Julius Köstlin: Luther, sein Leben und seine Schriften
Drittes Buch:
Das reformatorische Werk und der fortschreitende Kampf, vom Ablassstreit 1511 bis zum Wormser Reichstag 1521.
Eberfeld 1883

Kap. 12:

Luther "An den christlichen Adel deutscher Nation".


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Inhalt: Luthers Quellen 337 #4 -- Nachrichtungen aus Rom 338 #7 -- Unruhen in Wittenberg 339 #13 -- Luthers Schrift. Zueignung an Amsdorf 341 #23 -- Die drei Mauern der Romanisten 342 #32 -- Die Schäden der Kirche und des öffentliches Lebens 345 #54 -- Universitäten, Schulen, Jugenderziehung 354 #95 -- Warnungen. Melanchthin, Staupitz 357 #109 -- Zweite Auflage der Schrift: Das Kaisertum und der Papst 358 #117.
 
1 Zwölftes Kapitel. 
Luther "An den christlichen Adel deutscher Nation". 
       Am Anfang Juni, während Luther im Begriff war, jene Epitome des Prierias mit seinen eignen Glossen abdrucken zu lassen, und zugleich noch an seiner Schrift gegen Alveld arbeitete, kündigte er dem Spalatin an: "ich habe im Sinn, ein öffentliches Blatt (scheda) herauszugeben an Karl und den ganzen Adel Deutschlands gegen die Tyrannei und Nichtswürdigkeit der römischen Kurie". 
3  Daraus wurde sein Büchlein: "An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung". Die Zuschrift an seinen Kollegen Amsdorf, womit er daselbe versah, ist schon vom 23. jenes Monats datiert. (adel01#7) Bald nach Anfang August erschien es gedruckt. Luther hatte ohne Zweifel, wie es seine Gewohnheit war, den Druck beginnen lassen, während er noch am Manuskript weiter schrieb: (n337a
4         Das Buch zeigt eine eingehende Bekanntschaft Luthers mit den kirchlichen Notständen, auf welche jene Besserung sich beziehen sollte, namentlich mit den Methoden und Künsten, durch welche die römische Kurie innerhalb der Landeskirchen sich Rechtsansprüche und Gelder zu verschaffen wusste. Er hatte sich offenbar recht darum Mühe gegeben. Seine Angaben sind eingehender und genauer als z. B. die des Hutten in dessen kurz zuvor erschienenem Dialoge "Badiskus" (oder "Trias Romana"), welcher ein grosses Register jener "Nichtwürdigkeiten" brachte und sicher auch in Luthers Hände gekommen war. 
5  Luther selbst nennt uns eine Hauptquelle, die er benützte, in seinen Tischreden. Es hielt sich, während er an seinem Büchlein arbeitete, in Wittenberg ein gewisser Doktor Viccius auf. Derselbe war ihm als ein römischer Höfling bezeichnet und er vor seinem Verkehr (338) gewarnt worden. Er aber hat, wie er später dort erzählte, von Doktor Wick "ausgekundschaftet", was er über die römische Habsucht an den deutschen Adel schrieb. "Viccius" ist wohl der nachmalige gut evangelische Bremer Syndikus van der Wick, welcher in Rom Reuchlins Prokurator beim Handel mit Hoogstragen gewesen war. 
6  Vielen Stoff bot übrigens Luthern auch schon, was er von den Verhandlungen jenes Augsburger Reichstages vom Jahre 1518 erfahren konnte, und für die Fragen des kirchlichen Rechtes fand er die nächste Auskunst bei Schurf, auf den wir nachher noch bestimmter werden hingewiesen werden. (n338
7        Neue aufregende Nachrichten kamen unterdessen, so lange er noch mit dieser Streitschrift gegen Rom beschäftigt war, aus Rom selbst in seiner eignen Angelegenheit über ihn. Davon zwar, dass dort bereits am 15. Juni der Bannfluch wirklich über ihn ausgesprochen worden war, erfuhr man damals noch nichts. Aber am 6. Juli liefen beim Kurfürsten aus Rom Briefe seines Agenten Teutleben und des dem Fürsten befreundeten Kardinals Raphael Riario ein, welche jenen nochmals dringend wegen Luthers verwarnten; der Kardinal drang mit Bitten und Drohungen in ihn, gegen diesen einzuschreiten, gestand übrigens, Luthers Schriften noch nicht gelesen zu haben. 
8 Spalatin schickte die Briefe sogleich an Luther mit der Frage, was er zu thun rate. Dieser antwortete am 9. Juli: er habe oft genug Stillschweigen angeboten, falls auch die Gegner schwiegen; jedermann wisse, dass Eck aufs böswilligste ihn in den Handel wegen des Papsttums hineingerissen habe. Hinsichtlich des Kurfürsten wünschte er sehr entschieden: dieser solle sich von seiner Sache gänzlich fern halten, solle ihn hinausstossen, damit man ihn öffentlich belehren oder überweisen möge, und solle nur bemerklich machen, dass er ebensowenig sein Richter oder der Vollstrecker eines noch gar nicht über ihn ausgesprochenen Urteils werden wolle, als er den Lehrer ihm gegenüber spielen könne. 
9 Über sich selbst erklärt er: das Lehramt habe er ohne seinen Willen und müsse darunter leiden, während andere Ehre davon geniessen; man möge es ihm entziehen, möge ihn in einem verlassenen Winkel leben und sterben lassen; aber das sage er hiermit zugleich: so lange man ihm das Amt belasse, werde er jedenfalls auch im Ausüben desselben frei sein; er werde zu den vielen Sünden, deren er sich mit Schmerzen bewusst sei, nicht die unverzeihliche Sünde hinzuthun, dass er, im Amte stehend, dem Amt untreu würde, sich eines gottlosen Schweigens schuldig machte und seine Pflicht gegen die Wahrheit und gegen viele tausend Seelen versäumte; es sei ihm in seinem Innern unmöglich, so viel auf die Drohungen oder auch auf die Versprechungen, die man ihm vorhalte, zu geben. 
10Im Übrigen hoffte er, der Kurfürst werde also antworten, dass die hohen Herren in Rom merken, Deutschland unterliege bisher nicht durch eigne Roheit der Unterdrückung, sondern durch (339) die Roheit der Römer und vermöge eines dunkeln göttlichen Gerichtes. Es ist das Äusserste, wohin er in diesem Augenblick, ohne in seinem festen Mut gegen Rom zu wanken, gegangen ist: er ist bereit, mit den Rechten des Amtes auch die Pflichten dahinzugeben und die Verantwortung anderen zu überlassen. 
11 Doch schon tags darauf schickt er dem Spalatin das nu erst eingelaufene Schreiben Ritter Schaumburgs (oben S. 334 = 3.11#51), welches ihm jetzt den Schutz der hundert fränkischen Ritter in Aussicht stellte. Da weiss er nichts mehr von dem eignen Anerbieten, dass man ihm das Amt nehmen möge, ist vielmehr entschlossen, es fortzuführen, so lange er noch eine Stätte dafür hat. Er rät sofort in seinem Schreiben an Spalatin, jenem Kardinal bemerklich zu machen: wenn man ihn aus Wittenberg wegtreibe, werde man die schlimme Sache noch verschlimmern, denn es seien nicht etwa bloss in Böhmen, sondern mitten in Deutschland Männer, welche in diesem Fall ihn gegen alle Blitze decken wollten und könnten; es wäre Gefahr, dass er unter ihrem Schutz noch grimmiger gegen die Römlinge losziehen würde, als wenn er unter des Kurfürsten Herrschaft im öffentlichen Lehramt diene und streite. 
12 Er erklärt dem Spalatin: "meinerseits ist der Würfel für mich geworfen;ich verachte Roms Wut und Roms Gunst; ich will nicht mit ihnen versöhnt werden, noch Gemeinschaft haben immerdar; mögen sie das Meine verdammen und verbrennen! ich wiederum will, wenn's mir nicht am Feuer mangelt, verdammen und öffentlich verbrennen das ganze päpstliche Recht, diesen Schlangenpfuhl von Ketzerei; die Demut, die ich bisher vergeblich erzeigt habe, wird ein Ende nehmen, die Feinde des Evangeliums sollen nicht länger durch sie aufgeblasen werden; -- der Herr aber, der da weiss, dass ich ein arger Sünder bin, wird seine Sache, sei's durch mich, sei's durch einen andern, zum Ziel führen". (n339
13      Zu gleicher Zeit aber sehen wir ihn noch durch eine Sache ganz anderer Art aufs tiefste erregt und bewegt. Wittenberger Studenten, besonders adelige, fingen Händel mit städtischen Wächtern und Stadtknechten an und klagten wiederum über Misshandlung, die ihnen zugefügt, und Unrecht, das ihnen von seiten des Stadtrichters angethan worden sei. Darüber fanden Zusammenrottungen unter den Studenten statt, man fürchtete gefährliche Tumulte, ja es hiess, die Studenten drohen, die Stadt anzuzünden. 
14 Andererseits beschwerten jene sich beim Kurfürsten und auch der Rektor nahm sich ihrer Klage an. Die Befürchtungen und Gerüchte waren jedenfalls weit übertrieben, wie denn auch Luther nachher zugab, dass das wirkliche Thun der Studenten nicht über Knabenstreiche hinausgegangen sei. Für den Augenblick aber geriet er in mächtige Auswallung. Eben jetzt, während er die Waffen des kirchlichen Kampfes in seinem Worte so stürmisch schwang, erhob er sich nicht minder heftig gegen jene Störer der öffentlichen Ruhe und Ordnung. 
