Julius Köstlin: Luther, sein Leben und seine Schriften
Viertes Buch: (Fünfte neubearbeitete Auflage, nach des Verfassers Tode fortgesetzt von D. Gustav Kawerau)
Das Jahr auf der Wartburg 1521.
Berlin 1903

Kap. 1: Luthers persönliche Lage


Tilbage til Köstlin, indholdsfortegnelse!

Tilbage til oversigten!

Indhold: Zweckmässigkeit der Massregel des Kurfürsten. 435 #1. - Luthers Lebensweise 436 #8. - Arbeiten 437 #17. - Anfechtungen und Befinden 438 #20. - Beziehungen zu Melanchthon 441 #43. - Jonas 443 #54. - Bugenhagen 444 #57.
 
1         Es war eine sehr wohlbedachte, zweckmässige Massregel, die Kurfürst Friedrich über Luther verhängt hatte, als er ihn an geheimer Stätte verwahren und von öffentlichen Schauplatz verschwinden liess. Dass der Mönch, über den der päpstliche Bannspruch vom Reich anerkannt und die Reichtsacht ausgesprochen war, in deutschen Landen noch öffentlich aufzutreten wage, konnte der Kaiser nicht dulden. 
Wollte ein Reichsfürst oder wollten mächtige Herren vom Adel ihn darin gegen die kaiserliche Gewalt schützen, so musste sie den Brand, den Luther durch die Schuld der Papisten drohen sah, wirklich entzünden, ehe noch ein neuer kirchlicher Aufbau auf Grund des Evangeliums begonnen hatte, und während zu einem solchen Kampf zwar feurige und edle Geister im Adel und Volk, aber auch eine Menge unklarer, unreifer, gefährlicher, von niedrigen Antrieben bewegter Elemente bereit standen.   
3  Auf keinem Fall durfte man einen solchen Entschluss von dem vorsichtigen, fürs Reich besorgten und seinen Ordnungen getreuen Kurfürsten Friedrich erwarten, dem es überdies bei all seinem Interesse für Luther doch noch schwer fiel, sich in Widerspruch mit der bisherigen allgemeinen christlichen Kirche zu setzen, und der immer erst selbst noch meher der Wahrheit gewiss werden wollte.   
4  Und ein solcher Brand drohte, auch wenn Luther von seinem Fürsten preisgegeben wurde und sich selbst, wie er stets bereit war, als Märtyrer hingab. Unter seinem deutschen Gegnern hatten wohl die Klügsten gewünscht, dass er durch die Reichsacht und durch seinen bisherigen Beschützer selbst werde genötigt werden, endlich, wie es schon früher hiess, eine Zuflucht ausserhalb Deutschlands zu suchen, die er nur bei den Böhmen finden konnte: in der Tat wäre hierdurch am (436) meisten seine Kraft und sein Ansehen gebrochen worden. --
5   Jetzt, da Luther in geheimniswoller Weise entfernt war, hielt der Kaiser mit den äussersten Schritt gegen ihn mindestens doch inne. Als dann die politischen Geschäfte und Händel, die diplomatischen Verhandlungen und Rüstungen Frankreich gegenüber, die Beilegung von Streitigkeiten mit seinen spanischen Ständen und noch im Sommer des Jahres 1521 der wirkliche Beginn des französisch-italienischen Krieges ihn ganz in Anspruch nahmen, hatte er vollends alle Ursache, sich daran genügen zu lassen, dass Luther der Reichsacht wenigstens nicht offen Trotz bot. 
6   So verzog sich infolge der Entfernung Luthers das Gewitter, das über ihn und seine junge Saat nach dem Wormser Reichstag losbrechen zu müssen schien. Eben jetzt, da Luthers unmittelbare persönliche Einwirkung gehemmt war, zeigte und erprobte sich's auch, dass diese Saat schon tüchtige eigne Kraft des Bestehens und Wachstums hatte. 
7  Sie breitete sich in ganz Deutschland frisch und kräftig weiter aus. Und schliesslich musste man innewerden, dass die Bewegung, die man gern unterdrückt hätte, ohne seine persönliche Gegenwart und sein Eingreifen nur eine noch viel gefährlichere Wendung nehemn möchte, als wenn man ihm gestattete, trotz Bann und Acht selbst wieder an ihre Spitze zu treten.   
