Julius Köstlin: Luther, sein Leben und seine Schriften
Drittes Buch:
Das reformatorische Werk und der fortschreitende Kampf, vom Ablassbrief 1517 bis zum Wormser Reichstag 1521.
Eberfeld 1883

Kap. 13: Von der Messe.

"Von dem Babylonische Gefängnis etc."


Tilbage til Köstlin, indholdsfortegnelse!

Tilbage til oversigten!

Inhalt: Sermon über die Messe 360 #1 -- Vorbereitung der Schrift de captivitate 364. #22 -- Protestation an den Kaiser 365 #26 -- Miltitz' Vermittlungsversuch in Eisleben 366 #29 -- Eintreffen Ecks mit der Bannbulle 367 #36 -- Das "Präludium" vom Babylonischen Gefängnis 368. #40 -- Laienkelch, #47 Transsubstantiation, #50 Messopfer 369 #53 -- Taufe und Christenstand, #58 Freiheit  #62 und Gelübde 371 #66 -- Die Busse. Falsche Sakramente 374.#69  -- Konfirmation #71 Ehe 375 #72 -- Priesterweihe 376 #79 -- Letzte Ölung 377 #82 -- Schriftautorität 378 #84.
 
1       Unmittelbar vor dem Erscheinen der Schrift an den Adel war über den Stand der Dinge in Rom noch ein falsches Gerücht günstigerer Art nach Wittenberg gekommen: Eck sollte dort noch nichts zuwege gebracht haben. Luther liess sich jedoch dadurch in den entscheidenden Schritten, die er gegen das römische "Antichristentum" unternommen hatte, nicht mehr aufhalten. 
        Schon am 3. August, also wohl schon ein paar Tage ehe jene Schrift von Buchdrucker hinausgegeben wurde, hatte er auch einen Sermon über die Messe fertig und sandte ihn an Freunde ab. Derselbe führt uns mit seinem Inhalt von der Schrift an den Adel zu jener andern reformatorischen Hauptschrift von der Babylonischen Gefangenschaft hinüber. Eine Belehrung über die Messe hatte Luther bereits im Sermon von guten Werken seinen Lesern in Aussicht gestellt (oben S. 310 = 3,9#96). 
3  Als er dann in seiner Schrift an den Adel die oben aufgeführten Sätze über die Messen niederschrieb, wollte er weitere Mahnungen darüber sich noch vorbehalten, bis erst wieder das rechte Verständnis über die wahre Bedeutung der Messe aufgekommen sei (S. 352). Er muss aber gleich darauf noch während des Druckes dieser Schrift den Sermon, durch welchen er selbst zu solchem Verständnis führen wollte, verfasst und unter die Presse gebracht haben. (n360
4         Mit einem reichen, glänzenden, genau vorgeschriebenen Apparat hatte die römische Kirche ihren Gottesdienst und vornehmlich das Messopfer, das sie zu seinem Mittelpunkt machte, ausgestattet. Wie hatte Luther einst als Priester vor der Gefahr, in diesem Akt etwas zu versehen, gebebt! (S. 84) Jetzt beginnt er seinen Sermon mit den Worten: "Das lehret uns die Erfahrung aller Chroniken, dazu die heilige Schrift, dass je weniger Gesetz, je besser Recht; je weniger Gebot, je mehr gutes Werk." Gleissnerei und Heuchelei, Spaltungen und Sekten sind ihm die Frucht der vielen Gesetze. Er fährt fort: so habe Christus, der sich ein in Liebe verbundenes Volk bereiten wollte, demselben nur eine einzige Weise oder Gesetz, seine rechte heilige Messe, eingesetzt, und je näher nun der christliche Gottesdienst oder die Messe der ersten Messe Christi sei, desto besser sei sie, je weiter davon entfernt, desto gefährlicher. (361) 
5        Was aber gehört hierzu "gründlich und eigentlich"? Er ermahnt, erst "Alles fahren zu lassen, was die Augen und alle Sinne in diesem Handel mögen zeigen und antragen, es sei Kleid, Klang, Gesang, Zierde, Gebet, Tragen, Heben, Legen, oder was da geschehen mag in der Messe, bis dass wir zuvor die Worte Christi fassen und wohl bedenken, damit er die Messe vollbracht und uns zu vollbringen befohlen hat; das sind die Worte: "nehmet hin und esset, das ist mein Leib, der für euch gegeben wird -- zur Vergebung der Sünden"; denn darin liegt die Messe ganz mit allem ihrem Wesen, Werk, Nutzen und Frucht". 
6  Diese Einsetzungsworte des Herrn hat er auch schon in jenem Sermon von guten Werken als die Hauptsache hingestellt. Auch was er jetzt von ihrem Sinn und Inhalt ausführt, hat er im wesentlichen schon dort kurz ausgesprochen. Christus hat, erklärt er, dort uns eine Zusage gethan, wie er sagt: "Das ist der Kelch des Neuen Testaments in meinem Blute, das für euch vergossen wird zur Vergebung der Sünden". Es ist als wollte er sagen: siehe da, Mensch, ich bescheide dir mit diesen Worten Vergebung aller deiner Sünden und das ewige Leben; und dass du gewiss seist, dass solch Gelübde dir unwiderruflich bleibe, so will ich darauf sterben und mein Leib und Blut dafür geben und beides dir zum Zeichen und Siegel hinter mir lassen, dass du mein gedenken sollst; 
7  wie man in weltlichen Testamenten Siegel oder Notarienzeichen an die geschriebenen Worte hängt, so hat Christus an seine Worte ein kräftiges, alleredelstes Siegel gehängt, nämlich sein eigen Fleisch und Blut unter dem Brot und Wein; Gott hat überhaupt in seinen Zusagen gemeiniglich neben dem Wort ein Zeichen gegeben, z. B. dem Noah den Regenbogen u. s. w.; denn des bedürfen wir armen Menschen, die wir in den fünf Sinnen leben, damit wir neben dem Wort uns dran halten. 
8  Das beschiedene Gut also ist Erlass der Sünde und ewiges Leben, das Siegel oder Wahrzeichen ist Brot und Wein  mit dem wahren Leib und Blut darunter; dazu kommt die Pflicht oder das Begängnis, das wir Christo halten sollen mit Predigen und Betrachten seiner Liebe und Gnade, dadurch uns zur Liebe und Hoffnung gegen ihm zu neigen, wie Paulus auslegt: "so oft ihr esset dies Brot u. s. w., sollt ihr verkündigen das Sterben Christi" (1 Kor. 11.26). Aus diesem allem ist nun leicht zu merken, was eine Messe sei und wie man sich dazu bereiten soll -- bereiten mit einem hungrigen und festen, fröhlichen Glauben des Herzens, solch Testament anzunehmen. 
9        Dies die positive Lehre Luthers, bei welcher er dann auch unter allen späteren, anderweitigen Streitigkeiten über das Abendmahl verharrt hat. Jetzt aber schneidet er von hier aus bestimmt, offenund klar dasjenige ab, was die Kirche zur Hauptsache in der Messe gemacht hatte; ja er ist ihm dies vielmehr eine arge, verderbliche Verkehrung der gnädigen Stiftung (362) Christi. Man hat, sagt er, aus der Messe, da CHristus uns Wohlthat bringt und wir sie empfangen sollen, ein gutes, verdienstliches Werk gemacht, das man Gott darbringe. 
10 Man hat gar, was der ärgste Missbrauch ist, ein Opfer daraus gemacht, das man Gott opfere. Er weist nach, dass der Gebrauch des Wortes Opfer bei der Messe ursprünglich etwas ganz anderes in der Kirche bedeutet habe: man bezog es auf das Essen und andere Gaben, welche die Christen bei der Messe für die Dürftigen zusammenbrachten, und welches sie mit Gebet, Danksagung und Gottes Wort segneten, wie man alles, was wir essen und dessen wir gebrauchen, segnen soll. 
11 Er bemerkt -- und zwar sehr richtig, das Nachwirkungen dieser Auffassung auch in den gegenwärtigen Bräuchen des sogenannten Messopfers sich noch immer erhalten haben; namentlich opfere ja der Priester die sogenannte Hostie noch ehe sie gesegnet oder konsekriert sei, und zwar während die Leute ihre Geldopfer zur Messe darbringen. "Was", fragt Luther, "bleibt denn nun in der Messe, davon sie mag ein Opfer heissen, sintemal so viele Worte im Messamt von dem Opfer geschehen?" Er antwortet: "ich sage, dass nichts bleibt; denn stracks und kurzum, wir müssen die Messe lassen bleiben ein Sakrament und Testament, welche ein Opfer nicht sind noch sein können". 
