Julius Köstlin: Luther, sein Leben und seine Schriften
Drittes Buch:
Das reformatorische Werk und der fortschreitende Kampf, vom Ablassbrief 1517 bis zum Wormser Reichstag 1521.
Eberfeld 1883

Fra kap. 5: Appellation an ein Konzil.

Kap. 6: Miltitz' Vermittlungsversuch, 1519


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Inhalt: Fra kap. 5: Cajetans Verhandlungen mit Kurfürst Friedrich 233 6#1 -- Luthers Bericht über die Augsburger Verhandlungen 234 6#5 -- Appellation an ein Konzil, am 28. November 235 6#12 -- Der Gedanke an einen Weggang nach Paris 237 6#19. Fra kap 6: Miltitz' Vermittlungsversuch 1519: Bulle Leos über den Schatz der Kirche 238 #24 -- Sendung des Miltitz 239 #28 -- Luther vor Miltitz in Altenburg, Januar 1519 240 #37 -- Abfertigung Tetzels 241 #43 -- Schreiben Luthers an Leo (3. März) #51 und "Unterricht" an das deutsche Volk 243 #54 -- Bestellung des Erzbischofs von Trier als Schiedsrichter 245 #63 -- Wahl Karl V. zum Kaiser am 28. Juni 1519 246 #68.
 
1 Erwartung des päpstliches Bannes; Appellation an ein Konzil. 
          Im Besitze seines inneren Friedens konnte Luther trotz der Wolken, die jetzt von Rom her unfehlbar gegenihn aufstiegen, sich unter seinen Wittenberger Kollegen und Freunden wieder frei und wohl fühlen. Sie bekamen jetzt einen Gast aus Augsburg, nämlich jenen Prior Frosch, der sich in Wittenberg die theologische Doktorwürde holte. Luther war dafür besorgt, dass derselbe durch ein stattliches Mahl gefeiert wurde, wozu er den Fürsten um Wildbret bitten liess. Dann bewirtete auch er selbst in einem kleineren Freundeskreis den neuen, am 21. November promovierten Doktor; wir haben von ihm noch ein heiteres, witziges Billet, in welchem er den Melanchthon dazu einlud. (n233a
        Die Sorgen, Arbeiten und Kämpfe aber ruhten auch eben in jenen Tagen nicht. A, 19. November lief beim Kurfürsten ein schon vom 25. Oktober datiertes Schreiben Cajetans ein, worin dieser über Luthers (234) Unverbesserlichkeit bitter klagte, die Frage andeutete, auf wen denn wohl Luther hierbei sich verlasse, und sodann den Kurfürsten aufforderte, ihn entweder nach Rom zu liefern oder wenigstens aus dem Lande zu jagen. (cajlut#1
3  Luther, welchem dasselbe sogleich vom Fürsten zugestellt wurde, erwiderte diesem noch am gleichen Tag in einem Briefe, (cajlut#19) den er dann auch drucken liess; er rechtfertigte seine dem Kardinal erteilten Antworten; mit schmerzlichem Bedauern wies er die bissige Hindeutung des Kardinals auf den fürstlichen Schutz, mit dem er sich wohl decke, zurück; nur eine Überlieferung nach Rom, welche für ihn einfacher Mord wäre, verbat er sich um der Ehre und des Gewissens seines Fürsten willen; (cajlut#81) ins Exil, sagte er, wolle er gehen, da er, der elende Mönch, ja doch überall von Gefahren umringt sei: er übergehe sich dem Willen Gottes, -- um seinetwillen solle niemand, am wenigsten sein Fürst, Hass oder Gefahr sich zuziehen. -- (cajlut#86)
4  Auch die Universität verwandte sich wieder für ihn. -- Der Kurfürst hielt vorsichtig seine Hand über ihm. In der Stille hegte er für ihn unverkennbare warme Teilnahme. So äusserte er gegen seinen vertrauten Spalatin bei einer Nachricht über die Augsburger Verhandlungen: "Unseres Martinus  Sachen stehen noch wohl und der Pfeffinger (sein Gesandter beim Kaiser) tröstet auch wohl". Rom gegenüber hielt er daran fest, dass die Sache in Deutschland verhört werden möge: so verfügte er gleich am 19. November wieder an Pfeffinger, dass derselbe in diesem Sinn eine Bitte an den Kaiser richten solle. Dem Cajetan antwortete er erst am 8. Dezember und erklärte ihm, er habe gehört, dass Luther nicht so ohne gründliche Erörterung seiner Sachen zum Widerruf getrieben würde, und könne auch jetzt noch nicht einen überführten Ketzer in ihm sehen. Nur wünschte er stets, dass auch Luther vorsichtig bezüglich neuer Herausforderungen sich Einhalt thue. (n234
5        Luther aber liess durch keine solche Rücksicht sich binden. Gleich nach seiner Rückkehr machte er sich an einen öffentlichen lateinischen Bericht über seinen Handel mit Cajetan. Er stellte zuerst die Verhandlungen selbst dar, fügte seine dem Cajetan am 14. Oktober übergebene Ausführung bei und wandte sich mit einer weiteren Rechtfertigung an seine Leser, liess endlich jenes päpstliches Breve vom 23. August, das er selbst nicht für echt halten wollte, mit einem scharfen Nachworte (Postilla) folgen (in späteren Ausgaben der "Acta" sind dann noch weitere auf jene Verhandlungen bezügliche Stücke beigefügt worden). 
