Julius Köstlin: Luther, sein Leben und seine Schriften
Viertes Buch: (Fünfte neubearbeitete Auflage, nach des Verfassers Tode fortgesetzt von D. Gustav Kawerau)
Das Jahr auf der Wartburg 1521.
Berlin 1903

Kap. 4: Luthers Rückkehr von der Wartburg


Tilbage til Köstlin, indholdsfortegnelse!

Indhold: Luther über die Zwickauer Propheten 491. #2. -- über die Kindertaufe 492. #5. -- Ansprache an die Wittenberger 493. #10. -- Schreiben an den Kurfürsten 494. #15. -- Rückkehr über Jena 495. #25. -- Brief an Friedrich den Weisen. 498. #33.

Tilbage til oversigten!
 
 
1           Wir haben die Wittenberger Vorgänge, obgleich sie seit Luthers kurzem Besuch in Wittenberg ohne sein Dazutun weiter verliefen, doch um deswillen so ausführlich, wie oben geschehen ist, erörtert, weil es einer genaueren Kenntnis derselben bedarf, um das Verfahren, welches Luther nachher dort einschlug, richtig zu verstehen und zu beurteilen. 
        Über das Prophetentum der Zwickauer Ankömmlinge, von denen ihm Amsdorf und Melanchthon natürlich so bald als möglich Bericht gaben, äusserte er sich von Anfang an sehr ruhig; er war ungehalten, dass Melanchthon so in Angst geraten war, der doch an Geist und Gelehrsamkeit mehr als er selbst vermöge. Ruhig wies er seine Wittenberger Freunde an, die Kennzeichen, an denen die heilige Schrift den göttlichen und prophetischen Geist erkennen lehre, bei jenen Männern zu erproben. In den wunderbaren Dingen, die man ihm bisher von ihnen meldete, sah er noch nichts, was nicht auch der Satan leisten könnte.   
3   Dem Anspruch, den jene aufs Recht öffentlicher Lehrtätigkeit auf Grund ihrer unmittelbaren göttlichen Berufung erhoben, stellte er den Grundsatz entgegen: Got schicke keinen Gesandten in die Welt, ohne ihn entweder durch eine ordentliche Berufung von seiten anderer Menschen ins Lehramt einzuführen oder durch Wunderzeichen unmittelbar zu legitimieren. Dieser Grundsatz kehrt von da an bei ihm immer wieder, so oft er über andere, die als Lehrer und Reformatoren auftraten, zu urteilen hatte; war ihm ja doch auch für seine eigne Tätigkeit immer das so überaus wichtig und beruhigend gewesen, dass er sich in sie nicht eingedrängt, sondern durch ordentliche menschliche Berufung sein Amt mit dessen schweren Pflichten und heiligen Befugnissen von Gott empfangen habe. 
4  Ferner gab er für die Prüfung, welche Melanchthon bei jenen hinsichtlich ihres persönliches Geisteslebens und ihrer besondern religiösen Erfahrung vornehmen sollte, eine Anweisung, welche uns recht zeigt, was für ihn bei seinem eignen innern Werden und Leben die bedeutsamsten Kriterien eines göttlichen Wirkens in ihm im Unterschied von eitlen menschlichen Gefühlserregungen, Phantasien und Schwärmereien waren: so lange sie nur Schönes, Andächtiges, Frommes von sich zu rühmen hätten, solle Melanchthon den Gottesgeist bei ihnen nichts anerkennen, ob sie auch vorgäben, bis in den dritten Himmel entrückt zu sein; er solle vielmehr erkunden, ob sie auch etwas von den geistlichen Nöten und von der göttlichen Neu- (492) geburt, welche durch Tod und Hölle hindurchgehe, erfahren hätten. -- Von gewaltsamen Massregeln gegen sie mahnte er aufs ernstliche ab. (n4
5           Nur von dem Angriff, den sie auf die Kindertaufe machten, besorgte er sogleich grosse Gefahren. Er habe, sagt er, schon bisher stets wolle hierdurch unter und in den evangelisch Gesinnten einen schweren Riss anstiften. Längst fühlte er auch selbst schon die Unhaltbarkeit jener Lehre, dass an die Stile des Glaubens, den die Täufllinge haben sollten und ohne welche ja gerade nach seiner eignen Lehre kein äussere Sakramentsempfang im Menschen etwas wirkan kann, bei den Kindern einfach ein fremder Glaube trete. Doch hatte er auch schon seit dem Jahre 1519 in verschiedenen Schriften eine andere Auffassung vorgetragen, mit welcher er in dieser schwierigen Frage zu vermitteln suchte. 