12        Die Idee eines Opfers, welches die Christen darbringen sollen, lässt Luther deshalb nicht fallen: opfern sollen wir uns selbst und alles, was wir haben, mit flissigem Gebet; dargeben sollen wir uns dem Willen Gottes und ihm Lob und Dank darbrinen. So, sagt er, möge es auch eben beim Messgottesdienst geschehen, obwohl es nicht zum Wesen der Messe gehöre: es sei gut und köstlich, dass hier in der Versammlung eins das andere reize, bewege, erwärme, um stark zu Gott zu dringen. 
13 Ja, er sucht sogar dem Gedanken, dass wir Christum im Gottesdienste Gott opfern, noch einen gewissen Sinn abzugewinnen: jenes unser Opfer nämlich, jenes Opfer des Dankes und unserer eignen Person, sollen wir nicht durch uns selbst vor Gottes Augen vortragen, sondern auf Christus legen, dass er als unser Mittler es vortrage; mit unserem Glauben machen wir, dass er sich unser annehme, uns selbst und unser Gebet vortrage und sich selbst auch für uns im Himmel opfere und uns mit sich opfere; es sei, "als wenn ich spräche, ich hätt einem Fürsten seinen Sohn geopfert, so ich doch nicht mehr gethan hätt, als denselben Sohn bewegt, meine Not dem Fürsten vorzutragen, und des Sohnes zu einem Mittler gebraucht". -- 
14c So sehr lässt es Luther sich angelegen sein, von den religiösen Ideen und gottesdienstlichen Akten, die an die Messe sich anschlossen, durch evangelische Deutung zu halten, was irgend noch für ein evangelisches Herz und Gewissen haltbar war. (363) Man hoffte, durch jenes Werk und Opfer der Messe alles mögliche zum Nutzen der Lebenden und Toten bei Gott auszurichten. Nach Luthers Auffassung des Opfers soll die Christenheit auch hierin nicht ärmer werden; im Gegenteil: "der Glaube, durch welchen wir neben dem Sakrament uns, unsere Not, unser Gebet, u. s. w. durch Christus opfern und damit Christum vor Gott opfere, das ist, ihn bewegen, dass er sich für uns und uns mit ihm opfere, -- derselbige Glaube vermag wahrlich alle Dinge im Himmel, Erde, Hölle u. s. w.; und so Christus zweien Menschen verspricht aller Ding' Erhörung (Matth. 18,19), wie viel mehr mögen bei ihm erlangen, was sie wollen, so viele (zum Gebet in seinem Namen versammelte) Menschen". --
15 Das wahre Opfer aber, das so die Gläubigen durch Christus darbringen, ist eben hiermit nicht mehr bloss Sache besonderer Priester in der Kirche. Sondern  sie sind nun alle Priester und halten alle Messe, die so im Glauben durch Christus ihr Gebet und sich selbst Gott vortragen und nicht zweifeln, dass Christus dasselbe thue, und darauf leiblich (im Abendmahl) oder auch nur geistlich (im Glauben) das Sakrament als ein Zeichen alles dessen empfangen und gewiss glauben, dass ihnen die Sünde vergeben und Gott ihnen ein gnädiger Vater geworden und das ewige Leben für sie bereit sei: "alle die sind rechte Pfaffen und halten wahrhaftig recht Messe; der Glaube ist allein das rechte priesterliche Amt; -- darum sind alle Christen-Männer Pfaffen, alle Weiber Pfäffinnen, es sei jung oder alt, Herr oder Knecht, Frau oder Magd, gelehrt oder Laie; hier ist kein Unterschied, es sei denn der Glaube ungleich". 
16        So hat Luther jetzt mit seiner Belehrung über die Messe zugleich ausdrücklich und völlig das hohe Vorrecht abgethan, mit welchem über das allgemeine Priestertum der Christen jener besondere Priesterstand sich erheben wollte. 
17         In betreff der Verwaltung des Sakraments fordert er besonders noch der Gebrauch der deutschen Sprache für die Deutschen. Die katholische Kirche war überdies auf die Vorschrift verfallen, dass der Priester die wichtigsten Worte, die der Einsetzung, ihrer Heiligkeit wegen leise sprechen solle. Luther fordert vielmehr, dass man "die heimlichsten Worte aufs allerhöchste singe"; spreche man doch auch bei der Taufe die nicht minder heilige Zusage Gottes deutsch und laut. 
18       Die "grösseste Sache" aber, um derentwillen man überhaupt äusseren Gottesdienst halte, ist ihm eben die Verkündigung des göttlichen Wortes, des selig machende Evangeliums, der hohen Gnadenzusage. Eben für dieses Wort hat ja Christus auch das äussere Sakrament zum Zeichen und Siegel gegeben; und -- "es ist ihm mehr am Worte, denn am Zeichen gelegen". Wiederum soll auch die ganze christliche Predigt nichts anderes sein, als Erklärung jener im Sakramente versiegelten Testamentsworte: (364) "darin hat Christus das ganze Evangelium in einer kurzen Summe begriffen". 
19       Zum Schlusse warnbt er wieder, wie zum Anfang, vor den vielen Gesetzen und gesetzlichen Formen: "Christus hat seine heilige Kirche mit gar wenigen Gesetzen und Werken beladen und mit vielen Zusagen zum Glauben erhoben, wiewohl es nun leider umgekehrt ist und wir mit vielen, langen, schweren Gesetzen getrieben werden, fromm zu sein, und wird doch nichts draus; -- drum lasst uns hüten vor Sünden, aber vielmehr vor Gesetzen und guten Werken, und nur wohl wahrnehmen göttlicher Zusagung und des Glaubens, so werden die guten Werke sich wohl finden. Das helf uns Gott,  Amen". 
20        Luther war, wie er besonders in seiner nächstfolgenden grossen Streitschrift aussprach, überzeugt, dass jenes Messopfer der ärgste unter den Greueln der römische Kirche sei, und nicht minder sich bewusst, dass er mit einem Angriff auf dasselbe vollends den heftigsten Widerspruch und Hass gegen sich hervorrufe. Dennoch hat er hier eine durchweg ruhige, leidenschaftslose Auseinandersetzung gegeben. Ruhig und milde redet er auch von den Vorwürfen, denen er entgegensieht: "Ich weiss wohl, dass etliche werden leichtfertig sein, hierin mich einen Ketzer schelten; aber lieber Geselle, du solltest auch zusehen, ob du es so leichtlich bewähren könntest, so du leichlich lästerst". 
21 Er hat nicht für feindselige, verstockte römische Theologen geschrieben, auch nicht für Adelige und andere hervorragende Gemeindeglieder, denen er es zur Pflicht machen wollte, zu äusseren Reformen zu treiben. Seine Schrift ist wieder ein Sermon für Christenseelen insgemein, -- sich herablassend zu den Einfältigen, -- bestrebt, sie aufs Eine, das not thut, hinzuführen, sie darauf zu erbauen, ihnen statt des Irrtums, von dem er sie losreissen musste, die sichere, köstliche Wahrheit vorzulegen. 
22        Kaum aber war sein Sermon und sodann sein Büchlein an den Adel hinausgegangen, so legte er aufs neue die schwere Waffenrüstung an. Er hatte zu Ende August von einer Schrift "über die Babylonische Gefangenschaft der Kirche" wenigstens einen kleinen Teil schon im Drucke fertig. Das, was sie bringen sollte, hatte er ohne Zweifel schon mit jenem weiteren "Liedlein von Rom" im Auge, auf das er am Schluss jenes Büchleins hindeutete. Alveld hatte aufs neue gegen ihn geschrieben, oder, wie Luther es in einem Brief an Spalatin ausdrückt, "der Leipziger Esel hatte ein neues Gebrüll von Lästerungen losgelassen", -- und zwar jetzt gegen Luthers Äusserungen über den Laienkelch; auch war gegen ihn über denselben Gegenstand die Schrift eines ungenannten Verfassers, eines Mönch in Cremona, erschienen. 
23 Daran wollte Luther anknüpfen mit seinem neien Werke, "um die Nattern desto mehr zu reissen". Dasselbe sollte dann (365) weiter von den Sakramenten überhaupt handeln und namentlich auch wieder von jenem Messopfer, -- jetzt aber wesentlich für die Theologen, in lateinischer Sprache, mit aller Wucht der Polemik und aller Schärfe theologischer Wissenschaft. Er hatte seiner Schrift von vornherein jenen Titel "Von der Babylonischen Gefangenschaft" zugedacht. 