8        Luther, der Lehrer und Streiter, sollte jetzt also nach dem Sinn und Willen seines Fürsten bis auf weiteres wie aus der Welt abegeschieben sein. (n8)
9       Er durfte nur noch als der Junker oder Rittersmann Georg, der in ehrenhaften und mildem Gewahrsam gehalten werde, auf der Wartburg und in ihrer Umgebung sich zeigen. Wenn er ausging, hatte er ein Schwert an seiner Seite. Als adeligen Schmuck gab ihm der Schlosshauptmann eine goldene Kette zum Umhängen. 
10 Ein Edelknabe wartete ihn auf. Für Ausgänge und Ausfahrten erhilet er einen vertrauten Knecht zum Begleiter, der auch achthaben musste, dass er ihm nichts Ungeschicktes begegne. Er musste da auch lernen, sich wie ein Ritter in Sitten und Gebärden zu benehmen, die Waffen recht zu tragen, sich den Bart zu streichen u. s. w. 
11        Luther schickte sich in diese Lebensweise, obgleich er fürchtete, man möchte ihm ein Davonlaufen aus der Schlacht vorwerfen, während doch sein höchster Wunsch war, der Wut seiner Gegner sich offen zu stellen und seinen Hals hinzuhalten. Er fand es, wie er an Melanchthon schrieb, nicht möglich, denen sich zu widersetzen, die es also geraten und gewollt hatten, und bat seinen Freund nur um Fürbitte bei Gott, dass dieser irgend etwas Grösseres zu seiner Ehre daraus erwachssen lasse. 
12 Die Wartburg nannte er sein Patmos (Offenb. 1,9) oder auch sseine Wüste; er datierte seine Briefe von dort "aus der Region der Luft" oder der "Region der Vögel". Der Gesang der Vögel ergötzte und erbaute ihn in seiner Einsamkeit: (437) sie sängen, schreibt er, lieblich um ihn her auf ihren Zweigen und lobten Gott aus allen Kräften Tag und Nacht. 
13 Er nahm an Jagden teil: so einmal zwei Tage hindurch nach einander. Er durchstreifte den Wald Erdbeeren suchend. Er durfte auch mit seinem Begleiter nach benachbarten Ortschaften, wie Reinhardsbrunn, Gotha u. a. ausreiten, nur stets mit der Fürsorge, dass er nicht erkannt werde. Auch hatte er heimlichen Verkehr mit jenen Eisenacher Franziskanermönchen, denen er von seiner Schulzeit her befreundet war, ja kan selbst nach Eisenach herunter. (n13
14         Vom Schlosshauptmann, Hans von Berlepsch, wurde er aufmerksam und reichlich bewirtet. Er selbst meinte: dass sei viel mehr, als er verdiene. Mit der Zeit überkam ihn die Besorgnis, Berlepsch möchte es aus dem eignen Beutel bestreiten, und er schrieb an Spalatin: er könnte nicht eine Stunde lang ertragen, dass derselbe solche Unkosten von ihm haben sollte. 
15 Auch einen erfreulichen geistigen Verkehr fand er bei seinem Wirte: dieser pflog ernste Gespräche mit ihm über die religiösen Fragen, über Gotteswort und Menschensatzung; in freundlicher und dankbarer Erinnerung sandte Luther nach seiner Rückkehr von der Wartburg ihm zu wiederholten Malen neue Schriften von seiner Hand zu. 
16        Allein keinen Augenblick konnte Luther seines theologischen und kirchliche Beruf dort vergessen. 
17        Ohne andere Litteratur bei sich zu haben, studierte er eifrig die Bibel um hebräischen und griechischen Grundtext, und ehe drei Wochen um waren, hatte er verschiedene eigne Arbeiten unter den Händen und eine, nämlich eine merere Bogen starke Auslegung des 68. Psalms, bereits druckfertig: er bestimmte diese für die Feier von Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten, von welchen Festen er die beiden letzten schon auf der Wartburg zubrachte. Im Juni berichtete er Spalatin, dass er jetzt "ohne Unterlass schreibe". (se breviar på internettet her
18        Sobald er sichere Gelegenheit hatte, begann er einer brieflichen Verkehr mit seinen Freunden und Mitarbeiter in Wittenberg. Spalatin veranstaltete eine geheime Vermittlung dafür durch fürstlichen Boten. So schrieb Luther zum erstenmal am 12. Mai an Melanchthon, Amsdorf aus Eisleben (vgl. oben S. 430). 