15 Den Rektor, von welchem es hiess, (340) er habe den jungen Leuten gegen ein fürstliches Verbot das Waffentragen erlaubt, beschuldigte er durch einen Brief an Spalatin beim Kurfürsten -- als einen unsinnigen Mann, der, statt die Unruhen zu dämpfen, die Universität fast schon in Blut- und Mordthaten verwickelt habe, während man lieber die Zahl der Studenten sich mindern lassen müsse, als solches dulden. Tags darauf, am Sonntag den 15. Juni, predigte er in der Kirche schaft gegen Tumult und Aufruhr und mahnte an die Pflicht der Obrigkeit, die Gott eingesetzt habe, um solcher Verwüstung zu wehren. 
16 Er meinte unparteiisch die Studenten und Bürger gleichermassen verwarnt zu haben. Aber unter jenen wurde jetzt auch er angefeindet; ein aus Leipzig gekommener Student soll gedroht haben, wenn der "Mönch" solcher Predigt mehr thue, einen Stein zu nehmen und "den Mönch in der Kirche auf den Kopf oder Platte zu schlagen". Auch von anderen Universitätsgenossen wurde ihm sein Auftreten sehr verübelt. 
17 Traurig sah er, wie er an Spalatin schreibt, der Herzen Gedanken offenbar werden, -- welches wahre und welches falsche Schüler der neuen Lehre seien. Ja diese Sorge focht ihn so schwer an, als alles, was ihm und dem Evangelium bisher von Rom her drohte. Er sagt: "Ich sehe recht wohl, wie der Satan, der dort draussen nichts gegen uns zuwege bringen kann, dieses Unheil auserfunden hat, um uns im Innern am ärgsten zi schaden; -- nicht vor ihm fürchte ich mich, aber ich fürchte, wir haben Gott durch Undank und eitles Rühmen verletzt, der jetzt jenen unter die Kinder Gottes sich einschleichen lässt; -- in jedem dieser drei Jahre habe ich eine besondere Gefahr erlitten: im ersten zu Augsburg, im zweiten zu Leipzig, jetzt zu Wittenberg; 
18 darum wird's nicht der Klugheit, noch der Waffen, sondern des demütigen Gebetes und starken Glaubens bedürfen, wodurch wir Christum für uns behalten; -- lebe wohl und gedenke, dass wir fürs Wort Gottes leiden müssen; weil mich Schaumburg und Sickingen vor Menschenfurcht gesichert haben, muss jetzt auch ein Wüten der Dämonen folten; das letzte Wüten wird sein, wenn ich mir selbst zur Last sein werde; so ist es Gottes Wille". 
19 Wenige Tage darauf erhielt Luther auch von Spalatin Vorwürfe über zu grosse Schärfe und war jetzt selbst dafür, dass man den jungen Leuten ihre Verirrung verzeihe, da sie derselben geständig seien. -- Noch im September aber musste er gegen Spalatin auf Vorwürfe seiner eignen Freunde in dieser Angelegenheit zurückkommen. Er wollte jetzt nicht weiter mehr davon reden, bekannte aber jenem -- offenbar mit Rücksicht auf Erfahrungen, die er von den Erfolgen seiner Lehrthätigkeit dort und sonst gemacht hatte: "ich wage, was ich kann, für Gottes Wort; vielleicht bin ich unwert, etwas zu erreichen; ich möchte selbst, wenn es Gott gefiele, vom Lehren und Predigen los werden; es hat mich fast Überdruss ergriffen, da ich sehe, wie wenig Frucht und Dank gegen Gott daraus erwächst; vielleicht ist's (341) ganz meine Schuld; lebe wohl und bitte Gott für mich". -- 
20 cJene Angelegenheit hatte an sich keine weitere Bedeutung. Aber sie wirft ein sehr bedeutungsvolles Licht auf Grundsätze und Gefühle, welche schon damals während seines Kampfes mit Rom dem Reformator eigen waren und aus welchen heraus er im nächsten Zeitabschnitt bei unvergleichlich wichtigeren und schwierigeren Vorkommnissen inmitten der Anhänger der Reformation gehandelt hat. (n341
21        Unter solchen Verhältnissen also brachte Luther seine Schrift an den Adel fertig. 
22       Mit rascher, kräftiger Feder geschrieben, zeigt sie überall eine ernste Haltung und tiefes Bewusstsein von der grossen Aufgabe, die sie auf sich genommen hat. 
23        In der Zuschrift an Amsdorf, welche Luther ihr vorangehen liess, verbindet sich mit diesem Bewusstsein beim Gedanken an die Gegner, die ihn deshalb kecker Anmassung zeihen werden, ein origineller Humor, der selbst wieder einen ernsten, tiefen Sinn hat. Sie sagt: 
24       "Die Zeit des Schweigens ist vergangen und die Zeit zu reden ist kommen, als Ecclesiastes (Pred. Salom. 3,7) sagt. Ich hab unserem Fürnehmen nach zusammengetragen etliche Stücke, christlichen Standes Besserung belangend, dem christlichen Adel deutscher Nation vorzulegen, ob Gott wollte doch durch den Laienstand seiner Kirche helfen, sintemal der geistliche Stand, dem es billiger gebührt, ist ganz unachtsam worden. -- (adel01#3)
25 Ich bedenke wohl, dass mir's nicht wird unerwiesen bleiben, als vermess ich mich zu hoch, dass ich verachteter Mensch solche hohe Stände darf anreden (d. h. wage anzureden) in so trefflichen, grossen Sachen, als wäre sonst niemand in der Welt denn Doktor Luther, der sich des christlichen Standes annehme ... 
26 Ich lass meine Entschuldigung anstehen, verweis mir's wer da will. Ich bin vielleicht meinem Gott und der Welt noch ein Thorheit schuldig, die hab ich mir jetzt vorgenommen, so mir's gelingen mag, redlich zu zahlen und auch einmal Hofnarr zu werden. Gelingt mir's nicht, so hab ich doch eitel Vorteil, darf mir niemand eine Kappe kaufen noch den Kamm bescheren. 
27 Es gilt aber, wer dem andern die Schellen anknüpft ... Es hat wohl mehrmal ein Narr weislich geredet und vielmal weise Leuse gröblich genarrt, wie Paulus sagt: "wer da will weise sein, der muss ein Narr werden." Auch dieweil ich nicht allein ein Narr, sondern ein geschworenen Doktor der heiligen Schrift, bin ich froh, dass sich mir die Gelegenheit giebt, meinem Eid eben in derselben Narrenweise genug zu thun. Bitte, wollet mich entschuldigen bei den mässig Verständigen, denn der überhoch Verständigen Gunst und Gnade weiss ich nicht zu verdienen" u. s. w. (adel01#7
28       Das Büchlein selbst wendet sich an die "Grossmächtigste Kaiserliche Majestät und den christlichen Adel deutscher Nation". Als Glied dieser (342) Nation redet Luther zu ihnen: "Die Not und Beschwerung, die alle Stände der Christenheit, zuvor Deutschland, drückt und jedermann bewegt hat, vielmal zu schreien und Hülfe zu begehren, hat mich auch jetzt gezwungen zu schreien und zu rufen, ob Gott jemand den Geist geben wolle, seine Hand zu reichen der elenden Nation; (adel01#9) -- Gott hat uns ein edles junges Blut zum Haupt gegeben, damit viele Herzen zu grosser, guter Hoffnung erweckt; daneben will sich ziemen, das unsere dazu zu thun." (adel01#10
29        Er beginnt aber mit einer ernsten Warnung, -- offenbar recht eigens für seine ritterlichen Freunde bestimmt: "Dass wir uns je vorsehen mit grossem Ernst und nicht etwas anheben mit Vertrauen grosser Macht oder Vernunft, obgleich aller Welt Gewalt unser wäre". (adel01#11)
30 Denn ein also begonnenes Werk stosse Gott zu Boden. Ja er fürchtete, dass Gott deswegen vor Zeiten die teuren Fürsten Kaiser Friedrich den Ersten und Zweiten und viele andere Kaiser so jämmerlich von den Päpsten habe mit Füssen treten lassen, weil sie vielleicht auf ihre Macht mehr denn auf Gott sich verlassen haben. (adel01#12f
31 Dass es nun, sagt er, nicht uns auch mit dem edeln Blute Carolus also ergehe, müssen wir gewiss sein, dass wir in diesen Sache nicht mit Menschen zu thun haben, sondern mit dem Fürsten der Hölle, welche wohl mit Krieg und Blutvergiessen die Welt erfüllen mögen, aber sich hiermit nicht überwinden lassen, und welche, ob auch das Spiel mit grossen Schein angefangen wäre, eine solche Irrung zurichten möchten, dass die ganze Welt im Blut schwimmen müsste und doch damit nichts ausgerichtet wäre. Mit Verzagen an leiblicher Gewalt müsse man in demütigen Vertrauen auf Gott die Sache angreifen und mit ernstlichem Gebet bei ihm Hülfe suchen; mit Gottesfurcht und weislich müsse man handeln. (adel01#14f
32          So will er denn mit Bitten um Gottes Hülfe und kraft des göttlichen Wortes drei Mauern umstossen, welche die Romanisten mit grosser Behendigkeit um sich gezogen haben, damit sie niemand reformieren möge: "Gott", sagt er, "gebe uns der Posaunen eine, womit die Mauern Jerichos umgeworfen wurden, dass wir diese strohernen und papierenen Mauern auch umwerfen". (adel01#21
33        Ihre erste Mauer ist nach Luther diese, dass sie, wenn man mit weltliche Gewalt auf sie dringt, hiergegen vorhalten, dass weltliche Gewalt nicht Recht über sie habe, sondern dass vielmehr geistlich über weltlich sei. (n342
34       Aber wahrhaft geistlichen Standes sind alle Christen durch Taufe, Evangelium und Glauben. Christus hat sie alle zu Priestern gemacht nach 1. Petr. 2,9; Offenb. Joh. 5,10). Wären sie nicht durch die Taufe und Christi Blut dazu geweiht, so könnte auch nimmermehr einer durch des Papstes oder der Bischöfe Salbung zu einem Priester gemacht (343) werden. Hinsichtlich des geistlichen Standes ist unter ihnen kein Unterscheid, sowie alle Glieder eines Leibes ohne Unterschied zusammen ein Leib sind. (adel01#22ff)
35        Des einen Leibes Glieder haben indessen je ihr eigen Werk, womit sie den andern dienen sollen. So unterscheiden sich die sogenannten Geistlichen von den andern geistlichen, priesterlichen Christen durch ein besonderes Werk und Amt, das ihnen zukommt, und zwar ist dies der öffentliche Dienst am Wort und den Sakramenten. 