24 Die schwerste, ja die recht eigentliche Knechtung der Kirche sah er nämlich noch nicht in jenen äusseren Missbräuchen und Anmassungen, gegen welche sein Buch an den Adel sich richtete, sondern in der Tyrannei, welche die Hierarchie über die Seelen und Gewissen übte. Und er sah sie dieselbe üben im Gebrauche der von ihr verwalteten Mittel fürs Heil der Seelen, in der Entstellung, Beeinträchtigung und Verkehrung neuer Sakramente, welche sie selbst erfunden habe. Auch in den Augen seiner Gegner wurde die neue Schrit noch weit wichtiger für seinen völligen Bruch mit der Kirche als die an den Adel, welche manchen Neueren besonders revolutionär erschien. Sein Freund Lange nannte die letztere eine Kriegstrompete. Er selbst kündigte mit diesem Namen die neue Schrift, an der er arbeitete, dem Spalatin an. (n365
25        Inzwischen waren von seiten des Kurfürsten Friedrich Antwortschreiben auf jene Briefe Kardinal Raphaels und Teutlebens ergangen (an Raphael den 10. Juli). Er verwies jenen wieder darauf, dass Luther ja, wie er höre, stets bereit sei, sich vor unparteiischen Richtern zu stellen, und dass, wie er gleichfalls vernehme, der Erzbischof von Trier ein Kommissariat hierzu erhalten habe. Nicht im Brief an den Kardinal, wohl aber in dem an Teutleben warnte er, wie Luther es in einem Brief an Spalatin geraten hatte, nachdrücklich vor den gefährlichen, verderblichen Unruhen, welche ein gewaltsames Vorgehen gegen diesen, ohne dass er durch gute Gründe und klare Schriftzeugnisse widerlegt wäre, in Deutschland hervorrufen möchte. -- (n365a
26 Luther selbst ferner wandte sich in diesen Tagen, ohne Zweifel nach Friedrichs Wunsch und veranlasst durch Spalatin, mit einer Bitte um Schutz gegen ungerechte Verdammung noch an die höchste Gewalt im Reich, an Kaiser Karl, und veröffentlichte zugleich eine kurze "Protestation und Erbieten" in lateinischer und deutscher Sprache, worin er den ihm gemachten Vorwürfen und Schmähungen seine stete Bereitwilligkeit, sich aus Gottes Wort richten und belehren zu lassen, entgegenhielt und worauf nun auch jener fürstliche Brief an Teutleben Bezug nahm. 
27  Am 23. August legte Luther dem Spalatin diese Schrift und sein Bittschreiben zur Korrektur vor, worauf dieses wohl unter dem Datum des 30. abging. Mit Ausdrücken übermässiger, persönlicher Demut redet er hier die Kaiserliche Majestät an: mit Recht werde man sich wundern, dass ein einziger Floh den König der Könige anzugehen sich vermesse. Doch mit hoher Zuversicht fährt er fort: (366) "minder wird man sich wundern, wenn man die Grösse unsere Sache betrachtet, welche die Sache der Wahrheit ist und würdig, vor den Thron der himmlischen Majestät zu treten". (n366) -- 
28 Übrigens glaubte Luther nicht bloss zu wissen, dass seine Schrift an denAdel dem kurfürstlichen Hof "nicht ganz missfalle", sondern er erhielt eben jetzt, zu Ende August, auch ein neues Zeichen fürstlicher Gnade in einer reichen Gabe Wildbrets. (n366a
29        Endlich nahm, während Luther hiermit beschäftigt war und zugleich an der neuen grossen Streitschrift arbeitete, Miltitz noch einmal seine Vermittlungsversuche auf. Es war für ihn die äusserste Zeit; denn die Bannbulle vom 15. Juni war längst unterwegs. Auf den 28. August hatte Staupitz einen Konvent der Augustinermönche nach Eisleben ausgeschrieben, um dort sein Vorsteheramt über die deutschen Klöster niederzulegen, das ihm ohne Zweifel besonders durch die gegenwärtigen und weiterhin drohenden kirchlichen Kämpfe zu schwer geworden war. 
30 Dort wollte Miltitz über Luthers Sache mit seinen Ordensbrüdern verhandeln. Er kündigte dies unter dem 19. August dem Kurfürsten Friedrich an mit der Bitte, dass dieser die Veröffentlichung eines gefährlichen Buches, das Luther eben jetzt herauszugeben im Begriff sei, noch hindern möge und mit der fortwährenden "tröstlichen Hoffnung", Luthers Sache beim Papst noch zum Guten wenden zu können; "denn", sagte er, "die Sache ist nicht so schwarz als wir Pfaffen sie machen". Der Kurfürst erwiderte, das gefürchtete Büchlein (womit demnach Miltitz das an den Adel meinte) sei, wie er höre, bereits ausgegenem; über Miltitz' ferneres Vorhaben äusserte er gar nichts: er hatte dazu offenbar kein Vertrauen mehr. 
31  In Eisleben wurde das Ordensvikariat Luthers Freunde Link in Nürnberg übertragen: ein Beweis, wie sehr die Ordensbrüder samt Staupitz der evangelischen Richtung sich zuneigten. Miltitz aber, der wirklich dort sich einfand, erreichte von ihnen, dass Luther durch sie aufgefordert werden sollte, einen Brief an den Papst zu schreiben mit der feierlichen Versicherung, er habe nie seine Person angreifen wollen. 
32 Er selbst kündigte ihm sogleich freundschaftlich die Gesandschaft der Brüder an, mit welchen er kraft seiner vom Papst erhaltenen Vollmacht etwas besprochen habe, was für ihn nützlich sein werde. Staupitz und Link mit mehreren anderen Brüdern überbrachten die Aufforderung an Luther und dieser berichtete darüber am 11. September dem Spalatin: er wolle, so wenig er und auch jene davon halten, doch dem Miltitz, der wohl auch eignes Interesse dabei habe, den Gefallen thun und so schreiben; er könne es mit Wahrheit thun, denn gegen des Papstes Person sei er ja nie erregt gewesen; der päpstliche Stuhl solle dad ihm gehührende Salz in seinem Schreiben bekommen, doch wolle er hierbei sich mässigen. Miltitz wollte nachher selbst noch mit Link zu Luther an einen gelegenen Ort reisen, unterliess es jedoch, da er jenen in Eisleben, wo er ihn noch einmal aufsucht, (367) nicht mehr antraf. Mit Staupitz ist Luther damals zum letztenmale pesönlich zusammen gewesen. (n367
33         Andererseits gelangte an Luther zur gleichen Zeit mit jener Botschaft des Eislebener Konvents ein sehr aufgeregter und aufregender Brief Huttens, wonach der Erzbischof von Mainz einen päpstlichen Befehl erhalten haben sollte, diesen gebunden nach Rom zu schicken. Auch hatte der Erzbischof infolge einen ernsten Vermahnung des Papstes, welche übrigens gegen Hutten nur in allgemeinen ein strenges Einschreiten forderte, ein Verbot der Bücher Huttens erlassen und zugleich vor andern ähnlichen Büchern unter Androhung des Bannes verwarnt, was Luther ohne Zweifel mit Recht auf seine eignen Schriften bezog. 
34 Hutten erklärte in seinem Brief, er werde jetzt mit der Feder und mit den Waffen gegen die priesterliche Tyrannei losstürmen. Hierdurch liess sich LUther sehr wenig erregen. Die Ruhe, mit der er davon gegen Spalatin redet, sticht sehr ab gegen die Aufwallung, in welcher Hutten, die eigne Gefahr übertreibend, jetzt mit Klagschriften, die er veröffentlichte, an den Kaiser, den sächsischen Kurfürsten und alle Stände der deutschen Nation sich wandte und den Erzbischof in einem Briefe beschwor, jenen schmachvollen, blutdürstigen Befehl abzuweisen. 
35 Indem derselbe in seiner Schrift vom 11. September den Kurfürsten aufforderte, als deutscher Fürst und Nachkomme würdiger Ahnen gegen die schählische römische Tyrannei sich zu erheben, erklärte er: das, was er gewagt haben wolle, werde freilich nicht ohne Blutvergiessen ablaufen; diejenigen aber sollen da zusehen, welche durch ihre Verfolgung anderer ein Verfolgtwerden mit dem Schwert so wohl verdient haben. Luther bemerkt am nämlichen Tag aus Anlass eines Huttenschen Briefs und jenes erzbischöflichen Bücherverbotes nur: falls der Erzbischof auch ihn darin mit Namen vorgenommen haben sollte, werde er hiergegen auch seinen Geist mit Hutten verbinden und so sich entschuldigen, dass jener sich nicht drüber freuen werde. (n367a
36        Bald darauf aber kam endlich die sichere Nachricht, dass über ihn selbst das förmliche Verdammungsurteil des Papstes ergangen sei. Laut eines Briefes vom 28. September wusste er jetzt, dass Eck mit einer Bulle angekommen sei, hatte jedoch näheres darüber noch nicht erfahren. 
