort nehme, ihm seine Not vorhalte, vor ihm sich ein wenig demütige und von ihm die Tröstung annehme und glaube, als wenn er dieselbe von Gott hörte. 
35 Wohl sollte der Papst daraus nimmermehr einen Zwang machen, und einer, der einen starken, festen Glauben habe, dass ihm seine Sünden vergeben seien, möge wohl diese Beichte lassen anstehen und allein Gott beichten. Aber nicht um der ganzen Welt Schatz will Luther sie dahingeben; denn er wisse, was sie ihm für Trost und Stärke gegeben habe: er wäre ohne sie längst vom Teufel erwürgt. Er schliesst: "ich kenne ihn (diesen Teufel) wohl, er kennt mich auch; wenn ihr ihn hättet erkannt, ihr würdet mir die Beichte nicht also zurückschlagen. Seid Gott befohlen! Amen". (507) 
36        Das waren die Hauptsätze, welche Luther dem Treiben der Wittenberger Reformer entgegenstellte, und mit welchen er den Strom der Bewegung, gegen den seine Freunde wie Melanchthon und Amsdorf sich machtlos fühlten, mit einem Male zu dämmen unternahm. So wollte er die Freiheit gewahrt haben, mit welcher Gottes Wort in eines jeden Herz und Gewissen wirken müsse, und vermöge deren kein von Herzen gläubiger Christ mehr an äusserliche Formen und Satzungen gebunden sei; so zugleich die Liebe, welche dieses Glaubens Frucht sei und welche namentlich in jener Rücksichtnahme auf die noch im Glauben und Freiheit schwachen Brüder mit Bezug aufs Verhalten zu solchen äussern, der christlichen Freiheit anheimgegebenen Formen sich betätigen müsse. 
37 Es waren ganz dieselben Prinzipien, die schon sein Vorgehen im bisherigen Kampf mit der römischen Kirche bestimmt hatten. Jetzt schnitt ihm am tiefsten der Kampf mit solchen Männern ins Herz, die mit ihm die Christenheit durchs Evangelium aus der "Babylonische Gefangenschaft" befreien, dies aber auf einem den evangelischen Prinzipien geradezu widerstreitenden Weg durchsetzen wollten. 
38 Er erklärte: "alle meine Feinde samt allen Teufeln, wie nahe sie mir kommen sind, haben sie mich doch nicht troffen, wie ich jetzt troffen bin von den Unseren, und muss bekennen, dass mir der Rauch tief in die Augen beisset und kitzlet mich fast im Herzen; hie will ich, dachte der Teufel, dem Luther das Herz nehmen und den steifen Geist matt machen, den Griff wird er nicht verstehen noch überwinden". Und dabei spricht er hier zugleich die eigentümliche Befürchtung aus, dass durch dieses unchristliche, ja vom Teufel erregte Stürmen seiner ehemaligen Genossen auch er selbst von Gott gestraft sei, nämlich dafür, dass er seinerseits in Worms guten Freunden zu lieb seinen Geist gedämpft und nicht härter und strenger sein Bekenntnis vor den Tyrannen getan habe. (n38
39        Den Weg, welchen Luther in jenen Predigten für die kirchlichen Reformen vorschrieb, nötigt uns freilich auch bei aller Anerkennung jener von ihm aufgestellten Grundprinzipien zu der Frage, ob er denn wirklich so, wie er hier erscheint, sicher zum Ziele, nämlich zu einem christlichen Gemeinwesen mit Bezug auf solche Dinge, welche man Adiaphora nennen darf, und in welchen der reife Christ im vollsten Mass jene Rücksicht und Nachgiebigkeit gegen die am Alten hängenden schwachen Gemeindeglieder zu üben hat: sollten jetzt alle Kultusformen, die zwar nichts geradezu Unchristliches enthielten, aber doch durch Überladung mit Äusserlichkeit (wie mit dem Latein) u. s. w. der Andacht schlecht dienten, für die Gemeinde unwandelbar bleiben, bis kein Gemeindeglied mehr der beantragte Neuerung widersprach, oder bis von dem Widersprechenden mit (508) Gewissheit angenommen werden konnte, dass er nicht aus Schwäche, sondern aus Eigensinn und Trotz widerspreche? 
40 Die Frage wird vollends schwer bei kirchlichen Akten, deren bisherige Auffassung und Gestaltung nach der Überzeugung Luthers und aller seiner Glaubensgenossen dem im Evangelium geoffenbarten Sinn und Willen Gottes geradezu widerstritt und doch von andern Gliedern der Gemeinde mit unerschütterlicher und auch wirklich gewissenhafter Hingebung an die bisherige kirchliche Lehre und Ordnung der Kirch noch festgehalten wurde, wie die Beschränkung des Kelchgenusses im Abendmahl auf die Priester und vor allem die in der bisherigen  Liturgie so entschieden und allgemein vorgetragene, dagegen von Luther so scharf verurteilte Auffassung des Sakramentes als Opfer. 
41 Auf die hiermit angezeigten Fragen und Schwierigkeiten hat Luther in jenen acht Sermonen sich nicht weiter eingelassen. Wie er dazu in seinem gleich daran sich anschliessenden praktischen Verfahren und weiter dann in seinen ferneren Kämpfen und den dabei gemachten Erfahrungen sich verhielt, werden wir im folgenden sehen; schon jetzt, von diesem Beginn seines praktischen Reformierens an, müssen wir indessen auch darauf hinweisen, wie hier für ihn, den Reformator, solche weitgreifenden Probleme und Fragen vorlagen, deren volle Klärung und Lösung auch ihm noch nicht möglich weden, sondern erst künftigen Zeiten vorbehalten bleiben sollte. 
42 Denn ein Dreifaches wirkte hier zusammen und stiess auf einander: seine religiöse Grundforderung der Gewissens- und Glaubensfreiheit und der deshalb den Schwachen zu erweisenden duldende Liebe; daneben das natürliche Bedürfnis der Gemeinde nach Einigkeit und Ordnung, und endlich die ganze bisherige Entwicklung des kirchlichen, staatlichen und nationalen Lebens und wichtige, darauf bezügliche, allgemein herrschende, auch für Luther selbsst noch feststehende Voraussetzungen. 
43         Zunächst aber offenbarte sich jetzt die Grösse des einen Mannes, wie in der kühnen Selbständigkeit, mit der er rücksichtslos nach den entgegengesetzten Seiten kämpfend aud den Plan trat, so auch in dem Erfolg, welchen sein Wort und seine Persönlichkeit jetzt alsbald auch nach der andern Seite hin erreichte. Die Wogen schienen auf seine Predigten hin bereits beruhigt und waren es, was die Wittenberger Gemeinde im ganzen betrifft, auch wirklich. Keiner wagte öffentlich gegen ihn das Wort zu nehmen. Sofort nach Beendigung seiner acht Predigten suchte er mit Melanchthon die in Verwirrung gebrachten Nachbargemeinden auf, um auch hier Ruhe zu schaffen. (n43
44 Der aufgeregte und aufregende Prediger Zwilling kam, wie Luther selbst mit Freuden berichtet, jetzt schnell zur Besinnung, so dass Luther eine ordentliche Pfarrstelle für ihn suchte. Carlstadt, der jetzt wieder auf seine Tätigkeit als Professor und Archidiakonus an der Stiftskirche sich beschränken musste, verschloss mehrere Wochen lang schweigend seinen Groll in sich; dann gab (509) er eine lateinische Schrift in die Presse, die zwar nirgends dirent mit Namennennung Luther angriff, aber doch Sätze enthielt, die als Angriff auf ihm verstanden werden konnten (wenn z. B. den einen Tyrannen schalt, der den Laien das Anfassen des Kelchs verwehren wolle); aber die fertigen Druckbogen wurden von der Universität angehalten und vernichtet -- so eifrig ergriff man hier für Luther Partei! -- , trotzdem dass er bestritt, diesen gemeint zu haben. (n44
45 Melanchthon war wieder gefasst und ganz mit Luther einverstanden. Schurf meldete dem Kurfürsten, wie sich über seine Ankunft und Predigten grosse Freude und Frohlocken unter Gelehrten und Ungelehrten erhoben habe und erwachse, dieweil er den armen, verführten und geärgerten Leuten täglich den Weg der Wahrheit weise und unwiderfechtlich ihren Irrtum anzeige, also dass nicht zu zweifeln sei, er sei durch sonderliche Schickung des Allmächtigen wiedergekommen. 
46 Der Rat der Stadt verehrte ihm zum Empfange Tuch für eine neue Kleidung, die er jetzt wieder nach Sitte seines Ordens trug, und bald nachher ein Geschenk an Bier und Wein, schickte auch eine gleiche Gabe auf Pfingsten seinem Vater zu. Capito, der noch kurz zuvor die Heftigkeit Luthers gegen den Papst und Erzbischof Albrecht hatte dämpfen wollen und selbst so scharf von ihm zurechtgewiesen war, erschien erfreut darüber, versöhnte sich mit Luther und ging dann aus dem Dienst Albrechts in den der Strassburger Gemeinde über, um dort offen und entschieden am Werke der Reformation mitzuarbeiten. (n46) (se 5,7#47)
47 Bei allen im Reiche, auch bei den Anhängern des Alten, welche Gewalttaten und Empörung als notwendige Folgen von Luthers Lehre ansahen, musste es einen gewichtigen Eindruck machen, zu erfahren, was eben er diesen Gefahren gegenüber wollte und vermochte; bald zeigten sich Wirkungen hiervon auch in den Verhandlungen der Reichsstände. 
48          Auf die Lehren und Phantasten der vorgeblichen neuen Propheten liessen sich Luthers Sermone, wie gesagt, gar nicht ein. Markus Thomä Stübner war damals gerade von Wittenberg abwesend. Inzwischen übten auch unter seinen Anhängern jene Sermone ihre Macht aus; einer von diesen bekannte: er meine nicht eines Menschen, sondern eines Engels Stimme vernommen zu haben. Als sodann Markus am Anfang April zurückkehrte, suchte er nebst seinem Wittenberger Hauptgenossen Cellarius angelegentlich eine persönliche Zusammenkunft mit Luther, der hierauf nur ungern sich einliess. Sie hatten da in Luthers Stube ein merkwürdiges Gespräch mit einander, welchem ausser den Genannten nur Melanchthon und noch ein zweiter Begleiter des Markus beiwohnte. 
49 Jene wandten sich mit freundlichen, anerkennenden Worten an Luther, der jetzt auch ihnen Anerkennung schenken sollte, ja Cellarius äusserte, Luthers Beruf sei grösser als der der Apostel. (510) Das verbat sich Luther. Wegen der Lehren und Offenbarungen, die sie vortrugen, verwarnte er sie ernstlich und nüchtern: er finde nichts davon in der Schrift gegründet; es seien fürwitzige Gedanken und Einfälle oder gar vahnwitzige und verderbliche Eingebungen eines Lügengeistes. Nun fing Cellarius vor Entrüstung darüber, dass Luther so etwas bei einem Gottesmann argwöhne, unsinnig an zu schreien, zu stampfen und auf den Tisch zu schlagen. 
50 Ruhiger fuhr Markus fort. Er versicherte, dass ihm seine Lehre niemand, auch Gott selbst nicht nehmen werde; er habe alles aus wunderbaren Offenbarungen gelernt. Luther versuchte er zu belehren über die notwendigen Fortschritte der "Entgröbung" u. s. w. Er wollte von ihm wissen, dass er erst im ernsten Grade der "Beweglichkeit" sei, jedoch auch noch in den Grad der "Unbeweglichkeit" gelangen werde, in welchem er selbst stehe. Überhauppt wollte er einem jeden bald ansehen, wes Geistes er sei oder was er für ein "Pfund" habe. Ja er erklärte: damit Luther den Geist Gottes in ihm erkenne, wolle er ihm anzeigen, was er selbst jetzt denke; nämlich er fange jetzt selbst an, an die Wahrheit dessen zu glauben, was er, Markus, lehre. 
51 Luther war betroffen. Er hatte nämlich, wie der nachher erzählte, sich wirklich in jenem Augenblick absichtlich einmal in den Gedanken, dass er wahr sein sollte, hineinversetzt. Aber er wies jenen zurück mit den Worten: "Gott strafe dich, Satan!" Als Luther bei dem Worte beharrte, das uns Gott in der Schrift gegeben habe und ausser welchem er nichts mit uns handeln wolle, und den neuen Propheten aufgab, ihren Beruf durch ein Wunderzeichen zu bewähren, rühmten sie sich drohend, dass sie bald das Geforderte leisten würden. Er aber erwiderte: sein Gott werde ihren Göttern wehren, dergleichen zu tun. Nachher schrieb er darüber an Spalatin: ich habe ihrem Gotte gedroht, dass er kein Wunder tue ohne den Willen meines Gottes. Hiermit fertigte er sie ab, und sie verliessen noch am selben Tage Wittenberg. Gleich vom benachbarten Kemberg aus schrieben sie noch einmal an ihn; er aber liess sie ihres Weges gehen. -- 
52 Zu Anfang des September erschien bei Luther auch das Haupt der Propheten, Claus Storch, und zwar, wie er einherzuziehen pflegte, in der Kleidung eines Landsknechts. Zwei andere begleitete ihn: einer, der uns nicht genannt wird, und ein Dr. juris Gerhard Westerburg, ein tüchtig gebildeter junger Mann aus einer Kölner Patrizierfamilie, den in seiner Vaterstadt ein Sendbote Storchs für das neue Prophetentum gewonnen und nach Wittenberg gezogen hatte, und der dann eine Schwester von Carlstadts Frau heiratete. Sie erreichten bei Luther so wenig als ihre Vorgänger. Ja Storch machte ihm den Eindruck eines leichtfertiges Mannes, der selber von seinen Meinungen nicht allzuviel halte. Auch fand Luther wenig Übereinstimmung zwischen Storch und Markus, indem jener von nichts als der Kindertaufe gehandelt habe. -- 
53 Der Kreis von Gläubigen und Nacheiferen, der in Wittenberg bereits um Markus sich gesammelte hatte, scheint sich schnell aufgelöst zu haben. (n56
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Noter:

n3  Kessler, Sabb. 123, Ausg. 1902, 64f.; Burrer a. a. O.; Dantiscus in Hipler, Nikol. Kopernikus u. Luth. 1868, 73, (ZKG 3,304).

n9:  WW 15,2384ff. E3, 297f. Br 2, 141ff. E3, 303ff. Seid. Br. 14ff. Tzl. 2, 262, 279.

n10:  Br 2, 156ff. (E3, 315ff).

n12:  Burrer a. a. O. -- EA 28,252ff. 203ff. Eine Niederschrift wichtiger Sätze aus der Invocavit-Predigt bei Clemen, Beitr. z. Ref. Gesch. 1, 30f, EA 28,285ff, und dazu Anm. 513 1).

n16:  EA 28,254 "Brüder und Schwestern, die zu uns geboren" (danach der Text in den früheren Auflagen); aber EA 28, 211: "Brüder und Schw. die zu uns gehören." Erstere Lesart ist wohl Druckfehler.

n25:  Die Behauptung H. Langs, M. Luth. ein rel. Charakterbild 132, dass es sich nur um Marien- und andere Heiligenbilder gehandelt habe, ist aus der Luft gegriffen; vgl. überdies, was Lang selbst S. 137 von gebrochenen Kruzifixen erwähnt.

n29:  EA 28, 295. 22,42.

n38:  Br 2, 165.

n43:  So berichtet Ulscenius am 17. März (Mel. paed. 122). Es kann sich aber nur um einen Besuch der nächten Orte gehandelt haben, da L. schon am 17. wieder aus Wittenberg einen Brief schreibt.

n44:  Br 2, 185f (E3, 343. 346). CR 1 570. 572. RE 10,76. Näheres über dies Verfahen gegen Carlstadt wird H. Barge in seiner Monographie über diesen veröffentlichen, dem wir Notizen über den Inhalt der konfiszierten Schrift verdanken. -- Br 2, 156. 170. 183ff. (E3, 315, 341f. 381)

n46:  WW 15,2401. E3, 306f. -- NM 3,1,111. -- Baum a. a. O. ZKG 5,333.

n56:  Br 2, 179. 181 (E3, 328. 331).