36 Die innere Vollmacht auch hierfür ruht nach Luther in jenem geistlichenh Charakter, den alle Christen haben, und die Weihe zum Amt bedeutet nur, dass einer der Gesamtheit aus dem Haufen der Christen genommen und ihm anbefohlen wird, solche Gewalt für die anderen auszurichten; so könnte ein Häuflein frommer Christenlaien, die sich in die Gefangenschaft oder einer Wüstenei ohne einen bischöflich geweiten Priester zusammenfänden, aus ihrer Mitte einen erwählen und ihm jenes Amt anbefehlen: dieser wäre dann so gut Priester, wie wenn ihn alle Bischöfe geweiht hätten. (adel01#27
37 Allerdings aber gehört zur Ausübung jener Gewalt eben eine solche ordentliche Erwählung und Berufung; keiner darf sich selbst dazu hervorthun; es folgt dies eben daraus, dass jene allen gemeinsam ist: denn was gemein ist, darf niemand ohne der Gemeine Willen und Befehl an sich nehmen. (adel01#31
38       Und neben diesen Gliedern nun mit ihrem besonderen Amt steht die weltliche Obrigkeit mit dem ihrigen: sie hat das Schwert und die Ruten in der Hand, die Bösen zu strafen, die Frommen zu schützen. Desgleichen haben die Schuster, Schmiede, Bauern u. s. w. ein jeder eignen Werk und Amt. Alle sind Glieder Christi, welcher nicht zwei Leiber, einen geistlichen und weltlichen hat, sondern nur einen einzigen, des Glieder alle geistlich sind. (adel01#35
39        Da soll man denn auch das Amt der weltlichen Gewalt, die Bösen zu strafen und die Frommen zu schützen, frei und unverhindert durch die ganze Christenheit gehen lassen. Sie soll es frei ausüben, auch wenn es Pfaffen, Bischöfe und Päpste trifft. Hindert man doch auch die weltlichen Handwerker nicht, dass sie den sogenannten geistlichen Herren Schuhe, Kleider, Häuser machen u. s. w. (adel01#37
40 Die römische Schreiber wollen mit ihren Gesetzen der weltlichen christlichen Gewalt sich entziehen, damit sie nur frei könnten böse sein; Paulus aber sagt, eine jegliche Seele solle der Obrigkeit unterthan sein; sie trägt das Schwert nicht umsonst; wer schuldig ist, leide. (adel01#39
41        Soweit also handelt uther von der Stellung des weltlichen, staatlichen Gebietes und Amtes neben dem geistlichen oder kirchlichen. Er richtete sich hiermit gegen die Ansprüche Roms auf Exemtion der weltlichen Angelegenheiten, Verbrechen und Prozesse des Klerus von der weltlichen Gerichtbarkeit, wogegen längst auch von seiten der Staaten gestritten und z. B. erst vor zwei Jahren speziell auch von den sächsischen Fürsten, Georg und Friedrich, (344) Beschwerde geführt worden war, während die römische Kirche auch hieraus einen Glaubenssats machte. Er hat hiermit überhaupt den Grund gelegt für das Recht des Staatsgewalt innerhalb der Christenheit. Und unbeschadet bleibt dabe das eigentümliche Gebiet der kirchlichen Amtsträger: auch sie treiben ihr Werk an Gottes Wort und den Sakramenten durch alle Glieder des christlichen Körpers. 
42        Die zweite Mauer der Romanisten ist, dass sie, wenn man sie mit der heiligen Schrift strafen will, entgegenhalten: es gebühre niemanden die Schrift auszulegen als allein dem Papste. Sie, sagt Luther, wollen allein Meister der Schrift sein, ob sie schon ihr Leben lang nichts drin lernen. Daher kommen so viele ketzerische, unchristliche, ja unnatürliche Gesetze im geistlichen Recht. (adel01#53). 
43       Sie vermögen aber, wie er sagt, davon, dass der Papst nicht irren könne, nicht einen Buchstaben anzuzeigen. Und Christus spricht vielmehr, es sollen alle Christen von Gott gelehrt werden, und Paulus, es solle ein Lehrer, wenn jemendem in der Gemeinde etwas Besseres offenbar werde, stillschweigen und weichen (Joh. 6,45; 1 Cor. 14,30). (adel01#56
44       Hiermit behauptet Luther, dass jene auch auf dem geistlichen Gebiete des christlichen Glaubens und Lebens sich "nicht allein der Obrigkeit vermessen dürfen". 
45        Ihre dritte Mauer ist, dass sie, wenn man ihnen mit einem Konzil droht, erdichten, es könne niemand ein Konzil berufen, denn der Papst. (adel01#66
46         Diese Mauer fällt von selbst schon mit den beiden ersten dahin. Luther wiederholt, was er kurz zuvor als letztes Wort gegen Prierias aussprach: "wo der Papst wider die Schrift handelt, sind wir schuldig, der Schrift beizustehen und ihn zu strafen gemäss jenen Worten Christi Matth. 18,15f.;" (adel01#66) (epitom2#23) wir müssen hiernach, wenn er nicht in sich geht, es vor die Gemeine bringen, dazu aber muss die Gemeine zusammengebracht werden in einem Konzil. 
47 "Darum, wo die Not fordert und der Papst ärgerlich der Christenheit ist, soll dazu thun, wer am ersten kann, als ein treu Glied des ganzen Körpers, dass ein recht frei Konzilium werde; welches niemand so wohl vermag als das weltliche Schwert, sonderlich dieweil sie nun auch Mitchristen sind, Mitpriester, mitgeistlich". (adel01#71
48 Muss doch auch bei einer Feuersbrunst in einer Stadt nicht etwa jedermann deswegen still stehen und das Feuer brennen lassen, weil er nicht die Macht des Bürgermeisters hat oder weil das Feuer vielleicht an des Bürgermeisters eignem Haus anhub: also auch in der geistlichen Stadt Christi, wenn das Feuer des Ärgernisses sich erhebt, sei's an des Papstes Regiment oder sonst wo. Es hilft hiergegen nichts, dass sie sich ihrer kirchlichen Gewalt rühmen, der niemand widerstreiten dürfe. (adel01#72f) 
49 Denn es ist keine Gewalt in der Kirche ausser zur (345) Besserung; es hat niemand in der Kirche Gewalt Schaden zu thun oder zu verbieten, dass man dem Schaden wehre; will der Papst seine Gewalt dazu gebrauchen, ein Konzil zur Besserung der Kirche zu verhindern, so sollen wir ihn und seine Gewalt nicht ansehen. (adel01#74
50       So will Luther den Papst und Klerus auch auf dem kirchlichen Gebiet, in welchem sie ihr eigentümlich Werk und Amt haben, darum doch nicht willkürlich und allein walten lassen. Versündigen sie sich gegen ihr Amt, so haben vielmehr die sogenannten Laien, als die da auch Geistliche und Priester sind, das Recht und die Pflicht, hiergegen einzuschreiten. Es soll das aber dadurch geschehen, dass sie ein ordentliches Konzil herbeiführen, das dem Schaden Einhalt thue. 
51 Und zum Betreiben eines Konzils sieht er unter den übrigen Gliedern des Leibes vor allem diejenigen berufen, welche er vermöge ihrer sonstigen Stellung, als von Gott verordnete Träger der äusseren Gewalt in der Christenheit, dazu am meisten befähigt findet; insoweit hat also unter solchen Umständen die weltlichen Obrigkeig als solche auch innerhalb der kirchlichen Angelegenheiten mitzuwirken. 
52 Dies ist Luthers Anschauung. Er will und kennt das doch nicht, was wir Trennung zwischen Kirche und Staat oder auch nur einem konsequenten Auseinanderhalten beider Gebiete verstehen. Er will vielmehr unter jenen Umständen ein Eingreifen der Staatsgewalt ins kirchlichen Gebiet zum mindesten insoweit, als sie helfen soll, das die KIrche selbst vertretende Organ, nämlich ein Konzil, ins Leben zu rufen. Dies seine Grundsätze und Ratschläge, die wir hier nicht zu kritisieren, sondern nur klarzustellen haben. -- 
53 Für ein solches Vorgehen der Obrigkeit bezog er scih auch auf die bisherige Geschichte der Kirche: das berühmteste niciänische Konzil sei nicht vom Papst, sondern vom Kaiser Konstantin berufen worden, und gleiches sei durch viele andere Kaiser geschehen. (adel01#69) Wir haben in der Einleitung bemerkt, wie das Recht hierzu sogar erst kürzlich noch christliche Fürsten sich beigelegt hatten: erst vor neun Jahren war ein Edikt des Kaisers Maximilian ergangen, wodurch  dieser das freilich erfolglose Pisaner Konzil einberief, weil der päpstliche Hof damit zögere. 