37 In der That hatte Eck dieselbe bereits am 21. in Meissen, am 25. in Merseburg anschlagen lassen, nachdem er mit ihr, ohne es vorher kund werden zu lassen, bis hierher gereist war, um jetzt rasch überall in der Nähe Wittenbergs den Schlag gegen Luther zu führen; am 29. wurde die Bulle auch in Brandenburg durch ihn publiziert. Luther erklärte gleich in jenem Brief: er werde die "Bulle (bulla) oder Blase (ampulla)" verlachen. (n367b
38       Inzwischen hatte Luther, ohne durch Milititzsche Pläne sich in der Arbeit stören zu lassen, sein Buch vollendet. Aus Äusserungen von ihm gegen (368) Spalatin ist zu schliessen, dass auch dieser Bedenken gegen sein Vorhaben hatte. Luther schrien ihm dagegen am 8. September: "wird gleich vielleicht niemand meine Kriegstrompete gutheissen, so muss doch ich sie gut finden, um den Angriff zu machen auf die Tyrannei des römischen Antichrists, welche die Seelen des ganzen Erdkreises verderbt; sie ist sehr scharf und sehr heftig: davor werden, hoffe ich, auch jene matten kleinen Schähredner erstarren". 
39 Die Schrift wurde sofort auch gedruckt. Am 3. Oktober konnte Luther bereits dem Spalatin ankündigen, dass sie am drauf folgenden Sonnabend werde ausgegeben und an ihn versand werden. Sie erschien so noch unmittelbar ehe ein Exemplar jener Bannbulle auch nach Wittenberg gelangte. (n368
40        Ein "Präludium" oder ein Vorspiel von der Babylonischen Gefangenschaft der Kirche betitelte Luther seine Schrift ("Von dem Babylonischen Gefängnis" -- hacn der alsbald erschienenen Verdeutschung); das was er hier vorspielen, oder das Liedlein, welches er nach seiner frühere Äusserung hier von Rom singen wollte, sollte ein Vorspiel sein, das selbst wieder noch grösseres erwarten liess. (n368) 
41        Luther dedizierte die Schrift seinem Wittenberger Kollegen Hermann Tulich, (n368b) tritt jedoch mit der Einleitung, in welcher er diesen anredet, gleich in die Erörterung des Gegenstandes selbst hinein. 
42        Er beginnt mit Worten herber Ironie, seinen Gegnern dankend für die Fortschritte, die er gemacht: "Ich mag wollen oder nicht, so muss ich von Tag zu Tag mehr lernen, da so viele grosse Lehrmeister mich wetteifernd treiben und üben". (capt#2) Er bekennt, dass er seine früheren Schriften gegen den Ablass jetzt gern alle verbrennen lassen möchte: denn während er dort die Ablässe immer noch für etwas Zulässiges erachtet habe, sei ihm jetzt durch Prierias und andere klar geworden, dass sie eitel Trügerei und Nichtwürdigkeit römischer Schmeichler seien. (capt#3f)
43 Hernach haben ihn Eck und Emser über die Oberhoheit des Papstes belehrt und ihn sehr darin weiter befördert: denn während er derselben anfangs ein menschliches Recht zugestanden habe, wisse er jetzt, dass das ganze Papsttum das Reich Babylon und die Gewaltherrschaft des Jägers Nimrod sei (1 Mos 10,8-10). (capt#6ff) Jetzt, sagt er, müsse er wegen der beiden Gestalten des Abendmahls, d. h. wegen des Laienkelchs, in die Schule gehen. Er kommt damit auf jene neue Schrift Alvelds und auch auf die jenes italienischen Mönchs zu reden. 
44 Er aber erklärt jetzt: vor allem müsse er die Siebenzahl der Sakramente leugnen, statt dessen nur drei, nämlich Taufe, Busse und Abendmahl, als Sakramente aufstellen und zeigen, dass aus allen der römische Hof eine klägliche Gefangenschaft für die Kirche gemacht habe; (capt#35) zuerst wolle er vom Abendmahl reden, -- was er auch darüber in weiterem Nachdenken gelernt habe; mit Gewalt auf den Kampfplatz getrieben, werde (369) er frei seine Meinung sagen, ob die Papisten alle zusammen lachen oder weinen mögen. (capt#36
45        Die ganze folgende Ausführung hat eine ebenso ernste und würdige, wie feste und energische Haltung; indem sie mit lichtvoller, wohl durchdachter Auseinandersetzung auf die Worte der heiligen Schrift und die hier gegebenen Prinzipien sich gründet, zeigt sie zugleich volle Bekanntschaft mit den Gründen der Gegner und eine auch den scholastischen Künsten gewachsene Dialektik. 
46 Unter allen wissenschaftlich theologischen Schriften Luthers steht sie an erster Stelle, während sie zugleich überall klar und warm die einfachen, christlich religiösen Interessen geltend macht. Ihr Inhalt zeigt auch bei aller Schärfe gegendie römische Irrlehre und Tyrannei doch wieder eine schonende Rücksicht solchen äusserlichen Bräuchen gegenüber, die trotz ihres Zusammenhanges mit jener noch eine bessere Deutung zuliessen oder deren sofortigen Beseitigung wenigstens nicht schlechthin gefordert schien. 
47       Luther hebt beim Abendmahl mit jener Verweigerung des Kelches für die Laien an. Die erste Gefangenschaft des Sakramentes sieht er darin, dass die römische Tyrannei demselben die Vollständigkeit, in der es vom Herrn eingesetzt worden sei, geraubt habe. Denn das sei vollkommen klar, dass Christus, wie er auch für die Laien sein Blut vergossen, so auch den Kelch für sie so gut als für die Priester eingesetzt habe. (capt#52) Er zeigt auch, dass dies von der alten Kirch anerkannt worden sei. (capt#69) Und jetzt will er es nicht mehr bloss löblich finden, wenn man jenen den Kelch wieder gewährte, sondern er erklärt die Entziehung desselben für eine sündige Erfindung und Anmassung. Hierin giebt er jetzt den Böhmen entschieden recht: "soll man die einen oder anderen Ketzer und gottlose Schismatiker nennen, so sind es nicht die Böhmen und Griechen, sondern ihr Römer seid es." (capt#62)
48 Trotzdem will er auch noch jetzt nicht dazu auffordern, dass man mit Gewalt die beiden Gestalten des Sakraments wieder herstelle; denn ein Gebot habe Christus doch nicht hierfür gegeben; dieser habe auch den Genuss des Sakraments überhaupt nicht geboten, sondern einem jeden anheimgestellt. (capt#74) Aber man solle, so lang jene Tyrannei nicht aufgehoben sei, wenigstens die Gewissen frei geben und es ihnen überlassen, ob sie eines solchen Sakraments gebrauchen wollen, während man sie jetzt mindestens einmal im Jahre dazu zwinge. 
49 So mögen dann die echten Christen die Tyrannei ähnlich ertragen, wie wenn sie unter den Türken gefangen sässen, wo sie keine der beiden Gestalten empfangen könnten. Auch falls sie am verstümmelten Sakramente noch teilnähmen, treffe die Schuld nicht die, sondern die Tyrannen, welche den Kelch ihnen trotz ihres Verlangens vorenthalten. (capt#78
50       Indem Luther auf die zweite Gefangenschaft des Sakraments übergeht, weiss er, dass "sie anzutasten oder gar zu verdammen am allergefähr- (370) lichsten sei", da werde er zu einem Wiclifiten und tausendfachen Ketzer werden. (capt#80) Sie besteht darin, dass die Lehre von der Verwandlung der Substanzen als Glaubenssatzung den Christen aufgelegt werde. Luther berichtet: schon während seines scholastischen Studiums habe ihm eine Ausführung des Theologen d'Ailly Anlass zum Nachdenken gegeben, wonach, wenn nicht die Kirche jene Lehre festgestellt hätte, die Annahme mehr für sich haben würde, dass das wahrhaftige Brot und der wahrhaftige Wein statt der blossen Accidenzien im Sakramente verbleiben. (capt#81
51 Seither habe er gesehen, was das für eine Kirche sei, nämlich die des Scholastikers Thomas oder vielmehr des Aristoteles. (capt#82) Jetzt, sagt er, stehe sein Gewissen bei der Überzeugung fest, dass wirklich Brot und Wein nach wie vor da sei und in diesen der wahre Leib und das wahre Blut Christi ebensogut gegenwärtig als nach jener Lehre in den blossen Accidenzien. Denn den einfachen Gottesworten dürfe niemand, weder ein Mensch noch ein Engel, Gewalt anthun: nach ihnen aber habe Christus dort Brot und Wein ausgeteilt. (capt#83) Es sei eine eitel menschliche, unnötige, absurde Eintragung, wenn man hier statt des Brotes und Weines die blosse äussere Gestalt derselben oder die blossen Accidenzien setze. 