19 Und daneben vergisst er nicht die persönlichen und häuslichen Angelegenheiten (438) seiner Freunde: so schickt er dem Agricola aus Anlass der Geburt eines Kindes zwei Goldgulden, einen für das Kind, dessen Pate er hätte werden sollen, und eien für die Mutter, damit sie Wein trinke und reichlich Milch bekomme. Ihm sollten die Freunde sogleich verschiedene Schriften zuschicken, in deren Ausarbeitung ihn die Reise nach Worms unterbrochen hatte. (se breviar på internettet her)
20       Ernste und schwere religiöse Gedanken erfüllten ihn auch, wenn er an den Beschäftigungen eines "Junkers" teilnahm. So erzählt er Spalatin, wie er der Jagd, diesem "sauersüssen Vergnügen der Helden", dieser "wahrhaftig würdigen Beschäftigung müssiger Menschen" nachgegangen sei und dabei unter den Netzen und Hunden theologische Betrachtungen angestellt habe. 
21 So sehr diese äusserlichen Dinge ihn belustigt, so traurig und mitleidig habe ihn das gestimmt, was sich ihm darin abgebildet habe. Denn also jage der Teufel mit seinen Hunden, den gottlosen Bischöfen und Theologen, die unschuldigen Tierlein, die armen, gläubigen Seelen. Ihm selbst sei ein armes Häschen, das er gerettet und in die Ärmel seines Mantels hindurch von den Hunden totgebissen worden: so wollten Satan und Papst trotz seiner Bemühung die schon geretteten Seelen verderben. 
22 Das gibt ihm ein anderes, tröstliches Bild: in den Hasen und unschuldigen Tieren, die von Menschen und nicht von Raubtieren gefangen werden, sieht er Seelen, die für den Himmel gefangen werden, und nicht von jenen Bischöfen und Theologen für die Hölle. -- 
23  Wenn er bei seinen Ausritten irgendwo in einem Haus ein Buch liegen sah, griff er danach, es zu besehen, so dass sein Begleiter ihn warnen musste, weil dies nicht adelig sei, sondern Reiterei und Schreiberei sich übel zusammen reime; ja er trug gar selbst Büchlein bei sich. Auch liess er sich wohl beim Zusammentreffen mit Mönchen oder Priestern in Gespräche über die kirchlichen Fragen und über den Luther ein, und sein Begleiter musste dann schnell zum Aufbruch mahnen. 
24          Über sein Befinden hatte er in leiblicher Beziehung trozt der guten Bewirtung, oder wohl mit infolge derselben, von Anfang an sehr zu klagen. Er hatte schon in Worms an Störung der Verdauung und an Verstopfung gelitten. Auf der Wartburg wurde dieses Übel ohns Zweifel durch seine Lebensweise unterstützt und gesteigert: er, der in Wittenberg täglich mehrere Stunden lehrte und predigte, sass jetzt die meiste Zeit in seiner Stube, lesend und schreibend, so viel sein Kopf ertrug; denn jene Jagden und Ausritte brachten doch nur vereinzelte Unterbrechungen in dieses sein tägliches Leben. 
25 Dazu trat an die Stelle der sparsamen Kost, (439) die ihm seit seinem Eintritt ins Mönchtum immer genügt hatte, ein Essen und Trinken, wie es für Ritter und Reiter gereicht wurde. So klagte er gleich in seinem ersten Briefe dem Spalatin, dass er "müssig und trunken den ganzen Tag da sitze", während er ihm doch zugleich schon von seinen anhaltenden Bibelstudien und seiner schriftstellerischen Arbeiten zu berichten hatte. 