6  Die Veröffentlichung hatte, wie Luther am 25. November und 9. Dezember dem Spalatin berichtete, schon begonnen, während dieser im Auftrag des Kurfürsten ihr noch Einhalt thun wollte. Luther beschleunigte sie, weil er jetzt in allem eilen müsse: denn schon vernahm er vom Herannahen eines neuen, mit seiner Verhaftung beauftragten päpstlichen Gesandten (vgl. unten). Die einzelnen Bogen wurden, sobald sie (235) geddruckt waren, schnell vergriffen. Da finden wir nun auf den Exemplaren der ältesten Ausgabe den  ersten Absatz jenes Nachworts mit Druckerschwärze überzogen: ohne Zweifel ist hier wenigstens insoweit noch durch fürstliche Zensur eingeschritten worden, indem dieser Absatz besonders verletzende Äusserungen zu enthalten schien. In den folgenden Ausgaben ist derselbe weggefallen. (act-a02#59
7          Der Inhalt jener an die Leser gerichteten Rechtfertigung Luthers schliesst bereits wieder einen bedeutungsvollen weiteren Schritt in sich. Es war ihm schwer verübelt worden, dass er päpstlichen Dekreten Verdrehung der heiligen Schrift vorwerfe. Jetzt führt er als Beispiel von Schriftverdrehung das an, dass man aus Hebr. 7,12 (von Änderung des Priestertums) eine Übertragung des Priestertums von Christus auf Petrus und den Papst, (act-a02#20) und aus Matth. 16,18f ("du bist Petrus" u. s. w.) eine Hoheit der römischen Kirche über die andern beweisen wolle; (act-a02#25)
8  er wiederholt dann, was er schon in seinen Resolutionen gesagt hatte, dass durch eine Reihe christlicher Jahrhunderte hindurch diese päpstliche Monarchie noch gar nicht bestanden habe, und behauptet, dass sie auf Gottes Willen nicht vermöge einer ursprünglichen Einsetzung Christi oder einer besondere göttliche Stiftung, sondern nur in demselben Sinn wie nach Röm 13,1ff, jede weltliche Gewalt und Obrigkeit zurückgeführt werden könne; (act-a02#32
9 ja, er erklärt jetzt jene Lehre vom göttlichen Rechte des Papsttums und seiner notwendigen Zugehörigkeit zum Wesen der Kirch Christi für "eine Thorheit alberner Menschen, welche gegen Christi Wort ""das Reich Gottes kommt nicht mit äusseren Gebärden"" die Kirche Christi an Zeit und Ort gebunden haben und es wagen, keinen für einen Christen gelten zu lassen, der nicht unter des Papstes Gewaltherrschaft stehe". (act-a02#26
10 Nehmen wir hierzu die Aussagen über die kirckliche Gemeinschaft, welche wir bereits in seinem Sermon über den Bann gehört haben, so bricht hier bei Luther offenbar schon mächtig diejenige Idee einer Kirche durch, auf welche die Reformation sich gegründet hat, -- die Idee einer christlichen Kirche, in welcher er selbst, auch wenn Papst und Rom von sich stiessen, als guter Christe verblieb. (n235
11        Über das, was er wirklich jetzt vom Papst zu erwarten habe, macht er sich keine Täuschung mehr. Täglich erwartete er den Bannfluch aus Rom. (n235a
12       In dieser Aussicht schritt er jetzt nach jener Appellation an den Papst noch zu der schon zuvor beabsichtigten Appellation vom Papst an ein allgemeines christliches Konzil. Er vollzog sie mittelst eines förmlichen Aktenstücks am 28. November 1518 vor ordentlich berufenen Zeugen in der auf dem Parochialkirchhof zu Wittenberg stehende Kapelle "Zum Leichnam Christi". Sofort gab er sie auch in den Druck, um sie einstweilen bei sich bereit zuhalten und den weiteren Massregeln des Papstes sofort (236) mit ihr entgegentreten zu können. Der Buchdrucker aber liess sie, wie Luther am 11. Dezember schreibt, gegen seinen Willen schon jetzt ins Publikum gelangen. (appell18
13        Luther stützt sich in ihr darauf, dass ein im heiligen Geist versammeltes Konzil als Repräsentation der heiligen katholischen Kirche in Glaubenssachen über dem Papst stehe; (appell18#5) dieser, sagt er, könne irren, wie jeder mensch (nach Psalm 116,11) ein Lügner sei, ja wie auch selbst der heilige Petrus von dieser Schwachheit nicht frei gewesen sei; die päpstliche Gewalt stehe nicht über, sondern unter der Hoheit der heiligen Schrift und der Wahrheit. (appell18#8)
14 So appelliert er denn von dem Papste, der nicht recht beraten, und von den über ihn bestellten Richtern, welche nicht für unparteisch und urteilsfähig gelten können, sowie von allen über ihn von dort her bereits verhängten oder bevorstehenden Zensuren u. s. w. -- für sich und für alle, die bei ihm anhangen wollen, -- an ein künftiges Konzil, das gesetzmässig und an einem sichern Ort, wo er freien Zutritt habe, sich versammeln werde. (appell18#27)
15       Eine solche Appellation war auch damals noch keineswegs etwas an sich Neues. Im Gegenteil hatte erst ein halbes Jahr vorher, am 27. März 1518, die Pariser Universität mit ihrer theologischen Fakultät, welche die vornehmste in der Christenheit zu sein sich rühmte, wegen der Verletzung der Rechte der französischen Kirche durch den Papst sich in feierlicher, kräftiger Beschwerde an ein zu berufendes Konzil gewandt, da der Papst im Gebrauch der von Gott ihm verliehenen Gewalt sündigen könne und man ihm in dem, was er gegen Gottes Gebote verfüge, nicht zu gehorchen habe. 
16 Sie verharrte so auf dem Standpunkt ihrer berühmten früheren Häupter Gerson und d'Ailly. Wir haben oben gehört, wie eben hierauf auch in Augsburg die Rede gekommen war, -- wie Cajetan dort diese Gersonisten verdammte; und dennoch hatte Papst Leo sie noch nicht mit dem Bannfluch zu strafen gewagt. Luther wollte sich auch, wie er dem Spalatin bemerkte, eben an diesen Vorgang halten; ja er nahm die Formeln, in welche die Pariser -- ziemlich unständlich und schwerfällig -- ihre Appellation gefasst hatten, grossenteils buchstäblich in die seinige auf. 