54        Das Konzil also sollte dann die kirchlichen Schäden vornehmen und für des christlichen Standes Besserung sorgen. Eingehend beschäftigt sich unser Büchlein in seinem weiteren, grössten Teile damit, jene zu rügen und für diese Rat zu geben. In fünfundzwanzig Abschnitten handelt es von den geistlichen Gebrechen, d. h. von den innern kirchlichen Missbräuchen und Ärgernissen; in einem sechsundzwanzigsten will es auch noch einige Schäden des weltlichen öffentlichen Lebens anzeigen, welche die deutsche Nation und ihre Fürsten abstellen sollten. -- 
55  Fragen des christlichen Glaubens oder Gegenstände der Heilswahrheit trägt Luther hier gar nicht vor, obgleich sie ihm fort und fort das Erste und (346) Wichtigste waren. Das Recht der freien Erforschung und Verkündigung des evangelischen Wortes hat er schon in jenem grundlegenden Teile seines Buches festgestellt. Eine Prüfung derjenigen Lehren, durch welche die römische Kirche hauptsächlich ihre Tyrannei über die Seelen übte, behielt er sich seiner nächstfolgenden grossen Reformationsschrift vor. In Sachen des Glaubens sollte dann das freie evangelische Wort mit eigner Kraft das weitere ausrichten. 
56 c        Gerügt wird von Luther vor allem die weltliche Hoffart des Papstes; es sei greulich anzusehen, dass der, welcher sich Christi Statthalter nenne, so weltlich und prächtig wie kein König und Kaiser einherfahre, während Christus gesprochen habe: "mein Reich ist nicht von dieser Welt." (adel02#3) Es folgen seine Kardinäle, -- "dies Volk (Leo X. hatte ein einem Tage ihrer 31 ernannt), das zu nichts anderem nütze sei, als recht viele reiche Klöster, Stifte, Lehen und Pfarreien in Welschland und Deutschland an sich zu bringen und sich und Rom dadurch zu bereichern; (adel02#9) weiter der päpstliche Hof mit seinen Tausenden von Beamten, von denen der hundertste Teil noch gross genug wäre und die alle auch auf deutsche Stifte und Lehen warten, wie der Wolf auf die Schafe. (adel02#17
57 Dann nimmt Luther die Menge jener allmählich eingedrungene Ansprüche, durch welvhe die Einkünfte der deutschen Kirchen nach Rom gezogen und Pfründen und Lehen in Deutschland für päpstliche Höflinge gewonnen wurden, im einzelnen durch: "er wolle sehen lassen, wie die Deutschen nicht so ganz grobe Narren seien, dass sie römische Praktik gar nicht wüssten oder verstünden". (adel02#20
58 Er führt auf: die Steuer der sogenannten Annaten, welche die neuernannten Bischöfe nach Rom entrichten mussten; die Bestimmungen, wonach die Besetzung von Prfünden, deren Inhaber auf der Reise nach Rom sterbe, oder deren bisheriger Inhaber dem Hof des Papstes oder der Kardinäle zugehöre, oder über welche beim Absterben ihres Inhabers ein Prozess in Rom schwebe, gleichfalls durch den Papst nach seinem Belieben vergeben werden sollte; die Vergebung der erzbischöflichen Pallien durch ihn, wofür, wie wir aus Anlass des Tetzelchen Ablasses bemerkten, unmässige Summen ihm bezahlt werden mussten und womit ein, wie Luther sagt, greulicher Eid knechtischen Gehorsams der Bischöfe gegen ihn verbunden war; 
59 weitere Mittel, durch welche derselbe indirekte, z. B. durch Bestellung eines Koadjutors an die Seite eines Bischofs, die fetten Bistümer in seine Hand bekam; ferner Kunstgriffe, durch welche das kirchliche Verbot, mehrere Pfründen für eine Person zu vereinigen, umgangen und dieselben vielmehr in Menge für päpstliche Günstlinge "als ein Bund Holz zusammengekoppelt" wurden: man finde, sagt Luther, einen päpstlichen Höfling in Rom, der 22 Pfarreien, 7 Propsteien und dazu noch (347) 44 Pfründen besitze.  (adel02#48)
60 Mit der Vergebung solcher Stellen werde in Rom durch die päpstliche Behörde der Datarie ein förmlicher Handel getrieben; es sei in dieser ein wahres Kaufhaus dafür aufgerichtet; früher habe man in Rom sich das Recht erkaufen müssen, jetzt verkaufe man dort die Vollmacht, Bübereien zu treiben. --
61 Es ist zunächst die römische Geldgier, welche Luther hiermit aufdecken will: der Antichrist müsse die Schätze der Erde heben, wie die Schrift verkündige (Daniel 11,8. 43); man wolle den "trunkenen Deutschen" keine Bistümer, Pfarreien und Lehen, keinen Pfennig und Heller mehr lassen. Und speziell die Deutschen narre und ässe man si; Frankreich wisse sich zu wehren; Welschland freilich (d. h. Italien) habe man schon vorher ausgesaugt. -- 
62 Aber er klagt weiter, dass eben dadurch die Bistümer, Klöster und Pfarreien selber zu Grunde gehen, dass der Gottesdienst zu Boden gestossen werde; so gehe in Welschland kein Gottesdienst noch Predigt mehr; kein Türke hätte es also verderben können. -- Die Rechte und Freiheiten der Bischöfe und Stifter sieht er im Gehorsam gegen Rom ganz untergehen: sie seien nur noch wie leere Ziffern, ohne Amt, Macht und Werk; alle Streitsachen ziehe man nach Rom, alle Dinge regieren die Hauptbuben dort. -- 
63 Jenem "Kaufhaus" in Rom wirft endlich Luther vor, es wuchere auch mit allen möglichen andern, an sich und durchs Kirchengesetz verbotenen Dingen; es verhandle Dispens für unrecht Gut, löse Gelübde, bringe Schande zu Würden u. s. w. Flickwerk sei noch im Vergleich damit, was sie mit Ablass, Butterbriefen, Beichtbriefen u. s. w. zusammenstehlen und schinden. Er schliesst seine Klage: "wollen wir wider die Türken streiten, so lasset uns hier anheben, da sie am allerärgsten sind; henken wir mit Recht die Diebe und köpfen die Räuber, warum sollten wir frei lassen den römischen Geiz, der der grösste Dieb und Räuber ist, der auf Erden kommen ist, oder kommen mag". (adel02#65f) 
64 c       Vor allem auf die hier genannten Stücke beziehen sich denn auch die Ratschläge, welche Luther sodann giebt. Ja da wollte er wohl, falls ein Konzil nicht sobald zui erlangen wäre, auch ein Einschreiten der weltlichen Obrigkeit für sich, als die da ihre Unterthanen zu schützen und dem Unrecht zu wehren habe: jeglicher Fürst, Adel und Stadt sollen ihren Unterthanen die Abgabe jener Annaten nach Rom "frisch verbieten"; gegen jenen Pfründenraub solle der christliche Adel sich setzen und ihn nicht mehr dulden: ja wenn ein Kurtisan wieder mit solchen Stellenanweisungen aus Rom käme, soll man ihm ernstlich befehlen, "abzustehen oder in den Rhein und das nächste Wasser zu springen und den römischen Bann mit Siegel und Briefen zum kalten Bade zu führen"; (adel02#74)
65 gegen das Holen der Bischofsmäntel aus Rom sollte ein kaiserliches Gesetz ergehen. Luthers Wunsch war, dass die Bischöfe und Bistümer wieder ähnliche Selbständigkeit wie in der alten katholischen Kirche erhalten und Deutschland unter eine eigne oberste kirch- (348) liche Behörde gestellt werde; die Bischöfe sollen einer Bestätigung nicht durch den Papst, sondern nur durch die Nachbarbischöfe oder Erzbischöfe bedürfen, ihre schweren Eide der Gehorsams gegen den Papst aufgehoben und die kirchlichen Rechtsachen, welche jetzt nach Rom gehen, vor ihnen verhandelt werden; die höhere Instanz möge ein geheim Konsistorium des Primas in Deutschland oder des vornehmsten deutschen Erzbischofs bilden; nur wenn eine Sache oder ein Streithandel durch die Primaten oder Erzbischöfe der Landeskirchen nicht erledigt werden könne, solle sie dem Papste vorgetragen werden. 
66        Während Luther für die innere Verfassung der Kirche solches vorschlug, verwarf er zugleich jede Ausdehnung der päpstlichen Gewalt aufs weltliche Gebiet. Weltliche Sachen seien nie nach Rom zu ziehen, sondern ganz der weltlichen Gewalt zu überlassen. Lächerlich sei es, dass der Papst der ordentliche Erbe des römischen Kaisertums zu sein vorgebe, -- eine unerhörte Lüge jene "Schenkung Konstantins". (adel03#18
67 Auch des Titels, als ob er Lehnsherr des Königreichs Neapel und Sizilien wäre, solle er sich nicht mehr unterwinden, sondern "seine Hand aus der Suppe ziehen". (adel03#20) Und nicht besser stehe es mit seinem Recht auf Bologna, Ancona, die Romagna und andere italienische Länder, die er eingenommen habe. Raub seien diese und fast alle seine Güter. Dabei menge er sich mehr als ein König und Kaiser in weltliche Geschäfte, während er nach der Mahnung St. Pauli (2. Tim. 2,4) sich nicht in die weltlichen Geschäfte wickeln, sondern der göttlichen Ritterschaft warten sollte: man müsse ihm aus jenen heraushelfen. 
68         Zur unchristlichen, ja antichristlichen Hoffart des Papstes, die man abthun müsse, rechnet Luther auch das, dass er, dessen Meister den Jüngern die Füsse gewaschen, sich selbst die Füsse küssen lassen u. s. w. Daran reiht er eine Warnung von Wallfahrten in die heilige Stadt des Papstes, -- nicht als ob sie an sich böse wären, sondern wegen der bösen Dinge, die man dort lerne; er zieht ein Sprichwort an: "je näher Rom, je ärger Christen"; und: "wer das erste Mal gen Rom geht, der sucht einen Schalk, zum andernmal findet er ihn, zum dritten bringt er ihn mit heraus". (adel03#32f)
69       Unter den Stücken des christlichen Lebens, welche weiter der Besserung bedürfen, nennt er zuerst das Mönchtum -- "den grossen Haufen, die das Viele geloben und das Wenige behalten". (adel03#40) Er rät, von den Klöstern der Bettelmönche, welche in den Ländern umherlaufen und namentlich auch mit ihrem unregelmässigen Predigen und Beichten die kirchliche Ordnung und das Pfarramt stören, je etwa zehn in eines zusammenzuschlagen, das man genugsam versorgen möge, um des Bettelns nicht mehr zu bedürfen. 