26 Jenes Übel wurde dann sehr schmeerzhaft und fast unerträglich; er konnte sich nicht enthalten, es wiederholt seinen Freunden zu schildern. Gegen Mitte Juli hatte er schon die Absicht, in Erfurt, wohin er sich offen begeben wollte, wo dann aber eine Pest ausbrach, bei Ärzten oder Chirurgen Hilfe zu suchen. Dann verschafften ihm Pillen, die Spalatin sandte, einige Linderung. Erst im Oktober war sein Leib wieder in Ordnung, so dass er keiner Arzneien mehr bedurfte. 
27        In Seele und Gemüt fühlte er Beschwerden, welche zunächst hiermit in Zusammenhand standen. Indem er Melanchthon jenes Vorhaben wegen er Erfurter Ärzte aussprach, klagte er auch, dass er seit acht Tagen nicht mehr imstande sei zu schreiben, zu studieren, ja zu beten. Ähnliche Klagen -- über Anfechtungen und sündhafte  Reizungen seines Fleisches kehren wieder, auch während die über sein körperliches Leiden aufhören. 
28 Es sei, sagt er, viel schwerer, mit diesen bösen Geistern unter dem Himmel zu kämpfen, als mit dem fleischgewordenen Teufel, nämlich den bösen Menschen. Einr Ursache dieser seiner Zustände sat er in der Einsamkeit, in der er lebe; auch vermutete er, dass seine Freunde nicht wenigstens im Gebet genug mit ihm zusammenhielten; tausend Satanen sei er so vorgeworfen. 
29          Verglichen mit diesen innern Anfechtungen war der Teufelsspuk, den er mit seinen Augen und Ohren auf der Wartburg wahrgenommen haben soll, und an welchem die Überlieferung über seinen dortigen Aufenthalt vorzugsweise festgehalten hat, für ihn etwas sehr Geringes und Leichtes. 
30 Es ist übrigens keine Frage, dass er auch derartige Kundgebungen des bösen Geistes in augedehntem Mass mit der Menge seiner Zeitgenossen und Volksgenossen für möglich hielt; und seine Frunde haben manche wunderbare Dinge aufgezeichnet, die er ihnen später von der Wartburg her erzählt habe. So habe er dort einmal beim Zubettgehen ein sonderbar Gerumpel in einem Kasten gehört, darin er Haselnüsse aufbewahrte, und dann ein Gepolter auf der Treppe, als ob ein Schock Fässer hinabgeworfen würde; er aber habe dazu gesprochen: "Bist du es, so sei es", habe sich dem Herrn Christus befohlen und sich ins Bett gelegt. 
31 Laut der Tischrede, in welcher Luther dies erzählt, widerfuhr Ähnliches in ebenderselben Kammer der Frau des Hans von Berlepsch, als sie mit dem -- freilich vergeblichen -- Wunsch, Luther zu sehen, auf die Wartburg kam und hier in der von Luther geräumten Kammer einquartiert wurde: sie hörte hier nachts ein (440) Getümmel, wie von tausend Teufeln. 
32 Dabei bleibt jedoch unklar, wer die genannte Dame war; denn der Schlosshauptmann, an desse Frau die Aufzeichner wohl gedacht haben, war damals, wie wir zufällig wissen, noch unverheiratet. Auch ein grosser schwarzer Hund, dergleichen doch auf dem Schloss nicht gehalten worden sei, soll Luther belästigt haben: derselbe sei namentlich einmal abends in seinem Bette gelegen; da habe, soo erzählt eine alte Aufzeichnung von Tischreden Luthers, dieser ihn ruhig genommen und zum Fenster hinausgeworfen, ohne dass die Bestie geschrieen hätte und ohne dass Luther nachher über sie von andern etwas erfahren können. 
33 Dagegen weiss kein alter Berichterstatter etwas von jenem Flecken an der Wand, den Luther mit einem nach dem Teufel geworfenen Tintenfass gemacht haben soll: die Sage hiervon hat wohl erst infolge eines Fleckens sich gebildet, der in Wahrheit andere Ursprung hatte. (n33
34        Zu der leiblichen Pein, für die er Heilung suchte, und zu dem Gefühle der Einsamkeit, die seine Schwermut förderte, kam bei Luther der Drang nach einer viel lebendigere Tätigkeit als der bloss schriftstellerischen. Er nannte sich wiederholt mitten in dieser einen Müssiggänger. Für sich, sagt er, würde er sich gern vom schweren Dienst am Worte Gottes auschlissen lassen; aber zu Ehren des Wortes würde er lieber in feurigen Kohlen brennen, als einsam und halb lebendig verfaulen. 