17 Insoweit schloss er sich also einem älteren Standpunkt an, der zwar seit den grossen Konzilien zu Anfang des vorigen Jahrhunderts dem päpstlichen Absolutismus gegenüber schwere Niederlagen erlitten hatte, aber sich doch noch nicht für überwunden gab. Allein die kirchlichen Grundanschauungen, von denen aus Luther dies jetzt that, waren neu und trugen die Keime einer ganz neuen Gestaltung des Kirchentums in sich. Dass der Papst doch seine Gewalt als "Stellvertreter Gottes auf Erden" von Gott "unmittelbar" empfangen habe, erkannten auch die Pariser dort ausdrücklich an. Von der Scheidung zwischen den geistlichen Gütern der Kirche und der geistlichen Gemeinschaft und (237) zwischen der ganzen äussern kirchlichen Gewalt, von der jene nicht gebunden werden können, hatten sie ohnedies keine Idee. (n237
18        Bereits endlich erklärte Luther, sobald seine Schrift über die Augsburger Verhandlungen und seine Appellation gedruckt waren, seinem Freund Link (am 11. Dezember): "Weit grösseres noch will meine Feder gebären; ich weiss nicht, woher mir diese Gedanken kommen; diese Sache hat meines Erachtens noch nicht einmal recht ihren Anfang genommen, geschweige denn, dass die grossen Herren in Rom schon auf ihr Ende hoffen dürften". Und weiter sagt er: "Du magst zusehen, ob ich mit Recht ahne, dass am römischen Hof der wahrhaftige Antichrist herrsche, von welchem Paulus (2 Thess. 2,8ff.) redet; dass derselbe heutzutage schlimmer als die Türken sei, glaube ich beweisen zu können". (n237a) (br111218#5
19 c      Während Luther mit diesen Schriftstücken, so lang ihm noch Zeit vegönnt sei, sein unerschütterliches Bekenntnis zu der ihm heiligen Sache vor der Christenheit abzulegen sich beeilte, wusste er wirklich keinen Augenblick, wie lange noch seines Verbleibens in Wittenberg sein oder wohin er werde wandern müssen. Er war, wie er sagt, gegürtet zum Aufbruch, sobald der Bannfluch ankomme: wie Abraham wolle er ausziehen ohne zu wissen wohin, -- nur dessen gewiss, dass Gott überall sei. 
20 Beständig quälte ihn der Verdacht, der seinetwegen auf seinen Fürsten falle. Daneben trug er indessen Spalatin auch einmal (am 2. Dezember) den ihm von andern dringend eimpfohlenen Gedanken vor, dass jener selbst ihn in festen Gewahrsam nehmen und dem Legaten schreiben könne, dass er ihn gefangen halte und an einem sichern Ort zur Verantwortung stellen werde. Eine Zeit lang schien der Kurfürst mit seinem Weggang einverstanden. Luther sagte auch auf der Kanzel für den Fall, dass er einmal ohne Abschied verschwunden sein sollte, im voraus seine Gemeinde lebewohl: sie solle, fügte er bei, sich dann durch das Wüten des Papstes gegen ihn nicht schrecken lassen, -- solle darum auch weder dem Papst noch einem andern Menschen böses anwünschen, -- vielmehr die Sache Gott anheimstellen. 
21 Ja bestimmter noch sagt sein Brief an Spalatin vom 2. Dezember: "Wäre nicht gestern noch Dein Brief gekommen, so rüstete ich mich schon zum Weggang." Er hegte jetzt wirklich den Gedanken, den Link und Staupitz schon in Augsburg insgeheim besprochen hatten -- sich nach Frankreich wegzubegeben. Den kirchlichen Grundsätzen der Pariser Universität war dort noch immer Raum gelassen, obgleich der König selbst die alten Rechte der französischen Kirche dem Papst geopfert hatte. Auch war Luthern in Augsburg zu Ohren gekommen, dass der französische Gesandte, der bis kurz vor seiner Ankunft daselbst sich befand, sich auffallend günstig über ihn geäussert habe. 
22 Ferner mochte er von der Achtung, die König Franz dem Erasmus und hiermit einer freieren, humanistischen Wissenschaft erwies, etwas Gutes hoffen. (238) Es war freilich ein Gedanke, der von geringer Menschen- und Weltkenntnis zeugte; denn von einer innerm, religiösen Teilnahme hätte er bei diesem König schlechterdings nichts erwarten dürfen. Davon liess ihn denn jetzt auch sein Kurfürst abraten, in dessen Auftrag sich Spalatin auf dem Schloss Lichtenberg mit ihm besprach. Das Ergebnis war endlich, dass Luther wartete, bis der Bannfluch wirklich da sei. (n238
23        Auch in jenen Tagen setzte übrigens Luther ungestört die regelmässige Thätigkeit auf Katheder und Kanzel fort und freute sich sehr über die wissenschaftliche Regsamkeit unter seinen Studenten und Kollegen. Ja er hatte die innere Ruhe und Lust dazu, eben jetzt seine schliche erbauliche "Auslegung des Vater Unsers für die einfältigen Laien", welche zuerst Agricola nach seinen im Jahre 1517 gehaltenen Predigten herausgegeben hatte, selbst neu zum Druck auszuarbeiten. Über ihren Zweck sagt er im Vorwort: "Ich möchte, ob es möglich wäre, auch meinen Widerparten einen Dienst erzeigen; denn mein Sinn ist je, dass ich jedermann nützlich, niemand schädlich wäre". (n238a
24 Sechstes Kapitel.
Miltitz' Vermittlungsversuch, 1519. 
          Mit der Entscheidung von Rom aus ging es doch nicht so schnell als in Deutschland die einen hofften, die andern fürchteten. (n238b
25        Daran war freilich nicht zu denken, dass man dort irgend einen der Sätze, an welchen Luther Anstoss genommen und über welche er bisher gestritten hatte, aufgeben oder auch nur einer mildernden ausgleichenden Erklärung unterwerfen würde. Aber man fand es doch nicht ratsam, gegen den kühnen Streiter, der den Widerruf verweigert hatte, direkt und offen mit den äussersten Massregeln vorzugehen. 
26        Eine päpstliche Bulle, welche, vom 9. November datiert, an Cajetan nach Deutschland abging, verdammte die Irrtümer, welche neuerdings durch gewisse Mönche und Prediger in betreff des Ablasses verbreitet worden sseien. Mit deutlicher Beziehung darauf, dass nach Luthers Vorgeben die herrschenden Ablasstheorieennicht auch von der Kirche festgestellt sein sollten, erklärt sie jene Sätze von der Aufhebung der Sündenstrafen durch den Ablass und von der Ausspendung des Schatzes der Kirche im Ablasse für die Lehrüberlieferung der römischen Kirche, der die übrigen Kirchen als ihrer Mutter zu folgen verpflichtet seien, und kündigte jedem, der anders lehre, die Exkommunikation an. (bul-9-11). 