70 Und in betreff der Klöster und Stifte überhaupt dünkt ihm gut, dass sie "frei würden, einem jeden darin zu bleiben, so lange es ihm gelüste", während man jetzt dieses Leben in Gelübde, höher denn das Taufgelübde (349 gefasst und ein ewig Gefängnis gemacht, die Frucht hiervon aber täglich mehr und mehr erfahren habe. Da sollen sie dann dem dienen, wozu sie ursprünglich bestimmt gewesen seien, nämlich als Schulen, darinnen man Schrift und Zucht lehre nach christlicher Weise und Leute auferziehe zum Regieren und Predigen. (adel03#52)
71        "Ich sehe wohl", sagt Luther, "wie die Gelübde werden gehalten, sonderlich der Keuschheit; ich wollte gerne jedermann geholfen haben und nicht fangen lassen christliche Seelen durch menschliche eigen erfundene Weisen und Gesetze". (adel03#53) -- Hiermit geht er über auf die Ehelosigkeit, zu welcher das Kirchengesetz die "armen Pfaffen" verpflichte. Er hatte, wie wir sahen, diesen Punkt schon in seiner lateinischen Schrift gegen das Stolpener Dekret (oben S. 318 = 3,10#38) mit einer kühnen Frage angeregt. In seinen Tischreden (n349) erzählt er, wie er zu jener Zeit den Juristen Schurf gebeten habe, ihm aus den päpstlichen Dekretalen einen Grund anzuzeigen, weshalb die Tyrannei den Pastoren auferlegt sei; denn an die Mönche habve er, weil diese ein frei Gelübde auf sich genommen, dabei noch nicht gedacht; Schurf aber habe keine Antwort gewusst, als dass der papst ja niemand zwinge Priester zu werden. 
72 Jetzt erklärt Luther: "Wir sehen auch wie die Priesterschaft gefallen ist und mancher arme Pfaff mit Weib und Kind überladen, sein Gewissen beschweret, da doch niemand zuthut, ihnen zu helfen, ob ihnen fast wohl zu helfen wäre; lässt Papst und Bischof hier gehen was da geht, verderben was da verdirbt, so will ich erretten mein Gewissen und das Maul frei aufthun, es verdriesse Papst, Bischof oder wen es will, und sag' also, dass nach Christi und der Apostel Einsetzen eine jegliche Stadt einem Pfarrer oder Bischof soll haben, wie klärlich Paulus schreibt, und derselbe Pfarrer nicht gedrungen ohne ehelich Weib zu leben, sondern möge eines haben, wie St. Paul schreibt 1 Tim. 3 (V. 2) und Tit. 1 (V. 6) und spricht: "es soll ein Bischof sein ein Mann, der unsträflich ist und nir Eines ehelichen Weibes Gemahl, welches Kinder gehorsam und züchtig seien u. s. w;" --
73 so ist es noch blieben in der griechischen Kirche; hernachmals, da so viel Verfolgung und Streites war wider die Ketzer, sind viele heilige Väter gewesen, die sich freiwillig des ehelichen Standes verzeihet haben, auf dass sie desto bass studiereten und bereit wären auf alle Stunden zum Tod und zum Streit; da ist man der römischen Stuhl aus eignem Frevel drein gefallen und hat ein gemein Gebot daraus gemacht und verboten dem Priesterstand ehelich zu sein; das hat ihn der Teufel geheissen, wie St. Paulus 1. Tim. 4 (V. 3) verkündigt: "es werden kommen Lehrer, die Teufelslehre bringen und verbieten ehelich zu werden"; dadurch leider so viel Jammers erstanden ist, -- Sünde, Schand und Ärgernis gemehret. -- Was sollen wir nun hier thun? Ich rate, man mach's wieder frei, ehelich oder nicht ehelich zu werden". (adel03#54
74 Luther bemerkte mit Recht, (350) dass Paulus unter jenen "Bischöfen" nicht die gegenwärtig sogenannten Bischöfe verstehe, von denen die heilige Schrift nichts wisse, sondern einfach die Pfarrer oder Hirten der einzelnen Gemeinden. Um diese ist es ihm hier zu thun. Für den Papst und jene gegenwärtigen Bischöfe will er den Zwang des Cölibates hingehen lassen; für sie lässt er gelten, was ihm Schurf erwidert hatte: "sie haben ihnen selbst Bürden aufgelegt, so tragen sie sie auch"; (adel03#62) denn auch ihr ganzes besonderes Amt ist nach ihm nicht von Gott eingesetzt und zum Wesensbestander der christlichen Kirche nicht notwendig. 
75 Aber mit Predigen und Sakramenten muss eine Gemeinde versehen und regiert werden; dazu sind, wie wir oben hörten, auch bestimmte, ordentlich berufene Personen oder eben "Pfarrer" erforderlich. So sagt er jetzt: der Pfarrstand ist von Gott eingesetzt. Diesem darf daher eine so gefährliche Satzung wie die des Cölibats nicht auferlagt werden, und der Apostel selbst verbietet es. Für ihn also sollte durch ein Konzil wieder "nachgelassen werden die Freiheit ehelich zu werden, zu vermeiden Fährlichkeit und Sünde". (adel03#62
76 Ja er rät, dass schon hinfortan jeder, der zum Pfarramt sich weihen lasse, das Gelöbnis der Ehelosigkeit verweigere. Denen, welche schon im Amte stehen, will er, falls sie noch kein Verhältnis zu einem Weib haben, weder raten noch wehren ehelich zu werden, sondern es dm Urteil eines jeden anheimgeben. Falls aber sonst rechtschaffene Pfarrer aus Schwäche und Gewissensnot sitzen und mit ihrem Weibe von Herzensgrund darin eins seien, dass sie in rechter ehelicher Treue bei einander bleiben möchten, so erkläre er: die zwei seien gewiss vor Gott ehelich, und ein solcher Pfarrer solle das Weib zum ehelichen Weib nehmen und behalten. Wer den Glauben habe, solches zu wagen, der möge ihm frisch folgen; verführen wolle er niemand. (adel03#67
77        Mit besonderer Wärme, mit tiefem, schmerzlichem Mitgefühl für jene Schande und Gewissensnot so vieler christlicher Brüder, hat Luther diese Lehren und Ratschläge über den Cölibat des Klerus vorgetragen. Sie gehören zu den fürs kirchliche Leben wichtigsten, welche sein Buch enthält. 
78         Die zahlreichen Punkte, vom denen er, ohne eine strenge Reihenfolge, weiter handelt, betreffen grossenteils wieder die kirchliche Gesetzgebung: die Strafen des geistlichen Rechtes, besonders die des Interdikts, die Verwandtschaftsgrabe, in welchen die Ehe verboten wurde (namentlich das Verbot wegen sogenannter geistlicher Verwandtschaft -- durch Gevatterschaft), die Fastengebote, die päpstlichen Ablässe, Dispensationen, Erteilung besonderer Vollmachten und Privilegien u. s. w. Da wird nach Luther wieder gebunden, was Gott freigegeben hat, und um Geld wird sodann die Freiheit verkauft, die dem Christenmenschen an sich zukommt. 
79 Da will das Interdikt, (351) welches zur Strafe einem Orte den Gottesdienst und das göttliche Wort raubt, eine Sünde bessern mit viel grösserer Sünde: ohne allen Zweifel hat dasselbe der böse Geist erdacht. Da wagt der Papst, der das vor Gott Freie bindet, Eide und Verträge zu lösen, die vor Gott zu Recht bestehen. (n351) Am stärksten erhebt sich bei diesem Punkte wieder die Entrüstung Luthers, des Theologen und des Deutschen: "Hörest Du es, Papst, Du nicht der Allerheiligste, sondern der Allersündigste? dass Gott Deinen Stuhl in den Abgrund der Hölle senke! Wer hat Dir Gewalt gegeben, Dich zu erheben über Deinen Gott, zu brechen und zu lösen was Er geboten hat und die Christen, sonderlich deutsche Nation, die von edler Natur, beständig und treu in allen Historien gelobt wird, zu lehren unbeständig, meineidig, Verräter, Bösewichte sein? -- 
80 Ach Christe, mein Herr, sieh herab, lass herbrechen Deinen jüngsten Tag und zerstöre des Teufels Nest zu Rom! hie sitzt der Mensch, davon Paulus gesagt hat (2 Thess. 2,3.4): der sich soll über Dich und in Deiner Kirche sitzen, sich stellen als einen Gott, der Mensch der Sünde und Sohn der Verdammnis!" (adel04#52ff) Luther führt solche Fälle an, wo der Papst, wie noch Julius II., Monarchen ihres Vertrages und Eides entbunden. "Ja," sagt er, "ich hoffe der jüngste Tag sei vor der Thür; es kann und mag nicht ärger werden, denn es der römische Stuhl treibt". (adel04#58
81          Luther wünschte ferner Abhülfe und Besserung auch für verschiedene Gebrechen der kirchlichen Gottesdienste. Ähnliche Missbräuche und Ärgernisse, wie bei jenen Jahresfesten der Brüderschaften, die Luther in seinem Sermon vom Sakrament rügte, waren bei anderen kirchlichen Feiern, bei den Jahresfesten und Messen der einzelnen Kirchen, Stifte und Klöster, bei den Vigilien oder Vorfeiern der kirchlichen Feste, bei den für Verstorbene gestifteten jährlichen Seelenmessen u. s. w. eingerissen. 