6   Auch in den Kindern entsteht durch Wirkung des göttlichen Geistes ein die Taufgnade aufnehmender Glaube; der Glaube der Gemeinde wird hierbei insofern für die Kinder tätig, als sie gläubig die Kinder dem Herrn darbringt und im gläubigen Gebet, für welches nichts unmöglich sei, jene Wirkungen für sie erfleht. Diese Gedanken machte er jetzt auch bei Melanchthon gegen die Zwickauer geltend: dem Glauben ist alles möglich; wie sollte man auch zweifeln, da ja der Heiland stets gezeigt hat, dass er alles ihm Dargebrachte annimmt, und da man in der Taufe die Kinder eben nur dem gegenwärtigen Christus in seine geöffneten Gnadenhände darbringt? Wie wollen jene beweisen, dass diese Kinder nicht auch schon glauben? sie müssten das erst beweisen und könnten's doch nicht.   
7   Auf die Frage freilich, wie man ein solches wirkliches Glaubdeen der Neugeborenen bei ihrem sonst noch schlummernden persönlichen Leben sich denken solle, und auf die Frage, ob die Aufnahme in des Herren Gnadenhände auch schon die Wiedergeburt in sich schliessen müsse, welche die Kirchenlehre bei Erwachsenen und Kindern gleichmässig an die Taufe knüpfte, ist Luther hierbei nicht eingegangen, und wir bemerken im voraus, dass wir auch in seinem späteren Entgegnungen gegen die Wiedertäufer eine genügende Erörterung und befriedigende Lösung derselben nicht finden können. 
8  Sichtlich hatte er bei jenem Schreiben an Melanchthon auch mehr erst ein allgemeines, tiefes und sicheres unmittelbares Bewusstsein davon, dass die Kindertaufe trotz der Angriffe bleiben müsse, als Klarheit und Gewissheit in Betreff der einzelnen darauf bezüglichen Fragen und Argumente. Er trägt jene Gründe nicht in der ihm sonst eignen strengen Gedankenfolge vor; er legt Melanchthon daneben noch andere nahe, wie das Beispiel der alttestamentlichen Beschneidung und den Hinweis auf die Worte 1 Kor 7,14, aus denen er den Brauch der Kindertaufe schon für die apostolische Zeit erweisen zu können wünscht; er möchte jedoch darüber erst noch Melanchthons (493) Urteil hören. Aber dieser seine ganzen Ausführung gegen die Zwickauer schickt er schon kurz und fest die Erklärung voran: "Mich bewegen jene gar nicht". 
9         Melanchthon hatte der "Propheten" wegen sogleich dringend Luthers Wiederkunft gewünscht und in diesem Sinn dem Kurfürsten berichtet. Luther hingegen erklärte: die seien ihm kein Grund zu kommen, sie hätten für ihn kein Gewicht. (n9
10         Wohl aber versetzte ihn jetzt die Art, wie in der Wittenberger Gemeinde durch seine eignen Anhänger seit Weihnachten die Reform betrieben wurde, in steigende Spannung und Besorgnis. Die Nachrichten und Gerüchte hierüber liessen ihm schon in der Mitte Januar keine Ruhe mehr auf der Wartburg: er kündigte bereits Spalatin an, dass er in ganz kurzer Zeit zurückkehren werde, sei's um dann wieder in Wittenberg zu bleiben, sei's um einen andern Ort für sich und sein öffentliches Wirken zu suchen. 
11 Am kurfürstlichen Hof war man dem durchaus entgegen, da ein öffentliches neues Hervortreten des Geächteten in Wittenberg vollends zu den schlimmsten Verwicklungen mit der Reichsgewalt führen müsse und vom Kurfürsten nicht verantwortet werden könne. So unternahm dann Luther im Februar noch eine schriftliche Ansprache an seine Wittenberger, die jedoch nicht zum Abschluss und zur Absendung kam, weil er doch selbst statt ihrer bei ihen erscheinen wollte. 
12        Sie fasste bereits kurz und scharf die Hauptsache, die er ihnen zu sagen hatte, zusammen. Er erklärt ihnen, dass die äusserlichen Dinge, aus denen sie so grosses Wesen machen, wie das Anfassen des Brotes beim Abendmahl und andere Missbräuche, die Bilder in der Kirche, das Essen von Fleisch und Eiern in der Fastenzeit nur "kleines Narrenwerk" und "liederliche Dinge" seien, an denen nichts liege. Darüber, so wirft er ihnen vor, haben sie die Liebe verleugnet, die liebende Rücksicht auf Schwächere, welche noch nicht so weit seien. 
13 Man habe "diesen Handel schnell purdi, purdi angefangen und mit Fäusten hineingetrieben"; hineingetrieben habe man in jene Dinge viele arme Seelen, die in ihrem Gewissen noch nicht dazu erstarkt gewesen, und die, wenn sie jetzt darüber auf dem Totenbett oder in anderer Anfechtung gegen den Teufel sich rechtfertigen müssten, kein Haar breit darum wüssten. Er schaut weiter auf die Christen ausserhalb Wittenbergs, die das Evangelium noch nicht gehört und denen man durch jenes Verfahren nur Ärgernis gegeben habe. "Wir haben da", sagt er, "noch viele Brüder und Schwestern, die müssen wir auch zum Himmel haben; sind jetzt gleich Herzog Georg und viel andern auf uns zornig, dennoch sollen wir sie tragen und das beste von ihnen hoffen; es ist möglich, dass sie besser werden, denn wir sind". 
14         Sein Kurfürst scheute in innerer Unsicherheit vor den Reformen zurück, weil die gemeine Christenheit sie noch nicht annehme: Luther wollte sie mit fester Überzeugung, aber in einer Weise, bei der man überall noch möglichst viele Brüder mit christlicher Liebe gewinne und nicht selbst die (494) Schuld des Separatismus auf sich lade. Daneben wiederholte er auch jetzt, dass man durch die Satzungen der Kirche in den Dingen, die Gott frei gelassen, sich ja nicht dürfe binden lassen, dass man vielmehr allerdings dann, wenn einen jemand zum Fasten zwingen möchte, gerade das Gegenteil tun solle. (n14
15         Anderseits schrieb er dem Kurfürsten, dessen Bedrängnis in diesen Schwierigkeiten er hörte, um den 20. Februar folgendermassen: 
16          "Meinem allergnädigsten Herrn zu eignen Händen. Gnade und Glück von Gott dem Vater zum neuen Heiligtum! -- Ew. Fürstl. Gnaden hat nun lange Zeit nach Heiligtum in alle Lande bewerben lassen; aber nun hat Gott Ew. F. G. Begierd erhört und heimgeschickt ohn alle Kost und Mühe ein ganzes Kreutz mit Nägeln, Speeren und Geisseln. -- Ew. F. G. erschrecke nur nicht, ja strecke die Arme getrost aus und lasse die Nägel tief eingehen, ja danke und sei fröhlich. Also muss und soll es gehen, wer Gottes Wort haben will, dass auch nicht allein Hannas und Kaiphas toben, sondern auch Judas unter den Aposteln sei und Satanas den Kindern Gottes. -- Ew. F. G. glaube mir Narren auch ein klein wenig, ich kenne nämlich diese und dergleichen Griffe Satanä, darum fürcht ich mich auch nicht, das tut ihm wehe. Es ist noch alles das Anfahen. Lasst Welt schreien und urteilen, lasst fallen wer da fällt, auch St. Peter und die Apostel, sie werden wohl wieder kommen am dritten Tage, wenn Christus wieder aufsteht. Es muss auch das an uns erfüllet werden, 2 Kor 6,5: "Lasset uns beweisen als Diener Gottes in Aufruhren". E. F. G. wollt für gut haben; vor grosser Eile hat die Feder müssen laufen: ich habe nicht mehr Zeit, will selbst, so Gott will, schier da sein.  E. F. G. nehme sich meiner nur nichts an. E. F. G. untertäniger Diener Martinus Luther". (Br 2, 136f; E3 291). 
17          Der scharfe, kurzgehaltene Ton dieses Trostbriefes mit der empfindliche Anspielung auf Friedrichs Liebhaberei für die elenden Heiligtümer der Reliquien (vgl. oben S. 82) gibt stark zu erkennen, wie ungehalten Luther damals auch über ihn war. Ursache war ihm wohl nicht bloss die Verzagtheit, in die der Fürst geraten war, sondern auch sein abwehrendes Verhalten schon gegen die früheren, gemässigten reformatorischen Wünsche der Universität. 
18 Luthers Meinung war damals wohl die gewesen, dass der Kurfürst zwar nicht selbst Neuerungen gebieten, wohl aber die ordentlich bestellten Hirten und Leiter der Wittenberger Kirchen im Einverständnis mit der Gemeinde ruhig und allmählich ebenso vorgehen lassen möge, wie er ihn selbst und die andern bisher im Predigen hatte gewähren lassen -- Der Ton, in welchem Luther hier mit seinem allergnädigsten Herrn redet, zeigt uns übrigens auch hinlänglich, wie sehr er gerade damals alle Rücksichten Menschlicher Unterthänigkeit beiseite setzte. 
19         Schliesslich hat er dann also in jenem Brief angezeigt, dass er bereits im Begriff sei nach Wittenberg aufzubrechen. 
20         Er war jetzt auch vom Rat der Stadt und von der städtischen Gemeinde darum gebeten worden, und Melanchthon berichtete nachher: "wir (495) haben Luther zurückgerufen". Näheres darüber, in welcher Form diese Bitten von der Stadt und auch von der Universität her an ihn kamen, wissen wir nicht. Nach Meinung und Willen des Kurfürsten fragte er nicht weiter. (n20
21         Dieser schickte, sobald er jenes Schreiben Luthers erhalten hatte, an seinen Amtmann in Eisenach, Johann Oswald, eine "Instruktion", was derselbe "an Dr. Luther werben solle", d. h. Vorstellungen, welche diesem gemacht werden sollten, um ihn womöglich noch nach des Kurfürsten Sinn umzustimmen und zurückzuhalten. Luthers Glückwunsch zum "neuen Heiligtum und Kreuz" hatte den frommen, milden Herren nicht zu arg verletzt: er liess ihm sagen, dass er dasselbe, wenn es von Gott komme, ja ohne Entsetzen auf sich nehmen wolle, weil Gottes Joch süss und seine Last leicht sei, dass man es aber in Wittenberg doch zu wunderlich treibe, viele Sekten entstehen möchten, jedermann irre werde und niemand wisse, wer Koch oder Kellermeister wäre. 
22 Zugleich berichtete er ihm von jenem Mandate des Reichsregiments, das er empfangen, von jenem Vorhaben der Bischöfe, welchen Luther mindestens noch abwarten dürfte. Während er jenes Kreuz nach Gottes Willen auf sich zu nehmen sich bereit erklärte, wollte er doch nicht, dass wegen seines eigenen Kopfes auch andere Leute zu Schaden kämen. Schliesslich wollte er indessen -- in einer für ihn charakteristischen eigenen Unsicherheit und Hochschätzung Luthers "alles in seinen Verstand, der dieser hohen Sachen erfahren, gestellt haben". 
23        Als aber diese "Instruktion", oder, wie Luther sie nachher bezeichnete, diese kurfürstliche "Schrift und gnädiges Bedenken", durch Oswald am Abend des 28. Februars an Luther gelangte, war dieser eben zur Abreise bereit und liess sich nicht mehr aufhalten. Gleich am andern morgen, Sonnabend den 1. März, brach er auf. 
24        Ohne Geleit ritt er dahin in seiner Reitertracht, um unerkannt und unaufgehalten sein Ziel, Wittenberg, zu erreichen: dort wolte er sich trotz Bann und Acht den Feinden und Freunden, den echten und den falschen Freunden offenbaren. Seinen Weg nahm er jedoch vorsichtigerweise möglichst durch kursächsisches Gebiet -- über Jena und Borna. 
25        An Fastnacht, wohl am Abend des 3. März, trafen in Jena mit ihm zwei junge Schweizer zusammen, die auf die Wittenberger Universität zogen. Der einen von ihnen, Johann Kessler von St. Gallen, hat uns eine anschauliche Schilderung hinterlassen. (n25) Sie vergegenwärtigt uns in jenen Augenblicken recht lebendig das Bild des Mannes, der damals voll festen Mutes in ungestört heiterer und freundlicher Haltung den schwersten Auf- (496) gaben und einer im tiefsten Dunkel liegenden Zukunft entgegenging. 
26 Die Beiden kamen ins Wirtshaus zum Bären, ein wenig vor der Stadt Jena gelegen. Da fanden sie einen einzelnen Reiter, der sie freundlich grüsste, sie einlud zu ihm zu setzen und ihnen von seinem Trunk anbot, während sie wegen ihrer kotbedeckten Schuhe sich auf ein Bänklein an der Türe hatten drücken wollen. Er hatte ein rites Lederkäpplein, Hosen und Wams ohne Rüstung, an der Seite das Schwert, die rechte Hand auf des Schwertes Knopf, während die andere das Heft umfasste; vor ihm aber lag ein Büchlein. Er erkannte sie gleich für Schweizer und sagte ihnen, dass sie in Wittenberg gute Landsleute, den Juristen Schurf und dessen Bruder, den Mediziner, treffen würden. Da sie alsbald nach Martin Luther fragten, erwiderte er ihnen, der werde bald dorthin kommen; Melanchthon aber sei dort und lehre griechisch, andere lehrten daselbst hebräisch; er rate ihnen in Treuen, diese Sprachen zu studieren, denn sie seien notwendig um die heilige Schrift zu verstehen. 
27 Wie er hörte, dass sie bisher in Basel studiert haben, fragte er sie nach Erasmus. Solche Reden befremdeten sie bei dem Reitersmann. Es ward ihnen aber bei dem Gespräch gar heimlich zu Mut, so dass einer von ihnen das Büchlein nahm und aufschlug: es war ein hebräischer Psalter. Der Schweizer sagte, er wollte einen Finger darum geben, dass er diese Sprache verstünde, und der Reiter erwiderte, er begehre auch, sie weiter zu erlernen und übe sich täglich darin. Auch darüber, was man von dem Luther im Schweizerlande halte, befragte sie derselbe. Nachher kam der Wirt dazu, hörte, dass sie grosses Verlangen nach Luther trugen, sagte ihnen, sie hätten ihn vor zwei Tagen an dieser Stelle sitzen sehen, und rief, als sie sehr zürnten, wegen der schlechten Wege nicht damals schon in Jena angelangt zu sein, bald darauf Kessler vor die Türe und vertraute ihm an, der sie es, der bei ihnen sitze. 
28 Kessler nahm jedoch die Worte für Gespött und sein Geselle meinte, er habe vielleicht "Luther" statt "Hutten" verstanden, weshalb sie fernerhin mit dem Reiter redeten, als ob er Ulrich Hutten wäre. Über dem kamen zwei Kaufleute in die Herberge. Einer von ihnen legte ein ungebundenes Buch neben sich und sagte, als der Reiter darnach fragte: "Es ist Dr. Luthers Auslegung etlicher Evangelien und Episteln, erst neu ausgegangen; habt Ihr die nie gesehen?" Jener antwortete: "Sie werden mir auch bald zukommen". Da die Gäste vom Wirt gemeinsam zur Abendmahlzeit gerufen wurden, baten die Studenten mit ihnen Nachsicht zu haben und ihnen etwas besonders zu geben; Luther aber sagte: "Kommt herzu, ich will die Zehrung mit dem Wirt wohl abtragen". 
29 Unter dem Essen führte er viele gottselige, freundliche Reden, so dass die Kaufleute und Studenten vor ihm verstummten und mehr auf seine Worte (497) als auf die Speisen achteten. Er klagte unter anderem über die jetzt in Nürnberg versammelten Fürsten, die über die Händel wegen Gottes Wort und über die Beschwerden der Nation beraten wollten, aber ihre Zeit mit Lustbarkeiten, Hoffart und Unzucht verbrächten. Dann sprach er die Hoffnung aus, dass die evangelische Wahrheit bei den Kindern des gegenwärtigen Geschlechts mehr Frucht bringen werde als bei diesem, in welchem die giftige Irrtümer zu fest eingewurzelt seien. Die Rede kam auf Luther, und da meinte einer der Kaufleute: das müsse, nach seinem Laienurteil, entweder ein Engel vom Himmel oder ein Teufel aus der Hölle sein, er liesse sich's aber gern seine letzten zehn Gulden kosten, wenn er ihm beichten könnte, denn der möchte ihm sein Gewissen wohl gut unterrichten. 