27 Allein Luthers Person wurde in ihr nicht genannt. Zunächst griff die Bulle auch überhaupt noch nicht in die Entwicklung des Kampfes ein. (Luther hat nicht, wie spätere meinten, (239) erst auf sie hin an ein Konzil appelliert.) Denn sie wurde erst am 13. Dezember durch Cajetan publiziert, und zwar in Linz, wohin dieser wegen des Verkehrs mit dem Kaiser gereist war. Luther hatte sie noch gegen Mitte Januar nicht zu lesen bekommen, sondern nur allgemeines über sie gehört. 
28         In Luthers Angelegenheit schickte sodann der Papst noch einen besondern Gesandten, nämlich seinen schon oben erwähnten Kammerherrn Karl von Miltitz, nach Deutschland und speziell an den Kurfürsten, in welchem er den geheimen Beschützer des gefährlichen Wittenberger Mönches sah und welchen er doch aus den bereits erwähnten Gründen mit zarter Vorsicht und Rücksicht behandeln zu müssen sich bewusst war. 
29        Er beharrte hierbei darauf, Luther schon als ausgemachten Ketzer hinzustellen, und bestand nicht minder auf seiner Absicht, ihn den Händen, die ihn in Deutschland schirmten, zu entwinden und nach Rom zu ziehen. Zu diesen Zwecke gab er dem Miltitz Briefe an Kurfürst Friedrich, an den kurfürstlichen Rat Pfeffinger, an den Hofprediger Spalatin und auch an den fürstlichen Hauptmann in Wittenberg und dn dortigen Magistrat mit. Luthern nannte er darin einen Sohn Satans, einen vom Teufel ausgegangenen Sohn des Verderbens. 
30 Er drang darauf, dass dem Miltitz Hülfe geleistet werde in allem, was er gegen diesen und seine Anhänger ihm aufgetragen habe; offenbar handelte es sich darum, diesem festzunehmen, und zwar wohl in Wittenberg selbst, weshalb namentlich auch die dortige Obrigkeit angegangen wurde. Dazu soll Miltitz mit einer Menge päpstlicher Breve für andere Orte, durch die er den Gefangenen führen sollte, bewaffnet gewesen sein. Dem Mahnungsschreiben an den Kurfürsten aber ging ein anderes zurfeite, in welchem ihm unter schmeichelhafter Anerkennung seiner und seiner Vorfahren guter Gesinnung und bisherigen Verdienste die goldene Rose angekündigt wurde, die Miltitz ihm jetzt wirklich überreichen sollte: sie sei ein Abzeichen des teuren Blutes und Leibes Jesu Christi; 
31 von ihrem köstlichen Geruch möge der Kurfürst, des Papstes lieber Sohn, sich das innerste Herz durchdringen lassen und möge desto besser in seine fromme Seele aufnehmen, was Miltitz ihm mitzuteilen habe. -- Auch die Person des neuen Gesandten war mit besondere Rücksicht auf Kurfürst Friedrich gewählt: Miltitz gehörte einem adeligen, in kurfürstlichen Diensten thätigen sächsischen Geschlecht an; ihm selbst hatte schon früher einmal Friedrich den Wunsch, die Rose zu empfangen, nahe gelegt. -- Den bestimmteren Inhalt seiner Aufträge auseinanderzusetzen, blieb dem Miltitz überlassen. Übrigens sollte er nun in Übereinsstimmung mit Cajetans Rat und Willen handeln. 
32          Zugleich aber war in Miltitz ein Mann ausersehen worden, der weit mehr als Cajetan auch geeignet war, die deutschen Zustände zu beurteilen, (240) denVerhältnissen Rechnung zu tragen, die Rolle eines Vermittlers zu spielen und mit Mitteln der Klugheit das Ziel zu verfolgen, das auf geradem Weg zu schwer sich erreichen liess. Miltitz war ein geistig beweglicher, noch junger Mann; mit deutscher Art und Sitte war er bekannt und befreundet geblieben; über die Ärgernisse, welche von Leuten wie Tetzel und von andern Vorkämpfern der römischen Kirche gegeben wurden, täuschte er sich nicht und machte auch gegen andere kein Hehl daraus. 
33 Von strengeren Papisten wurde ihm später vorgeworfen, dass er, auch hierin ein Deutscher, die Geselligkeit beim Wein zu sehr geliebt und dabei mancherlei Geschichten vom päpstlichen Hof unvorsichtig und unziemlich zu besten gegeben habe. Er selbst äusserte, er sei froh, dass er in einer für die Geistlichen so bedenklichen Zeit die höheren geistlichen Weihen noch nicht empfangen habe und daher an den geistlichen Stand "nicht also hart verbunden sei". Die ihm vom Papst erteilte Instruktion scheint ihm auch einen ziemlich weiten Spielraum für die Wege gelassen zu haben, die er nach Umständen einschlagen könne. 
34         Luther war, als er von Miltitz' Kommen hörte, aufs schlimmste gefasst. Wie er dem Spalatin in jenem Brief vom 9. Dezember (oben S. 234) schrieb, hatte er eben damals aus Nürnberg die Nachricht erhalten, dass Miltitz mit drei päpstlichen Breves gegen ihn unterwegs sei und, wie es heisse, ihn gefangen nach Rom bringen solle. 
        Miltitz jedoch schien wirklich auf Stiftung eines billigen Friedens auszugehen. 
35        Seine Ankunft in Sachsen verzögerte sich, da er zuerst mit Cajetan zusammenzutreffen wünschte, dieser aber nach Österreich verreist war. Er hielt sich zunächst auf Besitzungen Pfeffingers im Bayerischen auf. Schon unterwegs hatte er genug Gelegenheit, die Stimmungen in Deutschland zu erkunden. Da fand er, wie er nachher auch selber Luthern bekannte, dass unter fünf Menschen kaum zwei oder drei noch der Partei Roms günstig seien. 
36         Als er im kursächsichen Gebiet gegen Ende Dezember angelangt war, lud er, noch ehe er mit Luther sich einliess, den Tetzel nach Altenburg vor sich. Er wusste, wie viel dieser in der öffentlichen Meinung verdorben hatte. Tetzel, damals in Leipzig befindlich, bat um Gottes willen ihn zu entschuldigen, wenn er nicht erscheine: er wäre seines Lebens nicht sicher, da Luther schier in allen deutschen Landen, ja auch in Böhmen, Ungarn und Polen die Mächtigen gegen ihn erregt habe. Auch stellte ihm Tetzels Ordensprovinzial Rab vor, wie viel derselbe wegen seines Eifers für die päpstliche Autorität in Deutschland schon erdulden müsse. 
37         In der ersten Woch des Jahres 1519 (n240) wurde sodann eine Zusammenkunft Luthers mit Miltitz und Spalatin zu Altenburg veranstaltet. Auch der fürstlichen Rat Fabian von Feilitzsch war zugegen. (241) 
38        Hier warf nun Miltitz Luthern vor, unrechte Meinungen über den Ablass unter das Volk gebracht zu haben. Aber er gab zu, Tetzel habe Ursachen hierzu gegeben, und hörte Luther an, als dieser die schwerste Schuld an dem Streite dem Papste beilegte, der dem Erzbischof von Mainz-Magdeburg durch die kostspielige Befriedigung seiner Ehrgeizes mit Erteilung des Palliums zu dem schmählichen Ablasshandel veranlasst habe. Obgleich er sodann gegen Luther die Forderung des Widerrufs erneuerte, ging er doch im Verlauf der Verhandlung bereitwillig auf den Gedanken ein, dass seine Sache der Untersuchung und dem Urteil eines deutschen Bischofs übergeben werden möge, de dann auch erst noch die zu widerrufenden Punkte bezeichnen solle; 
39 die Erzbischöfe von Salzburg und von Trier wurden dann hierfür in Vorschlag gebracht. Dagegen erklärte Luther sich zu dem Versprechen bereit, dass er "diese Materie hinfürder stille stehen und die Sache sich selbst zu Tode bluten lassen wolle, sofern der Widerpart auch schweige". Ferner wollte er dem Papst in einem demütigen Schreiben bekennen, dass er bei seinem wohlgemeinten Streit gegen die lästerliche und der römischen Kirche selbst zu Unehre und Schaden dienende Predigt der Ablasskrämer zu hitzig und scharf geworden sei, auch das Volk in einer öffentlichen Erklärung ermahnen, dass es der römischen Kirche Gehorsam und Treue bewahren und seine bisherigen Schriften nicht zur Schmach, sondern zur Ehre dieser Kirche verstehen möge. 
40       Am Abend nach der Verhandlungen sass Miltitz mit Luther bei einem heitern Mahle zusammen. Er entliess ihgm mit einem Abschiedskusse. 
41       Luther erzählte darüber einem Freunde: der päpstliche Gesandte, der ihn gebunden nach Rom, in dieses mordsüchtige Jerusalem, hätte bringen sollen, sei von Gott durch den Schrecken über die Menge derer, die er ihm günstig gefunden, zu Boden geworfen worden, so dass er ihm statt Gewaltthätigkeit Wohlwollen erwiesen habe. Doch war Luther weit entfernt, deshalb zu trauen: das Wohlwollen erschien ihm ein erheucheltes, der Kuss ein Judaskuss, die Thränen, mit welchen Miltitz seine Ermahnngen begleitet hatte, Krokodilsthränen. Er ging aber auf das schlaue Spiel ein; er selbst, sagt er, habe hinwiederum gethan, als ob er de Heuchelei nicht merkte; er wolle jetzt warten, was man in Rom beschliesse. 
42       Miltitz schritt dann in dem Verfahren, welches er eingeschlagen hatte, weiter. 
43 c       Einerseits nahm er jetzt um Mitte Januar wirklich den Tetzel vor, indem er selbst nach Leipzig kam. Er liess ihn hart an, denn er hatte Beweise in den Händen für die übermässigen Einnahmen, zu welchen jener den Ablasskram sich zu Nutzen gemacht hatte. Hiernach, sagte er, möge man sich freilich denken, ob derselbe der heiligen römischen Kirche gedient und was er von der Gnade gepredigt habe. Daneben hatte er auch erfahren, dass Tetzel, der (242) Mönch, zwei Kinder habe. -- 
44 Tetzel trat hiermit von Schauplatz ab; er blieb fortan still im Dominikanerkloster zu Leipzig. Im folgenden Sommer, am 4. Juli, starb er, wahrscheinlich unter dem Einfluss des Kummers und der Angst worein er geraten war. Luther äusserte sich mitleidig über ihn, als er hörte, wie seine Schmach durch Miltitz aufgedeckt worden sei: er wünsche ihm vielmehr eine Besserung mit Ehren. Ja, er schrieb noch einen tröstenden Brief an Tetzel: dieser solle sich unbekümmert lassen; denn die Sache (d. h. die Sache in betreff des Ablasses, under der er jetzt selbst leiden müsse) sei nicht von seinetwegen angefangen, sondern das Kind habe einen ganz anderen Vater; auch solle er vor ihm und seinem Namen sich nicht fürchten. (n242
45      Auf der anderen Seite arbeitete Miltitz weiter daran, Luther zur Ruhe und zu einer friedlichen Unterwerfung zu bringen. 
46       Er wandte sich schon am 12. Januar brieflich an den Erzbischof und Kurfürsten Richard von Trier mit der Aufforderung, das Richteramt über Luther zu übernehmen und zur Vernehmung desselben einen Termin annzusetzen. Luther selbst wünschte am liebsten, diesen zum Richter zu bekommen. 
47        Den sächsischen Kurfürsten ersuchte Miltitz, er möge den von ihm unternommenen Ausgleichsversuch durch einen Brief an den Papst unterstützen. Friedrich liess auch wirklich durch seine Räte ein Schreiben an den Papst abfassen, worin er bat, dass Luthers Erbieten an Miltitz in Gnaden angenommen und seine Sache billig beigelegt werden möge. Er liess dasselbe jedoch nicht abgehen, da er es ratsamer fand, alles zu vermeiden, was den Argwohn unterstützen könnte, dass er selbst bei Luthers Sache die Hand mit im Spiele habe. --
48 Übrigens erhielt der Papst gerage jetzt neue, dringende Ursache, auf die ihm wohlbekannten Wünsche Friedrichs Rücksicht zu nehmen. Denn am 12. Januar starb Kaiser Maximilian und die Frage über den zu erwählenden Nachfolger, welche für Papst Leo so wichtig und für welche Friedrichs Stimme von der grössten Bedeutung war, eilte ihrer Entscheidung entgegen; auch war dieser bis dahin Reichsvikar für Norddeutschland. -- Miltitz, der jetzt den Cajetan in Augsburg aufsuchte, bat sodann den Kurfürsten, Luther dazu anzuhalten, dass er bis zu seiner Wiederkehr stille halte, und Friedrich sagte ihm dies zu, indem er die Erwartung aussprach, dass Miltitz mit Berichten nach Rom das Seinige thun. 