82 Luther klagt, es sei aus ihnen ein Spott geworden, Gott zum Zorne, indem sie nur auf Geld, Fressen und Saufen gerichtet seien. Er rät, abzuthun, was Gott so wenig gefallen könne, und statt der vielen Feiern eine einzige mit herzlichem Ernst, Andacht und Glauben zu halten. Aus demselben Grund möchte er, dass man "alle Feste abthäte, und allein den Sonntag behielte", (adel04#5) oder dass man zwar der Maria und der hohen Heiligen Feste halte, sie aber auf den Sonntag verlege oder sie in der Woche nur mit einem Gottesdienste des Morgens feiere, den übrigen Tag Werktag sein lasse. 
83 Über die Unzahl der Feiertage war längst auch z. B. vom Basler Konzil Beschwerde geführt worden. Tolle Prälaten wollten, wie Luther sagt, in blinder Andacht immer noch weitere Feste für diesen oder jenen Lieblingsheiligen. Er fand dagegen, dass dadurch Müssiggang, Spiel, Schlemmerei Gott mehr als an anderen Tagen erzürnt werde und der gemeine Mann zum geistlichen Schaden hin auch Versäumnis an seiner Arbeit (352) leide und für diese ungeschickt werde. -- (adel04#6
84 Ganz "zu Boden verstört" möchte er die "wilden" Kapellen und Feldkirchen haben -- die der kirchlichen Ordnung entnommen, in Wahnglauben aufgerichteten Stätten zu Ehren von Heiligen, wohin das Volk wallfahrte, und wo es Wunder zu sehen vermeine, während der Teufel es an der Nase herumführe. (adel04#15) Wir haben ihn davor schon in Predigten vom Jahre 1516 warnen hören. Er verweist dagegen jeden an seine Pfarrkirche und seinen Pfarrer, wo man mehr finde als in allen jenen Wallfahrtskirchen der Heiligen: "hier findet man Taufe, Sakrament, Predigt und deinen Nächsten, welche grössere Dinge sind denn alle Heilige im Himmel". (adel04#22
85 In der Erhebung neuer Heiligen, die man dann an solchen Stätten verherrlichte, sieht er für die Gegenwart nur Schaden und Ärgernis, wenn sie auch vor Zeiten gut gewesen sein möge; denn man suche damit nicht Gottes Ehre, sondern nur eignen Ruhm, Kirchenschätze, Geld. Gegen Anrufung der Heiligen an sich wendet er noch nichts ein. -- 
86 Am wichtigsten ist, was er über den Inhalt der Messgottesdienste bemerkt, jedoch auch jetzt noch mehr andeutet als ausspricht: man halte sie als Opfer und gute Werke und halte Messen für Lebendige und Tote, während sie vielmehr Sakrament seien wie Taufe und Busse zum Nutzen derer, welche das Sakrament empfahen. "Doch," fährt er fort, "dies ist vielleicht noch zu frisch und ungehöret Ding, -- ich muss weiter davon zu sagen sparen, bis dass wieder aufkomme rechter Verstand, was und wozu die Messe gut sei". (adel04#41)
87         Unter den sittlichen Übelständen des gemeinen christlichen Lebens bezeichnet er als einen der grössten die Bettelei, -- das Betteln der Bettelmönche, Waldbrüder, gemeinen Bettler, Landläufer und bösen Buben: man sollte es in der Christenheit gar abthun, jede Stadt ihre arme Leute versorgen und fremde Bettler abweisen lassen, Pfleger aufstellen, welche alle Armen kennen und ihren Bedarf dem Rat und Pfarrer ansagen; wer aber nicht arbeiten wolle, solle auch nicht essen (2. Thess. 3,10) (adel04#34ff
88       In seinem vierundzwanzigsten Artikel kommt Luther auf das Verhalten der Kirche zu den hussitischen Böhmen: "es ist Zeit, dass wir auch einmal ernstlich und mit Wahrheit der Böhmen Sache vornehmen, sie mit uns und uns mit ihnen zu vereinigen, dass einmal aufhöre die greuliche Lästerung, Hass und Neid auf beider Seiten". (adel04#59) Er fordert zu diesem Behufe fürs erste von seiten der katholischen Kirche ein offenes Geständnis, dass die Verbrennung des Hus in Konstanz unrecht gewesen sei. Über den Inhalt von Hus' Sätzen will er dabei nicht urteilen, obwohl er bei ihym nichts Irriges gefunden habe. 
89 Für Unrecht aber soll jedenfalls das bekannt werden, dass man demselben das kaiserliche Geleit gebrochen habe: denn das müsse jedermann wissen, dass Geleit und Treue brechen wider Gottes Gebot sei, ob sie gleich dem Teufel selbst, geschweige denn einem Ketzer (353) zugesagt wären. Und dazu fügt er gegen das Verbrennen der Ketzer überhaupt bei: man sollte die Ketzer mit Schriften, nicht mit Feuer überwinden; "wenn es Kunst wäre, mit Feuer Ketzer überwinden, so wären die Henker die gelehrtesten Doktores auf Erden". (adel04#67)
90 Zum zweiten rät er, dass man durch etliche fromme und verständige Bischöfe und Gelehrte bei den Böhmen (bei denen ja die Hussiten auch unter sich wieder zerspalten waren) den Versuch mache, alle ihre Sekten zur Einheit zu bringen, und dass der Papst um der Seelen willen eine Zeitlang seiner Oberhoheit über sie entsage und ihnen gemäss den Bestimmungen des nicänischen Konzils gestatte, aus ihrer eignen Mitte sich einen Erzbischof zu Prag zu erwählen, welchen ein benachbarter mährischer, ungarischer, polnischer oder deutscher Bischof bestätigen möge. (adel04#68
 91  Den Laienkelch aufzugeben, dürfe man sie nicht zwingen; ihr neuer Bischof solle nur auf gegenseitige Duldung in diesem Stücke gütlich hinwirken. Der Forderung also, dass jener algemein gestattet werden müsse, enthält sich Luther hier noch -- trotz des Wunsches in seiner Predigt vom Sakrament des Leibes Christi, der ihm so sehr verargt worden war. 
 92  Auch die Pikarden, die Gemeinschaft der böhmischen Brüder, hofft er dann für die Einigung zu gewinnen. Er hatte über sie, die er ohnedies früher als arme Ketzer bedauerte und verwarf, noch vor kurzem in seiner "Erklärung etlicherArtikel" des soeben erwähnten Sermons (oben S. 316 = 3,10#20) geäussert, dass sie nach einem von ihnen herausgegebenen und von ihm eingesehenen Buch an die wahrhafte Gegenwart des Leibes Christi im Abendmahl nicht glauben und etlich mehr Ketzerstücke haben, und dass er sie darum allerdings für Ketzer halte, deren Gott sich erbarmen möge. Seither hatte er offenbar neue Mitteilungen über sie empfangen (ihr Senior Lukas von Prag gab auch in diesem Jahr, vielleicht eben durch jene Äusserung Luthers veranlasst, eine neue Schrift über das Abendmahl heraus. (n353)). 
 93  Jetzt erklärt er: "wenn ich wüsste, dss die Pikarden keinen anderen Irrtum hätten, denn dass sie glaubten, es sei wahrhaftig Brot und Wein natürlich da, doch drunter wahrhaftig Fleisch und Blut Christi, wollt ich sie nicht verwerfen, sondern unter den Bischof von Prag lassen kommen; denn es ist nicht ein Artikel des Glaubens, dass Brot und Wein nicht wesentlich und natürlich sei im Sakrament, welches ein Wahn ist St. Thomä und des Papsts, sondern das ist ein Artikel des Glaubens, dass in dem natürlichen Brot und Wein wahrhaftig und natürlich Fleisch und Blut Christi sei". (adel04#77
 94  Es ist das erste Mal, dass Luther jene durch die Kirche sanktionierte Lehre von der Transsubstantiation so entschieden und offen nicht bloss für einen Artikel, an den zu glauben nicht not sei, sondern für eitel Menschenwahn erklärt, obgleich er auch jetzt wieder beisetzt: es liege auch daran keine Fährlichkeit, wenn man gemäss dieser Lehre annehme, das Brot sei nicht mehr da. Falls indessen der Glaube der Pikarden (354) doch ein anderer wäre, will er sie auch jetzt "lieber draussen wissen, doch unterweisen in der Wahrheit". 
 95         Im folgenden Abschnitt schliesst Luther an seine Ratschläge zur Besserung der Kirche eine Mahnung zur Reform der Universitäten:  (adel05#1ff) sie wurden als eine kirchliche Pflanzung angesehen, ihre Rechte und Gesetze als ruhend auf päpstlicher Verleihung und Genehmigung. Luther sagt: auch sie bedürfen einer starken Reformation. Sie seien heidnischen Gymnasien ähnlich, mit einem fleischlich freien Leben, mit wenig Lehre der heiligen Schrift und christlichen Glaubens, ganz unter dem Regimente des heidnischen Lehrers Aristoteles, der nicht einmal von der Unsterblichkeit der Seele wisse und dessen Ethik stracks der Gnade Gottes und den christlichen Tugenden entgegen sei; er kenne diesen so gut als einer und habe ihn mit mehr Verstand gelesen als ein Thomas oder Scotus. 
 96  Seine Logik, Rhetorik und Poetik übrigens möge man wohl behalten zur nützlichen Übung der jungen Leute im Reden und Predigen. Daneben sollte ham Latein, Griechisch, Hebräisch, Mathematik, Geschichte treiben. Eine solche Bildung will Luther für die Studierenden aller Fakultäten. Für die Theologen ist ihm das Hauptstudium natürlich das der heiligen Schrift, statt dass man dazu die Sentenzenbücher der alten Scholastiker mache. Auch die Bücher der lieben alten Väter solle man nur so lesen, dass man dadurch in die Schrift sich führen lasse: sie "ist unser Weingarten, darinnen wir alle sollten uns üben und arbeiten". (adel05#20
 97  Die Fakultät der Mediziner zu reformieren überlasst er ihnen. Die Juristen nimmt er mit den Theologen vor sich, indem er gut findet, dass das geistliche oder kanonische Rehct vom ersten bis zum letzten Buchstaben ausgetilgt würde, zumal ja heitzutag doch nicht mehr gelte, was in den kirchlichen Rechtsbüchern, sondern was in des Papstes und seiner Schmeichler Mutwillen stehe; habe man eine Sache aufs beste in jenem Rechten begründet, so habe der Papst darüber seinen "Brustschrein": so sagt er mit Bezug auf das grosse Wort Bonifaz' VIII., dass der Papst "alle Rechte im Schrein seiner Brust trage". (adel05#10)
 98  Auch über das weltliche Recht aber ruft er aus: "Hilf Gott, wie ist auch das eine Wildnis geworden". (adel05#13) Es war wirklich damals ein weit verbreitetes Gefühl der Verwirrung und Unsicherheit in Deutschland unter dem Durcheinanderlaufen von partikularen Landesrechten und allgemeinen Reichsgesetzen und unter dem Eindringen des römischen Rechtes seit dem vorigen Jahrhundert. Luther spricht darüber als Mann aus dem Volk und als Mann des einfachen praktischen Verstandes: vernünftige Regenten neben der heiligen Schrift wären übrig Recht genug; es wäre ferner das beste, wenn man, wie jeglich Land seine eigne Art und Gabe habe, so auch jedes mit eignen (355) kurzen Rechte regierte, -- das Landrecht und die Landessitten den kaiserlichen gemeinen Rechten vorzöge, -- die kaiserlichen nur zur Not gebrauchte; die weitläufigen und fern gesuchten Rechte seien nur Beschwerungen der Leute. (n355
 99         Von den Hochschulen steigt er herunter zu den niederen: für die hohen und niedern Schulen solle die vornehmste und gemeinste Lektion sein die heilige Schrift und für die Jungen das Evangelium. Schon will er auch für die Mägdlein Schulen in jeglicher Stadt, darin sig täglich eine Stunde das Evangelium hören: lehre doch auch eine Spinnerin oder Nähterin ihre Tochter dasselbe Handwerk in jungen Jahren; das Evangelium aber, da eines jeden Christen Leben inne stehe, wissen jetzt die grossen gelehrten Prälaten und Bischöfe selber nicht. 
 100  Man werde schwere Rechenschaft geben müssen für diesen armen jungen Haufen, dass man ihm das Wort Gottes nicht vorlege, wie Jeremias sage in seinen Klageliedern (2, 11.12: "Meine Augen sind vor Weinen müde worden, mein Eingeweid ist erschrocken, meine Leber ist ausgeschüttet auf die Erde um des Verderbens willen der Tochter meines Volkes, da die Zungen und Kindlein verderben auf allen Gassen der Stadt; sie sprechen zu ihrer Mutter: wo ist Brot und Wein? und verschmachten als die Verwundeten und geben den Geist auf im Schoss ihrer Mutter". (adel05#22
 101         Dies die wichtigsten "geistlichen Gebrechen" der Christenheit, für welche Luther seinen Rat giebt. Wir sind dabei -- namentlich bei seinen Aussagen über das weltliche Recht -- bereits auch aufs weltliche Gebiet hinübergeführt worden. Indem endlich Luther in seinem letzten Abschnitt eigens auch der weltlichen Gebrechen etliche anzeigen will, wiederholt er jene Klagen, die wir schon in seinem Sermon "Von guten Werken" (oben S. 312 = 3,9#101) vernommen, -- über Üppigkeit in kostbaren Kleidern und ausländischen Spezereien, über Wucher und Zinskauf, auch über die grossen Handelsgesellschaften, welche in kurzer Zeit so viel Geld und Gut zusammenhäufen, dass er nicht verstehe, wie's recht zugehen solle, -- ferner über das gemeine Laster unmässigen Essens und Trinkens, wodurch die Deutschen über berüchtigt seien, -- zuletzt über die gemeinen Frauenhäuser inmitten der Christen, die doch alle zur Keuschheit getauft seien. (adel05#52)
 102         Die zuerst genannten Punkte gaben um jene Zeit überhaupt in Deutschland besonders viel Anlass zu Beschwerden und zu ernsten Erörterungen in volkswirtschaftlichem wie in sittlichem Interesse. Wir erinnern hinsichtlich des Wuchers auch wieder an die Sermone, die Luther schon im vorigen Jahre herausgegeben hat (S. 296). Einesteils hatten sich die neuen Verkehrswege und Schätze fremder Länder und Weltteile geöffnet; Betriebsamkeit und Genusssucht waren in hohem Grad erregt. Andernteils trat ein ausserordentliches Steigen der Preise und Sinken des Geldwerts ein; der Ackerbau und Ertrag des Grundbesitzes wurde den Früchten der kaufmännischen Geschäfte (356) gegenüber gering geachtet; der Aufschwung des Verkehrs machte die früher verpönten Zinsdarlehen immer mehr zum Bedürfnis, während ein sachgemässes Mass für die Zinsen sich noch nicht festgestellt hatte, und den hohen Zinsen gegenüber war besonders wiede der Grundbesitz im Nachteil. 
 103  Auch Luther fasst mit dem sittlichen Interesse zugleich das volkswirtschaftliche ins Auge. Er fürchtet Verarmung der Deutschen durch jenen Luxus mit Seide, Samt, Spezereien u. s. w., -- ein gegenseitiges Sich-Auffressen derselben durch den Wucher. Statt der Kaufmannschaft, deren grosser Erwerb kaum mit rechten Dingen zugehe und jedenfalls einen "bösen Schein" (vgl. 1. Thess. 5,22) habe, empfiehlt er vielmehr Mehrung des Ackerwerks, in welchem zu arbeiten Gott ja auch den Adam angewiesen habe (1 Mos. 3,17ff.); in redlichem Kauf von Gütern und Güterrenten rät er acuh, das Geld anzulegen. 
 104  Er, der Sohn des deutschen Bauern und Bergmanns, kam auch in diesen Auffassungen wieder mit Hutten, dem Adeligen, überein. Weitere, einzelne Vorschläge zur Abhülfe macht seine gegenwärtige Schrift nicht. Sie zeigt aber, wie ihn eben auch diese Fragen des öffentlichen, sozialen Lebens fortwährend beschäftigten. Und wir dürfen über diese und seine übrigen hierauf bezüglichen Äusserungen das Urteil eines angesehenen heutigen Nationalökonomen anführen: man habe in ihnen das Interessanteste, was uns in nationalökonomischer Beziehung aus der Reformationsgeschichte überhaupt erhalten sei, und neben unklären, einseitigen und leidenschaftlichen Äusserungen sei doch das, was Luther sage, höchst bedeutend und einsichtsvoll; er zeige darin einen für seine Zeit sehr scharfen nationalökonomischen Blick. (n356
 105         Der letzte unter jenen Punkten bringt Luther auf die Ausschweifungen der Jugend und weiter wieder auf ihren sittlich elenden, verwahrlosen Zustand überhaupt zu reden. Die letzte Mahnung seines grossen Aufrufs zur Besserung des christlichen Standes gilt ihr: die Sorge für sie, sagt er, sollte die vornehmste Sorge des Papsts, der Herrschaften und der Konzilien sein; diese aber wollen weit und fern regieren, ohne doch hier zu nützen; ein selten Wildbrt werde um deswillen ein Herr und Oberer im Himmel sein, ob einer gleich Gotte Hunderte von Kirchen erbauete. (adel05#73)
 106        Des Büchleins Abschluss entspricht seinem Eingang und Vorwort: 
 107        "Ich achte wohl," sagt Luther, "dass ich hocn gesungen hab', viel Dings fürgegeben, das für unmöglich werde angesehen, viel Stücke zu scharf gegriffen. Wie soll ich aber thun? ich bin es schuldig zu sagen ... Es ist mir lieber, die Welt zürne mit mir, denn Gott ... Ich hab' bisher vielmal Frieden angeboten meinen Widersachern; aber, als ich sehe, Gott hat mich durch sie gezwungen, das Maul immer weiter aufzuthun ... Wohlan, ich weiss noch ein Liedlein von Rom und von ihnen. Jucket sie das Ohr, ich will's ihnen auch singen und die Noten aufs höchste stimmen: verstehst mich (357) wohl, liebes Rom, was ich meine? 
 108  Auch hab ich mein Schreiben vielmal auf Erkenntnis und Verhör erboten, das allemal nicht geholfen. Wiewohl auch ich weiss, so meine Sache recht ist, dass sie auf Erden muss verdammt und allein von Christo im Himmel gerechtfertigt werden .. Darum lass nur frisch einhergehen, es sei Papst, Bischof, Pfaff, Mönch oder Gelehrter; sie sind das rechte Volk, die da sollen die Wahrheit verfolgen, wie sie allzeit gethan haben. Gott gebe uns allen einen christlichen Verstand und sonderlich dem christlichen Adel deutscher Nation einen rechten geistlichen Mut, der armen Kirche das beste zu thun. Amen". (adel05#74ff
 109         In der That: Vieles und Schweres hat Luther mit einem Male vorgetraten; er hat hoch gesungen und scharf gegriffeb. Auch unter seinen nächsten Freunden wurde verschieden darüber geurteilt. Melanchthon, der mit seinem Plan zu dieser Schrift von Anfang an vertraut war, hatte ihn, wie er selbst sagt, mehr nicht missbilligt als wirklich gebilligt; er sah in dieser Sache ein göttliches Walten, das er nicht hemmen dürfe, und wagte dem Geiste Luthers, der von der Vorsehung dazu bestimmt sei, keinen Einhalt zu thun. 
 110  Dagegen langten am 18. August von Staupitz, der damals in Erfurt verweilte, und von dem dortigen Freund Lange bei Luther ernste Schreiben an, worin sie, die von seiner Absicht und Arbeit vernommen hatten, ihn baten, das gefährliche Buch zurückzuhalten. Staupitz zeigte schon seit einiger Zeit eine gewisse bange Zurückhaltung in Luthers Sache, die diesem schmerzlich wurde, jedoch seiner Liebe und seinem Vertrauen zu ihm keinen Eintrag that. 
 111  Schon im Herbst des vorangegangenen Jahres klagte ihm Luther einmal, er fühle sich allzusehr von ihm verlassen und traure darüber wie ein von der Mutterbrust entwöhntes Kind. Jetzt war ihm auch eine ernste Weisung seines Ordensgenerals Gabriel Venetus vom 15. März zugekommen, dass er sich bemühen solle, den Mann, der mit seinen Schriften so viel Ärgernis gebe und seinem Orden so grosse Schmach bereite, endlich zurechtzubringen. 
 112  Auch von Linz in Nürnberg wurde Luther gewarnt. Aber jene Schreiben trafen erst ein, als der Verleger des Buchs bereits 4000 Exemplare gedruckt und hinausgegeben hatte. Luther erwiderte: es sei demnach zu spät; man müsse zum Gebet die Zuflucht nehmen, wenn in der Sache gesündigt worden sei; sie seien aber in Wittenberg überzeugt, dass das Papsttum der Sitz des wahrhaften Antichrists sei, gegen dessen Trug und Nichtwürdigkeit (n357) sie sich alles glauben erlauben zu dürfen; ihn bewege dabei sicherlich weder Ehrsucht, noch Geldgier, noch ein Streben, seiner Lust genugzuthun; es handle sich nicht un Erregung eines Aufstandes, sondern um Behauptung der Freiheit für ein Konzil. (n357a) (358) 
 113         So hoch und weit übrigens Luther ausgriff, er hat doch mit den mannigfaltigen Beschwerden und Wünschen nur einem Streben und sittlichen Gewisse Ausdruck gegeben, das bereits weitaus in der deutschen Christenheit verbreitet war. Er aber ist es, der das alles auf den durch ihn gewonnenen tiefsten religiösen Grundlagen zusammenfasste, diesem Streben einen positiven, einheitlichen, klar berechtigten Inhalt zuwies, diesem sittlichen Gewissen Licht und Sicherheit gab. 
 114  Im einzelnen erinnert er selbst wiederholt, dass er eben nur mitratenund anregen wolle. Im grossen hat er freilich Ideen und Ziee aufgestellt, mit denen er der Aufgabe von Jahrhunderten vorgriff: so in kirchlicher Hinsicht mit der Begründung der Verfassung auf das allgemeine Priestertum und auf ein aus diesem hervorgehendes Amt, dessen wesentlicher Inhalt nicht ein weltlich geartetes Regiment, sondern der geistliche Dienst am Wort und den Sakramenten sei, -- in staalicher Hinsicht mit der innern Berechtigung der Staatsgewalt und ihrer Ausdehnung über alle, auch die sogenannten geistlichen Glieder des Gemeinwesens, -- in nationaler Hinsicht mit seiner Forderung eines selbständigen, durch keine trügerische altrömische und päpstliche Beziehungen verdorbenen deutschen Reiches und Kaisertums. 
 115        Der Ton der Schrift ist scharf und teilweise stürmisch; er schneidet namentlich auch deshalb sehr scharf ein, weil er überall der unmittelbarste Ausdruck frischer Entrüstung ist, -- ohne rednerische Kunst, rhetorisches Pathos oder gesuchte Ironie (wie häufig bei Hutten). Dennoch ist Luther in den wichtigsten Fragen, wie vom Cölibat, von Mönchtum, von der Messe, auch hier der Sache nach nur schrittweise mit sichtlicher, reiflicher Erwägung vorgegangen. Und auch das stärkste, was er gegen den römischen Antichrist äussert, zeigt doch noch genugsam, dass er keineswegs in unsittlichem Sinne "alles" gegen denselben für erlaubt ansah. 
 116        Von Selbstüberhebung und Sucht eigner Grösse war er so ferne, dass er gerade jetzt zur höchsten Aufgabe, der er selbst nur kämpfend vorarbeite, vielmehr seinen Melanchthon für berufen hielt, dem er ja auch schon in früheren Äusserungen sich als Theologen unterordnete. Er bemerkte unter Bezugnahme auf die ihm vorgeworfene Heftigkeit in seiner Antwort an Lange: "vielleicht bin ich der Vorläufer Philippi, dass ich ihm nach Elias' Vorbild den Weg bereite in Geist und Kraft. Schreck und Verwirrung bringend über Israel und die Leute Ahabs." 
 117         Nach seinem Büchlein wurde alsbald so begierig gegriffen, dass er schon nach wenigen Tagen eine neue Ausgabe vorbereiten musste. (n358) Ihr fügte er dann vor jenem letzten Abschnitt (oben S. 356 = #106) als sechsundzwanzigsten noch eine längere Ausführung ein über den Anspruch der Päpste, das heilige römische Reich vom griechischen Kaiser überkommen und an (359) die deutsche Nation gebracht zu haben. Das, sagt er, werde jetzt freilich der römische Haufen vorwenden und hoch aufblasen, werde für diese Ehre und Wohlthat unterthänigen Dank von den Deutschen fordern und unter diesem Vorwand die Versuche zu Reformen in den Wind schlagen. 
 118  Über den ganzen Zusammenhang des deutschen Kaisertums mit dem alten römischen Reich, dessen auch edle deutsche Geister Jahrhunderte hindurch mit kühnen Phantasieen sich gerühmt hatten, hegt dagegen er jetzt ein sehr nüchternes Urteil. Das rechte römische Reich sei längst von den Goten an bis zuletzt vollends durch die Türken zerstört. Der Kaiser zu Konstantinopel sei noch erblicher römischer Kaiser gewesen; da habe der Papst jenes Fündlein erdacht, des römischen Kaisertums ihn zu berauben und den Titel den streitbaren Deutschen zuzuwenden, damit er diese sich zu Knechten mache. 
 119  "Denn", sagt er, "sie haben allezeit unsere Einfältigkeit missbraucht zu ihrem Übermut und Tyrannei und heissen uns tolle Deutsche, die sich ässen und narren lassen, wie sie wollen; -- wir haben des Reiches Namen, aber der Papst hat unser Gut, Ehre, Leib, Leben, Seele und alles war wir haben; -- so frisst der Papst den Kern, so spielen wir mit den ledigen Schalen". Nachdem aber einmal im geschichtlichen Verlauf ein solches Kaiserreich an die Deutschen gekommen ist, lehrt Luther diese, die sich des ursprünglichen Herganges nicht einmal bewusst gewesen seien, jetzt auch darin eine göttliche Führung sehen und annehmen. Gott habe des Papstes Bosheit dazu gebraucht, nach dem Fall des ersten römischen Reichs ein anderes, das jetzt bestehe, bei ihnen aufzurichten. 
 120  Gott wolle dasselbe nun von den christlichen deutschen Fürsten regiert haben, sowie er einst in Babylon, dessen Reich auch durch Gewalt entstanden, den heiligen Daniel (Dan. 2,48f) habe regieren lassen. Der Papst dürfe sich der Verleihung desselben gegen die Deutschen nicht rühmen: er habe nur ihre Einfalt missbraucht, habe sie selbst und durch wie womöglich die Welt sich unterwerfen wollen und sich mit manchen bösen Tücken an ihren Kaisern versucht. 
 121  "So helf uns Gott", ruft Luther, "der solch Reich uns har zugeworfen, dass wir auch dem Namen, Titel und Wappen Folge thun und die Römer sehen lassen, was wir durch sie von Gott empfanten haben; rühmen sie sich, sie haben uns ein Kaisertum zugewendet, wohlan so sei es also, so gebe der Papst her was er vom Kaisertum hat, lasse unser Land frei von seinem Schinden, lass ein Kaisertum sein, wie einem Kaisertum gebührt". 
 122  Auch das ist ihm falsche Spiegelfechterei, dass der Papst über dem Kaiser sei, weil dieser von ihm gekrönt werde: sei es doch sonst noch nie in aller Welt geschehen, dss über dem König wäre, wer ihn weihete. Er weist zugleich noch einmal die Oberhoheit der geistlichen Gewalt überhaupt über die weltliche zurück: "es ist genug, dass der Papst über den Kaiser ist in göttlichen Sachen, das ist in Predigen, Lehren und Sakramentreichen, in (360) welchen auch ein jeglicher Pfarrer über jedermann ist". So schliesst er: "darum lasst den deutschen Kaiser recht und frei Kaiser sein und sein Schwert nicht niederdrücken durch solch blind Vorgeben päpstlicher Heuchler". 
 123  Videre til kapitel 13. 
 124 
 125 
 126 

Noter:

n337a:  EA 21, 274ff. Niemeyersche Neudrucke deutscher Lit. Werke N. 4 1877. Br 1, 453. 470. 475. 478f.
n338:  Cortisanus Dr. Viccius Br 1, 465, -- identisch mit dem Bringer neuer Nachrichten aus Rom Br. 469? Mit dem Arzt Br. 441 (de Wette zu 465) hat er Nichts zu schaffen. -- Doktor Wick: Laut. 19 f. C. 2, 160 T. R. 1, 259. Über v. d. Wick: Epist. obscur. viror. ed. Böcking 2, 502sq. 1, 263; über seine spätere Thätigkeit und Ende: Cornelius, Münster, Aufruhr 1, 192ff. 207 f 2, 146ff. 150. Uhlhorn, Urb. Regius 297f.
n339:  Br. 1, 460ff. 480. C. R. 1, 205. Über Kard. Raphaels Brief: oben Anm. 2 zu S. 209. Mencken 2, 604.
n341:  Br 1, 466f. 471. 484f. N. M. 8,2, 51ff. Schuchardt, L. Cranach, 1, 71ff.
n342: Zu den päpstl. