Julius Köstlin: Luther, sein Leben und seine Schriften
Drittes Buch:
Das reformatorische Werk und der fortschreitende Kampf, vom Ablassstreit 1511 bis zum Wormser Reichstag 1521.
Eberfeld 1883

Kap. 14:

Die Bannbulle.


Tilbage til Köstlin, indholdsfortegnelse!

Tilbage til oversigten!

Inhalt: Inhalt der Bulle exsurge Domine vom 15. August 1520 379 #2 -- Verdammung von 41 Sätzen Luthers 380 #5 -- Termin des Widerrufs 381 #10 -- Ecks Vollmachten und deren Gebrauch 382 #14.
 
1         Die Bannbulle, welche Eck veröffentlichte, war vom 15. Juni erlassen. Bei dem Gericht, das Luther verdammte, wirkten neben Eck namentlich auch Cajetan und Prierias mit; Cajetan liess sich krank in die Sitzungen des päpstlichen Konsistoriums tragen, wo die Bulle beraten wurde. 
        Man muss die Sprache der Bulle kennen, um den Ton zu würdigen, in welchem Luther darauf erwidert hat. Sie ist zugleich eine Probe des römischen Stils überhaupt. welchem Luther ebenso gottlose Überhebung wie fromme Heuchelei vorzuwerfen pflegte. Durch ihren Schwulst werdenauch gut katholische Leser nur mühsam sich durcharbeiten. 
3           Der Papst erlässt sie mit seinem demütigen Titel: "Bischof Leo, Knecht der Knechte Christi". Sie beginnt mit höchstem Pathos in den Worten des Psalters: Mache Dich auf, Herr, und richte Deine Sache, gedenkt der Schmach, die Dir von den Thoren widerfährt den ganzen Tag (Psalm. 74,22); -- die Füchse wollen den Weinberg verwüsten, den Du Deinem Statthalter Petrus übergeben hast, -- ein Eber aus dem Wald zerwühlt ihn, ein wildes Tier weidet ihn ab (Ps. 80,14). Ähnlich geht der Ruf weiter: Mache Dich auf, Petrus, -- mache Dich auf, Paulus -- mache Dich auf, Du Schaar der Heiligen und Du ganze heilige Kirche, deren (380) wahrhafte Erklärung der heiligen Schrift von etlichen, welche der Vater der Lüge geblendet hat, hintangesetzt wird, damit sie nach alter Ketzerweise aus Ehrsucht und im eitler Volksgunst willen ihrem eignen Sinn gemäss die Schrift verdrehen; tretet ein mit den allerseligsten besagten Aposteln vor dem allerheiligsten Gott, dass er von seinen Schafen austilgen möge die Irrtümer u. s. w. 
4         Dann trägt der Papst vor: er habe, -- was er vor Herzensbeengung und Kummer fast nicht aussprechen könne, -- glaubwürdig vernommen, ja, ach leider, mit eignen Augen gelesen, dass viele und mannigfaltige Irrtümer, -- Irrtümer, welche längst von der Kirche verdammt und eine offenkundige Wiederholung der böhmische Ketzerei seien, und andere Irrtümer, welche beziehungsweise ketzerisch, oder falsch, oder ein Ärgernis, oder frommen Ohren anstössig, oder für Einfältige verführerisch seien, -- von gewissen hochmütig fürwitzigen, nach Weltruhm gierigen, geschwätzigen, der Gottesfurcht ledigen Menschen auf Anstiften des Teufels unter der edlen deutschen Nation ausgesät werden. 
5         Deshalb fühle er, der Papst, um so mehr Schmerz, da er und seine Väter eben diese Nation stets in einem Herzen voll Liebe getrageb haben, wie sie ihr ja auch das römische Kaisertum zugewandt. (exurge#12) Wiederum seien diese Deutschen stets die eifrigsten Kämpfer gegen die Ketzereien gewesen; namentlich sei so viel deutsches Blut gegen die Böhmen geflossen. 
        Hierauf werden "etliche jener Irrtümer" in 41 Sätzen Luthers ausgehoben. 
6        Luthers eigentliche Fundamentalsätze, nämlich diejenigen, in welchen er seine Grundlehre von der göttlichen Gnade, vom Wesen der Sünde und von der Glaubensgerechtigkeit vortrug, sind nicht direkt aufgenommen. So wagte man doch in Rom nicht, sie geradezu zu verwerfen. Statt dessen sind einzelne Folgesätze derselben herausgegriffen: so in betreff der Rechtfertigungslehre der Satz, dass die herrschende Meinung verwerflich sei, wonach die Sakramente den rechtfertigen, der keinen Riegel vorschiebe, -- dass ferner bei der Absolution der Beichtende auch glauben müsse, es sei ihm vergeben. 
7  Insbesondere hat es die Bulle auf Sätze abgesehen, bei denen die Gewalt der Kirche und des Priestertums in Betracht kam: soi eben auch bei den Sätzen vom Sakrament, speziell vom Sakrament der Busse, von den Ablässen u. s. w.; dazu kommen natürlich Luthers Sätze über das Recht des Papsttums und über die Autorität der Konzilien. Die Sätze sind so aus dem Zusammenhang gerissen, dass viele denen, welche diesen nicht kannten, auch bei evangelischer Gesinnung bedenklich klingen mussten. 
8  Recht als ein Stein des Anstosses gegen Luther ist unter seine Lehrsätze auch der gestellt: "gegen die Türken Krieg führen, heisst gegen Gott streiten, der unsere Sünden heimsucht". (exurge#50) Luther hatte allerdings vor zwei Jahren (381) in der Erklärung seiner Ablassthesen eine beiläufige Äusserung sich erlaubt gegen die "grossen Herren in der Kirche, welche von nichts als von Kriege gegen den Türken träumen (wozu der Papst damals Steuer forderte), um nicht gegen die Sünden, sondern gegen Gottes Zuchtrute für die Sünden Krieg zu führen und hiermit Gott zu widerstreiten". Wie mussten die "Einfältigen" sich an Luther ärgern, wenn sie seinen Satz nun so hingestellt lasen! 
9        Die Bulle wiederholt dann, dass de 41 Sätze "beziehungsweise ketzerisch, oder falsch, oder anstössig" u. s. w. seien. Über alle aber spricht sie das Verdammungsurteil aus. Daran sollen alle geistlichen und weltlichen Stände sich halten, widrigenfalls sie der grossen Exkommunikation verfallen und nicht bloss die Geistliche mit Verlust von Amt und Würde, sondern auch die Weltlichen mit Entziehung jeglicher, von der römischen Kirche oder anderswoher empfangener Lehen, mit Unfähigkeit zu irgendwelchen rechtlichen Akten, mit Infamie u. s. w. bestraft werden sollen. 
10       Erst zuletzt kommt die Bulle auf den Erzketzer selbst, in dessen Büchern die vorbesagten Irrtümer und noch manche andere enthalten seien. Sie gebietet alle Schriften Luthers, wo man sie vorfinde, zu verbrennen. Über seine Person sagt sie: "Guter Gott, was haben wir unterlassen, was nicht gethan, was versäumt an väterlicher Liebe, um ihn von solchen Irrtümern zurückzurufen? nachdem wir ihm citiert hatten, um milde mit ihm zu verfahren, haben wir ihn sowohl in verschiedenen Verhandlungen mit unserm Legaten, als auch brieflich ermahnt, dass er vom Irrtum abstehen oder ihne jegliche Furcht, welche vor der vollkommenen Liebe weichen sollte, zu uns kommen möge, wofür wir ihm auch freies Geleit und das zur Reise nötige Geld angeboten haben" (das Geldanbieten war Luther und der übrigen Welt völlig unbekannt geblieben und wurde dann von ihm einfach für unwahr erklärt); -- (exurge#70)
11 "ware er gekommen, so hätte er unseres Erachtens gewisslich sich bekehrt und seine Irrtümer erkannt; wir würden ihn klarer, als das Sonnenlicht ist, darüber belehrt haben, dass die heiligsten Päpste, unsere Vorfahren, in ihren Satzungen, auf welche er losbeisst, niemals geirrt haben, weil, wie der Prophet sagt, in Gilead weder die Salbe noch der Arzt fehlt". (exurge#71
12 Statt dessen sei Luther trotzig geblieben und habe gar sich erdreistet, an ein Konzil zu appellieren, worauf laut der Bestimmungen Pius' II. und Julius' II. die Strafe der Ketzerei stehe. (exurge#72) Dennoch wolle jetzt der Papst die Milde des allmächtigen Gottes nachahmen und ihm die gnädige Hand darbieten, falls der verlorene Sohn wieder in den Schoss der Kirche umkehre. (exurge#73)  Dazu werden hiermit er und alle seine Anhänger bei der Barmherzigkeit Gottes und bei dem Blute Jesu Christi beschworen: -- 
13c Indessen wird Luther von jeder Predigtthätigkeit suspendiert. Er soll samt seinen Anhängern binnen sechzig Tagen (382) von dem Termin ab, an welchem die Bulle in der Brandenburger, Meissner und Merseburger Diözese angeschlagen sein werde, von den Irrtümern gänzlich abstehen und sie förmlich und schlechthin widerrufen; die Urkunde seines Widerrufs soll binnen weiterer sechzig Tage dem papst überreicht sein. Im andern Falle sollen Luther und alle seine Mitschuldigen, Anhänger und Gönner von jeglichem Christgläubigen für notorische, hartnäckige, verdammte Ketzer angesehen und allen Strafen, welche das Recht über solche verhänge, unterworfen werden. Was diese Strafen betrifft, so bemerken wir noch, dass die Bulle unter Luthers Sätzen ausdrücklich auch den verdammt hat: "die Ketzer verbrennen ist gegen den Willen des heiligen Geistes". (exurge#49) -- Alle Fürsten, Kaiser, Obrigkeiten, Bürger, Landeseinwohner werden unter den vorbesagten Strafdrohungen des Bannes ermahnt, ihn und seine Genossen festzunehmen und dem apostolischen Stuhl zu überlifern, wofür dieser sie würdig belohnen werde. (n382
14       Diese Bulle also wurde seit Ende September durch Eck in jenen Diözesen veröffentlicht. Ihn, den allbekannten, verbitterten, persönlichen Feind Luthers, hatte der Papst speziell damit beauftragt und zu diesem Behuf mit der Würde eines päpstlichen Nunzius beehrt. Eck rühmte sich überdies der Vollmacht, hierbei neben Luther einige seiner Genossen nach eigner Wahl namentlich bezeichnen zu dürfen. Er liess so mit anschlagen Luthers beide Kollegen Carlstadt und Johann Dolzig von Feldkirchen, den (humanistisch-gesinnten) Pastor Egranus von Zwikau, den Humanisten Pirkheimer in Nürnberg und den dortigen Stadtschreiber Spengler, ferner den Bernhard Adelmann von Adelmannsfelden in Augsburg, einen jener "ungelehrten Domherren", die er einst verunglimpft und für welche Oekolampad so scharf gegen ihn das Wort genommen hatte. 
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Noter:

n382:  Op. 4, 259sqq. Datum der Bulle: Sitzungsber. der. bayr. Akad. phil. hist. Kl. 1880 S. 572. -- Oben S. 381 Z 14 lies "Lehen" st. "Lehre".