49       Luthern war es ernst, das Seinige zum Frieden zu thun. Eben jetzt kam ihm auch eine kleine "Replik" des Prierias zu, -- auf seiner Rückreise aus Altenburg in Leipzig, von wo aus er sie am 7. Januar auch dem Spalatin zuschickte. Aber er wollte bloss leeres Geschwätz in ihr sehen und sie unerwidert lassen; er hat dann nur damit auf sie geantwortet, dass er selbt mit ein paar "empfehlenden" Worten sie drucken liess. -- In Leipzig trat damals auch Emser noch einmal an ihn heran mit der Versicherung, dass er in Dresden nichts Arges gegen ihn im Schild geführt habe. -- Nachher, in der zweiten Woche des Februar, wirkte in Wittenberg sein Brandenburger Bischof noch persönlich auf ihn ein, mit ernsten, aber freundlichen Vorstellungen über das, was er wage. (n243)
50      So fasste er denn die Schriften ab, welche er versprochen hatte. 
51        An Papst Leo richtete er ein Schreiben unter dem 3. März. Von seiner eignen Person redet er darin wieder in den demütigsten Ausdrücken, erklärt auch, dass es ihm zu schwer sei, die Macht des päpstlichen Zornes zu ertragen. "Aber", sagt er, "was soll ich thun? ich weiss nicht, wie solchen Zorn micn entwinden". Einen Widerruf seiner Thesen erklärt er für unmöglich: seine Schriften seien allzutief in die Herzen der Leser eingedrungen, bei welchen sie gerade unter dem Eifern seiner Gegner über sein Erwarten weit sich verbreitet haben; auch habe Deutschland genug Männer von eignem Urteil und Geist; ob auch er widerrufe, so würde dadurch noch mehr Anklage und Schmachrede gegen die römische Kirche erregt; diejenigen, welche ihr den grössten Schaden angethan, seien, die albernen Prediger, welche unter dem päpstlichen Namen ihrer schändliche Habgier gefröhnt und das Heiligtum geschändet haben. 
52 Vor Gott und Welt versichert er dann, dass er nie die Gewalt der römischen Kirche und des Papstes habe antasten wollen, ja, dass ihm der Kirche Gewalt über alles gehe und im Himmel und auf Erden nichts über sie zu stellen sei, ausser Jesus Christus, der Herr übe alles (eine Versicherung, deren letzten Worte ihm doch sogleich wieder das Recht zum Widerspruch gegen willkürliche, unchristliche Äusserungen dieser Gewalt offen hielten). 
53 In den gegenwärtigen Handel endlich erklärt er nur das eine thun zu können, dass er verspreche, künftig die Frage vom Ablass still ruhen zu lassen, wofern auch seine Gegner mit ihrem leeren, aufgeblasenen Gerede innehalten, und das Volk in einer öffentlichen Schrift zu ermahnen, dass es die römische Kirche ehren, die leichtfertige Vermessenheit jener Redner nicht ihr zurechnen und seine eignen Schärfe, in der er gegen jene zu weit gegangen sei, nicht nachahmen möge. 
54        Luthers Schrift fürs Volk erschien unter den Titel: "Unterricht auf etliche Artikel, die ihm von seinen Abgönnern aufgelegt und zugemessen werden"; sie besteht nur aus ein paar Blättern. Er will in ihr "schädlichen Zungen begegnen", durch welche er dem einfältigen Volk in gewissen Artikeln fälschlich verdächtig gemacht worden sei, nämlich in betreff der Artikel "von der lieben Heiligen Fürbitt, vom Fegfeuer, von dem Ablass, von den Geboten der heiligen Kirche, von den guten Werken, von der römische Kirche". 
55 Da will er denn zeigen, dass er vom Glauben der ganzen Christenheit keineswegs abweiche. Wirklich bekennt er sich hier noch zu katholischen Lehren, welche er bald nachher offen verwarf. Es (244) sind jedoch nur solche, welche er bis dahin auch sonst noch festgehalten hatte, und er giebt andererseits von dem, was er bisher wider die römischen Gegner behauptet hatte, auch jetzt nichts preis. Nur waltet hierbei eine bei ihm gewiss sehr ernst gemeinte Rücksicht auf die "Einfältigen" ob, welche er in keine für sie unnötige Streitfragen hineingezogen haben wollte. (unterric#1
56         So billigt er die Anrufung der Heiligen, während er schon vom Jahr 1516 her als Feind derselben verdächtigt worden war, weil er den gemein üblichen Gebrauch der Heiligen als Helfer für leibliche Notdurft getadelt hatte. Hiergegen besteht er auch jetzt einerseits darauf, dass sie fleissiger wegen geistlicher Notdurft gesucht werden sollten, und bekennt andererseits, dass sie mit Recht angerufen werden, ja hält auch die Thatsache, dass Gott bei ihren Leichnamen und Gräbern Wunder wirke, für unanfechtbar. (n244) --  (unterric#7f
57 Ans Fegfeuer will er fest geglaubt haben, und auch daran, dass man den darin befindlichen Seelen mit Gebet und Almosen helfen könne. Zugleich aber will er, dass man das nähere in betreff der Pein dieser Seelen Gott anheimstelle und nicht mit den Ablass in Gottes Gericht einzugreifen versuche. (unterric#12f) -- Den Ablass lässt er, wie auch in seinen Streitschriften, als eine Entledigung der für die Sünde auferlegten Genugthuung gelten, setzt ihn aber auch jetzt weit under die von Gott gebotenen guten Werke. Das, sagt er, sei für den gemeinen Mann zu wissen genug; was weiter vom Ablass zu wissen sei, soll man den Gelehrten in den Schulen lassen. (unterric#14) -- 
58 Von den kirchlichen Satzungen, wie z. B. den Fastengeboten, erklärt er sehr entschieden, dass sie zu Gottes Geboten oder den ewigen Vorschriften des Sittengesetzes sich wie Stroh zu Gold verhalten, wünscht auch, dass ein Konzil sie mindere, will jedoch, dass man auch dieses geringe nicht lasse.(unterric#18)  Nicht minder entschieden trägt er in betreff aller guten Werke wieder seine Grundlehre vor, dass man nimmermehr auf sie und ihr Verdienst, sondern allein auf Gottes Gnade bauen dürfe und dass einer erst durch diese Gnade fromm geworden sein müsse, um gute Früchte bringen zu können. (unterric#28)  
59 In betreff der römischen Kirche endlich erkennt er an, dass sie, in welcher St. Peter und Paul und so viel tausend Märtyrer ihr Blut vergossen, von Gott vor allen andern geehrt sei und dass man um Gottes und der anderen Frommen willen vermöge der christlichen Liebe und Eintracht auch trotz ihrer gegenwärtigen Schäden sich nicht von ihr sondern solle. Wie weit aber die Gewalt des römischen Stuhles reiche, das, sagt er, solle man die Gelehrten ausfechten lassen. Denn für der Seelen Seligkeit sei daran nichts gelegen und Christus habe seine Kirche nicht auf äussere Gewalt oder irgendwelche zeitliche Dinge, sondern auf der inwendige Liebe, Demut und Einigkeit gegründet. (unterric#37ff)
60 Eben darum solle man sich auch jene Gewalt, wie sie nun einmal sei, gefallen lassen, gleichwie man auch mit der Ausleitung anderer zeitlicher Güter und Ehren durch (245) Gott zufrieden sein solle. In dieser Weise ist Luther seinem Versprechen, zum Geborsam gegen Rom zu ermahnen, nachgekommen. Er vermahnt zur Unterwerfung unter diese Gewalt eben, weil sie ihm doch nur auf äusserliche Dinge sich erstreckt. 
61 Und über das weitere in betreff ihres Ursprunges, ihres Charakters und ihrer Ausdehnung hat er, wie den Gelehrten überhaupt, so auch sich selbst ein freies Urteil vorbehalten; von den bedeutungsvollen Aussagen, die er hierüber bereits bisher an verschiedenen Orten gethan, hat er nichts zurückgenommen; nur vor den gemeinen Mann wollte er diese Streitfragen nicht bringen, während es nach römischer Auffassung eben auch bei ihnen um der Seelen Seligkeit und um unerlässliche Glaubensartikel sich handeln sollte. -- Das war die Schrift, die Luther in Briefen an Freunde seine "Apologie" nannte. 
62          Dem Miltitz scheinen diese Erklärungen Luthers immerhin genügt zu haben: er musste wissen, dass, wie die Dingen in Deutschland standen, der hier angefachte Brand durch ein entschiedenes Einschreiten nur vollends ein unabsehbares Wachstum gewinnen werde. Eine ganz andere Ansicht der Sache aber war auch jetzt noch in Rom zu erwarten, von woher doch alle Schritte und Zugeständnisse Miltitzens erst noch der Bestätigung bedurften. 
63        Seine Bemühungen, Luther vor den Richterstuhl eines deutschen Bischofs zu bringen, von welchem eine kluge und billige Beilegung des Streites zu hoffen stünde, setzte er unverdrossen fort. Allein auch für sie waren die Aussichten keineswegs so günstig, als er selbst, ein offenbar sanguinischer Diplomat, meinen mochte. 
64         Der Erzbischof von Trier antwortete ihm auf sein Ersuchen zuerst, dass die Vorladung Luthers besser auf die Zeit des nächsten Reichstages verschoben werde, der noch von Kaiser Max auf den Monat März nach Frankfurt ausgeschrieben war, und dieser Brief war um die Mitte des März ihm noch nicht einmal zugekommen. Dann wurde die Reichsversammlung, welche jetzt die Wahl eines neuen Kaisers vorzunehmen hatte auf den Juni vertagt und so wollte der Erzbischof erst da mit Luther verhandeln. Von Rom aus hatte Miltitz auf den Bericht, den er dorthin erstattet, während dieser Verhandlungen mit dem Erzbischof noch keinerlei Bescheid. 
65         Miltitz wollte die Übergabe des Prozesses an den Erzbischof beschleunigen. In den ersten Tagen des Mai kam er zu Koblenz, auf dem kurfürstlich trierschen Gebiet, mit Cajetan zusammen. Dahin lud er jetzt Luther durch Briefe an Kurfürst Friedrich, an Spalatin und an ihn selber ein: der Erzbischof habe sich bereit erklärt, ihn zu vernehmen; Cajetan lasse ihm sagen, dass er sich seinetwegen nicht bekümmern dürfe, da alles, was er wider ihn geschrieben, von Stund an vergeben und gergessen sein solle. (n245
66 Gleich darauf kam auch der Erzbischof nach Ehrenbreitstein, schrieb an Friedrich, dass er (246) Luther ihm zuschicken möge, und legte an diesen selbst einen Brief bei. Allein unmittelbar nachher berichtete Miltitz dem Kurfürsten Friedrich, dass er ihn vorher noch persönlich aufsuchen wolle, um ihm die goldene Rose, die zu Augsburg im Fuggerschen hause der Sicherheit halber niedergelegt war, zu überbringen und noch einmal über Luthers Sache und andere wichtige Dinge mit ihm zu sprechen; dass jene Sache nach des Kurfürsten Wunsch werde vertragen werden, bezweifle er nicht. 
67 Friedrich, der doch den Erfolgen einer Verhandlung in Koblenz nicht traute, teilte hierauf den Brief des Erzbischofs Luthern gar nicht mit und erwiderte jenem am 2. Juni, er sei jetzt schon auf der Reise nach Frankfurt, wo er auch ihm zu treffen und sich weiter mit ihm benehmen zu können hoffe. Luther selbst fand es, wie er an Freunde schrieb, lächerlich, dass Miltitz ihm zumute, sich in Koblenz zu stellen, ehe ein darauf bezügliches päpstliches Mandat vorliege, und lehnte aus eben diesem Grunde in einem Brief an Miltitz die Berufung dorthin ab: er könne in einer solcher Unsicherheit die Reise nicht wagen, habe ja auch von seiten des Erzbischofs keine Vorladung. 
68        Der Reichtag schnitt zunächst weitere Versuche, Luther nach Koblenz zu bringen, ab. Auf demselben wurde am 28. Juni König Karl von Spanien, der Enkel Maximilians, zum Kaiser erwählt. Er hatte es hauptsächlich der Entscheidung Kursachsens zu verdanken. Vergeblich hatte der Papst durch Cajetan und andere Sendboten für eine Wahl des Königs Franz von Frankreich gewirkt. Kurfürst Friedrich hatte eine Erwählung seiner eignen Person abgelehnt. Der weise und gewissenhafte Fürst liess sich durch keinen Ehrgeiz darüber blenden, dass seine eigne Macht zu gering wäre, um über die verschiedenen, nach Selbständigkeit begierigen deutschen Fürsten das Szepter des Reichs erfolgreich und würdig zu führen. 
69         Von einer Äusserung des päpstlichen Stuhls über Miltitz' Vermittlungsversuche hören wir bis dahin nichts in den Unterhandlungen, welche dieser mit Luther, Kurfürst Friedrich und Erzbischof Richard pflog. Erst in späteren Zeiten ist ein Schreiben an den Tag gekommen, welches Leo X. unter dem 29. März 1519 an Luther erlassen hat, ehe Luthers Brief vom 3. März ihm zugekommen war. (n246) Da nimmt nun auch er eine freundliche Miene gegen Luther an, welchen er längst ein Kind des Verderbens und des Teufels genannt hatte, jetzt aber "geliebter Sohn" anredet. 
70 Er spricht nämlich darin sein grosses Wohlgefallen gegen ihn aus über Nachrichten, die er von Miltitz erhalten, wonach Luther mit Schrift und Wort den päpstlichen Stuhl nicht habe angreifen, sondern nur auf gewisse Provokationen eines Ablasspredigers habe antworten wollen, im Streit mit diesem gegen die eigne Absicht zu weit gegangen sei, dies jetzt aufs tiefste beklage, zum Widerruf sich erbiete und künftig ähnlicher Dinge sich enthalten wolle, auch schon vor Cajetan Widerruf geleistet haben würde, wenn er nicht von (247) demselben ein zu hartes Verfahren und eine Parteilichkeit für jenen Ablassprediger befürchtet hätte. 
71 Dafür verspricht ihm der Papst eine väterliche Aufnahme seiner Entschuldigungen, indem er nicht den Tod, sondern die Bekehrung des Sünders wünschte. Das ganze Schreiben aber läuft auf eine neue Citation nach Rom hinaus: Luther solle sich sofort auf den Weg machen, um den Widerruf, welchen er vor dem Legaten nicht gewagt habe, vor dem Stellvertreter Christi frei und in Sicherheit abzulegen. So gar keine Aussicht bestand in Wahrheit dafür, dass der Papst auf diejenige Behandlung der Sache, welche Miltitz mit Luther und dem Erzbischof von Trier einleitete, eingehen möchte. 
72 Das Schreiben enthält nichts, um deswillen seine Echtheit zu bezweifeln wäre. Es erklärt sich aus übertriebenen Berichten über seine Erfolge, welche Miltitz im Januar nach Rom geschickt haben wird und welche dort mit sanguinischen Hoffnungen aufgenommen worden sind. Nicht minder erklärlich ist, dass er, durch dessen Hände es an Luther gehen sollte, für besser fand, von ihm zu schweigen, als es zu übergehen, zumal bei seinem Eintressen die Dinge schon weiter sich entwickelt hatten und zwar in einer Weise, bei der man es auch in Rom unmöglich mehr zeitgemäss finden konnte. Luthern wurde so gar nichts davon kund. 
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Noter:

n233a:  Br 1,167ff. 172 Bk 14.
n234:  Op 2,405sqq. Br 1, 175ff. Seck. 1,53. Löscher 2,550.
n235:  Acta August. Op. 2, 40 sqq. 358. 392, dazu Br. 1, 191, 193, 198. Riederer, Abhandlungen S. 362ff. Knaake, Ztf f. luth. Th. 1876 S. 338.
n235a:  Br 1, 188.
n237:  Op. 2, 435sqq. Br 191. 198; vgl. die Pariser Appellat.: Löscher 1, 554ff. (besonders S. 562 mit Löscher S. 444), Gieseler Kirchengesch. 2, 4 §. 135; ihr Datum ist (vgl. Gieseler, gegen Knaake a. a. O.) nach unserer Jahreszählung der 27. März 1518.
n237a:  Br 1, 192f.
n238:  Br 1,188f. 194 (Die Worte aus Br 1,189 sind von Waltz in der Histor. Zeitsch N. F. B. 5, S. 251 unrichtig, weil unvollständig, angeführt). Obennder a. a. O. Kolde, Friedrich S. 18.
n238a:  EA 21,156ff. Br. 1, 193. 253. 256.
n238b:  Zum folgenden Abschnitt: Br. 6,9. 1,207ff. 211. 216. 231. 233ff. 261. 270. 274. 275. "Unterricht" u. s. w. EA 24,1ff. Op. 1, 20sq. Urkunden bei Tzl. B. 1, u. 2; Op. 2, 435 (die Data der Briefe p. 447-450 sind nach Tzl zu korrigieren); Löscher 3, 6ff. 92.ff. 820ff. Seidemann, K. v. Miltitz 1844. Löbe, Luther in Altenburg, Mitteilungen der Gesch. forschenden Gesellsch. des Osterlands. B. 7 (1869) S. 152ff.
n240:  Am 7. Januar 1519 war Luther auf dem Rückweg in Leipzig Br. 1, 83. Dieser Brief ist nämlich ebenso wie der folgende Br. 1,83ff. (oben Anm. 1 zu Seite 204) ins Jahr 1519 zu setzen: vgl. die novae larvae Silv. a. a. O. S. 83 und die Silv. nugae S. 86, ferner Br 1,210 Silv. inscitiam; dazu Scheurl, Briefbuch 2, 81 am 1. Januar 1519; misissem Silvestri replicam, ni Wenceslaus nostrum officium praevenisset (Knaake). Weiteres oben S. 242f.
n242:  Op. 1,21. Br 6,18. Körner a. a. O. 120.
n243:  Oben Anm. 1 zu S. 240. Br 1,83ff. 210. 214. 224.
n244:  Br 1,201.
n245:  Die Briefe sind nicht v. 14. Sept. (Löscher 3,826), sondern v. 3. Mai (Seidemann a. a. O.)
n246:  Lke. 337f. (Vgl Seidemann, Leipz. Disput. 30 anm.); noch unvollständig und mit unrichtig vermutetem Datum in Fortg. Samml. 1742 S. 134, wonach Bk. 23.