52 Warum solle der verklärte Leib Christi nicht auch in wirklichen Brot enthalten sein können? sei ja doch auch in einem feurig gemachten Eisen das Feur und das Eisen mit einander verbunden und beides zugleich da. (capt#95) Wenn man (wie die Scholastiker thaten) die Notwendigkeit jener Umdeutung aus der Logik des Aristoteles beweise, so verstehe man dieses selbst nicht. Luther will indessen den andern ihre Meinung belassen, wofern sie nur nicht fordern, dass man diese blossen Meinungen für Glaubensartikel annehme. Er wiederholt: das könne er nicht dulden, dass man mit menschlichen Vernunftgründen den heiligen Worten Gottes Gewalt anthue und sie verdrehe. (capt#111
53        Dann fährt er fort: "die dritte Gefangenschaft eben desselbigen Sakraments ist jener weitaus gottloseste Missbrauch, vermöge dessen heutzutag nichts in der Kirche mehr angenommen und mehr für gewisse gehalten wird als dies, dass die Messe ein gutes Werk und ein Opfer sei, (capt#112) -- ein Missbrauch, daraus alsdann unendliche andere in Strömen ausgeflossen sind; -- ich greife eine schwere Sache an und welche umzustossen vielleicht unmöglich ist, da sie durch den Brauch so vieler Jahrhunderte und durch die allgemeine Zustimmung und Annahme sich so festgestzt hat, dass der grösste Teil der heute herrschenden Bücher und fast die ganze Gestalt der Kirchen abgethan und geändert und eine gänzlich andere Art kirchlicher Ceremonieen eingeführt oder vielmehr wieder eingeführt werden muss; 
54 aber mein Christus lebt, und auf Gottes Wort muss man sorgsamer achten als auf aller Menschen und Engel Verständnis; ich werde meines Amtes warten und die Sache, wie sie ist, ans Licht stellen; -- im (371) übrigen möge jeder selbst für seine Seligkeit bedacht sein; ich will darum dass keiner die Schuld für seinen Unglauben und seine Unerkenntnis der Wahrheit auf mich wälzen könne, mir vor Christus, dem Richter, getreulich Mühe geben". (capt#114f) So wendet er sich gegen die Meinung, dass die Messe ein gutes verdienstliches Werk sei, und dann gegen das "andere, noch viel schwerere und gleissherischste Ärgernis", dass man aus ihr ein Gott darzubringendes Opfer mache. 
55        Er entwickelt wesentlich wieder die gleichen Gründe und Ideen wie in dem vorangehenden Sermone, -- mit derselben inneren Wärme wie dort, -- grössenteils in gedrängter und zugleich noch schärfere Fassung. Wieder zeigt er, wie es sich um ein Empfangen göttlicher Gnade handle, um Christi Testament oder Gnadenzusage, um ein ihr dienendes Zeichen, um ihre Aufnahme im Glauben. Wieder ist ihm die Hauptsache das Wort. an diesem liege mehr als am Zeichen, und seiner könne der Christ auch ohne das Zeichen oder Sakrament im Glauben geniessen; der Christ könne ja zu jeder Stunde Messe feiern, indem er Christi Worte sich vorhalte und seinen Glauben an ihnen nähre mit wahrhaftem geistlichem Essen und Trinken. 
56 Wieder warnt er auch überhaupt vor zu vielen Ceremonieen: es sei Gefahr, dass einem unter dem äussern Gepränge das einfache Wesen der Messe verloren gehe; je mehr eine Messe der ersten gleiche, welche Christus in seinem Abendmahl gehalten, desto christlicher sei sie. Wie er ferner in seinem Sermone die christliche Gemeindeglieder dazu angewiesen hat, die Messe auch unter den bestehenden Formen doch in einem anderen Sinne zu feiern, so belehrt und ermahnt er jetzt ähnlich auch die messhaltenden Geistlichen: sie sollen bei der Messe nichts anderes im Auge haben, als dass sie hier sich und anderen des Herrn Leib und Blut reichen, und sollen ja nicht diesen Leib Christi sondern nur die an die Messe sich knüpfenden Gebete für etwas, das sie Gotte darzubieten oder zu opfern hätten, ansehen. 
57 Auch die Privatmessen, bei welchen keine kommunizierende Gemeinde vorhanden und alles nur aufs Opfer gerichtet ist, will er doch in derselben Weise aufgefasst haben; der Geistliche solle dabei denken: ich will hingehen und für mich allein das Sakrament empfangen, unter dem Empfang aber für diesen und jenen beten. So wenig meint Luther doch auch bei diesen "schwersten Ärgernis" auf ein sofortiges, gewaltsames Abthun jener bedenklichen und gefährlichen Formen dringen zu müssen. (capt#229)
58         Für das andere Sakrament, das der Taufe, dankt Luther der göttlichen Barmherzigkeit, dass sie es unversehrt und frei der Kirche erhalten habe. Aber der Satan, sagt er, sei wenigstens dazu mächtig gewesen, die Bedeutung und Kraft auszulöschen, welche die Taufe auch noch für die Erwachsenen und fürs ganze Leben habe. Fast alle haben vergessen, was sie an der Taufe haben, und suchen andere Mittel und Wege zum (372) Himmel. (capt-db#6) So habe man die kirchliche Busse zu einem Brett für die Schiffbrüchigen gemacht; so sei eine ganze Flut von menschlichen Satzungen und eignen Leistungen, Gelübden, Ablässen u. s. w. aufgekommen. (capt-db#8
59 Wir erinnern uns der grundlegende Sätze, welche hierüber schon sein Sermon von der Taufe (oben S. 301 = 3,9#57) aufgestellt hat; auch in diesem Stück hat er seither weiter gelernt: namentlich in betreff der Konsequenzen, welche er zu ziehen habe. Dort hatte er die Bedeutung der Taufe aus dem äusseren Zeichen und Untertauchens abgeleitet, wonach sie ein seliglich Absterben und Auferstehen sein wolle. Jetzt geht er auch bei ihr, analog wie beim Abendmahl, von den Verheissungsworten aus, mit welchen der Herr sie eingesetzt hat: "wer glaubet und getauft wird, wird selig werden". (capt-db#12
60  Von dieser Gnadenzusage erklärt er, sie behalte für unser ganzes Leben ihre Geltung; Gott behalte in ihr seine Hand ausgestreckt, um auch nach neuen Sünden uns wieder aufzunehmen; wahre Busse sei Wiederumkehr zu ihr; durch sie werde bis zum Ende selig, wer an sie glaube. (capt-db#16) Und eben mit und in diesem Glauben ist nun nach Luther auch wieder jenes Absterben und Aufleben gesetzt, worauf das Untertauchen deute (capt-db#62) (dabei wiederholt Luther den Wunsch, dass man die Täuflinge völlig untertauchen möchte). (capt-db#79
61 Denn mit dem Beginne des wahren Glaubens an Gottes Barmherzigkeit beginne man dieser Welt abzusterben und Gotte zu leben. Und was so der einmalige Akt der Taufe mit seinem Zeichen anzeigt, das soll wieder durchs ganze Leben fortgelten und fortdauern: so lange die Christen leben, sollen sie stets thun, was die Taufe bedeute; sie sterbe und erstehen auf, ihrer Gesinnung nach, den Sünden und Eitelkeiten der Welt absagend; sie beginnen auch schon wirklich aus dem leiblichen Leben abzuscheiden und das künftige Leben zu ergreifen. "Alles, was wir leben", sagt Luther, "soll Taufe sein und der Taufe Zeichen zur Erfüllung bringen, indem wir, von allem anderen frei, ganz nur der Taufe, das ist dem Sterben und Auferstehen, uns hingeben". (capt-db#91
62 So aber ist ihm nun eben mit dieser alles umfassenden inneren Verpflichtung eine herrliche Freiheit für den Christen gegeben, die kein Papst mit menschlichen Satzungen einschränken und gefangen nehmen dürfe. Er erklärt: "weder der Papst, noch ein Bischof, noch irgend ein Mensch hat das Recht, einem Christenmenschen ohne dessen Zustimmung auch nur eine Silbe aufzulegen; (capt-db#96) darum fordert der Papst die Gebete, Fasten und Schenkungen, die er in seinen Dekreten fordert, ohne jegliches Recht und sündigt jedesmal gegen die Freiheit der Kirche; (capt-db#97) -- weil diese Herrlichkeit der Taufe und diese Glück christlicher Freiheit wenige kennen und vor der päpstliche Tyrannei zu erkennen imstande sind, will ich selbst wenigstens mein Gewissen frei machen und klage den Papst und alle Papisten an, dass sie, wofern sie nicht ihre Satzungen abthun und der Kirche die Freiheit wiedergeben, an allen den Seelen, (373) welche durch diese elende Knechtschaft verloren gehen, schuldig seien." -- (capt-db#112
63 Die Art, wie Luther aus der Taufe und ihrer Verpflichtung diese christliche Freiheit ableitet, war auch für seine gelehrtesten Gegner neu und überraschend. -- Mit dem Inhalt und Umfang, welchen er für diese Freiheit in Anspruch nimmt, mochte er auch Unbefangeneren Anstoss geben. -- Er hat hiervor namentlich in der gegenwärtigen Schrift auch sonst sich nicht gescheut. Bei seinen Sätzen hat er von solchen äusseren ordnungen abgesehen, welche das innere Bedürfnis der krichlichen Gemeinschaft und des gemeinsamen Gottesdienst mit sich bringt und welchen eben deswegen der frei Christ freiwillig und ohne sein Gewissen durch sie binden zu lassen, seine Zustimmung geben wird: auch nach dieser Seite hin werden wir später ihn reden hören. 
64 Er hat ohnedies hier völlig abgesehen vom bürgerlichen Leben, für welches er soeben noch in seiner Schrift an den Adel der weltlichen Gewalt ihr Recht zuerkannt hatte, und von den Gesetzen, welche diese aufstellt; er hat Satzungen in Auge, welche in gleichem Sinn wie Gottes Gesetz oder wie jene Taufverpflichtung verbindlich sein und das Heil der Seelen bedingen wollten: das war nicht bei den bürgerlichen Gesetzen, wohl aber bei den päpstlichen der Fall. 
65 Und dennoch bleibt er auch in betreff dieser antichristlichen Satzungen noch dabei stehen, dass man sie äusserlich zu tragen habe: der Christ müsse die verfluchte Tyrannei ebenso ertragen, wie irgend eine andere Gewaltthat dieser Welt, nach dem Spruche: "Wer dich schlägt auf den rechten Backen, dem biete auch den andern dar". (capt-db#106) Sie können jetzt so ertragen werden, eben weil das Gewissen doch nicht mehr unter ihrem Banne steht; sie solllen es, weil Luther noch keinen geordneten Weg sieht, auch äusserlich von der Babylonischen Tyrannei loszukommen, die ihm trotz ihres antichristlichen Charakters doch ähnlich wie weltlicht Gewaltherrschaften zugleich als eine göttliche Heimsuchung erschien. (capt-db#110) -- 
66 Was die Gelübde anbelangt, die nach ihm gleichfalls wider die herrliche Freiheit der Taufe streitet, so ist er auch in betreff ihrer Verbindlichkeit für die Gewissen noch nicht ganz mit sich selbst zum Abschluss gekommen. Wohl thut er jetzt über seinen Taufsermon hinaus, wo er jener in den Gelübden übernommenen Enthaltsamkeit noch einen möglichen sittlichen Wert beliess, mit Klarheit den entscheidenden Schritt: er greift das Geloben an sich an, worin man sich selbst binde jener Freiheit zuwider; er vermisst auch in der Schrift jede Empfehlung für jenen Inhalt der Gelübde, jene Ehelosigkeit, Armut u. s. w., ja er fürchtet jetzt, die mönchischen Gelöbnisse möchten mit zu jenen "heuchlerischen Lügen" (1 Tim. 4, 1f) gehören, zu welchen er in der Schrift an den Adel das Verbot der Priesterehe gerechnet hat. (capt-db#140
67 Nimmermehr dürfe daher die Kirche zu Gelübden auffordern. (capt-db#149) Allein noch bleibt er stehen bei Fragen darüber, wie weit Gelübde für verbindlich gelten können, die (374) einmal übernommen sind. Für Thorheit erklärt er, das Gelübde, welche Eltern im voraus für ihre Kinder leisten, für diese verbindlich sein sollten. (capt-db#161) Richtig findet er, dass jeder für sich nicht vor einem bestemmten Alter ein Gelübde thun könne. Welches Alter aber lasse sich festsetzen, dass das Gelübde dann gültig sei? Setze man das achtzehnte Lebensjahr fest, warum nicht auch das zweiundzwanzigste? Wohl möge einer im achtzehnten Jahre "sein Fleisch fühlen" -- um zu ermessen, ob er es unter jene Enthaltsamkeit beugen könne; (capt-db#165
68 wie aber, wenn er es erst recht im zwanzigsten oder gar dreissigsten Jahr verspüre? so werde am Ende gar kein Gelübde gültig sein,  bevor man ganz geistlich geworden sei und dann keiner Gelübde mehr brauche. Luther schliesst mit dem Rat, jene Weise eines ehelosen, aruem Lebens ohne den Zwang eines Gelübdes ganz nach dem freien Trieb des Geistes zu überlassen, indem er beifügt, er werde vielleicht seiner Zeit noch weiter von den Gelübden handeln. (capt-db#167
69        Als drittes Sakrament lässt Luther noch die Busse gelten mit der Sündenvergebung, (capt03#1) welche hier dem reuigen, gläubigen Sünder zugesprochen werden solle; denn auch diese Ausspendung göttlicher Gnade durchs Wort der Absolution ruhe auf göttlicher Verheissung und Stiftung (Matth. 16,19; 18,18: Joh 20,23), und eben sie mache das Wesen des Busssakramentes aus. Doch sagt er selbst im weitern Verlauf seiner Schrift, im strengen Sinn komme der Name Sakrament der Busse nicht mehr zu, da für sie kein äusseres Zeichen, sondern das blosse Verheissungswort gegeben sei, und man dürfe eigentlich nur Taufe und Abendmahl so nennen, weil nur in ihnen die Verheissung der Sündenvergebung mit einem göttlich eingesetzten Zeichen sich verbinde. 
70 Am Namen ist ihm nicht so viel gelegen. Was er den Gegnern vorwirft ist das, dass sie der Christenheit den ganzen Inhalt dieses Sakramentes verkehrt und geraubt haben: denn vom Troste göttlicher Barmherzigkeit und vom Glauben daran bekomme man bei ihnen nichts mehr zu hören; da lehren sie statt des Glaubens, der Gottes Wort und Gnadenzusage aufnehme, eine sogenannte Zerknirschung, bei welcher der Mensch auf den Wert, ja gar auf ein Verdienst seines Zerknirschtseins baue, und aus ihrer Beichanstalt und den Genugthuungen, welche sie dem Beichtenden zu leisten auferlegen, haben sie gar eine treffliche Werkstätte für ihre Gewinnsucht und Gewalt gemacht, für die Gewissen aber eine klägliche Marter. (capt03#20)
71     Die anderen Sakramente verwirft er alle: denn keindes derselben könne ein göttliches Verheissungswort oder ein von Gott verordnetes Zeichen für sich anführen. Er verwirft sie deshalb als Sakramente, obgleich er sie darum nicht verdammen will, wofern man eben nicht Sakramente aus ihnen zu machen sich anmasse. Die Kirche berief sich für ihre Firlumg mit Auflegen der Hände und ebenso für ihr Sakramente der Ordination auf (375) Beispiele der Handauflegung im Neuen Testament. Luther giebt diese zu, findet aber nirgends eine Verheissung, die an einen solchen Akt geknüpft sei. Man möge, sagt er, die Kinder bei der Firmelung durch Gebet und Anwendung des göttlichen Wortes weihen, sowie man ja hierdurch sogar leblose Gegenstände heilige, dürfe aber daraus kein Sakrament machen, weil es an einer Verheissung dafür fehle. Übrigens will's ihm fast scheinen, als ob dieses angebliche Sakrament, dessen Spendung die Bischöfe sich vorbehalten, in der römischen Kirchr nur den Zweck hätte, für diese feinen, hohen Herren, denen der Dienst am Wort und an den echten Sakramenten zu lästig sei, eine eigne, leichte Verrichtung abzugeben. (capt03#42
72        Eine eigentümliche Bewandtnis hat es in der katholischen Kirche mit der Übertragung des Sakramentsbegriffes auf die Ehe. Der Apostel Paulus hat Ephes. 5,25ff., indem er das Verhältnis Christi zur Gemeinde der Christen mit der Verbindung zwischen Mann und Weib vergleicht, hierauf die alttestamentlichen Worte 1. Mos 2,24 bezogen und nennt dann ihren heilig geheimnisvollen Inhalt ein grosses "Mysterium". Dieses griechische Wort ist in der kirchlichen lateinischen Übersetzung (der Vulgata) an jener wie auch an anderen Stellen mit sacramentum wiedergegeben -- gemäss einem älteren Sprachgebrauch lateinischer Kirchenschriftsteller. (capt03#49)
73 Statt dessen verstand man später darunter ein Sakrament in dem jetzt üblich gewordenen Sinn und glaubte, die Ehe selbst sei als Sakrament bezeichnet, hatte aber freilich grosse Mühe, die Stücke, die sonst zu einem Sakrament gehören, bei ihr aufzuzeigen. So weisst denn auch Luther auf jenes griechische Wort zurück, das mit einem Sakrament im jetzigen kirchlichen Sinne nichts zu schaffen habe. Nicht minder findet er es sachlich verkehrt, die Ehe ein Sakrament des neuen Bundes zu nennen, -- einesteils weil Gott nirgends einem sich Verheiratenden eine besondere Gnadenverheissung gebe, andererseits weil ja auch schon die Ehen seien als die Ehen der Christen. 
74 Doch weit wichtiger sind ihm die Menschensatzungen, welche die Kirche an dieses ihr Sakrament gehängt, die Netze, welche sie über das Ehewesen ausgeworfen habe. Er redet eingehender namentlich von den Ehehindernissen, die er schon in der Schrift an den Adel berührt hat. (capt03#63) Absurd erscheint ihm besonders das Verbot wegen einer durch Patenschaft entstandenen "geistlichen Verwandtschaft": warum lasse man da noch Christen mit Christen sich verheiraten, da sie doch alle durch die Taufe geistliche Geschwister geworden seien? (capt03#75) die Kirche gab vor, durch Ausdehnung der Ehehindernisse die Heiligkeit der Ehe zu wahren; er findet dagegen hierein nur neue Mittel für jenen römischen Jahrmarkt: denn in Rom könne man ja jede verbotene Ehe um Geld legitimieren lassen. (capt03#66
75 Tief entrüstet ist er darüber, dass schon vollzogene Ehen unter dem Vorgeben von Ehehindernissen, die nur auf (376) menschliche Satzung beruhen, frevelhaft wieder zerrissen werden; unter diesem Gesichtspunkt führt er neben andern auch das Ehehindernis eines verschiedenen religiösen Bekenntnisses der Eheleute auf. (capt03#76) Die Scheidung einer wirklichen, durch kein göttlich Gesetz verbotenen und somit vor Gott zu Recht bestehende Ehe verabscheut er so sehr, dass er zu sagen wagt, Bigamie wäre ihm noch lieber als Ehescheidung. (capt03#95)
76 Doch will er anerkannt haben, dass Christus da wirkliche Scheidung der Ehe zugebe, wo sie druch Ehebruch zerrissen sei, und wunderlich dünkt ihm , wie der Papst, der so ost willkürlich Ehen auflösen, in einem solchen Falle dem schuldlosen Teil die Wiederverheiratung wehren könne, da doch Christus niemanden geboten habe, ehelos zu bleiben. Er spricht den dringenden Wunsch aus, dass man den Satz des Paulus 1 Kor 7,5, wonach die von ungläubigen Gatten verlassenen Christen und Christinnen hierdurch vom Eheband frei werden, auch auf Ehen von Christen anwende, wo der eine Teil den andern böswillig verlassen habe: denn der Verlassene sei nicht besser als ein Ungläubiger. 
77 Was das Ehehindernis natürlicher Unvermögens auf Seiten des Mannes betrifft, so gerät er gar auf den Gedanken: wenn die einem solchen Mann dennoch verheiratete Frau ihren Zustand unerträglich finde, wenn die Umstände, die Schwierigkeiten und das Ansehen, welche ein deshalb zu führende Prozess und Bewis nach dem kirchlichen Recht mache, für sie zu gross seien, und wenn nun der unfähige Mann, der in Wahrheit gar nicht Ehemann sei, ihr zwar nicht Scheidung und Wiederverheiratung, wohl aber den Umgang mit einem andern Mann gestatten wolle, so dürfte man sie diese traurige Auskunft gebrauchen lassen. (capt03#89
78 In den späteren Ausgaben von Luthers Schriften ist diese Äusserung und auch jene über die Bigamie ausgeschieden worden. Luther fügte übrigens seinen Sätzen die Bemerkung bei: er wolle in diesen Dingen nichts entscheiden, bis ein bessere als er sie mit ihm werde durchgesprochen haben; höre er aber, dass darin zwei gelehrte und rechtschaffene Männer in Christi Namen übereinstimmen, so werde ihr Urteil ihm mehr gelten als die Autorität des Papstes oder der Bischöfe oder solcher Konzilien, wie man sie jetzt zu halten pflege. (capt03#99
79        Für das Sakrament der Priesterweihe mit Handauflegung u. s. w. kennt Luther, wie schon bemerkt, ebensowenig mehr eine göttliche Einsetzung als für die Firmelung. Er wiederholt auch hier: jener Akt solle nur statthaben als ein menschlicher kirchlicher Brauch, ähnlich wie eine Weihung anderer Dinge, aus der niemand ein Sakrament machen könne. Die Hauptsache aber ist, was er über den Stand oder vielmehr das Amt auszusagen hat, zu dem diese Weihe einführen solle: da verkündet er wieder, dass alle Getaufte Priester seien und jene geweihten Priester vor ihnennichts als den öffentlichen Dienst am Evangelium voraus haben, diesen aber auch treu und gewissenhaft sich zur Pflicht machen sollen; jene Weihe sei nichts als (377) ein kirchlicher Brauch für die Bestellung der Prediger. 
80 So ruft er denen, die nach der Priesterwürde trachten, zu: "fliehet davor alle, die ihr sicher fahren wollet, fliehet, ich rat' es euch, Jünglinge, und nehmet diese Weihe nicht an, so ihr nicht wirklich das Evangelium predigen wollt oder so ihr nicht glauben könnt, dass ihr durch dieses Sakrament um nichts besser als die Laien werdet; denn das Horenlesen macht's nicht; das Messhalten ist nichts als ein Geniessen des Sakraments; was bleibt also an euch, das nicht auch jeder Laie hätte? Tonsur und Gewand? Elender Priester, der aus Tonsur und Kleid besteht! Oder das Öl, das man euch auf die Finger gegossen hat? Aber jeder Christ ist mit den Öle des heiligen Geistes gesalbt und an Leib und Seele geheiligt, hat auch vor Zeiten jeder das Sakrament mit Händen angefasst so gut als es jetzt die Priester thun, während freilich jetzt unser Aberglaube den Laien gar das Berühren des blossen Kelches oder Hostientuches zu einem schweren Vergehen macht". (capt03#127
81 Luther folgert ferner, dass den Geweihten jenes Amt auch wieder abgenommen werden könne und sie dann wiede zu gewöhnlichen Laien werden: Der "unzerstörbare Charakter", welchen die Weihe nach der katholischen Lehre verleiht, sei eine lächerliche Erdichtung. (capt03#133) Der Papst freilich möge ohne Christus seinen Priestern einen solchen Charakter aufprägen, um sie für immer zu seinen Sklaven zu machen. Er hofft, wenn dieses Sakrament und diese Lüge einmal dahin falle, werde auch das Papsttum keinen Bestand mehr haben und die schöne Freiheit wiederkehren. (capt03#135)
82         Für ihr Sakrament der letzten Ölung berief sich die Kirche auf Jak. 5,14ff., wo es heist: ein Kranker möge von den Ältesten der Gemeinde über sich beten und sich im Namen des Herrn mit Öl salben lassen, so werde das Gebet des Glaubens ihm helfen und der Herr ihm ihn aufrichten, und falls er Sünden gethan, werden sie ihm vergeben werden; sie wollen einander die Sünden bekennen und für einander beten, damit sie geheilt werden. Luther erklärt sich zuvörderst wieder offen (vgl. oben S. 274 = 3,8#22) gegen die Autorität dieses Briefes überhaupt: denn derselbe sei, wie viele mit grosser Wahrscheinlichkeit behaupten, nicht eines Apostels Werk, noch des apostolischen Geistes würdig. (capt03#138)
83 Doch es genügt ihm gegen die Lehre der Kirche, dass der Brief gar nicht meine, was diese aufstelle: nämlich nicht eine Weihe fürs Sterben, sondern ein Mittel des Glaubens, um Kranke wieder gesund zu machen, wie auch die ersten Jünger nach Mark. 6,13 mit ihrer Wundergabe leiblicher Heilung den Gebrauch des Öles verbunden haben. Mit spottendem Wort erkennt er es indessen noch für gut an, dass man daraus nur eine solche letzte Ölung gemacht habe, denn wenn sie täglich an Kranken geübt würde und gar diese gesund machte, -- welch eine Gewalt über die ganze Erde hätte nicht vollends hierdurch der Papst an sich gerissen! (capt03#156)(378) 
84       Dies der Gang und Inhalt des Buches von der Babylonischen Gefangenschaft. So wollte Luther auf Grund der heiligen Schrift für die Kirche wieder die Freiheit an den Tag bringen, die ihr ihm Besitz und Genuss der göttlichen Heilzusagen und Zeichen zukomme. Wichtig aber ist für uns noch, was er auch über die Autorität der Schrift selbst und über den Grund des Glaubens an sie in einem einzelnen Abschnitt seines Buches äussert. Er vernimmt die Einwendung, ob denn nicht auch die Kirche neue Gnadenverheissungen aufstellen könne, weil sie ja vom heiligen Geiste geleitet sei, und er kommt nun von hier aus wieder auf ähnliche Erklärungen über das Verhältnis der Schrift zur Kirche und über die Ursache des Glaubens an die Schriftwahrheit, wie in seinen Resolutionen zu den Leipziger Thesen (oben S. 273 = 8#20
85 Die Kirche, sagt er, werde selber durch Gottes Wort hervorgebracht mit allen ihren Ordnungen und Thaten und habe daher nicht von sich aus etwas aufzustellen und ins Werk zu setzen; sie sei Kind der göttlichen Verheissung, nicht Erzeugerin derselben. Dann fährt er fort: das allerdings sei der Kirche gegeben, dass sie zwischen Gotteswort und Menschenwort zu unterscheiden vermöge. Es verhalte sich damit ähnlich, wie Augustin einmal von der Wahrheit sage: die Seele werde von der Wahrheit so ergriffen und hingenommen, dass sie vermöge derselben über alles urteilen könne, und dass sie doch nicht aburteilen könne über die Wahrheit selbst, sondern mit untrüglicher Gewissheit sie für die Wahrheit anerkennen müsse. 