35 An jenes Vorhaben, in Erfurt ärztlichen Rat zu holen, knüpfte er die Absicht, dann an diesem Orte, wo der grösste Teil der Universitätslehrer ihm zugefallen war und wo er den sächsischen Kurfürsten keine Verlegenheit machte, auf eigne Gefahr trotz Bann und Acht zu bleiben und wieder öffentlich zu lehren. Er kündigte dies allen Ernstes Melanchthon, Amsdorf und Spalatin an, wurde jedoch zunächst durch eine dort augebrochene Pest von seinem Vorhaben wieder abgebracht. 
36 Mit der Zeit stiegen ihm in seiner unfreiwilligen Ruhe auch Bedenken auf, ob er recht getan habe, sich fremdem Rat und Wunsch zu fügen, und ob er nicht schon in Worms ganz anders hätte auftreten sollen. Als ihn Spalatin wieder einmal zu grösserer Mässigung bei seinen Streitschriften ermahnte, entgegnete er ihm: ihn peinige vielmehr sein Gewissen darüber, dass er nach dem Rat seiner Freunde in Worms seinem Geiste Zügel angelegt und sich nicht wie ein Elias gegen die Götzen erzeigt habe; die Götzendiener sollten anderes zu hören bekommen, wenn er wieder vor sie gestellt würde. 
37        Immer aber erhob er sich bald wider zur Zuversicht, Freudigkeit und Gedulg des Glaubens. Er schreibt unter jenen inneren Anfechtungen: "ich falle öfters, aber die Hand des Herrn in der Höhe hält mich aufrecht". Er seufzt darnach, wieder unter die Menschen öffentlich treten zu dürfen; aber er sagt: "ich will nicht, es rufe mich denn der Herr". (441) 
38        Gar keine Anfechtung mochte ihm die Gefahr, womit der Bann und das kaiserliche Edikt sein äusseres Leben bedrohten. Er liess sich zwar die Mittel gefallen, mit denen man seinen Aufenthaltsort geheim zu halten suchte und zwar so erfolgreich, dass auch des Kurfürsten Bruder Johann erst nach mehrere Monaten denselben erfuhr. 
39 Ja, als ein Gerücht über denselben auskam, schlug er selbst Spalatin ein Mittel dagegen vor; er schickte ihm nämlich einen Brief zu, den er datierte "aus meinem Orte", in welchem er äusserte, man vermute ihn wohl auf der Wartburg, er lebe aber einstweilen sicher an seinem Orte, werde diesen, wenn er verraten würde, ändern, und wundere sich, dass niemand an Böhmen denke. Diesen Brief, meinte er, könne Spalatin aus scheinbaren Unbeacht verlieren und so in die Hände der Gegner, die ihm nachspürten, gelangen lassen. (n39
40 Allein nicht lange zuvor hatte er selbst nach Erfurt gehen wollen. Und fort und fort sandte er Schriften in die Welt, welche die Spürkraft seiner Widersacher neu gegen ihn herausfordern müsste. In einer derselben (seinem Sermon über das Evangelium von den zehn Aussätzigen) schrieb er: "Ich armer Bruder hab abermal ein neu Feuer angezündet, ein gross Loch in der Papisten Tasche gebissen; wo will ich nun bleiben, und wo wollen sie Schwefel, Pech, Feuer und Holz genug finden, den giftigen Ketzer zu pulvern? nur tot, tot, tor, schreien sie; ich hoff', bin ich's würdig, es soll ihnen komme, dass sich micht töten und über mir ihrer Väter Mass füllen: aber es ist noch nicht Zeit, meine Stunde ist noch nicht kommen, ich muss zuvor das Schlangengezücht bass erzürnen und den Tod redlich um sie verdienen". 
41       Auch darüber bliebe er ganz ruhug, dass die Bewegung, die von ihm ausgegangen war, sich trrotz allem, was man gegen sie und gegen ihn versuchte, in Deutschland nicht mehr unterdrücken liess. Er vernahm sogar, dass manche Papisten ihn selber zurückwünschten, weil die Erregung des Volkes gegen sie ohne ihn nur noch gefährlicher werde; so hörte er, dass bald nach seinem Verschwinden einer an den Mainzer Erzbischof geschrieben habe: "den Luther haben wir verloren, wie wir's wünschten; aber ich fürchte, wir werden kaum unser Leben retten, wenn wir ihm nicht mit Lichtern zuchen und zurückholen". 
42 In den politischen Kämpfen, in die der Kaiser verwickelt wurde, sah er ein Strafgericht über diesen; mitleidig äusserte er: "der unselige Jüngling wird nie Glück haben und wird fremde Gottlosigkeit büssen müssen, weil er in Worms die Wahrheit, die ihm vor Augen stand, den bösen Ratgebern folgend, zurückgewiesen hat". 
43        Voll Vertrauen sah er auf seine Freunde in Wittenberg, insbesondere auf seinen Melanchthon; neidlos, hoffte er auf die Erfolge, die sie ohn ihn haben würden; er meinte, sie bedürften seiner gar nicht mehr. (442) Melanchthon aber empfand Luthers Abwesenheit sehr schmerzlich. Mehr als je sonst fühlte und bekannte er jetzt, wie viel ihm dieser sei. Freudig meldete er auf die ersten Nachrichten über ihn ihrem gemeinsamen Freunde Link: "unser teuerster Vater lebt". 
44 Luthers Krankheit ängstete ihn sehr; er fragte die Wittenberger Ärzte und bat Spalatin dringend, alles für ihn zu tun; nicht um Luthers willen wolle er bitten, sondern für sich selbst und alle Gleichgesinnten: denn er wisse, wie sehr Luther selber wünsche abzuscheiden und bei Christo zu sein. 
45 Er schreibt an Spalatin: "Du weisst, wie sorgsam man dieses irdene Gefäss eines so grossen Schatzes (vgl. 2 Kor 4,7) bewahren muss; geht es uns verloren, so muss ich denken Gott sei unversöhnbar; -- o daa ich mit meinem geringen Leben sein Leben erkaufen könnte, denn die Erde hat nichts Göttlicheres als ihn." Sehnsüchtig wünschte er ihn zurück für sich und die Universität. Schon im Mai klagte er: "wir sind wie eind irrende Herde ohne Hirten". 
46 Glücklich preist er den Tag, wo er ihm sich wieder in die Arme werfen dürfe. "Noch immer", schreibt er im Herbst, "ist unser Elias weg von uns; wir harren und hoffen auf ihn; mich quält täglich das Verlangen nach ihm". Schrecklich war ihm eine briefliche Äusserung Luthers, wonach zu dessen Rückkehr noch keine Aussicht zu sein schien, und er hielt darauf Spalatin vor, dass er gar keinen Grund sehe, ihn nicht zurückberufen. 
47 Dagegen erklarte ihm Luther: "wenn ich zu Grunde gehe, verliert das Evangelium nichts; denn du übertriffst mich jetzt darin und folgst als ein Elisa mit zwiefachen Masse des Geistes auf Elias". Öfters verwies er ihm so seine Klagen, auch mit Hinweis auf die andern Mitarbeiter in Wittenberg, und sprach seine Freude aus über den Überfluss und das Wachstum, womit Gott sie dort segne, und zumeist darüber, dass Wittenberg eben in seiner Abwesenheit so wachse. 
48 Für Melanchthons Wohlbefinden war er nicht minder besorgt, als ihn der Fürst keinen Mangel leiden lassen möge, und als Wittenberg von einer Seuche bedroht wurde, dass man ihn vor derselben bewahre. Melanchthon arbeitete damals an seiner wichtigsten Schrift, seinen sogenannten Loci, diesem ersten Grundriss einer evangelischen Dogmatik, von welcher mann mit Recht gesagt hat, dass hier das von Luther an den Tag gebrachte Gold zum erstenmal in wissenschaftlicher Form zusammengefasst und ausgeprägt worden sei. 
49 Mit Dank und Freude empfing Luther die einzelnen Druckbogen derselben; er schieb ihm: "schreite Du glüchlich voran und herrsche". Für die eben auch in dieser Schrift zu erörternde Frage nach dem Rechte der weltlichen Obrigkeit und ihrem Fortbestand auch unter dem Evangelium schickte er ihm, der darüber noch unsicher und unklar war, seine Meinung mit bündigen Gründen; er zeigte ihm, wie diese weltliche Ordnung nach Gottes Willen (443) allerding auch für Christen statthaben solle, und wie Christus, der Lehrer himmlischer Dinge, sie gar nicht erst einzurichten gehabt, sondern ihre Einrichtung den Menschen überlassen habe. 
50 Vor zu vielem Arbeiten warnte er Melanchthon: dieser solle sich schonen. Das bezog sich jedoch wesentlich auf dessen nichttheologische Tätigkeit. Für diese wollte er ihn vielmehr immer mehr noch gewinnen. Er erinnerte ihn an die Pflicht, die er als Baccalaureus der Theologie mit frommem Eidschwur übernommen habe. Und für die Tätigkeit legte auch er nun der anderweitigen, vielseitigen Bildung Melanchthons hohen Wert bei; er erklärte es für einen gewaltigen Irrtum, wenn man meine, die Philosophie oder die Kenntnis der Natur sei für die Theologi unnütz. 
51 So sehr schätzte er diese Scholastikern tief einem Melanchthon, während er ihre Gestaltung bei den Scholastikern tief verachtete. Ja er sprach jenem den Wunsch aus, selbst noch wie ein Anfänger bei ihm lernen zu können: er werde es sich nicht verdriessen lassen, unter einem solchen Meister als Rekrut schweren Kriegsdienst zu tun. Am meisten bekümmerte ihn die Einbusse, die durch seinen Abgang das Predigtamt in Wittenberg erlitt; denn Amsdorf leistete dafür nicht, was er von ihm gehofft hatte. 
52 Auch hierfür wünschte er Melanchthon beizuziehen. Dieser hatte bereits vor Studenten erbauliche biblische Vorträge in lateinischer Sprache gehalten. Luther wünschte jetzt, dass man ihn an den Feiertagen nach dem Frühmahl, wo bis dahin kein Gottesdienst und vielmehr Trinken und Spielen üblich war, in irgend einem öffentlichen Lokale deutsch predigen lasse. Sein Wunsch ist für uns auch deshalb interessant, weil er hier zum erstenmal einen Prediger aufgestellt haben wollte, der nicht durch die bisherigen kirchlichen Vorgesetzten berufen und nicht ordiniert war. 
53 Er meinte, statt dessen sollte der Rat und die Gemeine der Stadt den Melanchthon um jene Tätigkeit ersuchen; dieser sei, obgleich verheiratet und ungeschoren, doch in Wahrheit Priester, habe einen Ruf von Gott und übe ja auch bereits den Dienst des Wortes. Luthers Wunsch kan indessen nicht zur Verwirklichung. Melanchthon konnete sich auch später nie dazu entschliessen, öffentlich zu predigen. 
54           Zu den evangelisch gesinnten Häuptern der Universität war jetzt Justus Jonas hinzugetreten, welcher Luther auf der Reise nach Worms von Erfurt aus begleitet hatte (oben S. 409) (se 3,18#4) Gleich nachher erhielt er die wichtige Stelle eines Propstes der Wittenberger Stiftskirche, als welcher er auch gegen dreissig Kirchen in der Umgegend vorgesetzt war (dieser Propstei war nämlich die Kemberger Landpropstei inkorporiert). 
55 Für eine Stelle bei der Universität war er als gebildeter Humanist durch Mutian warm empfohlen worden. Auf Grund seiner ursprünglichen juristischen Studien wurde er zunächst auf die Stelle des verstorbenen Henning Göde (vgl. oben S. 48) für (444) den Vortrag des kanonischen Rechts berufen. 
56 Er beeilte sich aber, die theologische Doktorwürde und hiermit das Recht zu theologischen Vorlesungen und zur Teilnahme an den theologischen Verhandlungen sich zu erwerben, was ihm auch nach einigen Schwierigkeiten bei Hofe gelang, während fürs kanonische Recht ein anderer eintrat. Luther und Melanchthon sahen in ihm einen wichtigen Gewinn für das gemeinsame Werk. (n56
57       Noch kurz vor Luthers Abfahrt nach Worms war in Wittenberg auch der pommersche Theologe Johannes Bugenhagen angelangt, der nachher in ein besonders enges persönliches und amtliches Verhältnis zu ihm trat, ein Landsmann und Freund jenes Peter Swaven, der mit Luther nach Worms reiste. Er hatte, nur wenig jünger als Luther, zunächst des Lernens wegen sich in Wittenberg eingefunden. 
58 Schon vorher hatt er das Evangelium nach Luthers Weise zu verkündigeh begonnen, auch brieflich sich an Luther gewendet, ihn gebeten, dass er ihm eine Lebensregel schreiben möge, und darauf Luther seine Schrift "von der christlichen Freiheit" zum Geschenk erhalten, da ein wahrer Christ, den der Geist des Glaubens leite, weiter keine Sittenregeln bedürfe (oben S. 364 (kun Kaweraus udgave)). Bald zeigte er seine Tüchtigkeit und Reife für eignes Wirken an Melanchthons und Luthers Seite, fing auch bald an Vorlesungen zu halten. (n58
59         Für den Unterricht in der hebräischen Sprache hatte Luther, dem hieran längst so viel gelegen war, noch vor seinem Abgang auf die Stelle des unzuverlässigen Adrian (oben S. 276) den Matthäus Aurogallus vorgeschlagen. In diesem wurde jetzt endlich ein bleibender, begabter und auch sittlich tüchtiger Lehrer des Hebräischen für die Universität gewonnen. Luther selbst erhielt in ihm eine wertvolle Hilfe für seine eigne fernere Arbeit am Alten Testament. -- Mit Befriedigung konnte so Luther dem Fortgang der Studien aus der Ferne zusehen. 
60 cVidere til koestlin4,2

Noter:

n8:  Zum folgenden: die Briefe in Br 2,1ff (E3,146ff.) u. in CR; dazu Rz. Eric., Myk.

n13.  Eric a. a. O.; Op. ex. 8, 182. Erzählung aus Eisenach.

n33:  Rz. 54. Myk. 42. TR 3,37. (Dass der Schlosshauptmann, von dessen Frau hier die Rede ist, damals noch gar nicht verheiratet war und erst "am Dienstag nach Matthäi" 1523 Hochzeit mit Beata v. Edeleben hielt, ist mir vom gegenwartigen Schlosshauptmann von Cranach gefälligst mitgeteilt worden auf Grund des B.schen Familienarchivs und der Inschrift auf dem Grabstein des H. v. B. Dies auch gegen Kolde, M. Luth. 2,3. Vgl. Schol Bossert StKr 1897, 335f., welcher ennimmt, dass es eine andre Frau v. B. war.) Val. Bav. 1, 652f. -- Semler, Selbstbiographie 1, 142 sah einen solchen Tintenfleck auf Koburg (vgl Motz, Leben, Meinungen etc. D. M. L.s 1796, 109), Peter d. Gr. ebensolchen Klecks 1712 in der Lutherstube zu Wittenberg (H. Stein, Gesch. d. Lutherhauses, Wittenberg 1883,44).

n39.  Der Brief, welcher jenes Zweck dienen sollte, ist der Br 2, 30f (E 3,.202); L. schickte ihn mit Br. 2, 32 (E 3,201)

n56:  Briefw. d. Jonas 1,63ff. ZKG 19, 70ff.

n58:  Vogt, Bugenhagen 28ff; Hering, D. Pomeranus Joh. Bug. 1888. Alb 104 (Bug. wird inskribiert erst 29. April 1521). Briefw. d. Jon. 1,62ff. 89. 2, XVf -- Zum folgenden: Aurogallus, vgl. Br. Spalatins v. 19. März 1523 (Weim Archiv, Abschr. v. Neudecker in Gotha): "Die griechische (Lektion) ... M. Ph. Melanchthons, die hebräische ... Goldhans des Böhmen".