30 Als nacn Tisch die Kaufleute das Zimmer verlassen hatten, dankten die Schweizer dem Unbekannten, dass er für sie die Zeche bezahlt, und liessen ihm dabei merken, er sei wohl Hutten. Er scherzte deshalb mit dem Wirt, dass er zu einem Edelmann geworden sei. Dieser sagte gerade heraus: "Ihr seid nicht Hutten, aber Luther". Er jedoch scherzte weiter: "Die halten mich für Hutten, Ihr für Luther, bald werde ich wohl gar Markolfus werden" (eine bekannte Figur des derben volkstümlichen Witzes jener Zeit). 
31 Darnach nahm er ein Bierglas und forderte die Schweizer auf, ihm einen Freundestrunk zum Segen nachzutrinken, vertauschte jedoch das Glas, als sie es nehmen wollten, mit einem Glas voll Wein, weil ihnen das Bier unheimlich und ungewohnt sei. Mit dem stand er auf, warf seinen Waffenrock um, bot ihnen die Hand zum Abschied und sagte: "So ihr nach Wittenberg kommt, grüsset mir den Dr. Hieronymus Schurf." Sie fragten, wie sie ihn nennen sollten, damit Schurf den Gruss verstehe. Eer antwortete: "Saget ihm nicht mehr denn das: der da kommen soll, lässet euch grüssen, so verstehet er die Worte bald". 
32 Also schied er von ihnen und ging zu seiner Ruhe. Die Kaufleute, vom Wirt über Luthers Person unterrichtet, suchten ihn in der Frühe des nächsten Morgens auf, um wegen der ungeschickten Reden, die sie etwa vor ihm geführt, sich zu entschuldigen, und trafen ihn im Stalle mit seinem Pferde beschäftigt. Er erwiderte ihnen ihnen, wenn sie einmal, wie sie gestern gesagt, dem Luther beichten würden, so würden sie ja erfahren, ob es es sei. Dann sass er auf und ritt weiter Wittenberg zu. 
33        Am Aschermittwoch, dem 5. März, war er in Borna, südlich von Leipzig. Er kehrte dort bei dem ihm befreundeten Michael von der Strassen ein, welcher den Posten eines kursächsischen Geleitsmannes (d. h. Beamten für Strassengeld und Zoll) bekleidete. Bei diesem hatte er ohne Zweifel die erste Gelegenheit seit seinem Abgang von der Wartburg, ein Schreiben an seinen Landesherrn zur Antwort auf die "Instruktion" zu befördern, (498) die er noch am 28. Februar erhalten hatte. So richtete er jetzt an ihn einen seiner denkwürdigsten Briefe. (n33) 
34       Mit Bezug auf die Ermahnung zu wahrer Klugheit und Weisheit, wodurch er in seinem vorangegangenen Schreiben seinen Fürsten verletzt zu haben fürchtete, erklärt er jetzt: dieser werde ja sein Herz für besser erkennen, als dass er desselben hochberühmte Vernunft mit solchen Worten stochern sollte; was er geschrieben, habe er nicht seiner eignen Sache wegen geschrieben, sondern wegen des bösen Handels unter den Glaubensgenossen in Wittenberg, der ihm auf dem Halse liege und zuvor den heiligen Evangelio. (br050322#5
35       Mit Bezug auf sich selbst schreibt er: Sr. Kurfürstl. Gnaden wisse oder solle sicn hiemit kund sein lassen, dass er sein Evangelium nicht von Menschen, sondern allein vom Himmel her habe. Dass er sich doch zum Verhör und Gericht erboten habe, sei nur aus Demut geschehen, um die anderen zu locken; dass er im vorangegangenen Jahre gewichen sei (in die Abgeschiedenheit der Wartburg), das habe er nur seinem Fürsten zu Dienst getan. Jetzt müsse er, um dem Teufel nicht den Platz zu räumen, Gewissens halber anderes tun. (br050322#9)
36        Eine Mahnung, auf Herzog Georg Rücksicht zu nehmen, weist er damit zurück; Georg sei noch weit nicht einem Teufel gleich; habe der Vater der Barmherzigkeit die Seinigen durch sein Evangelium zu freudigen Herren über alle Teufel gemacht, so müssten sie ihm auch vertrauen, dass sie Herren über Herzog Georgs Zorn seien. Ja, wenn die Sachen in Leipzig so stünden wie jetzt in Wittenberg, er würde dennoch hineinreiten, ob's gleich neun Tage lang eitel Herzog Georg regnete und ein jeder neunmal ärger als dieser wäre. Dazu bezeugt er, für diesen schon mehr als einmal gebetet und geweint zu haben, dass Gott ihn erleuchte, will's auch noch einmal wieder versuchen und bittet den Kurfürsten dasselbe zu tun. (br050322#12)
37        Über den gegenwärtigen Hauptpunkt, seinen Gang nach Wittenberg und Friedrichs Verhalten dazu, schreibt er endlich also: 
38        "E. K. F. G. wisse, ich komme gen Wittenberg in gar viel einem höheren Schutz, denn des Kurfürsten. Ich habs auch nich im Sinn, von E. K. F. G. Schutz begehren. Ja, ich halt, ich wolle E. K. F. G. mehr schützen, denn sie mich schützen könnte. Dazu wenn ich wüsste, dass mich E. K. F. G. könnte und wollt schützen, so wollt' ich nicht kommen.  [Dette har jeg skrevet til Deres kurfyrstelige Nåde, for at]  Deres kurfyrstelige Nåde skal vide, at jeg kommer til Wittenberg med en helt anderledes stærk beskyttelse end den kurfyrstelige. Jeg har heller ikke i sinde at bede Deres kurfyrstelige Nåde om beskyttelse. Ja, jeg regner med, at jeg kan beskytte Deres kurfyrstelige Nåde mere, end De kan beskytte mig. Desuden, hvis jeg vidste, at Deres kurfyrstelige Nåde kunne og ville beskytte mig, så ville jeg ikke komme.
39 Dieser Sachen soll, noch kann kein Schwert rathen oder helfen; Gott muss hie allein schaffen, ohn alles menschlich Sorgen und Zuthun. Darumb wer am meisten glaubt, der wird hie am meisten schützen. Dieweil ich denn nun spüre, dass E. K. F. G. noch gar schwach ist im Glauben, kann ich keinerleiwege E. K. F. G. für den Mann ansehen, der mich schützen oder retten könnte.  Denne sag kan eller skal ikke styres med sværd; Gud selv må her skabe alting, uden nogen menneskelige bekymringer og tilsætninger. Derfor: den, der tror mest, han vil her beskytte mest. Fordi jeg nu mærker, at Deres kurfyrstelige Nåde stadig er ret svag i troen, kan jeg på ingen måde anse Deres kurfyrstelige Nåde for den mand, der kan beskytte eller redde mig.
40         "Dass nu auch E. K. F. G. begehrt zu wissen, was Sie thun solle in dieser Sachen, -- antworte ich unterthäniglich: E. K. F. G. hat schon allzuviel gethan, und sollt gar nichts thun.         Eftersom nu Deres kurfyrstelige Nåde gerne vil vide, hvad De skal gøre i denne sag, -- svarer jeg underdanigst: Deres kurfyrstelige Nåde har allerede gjort alt for meget og skulle slet intet gøre.
41 Gott wills ihm gelassen haben -- danach mag E. K. F. G. sich richten.  Gud vil have det overladt til sig selv -- det må Deres kurfyrstelige Nåde rette sig efter. 
42 Glaubt E. K. F. G. diess, so wird Sie sicher sein, und Friede haben: glaubt sie nicht, so glaube doch ich, und muss E. K. F. G. Unglauben lassen seine Qual in Sorgen haben; wie sich's gebührt allen Ungläubigen zu leiden. Tror Deres kurfyrstelige Nåde det, da kan De have fred og være sikker; tror De det ikke, så tror dog jeg og må lade Deres kurfyrstelige Nåde have den vantroens kval og bekymring, som det sømmer sig for alle vantro at lide.
43 Dieweil ich nicht will E. K. F. G. folgen, so ist E. K. F. G. für Gott entschuldigt, so ich gefangen oder getödtet würde. Vor den Menschen soll E. K. F. G. also sich halten: nämlich der Obrigkeit, als ein Kurfürst, gehorsam sein, und Kaiserliche Majestät lassen walten in E. K. F. G. Städten und Ländern, an Leib und Gut, wie sichs gebührt, nach Reichsordnung, und ja nicht wehren der Gewalt, so sie mich fahen oder tödten will;   Eftersom jeg ikke vil følge Deres kurfyrstelige Nåde, så er Deres kurfyrstelige Nåde undskyldt overfor Gud, hvis jeg skulle blive fanget og dræbt. Overfor menneskene skal Deres kurfyrstelige Nåde forholde sig således: overfor øvrigheden skal De være lydig som en kurfyrste og lade den kejserlige majestæt skalte og valte i Deres kurfyrstelige Nådes byer og lande med liv og gods, som det bør sig efter rigets ordning og ikke værge sig  for den magt, der vil fange mig og slå mig ihjel.
44 Denn die Gewalt soll Niemand brechen noch widerstehen, denn der sie eingesetzt hat, (499) sonst ist's Empörung, und wider Gott. Ich hoff aber, sie werden der Vernunft brauchen, dass sie E. K. F. G. erkennen werden, als in einer höheren Wiegen geboren, denn dass Sie selbst sollte Stockmeister uber mir werden.
45 Wenn E. K. F. G. die Thore offen lässt, und das frei kurfürstliche Geleit hält, wenn sie selb kämen, mich zu holen, oder ihre Gesandten: so hat E. K. F. G. dem Gehorsam gnug gethan.-- 
46 Werden sie aber je so unvernünftig sein und gebieten, dass E. K. F. G. selbst die Hand an mich lege, will ich E. K. F. G. alsdann sagen, was zu thun ist. Ich will E. K. F. G. Schaden und Fahr sicher halten an Leib, Gut und Seele, meiner Sachen halben, es glaube E. K. F. G. oder glaub's nicht". 
47         Der Brief schliesst: "Wenn E. K. F. G. glaubte, so würde sie Gottes Herrlichkeit sehen; weil sie aber noch nicht glaubt, hat Sie auch noch nichts gesehen. Gott sei Lieb und Lob in Ewigkeit, Amen." (br050322#27)
48        In dieser Zuversicht zu seinem Gott und mit diesen kühnen Trotz gegen der Feinde Zorn und der Freunde Kleinmut langte Luther am Donnerstag, dem 6. März, zu Wittenberg an. -- Zuletzt hatten sich ihm noch einige Ritter als Begleiter beigestellt. (n48) 
49 cVidere til koestlin5,1! 
50 c
51 c
52 c
53 c
54 c
55 c
56 c
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58 c
59 c
60 c

Noter:

n4:  Br 1. 125ff. (E2, 272ff); vgl dazu Gottschick in ZThK 1, 255f, anderfeits Galley, Die Busslehre L.s. Gütersloh 1900, 92ff.

n9:  Br 2, 126frf. (E3, 274ff) WA 2, 507ff. 6, 538. Vgl. Ritschel in Festschrift für J. Köstlin, 163ff.

n14:  Br 2, 118ff (von de W. zu früh angesetzt), vgl E 3, 290f. ("purdi" = rasch).

n20:  NM 3, 1, 113. CR 1, 566. Vgl auch Br 2, 142. -- Die nachher erwähnte Instruktion für Oswald (E3 292ff. CR 1, 559). erkenne ich jetzt mit v. Bezold und Kawerau (vgl oben Anm 462 als identisch mit den "gnädigen Bedenken" Br 2, 137f. an. Das Datum bei Bk 44 ist unrichtig.

n25:  In den "Sabbata" J. Kesslers, herausg. v. Götzinger 1869 (in der Mitteil. zur vaterländ. Geschichte, v. histor. Verein in St. Gallen 1866-69); neue Ausg. St. Gallen 1902, 76ff.

n48:  Br 2, 137ff (E3, 296f)