86 So verhalte es sich mit gewissen mathematischen Wahrheiten, dass unser Geist sie nicht weiter beweisen und doch auch nicht leugnen könne, indem sie viel mehr von der Wahrheit selbst gerichtet werde, als über sie richte, -- ferner mit gewissen Grundwahrheiten, welche in der Philosophie als Gegenstand notwendiger allgemeiner Anerkennung vorausgesetzt werden, um von ihnen aus alles weitere zu beurteilen. Ein solches Gefühl oder einen solchen innern Sinn habe die Kirche durch den erleuchtenden göttlichen Geist für die Verurteilung der Lehre, -- einen Sinn, den sie nicht andemonstrieren könne, und der für sie doch unbedingt gewiss sei. 
87 Natürlich meint Luther hiermit nicht die Kirche, wie sie im Papst und Klerus existiert, sondern jene Gemeinde der Gläubigen, die wirklich dem Geites Gottes sich ergeben und ihn eben durchs Wort auf sich wirken lasse. Und nicht anders sollte nach ihm der Glaube an die Wahrheit und Göttlichkeit des Gotteswortes auch in jeder einzelnen Christenseele zustande kommen: kühn stellt er denselben, um mit modernen Ausdruck zu reden, als Ergebnis einer von Gott gewirkten unmittelbarer Gewissheit hin. 
88 Er selbst ist solcher Gewissheit sich bewusst. Eben vermöge der Grundwahrheit, die so in der Schrift ihm gewiss geworden ist, wagt er zugleich wieder innerhalb der überlieferten biblischen Bücher zwischen denen, welche echt apostolischen Geist tragen, und zwischen einem Jakobusbriefe zu unter- (379) scheiden. Dies giebt er hinsichtlich seiner Grundsätze und seines Verfahrens uns zu erkennen: ihre Haltbarkeit zu prüfen oder zu rechtfertigen ist hier nicht unsere Aufgabe. (n88
89       Seinen Gegnern, welche statt des Göttlichen ihre eigenen Gedanken tyrannisch aufdrängen wollen, wünscht Luther zum Schlusse gesunden Verstand; (capt03#165) er wolle ihre Studien nicht verachten, aber sie con den rechtmässigen, wahren Christen unterscheiden. Dann erklärt er: er höre, dass päpstliche Bannflüche gegen ihn fertig seien: falls dies wahr sei, so solle sein gegenwärtiges Büchlein den ersten Teil seines Widerrufs bilden, damit jene sich nicht beschweren, mit ihrer Tyrannei umsonst sich aufgebläst zu haben; bald werde er einen solchen weiteren Teil herausgeben, dergleichen Rom noch nie gesehen oder gehört habe, zu einem überreichen Zeugnis seines Gehorsams, im Namen des Herrn Jesus Christus. 
90 Darunter setzte er den Vers eines alten lateinischen Liedes, das er später also verdeutsche hat:
Was fürchtest du, Feind Herodes, sehr,
Dass uns geborn kommt Christ der Herr?
Er sucht kein sterblich Königreich,
Der zu uns bringt sein Himmelreich. 

Noter:

n360:  Br 1, 475. EA 27, 139ff (nach S. 140a 21 Aug. schon in Augsb. nachgedruckt.
n365: Br 1,482. 471. 475. 484f. ("Classicum" kann hier nicht, wie deW. meint, auf die Schrift an den Adel gehen).
n365a:  Vgl. oben Anm. 2 zu S. 209; oben S. 338. Op 2, 351sqq. (nach dem zu S. 209 Bemerkten ist dieser Brief an den Kardinal nicht erst, wie im Text geschehen ist, in den August zu setzen, sondern schon vom 10. Juli 1520 datiert; auch nach C. R. 1, 208sq. war Friedrichs Antwort schon vor dem 1. August erfolgt). Op. 5,7 sqq (dieser Brief an Teutleben bezieht sich schon auf Luthers "Erbieten" etc. (f. die nächste Anm.) und mag mit ihm nach Rom gegangen sein. Br 1, 464.
n366:  Luthers Schreiben an den Kaiser, womit sein "Erbieten" nach Inhalt und alten Angaben zusammengehört, finden wir erst in Br 1, 480ff. vom 31. August 1520 erwähnt und trägt selbst in einem von J. Brant 1702 veröffentlichen Text das Datum des 30. August (vgl. ferner Kolde, Anal. 441). Laut jenes Briefs hat Luther damals auch einen Brief für Sickingen an Spalatin geschickt und Sickingen hat laut Antwort vom 3. November den Brief samt dem Erbieten gelesen. Knaake, Zts f. luth. Theol. 1876 S. 342. -- EA 24,9ff. Bk 24ff. Op. 5,2sqq. Br 1, 392f.
n366a:  Br 1, 478. 483.
n367:  Br 1, 447. Tzl 1, 434ff. 2, 177. Br 1,483. 486. Tzl. 1, 439. Kolde, Aug. cong. 327ff.
n367a:  Br 1, 486. 492. Hutt. 1, 363sqq. 392.
n367b:  Br 1, 488. Tzl. 1, 439.
n368:  Br 1, 484. 491.
n368a:  Op 5,13sqq. (Die Stelle p. 105, oben S. 376 ist in den alten Ausgabe der Werke L.s weggelassen)
n368b:  Über ihn vgl. Kawerau, Agric. 61f.
n382:

Mine noter:
n88:  Det, Köstlin skriver i de ovenstående tre celler, ville jeg meget gerne kunne finde hos Luther; det er spændende sager; og af de mange konjunktiver, Köstlin benytter sig af, kan man se, at der er tale om et referat af Luthers tanker; det er ikke blot noget, Köstlin selv formulerer for at forklare Luthers intention. Blot kan jeg ikke finde den tekst hos Luther, som Köstlin refererer. Jeg ser mig nødsaget til at gætte på, at Erlangerudgaven, som Köstlin benytter, har et afsnit ekstra i forhold til Weimarudgaven. Men Weimar plejer i så fald at gengive den ekstra tekst i en fodnote. Det har den ikke gjort, i hvert fald ikke i Clemen-udgaven. Jeg er forvirret.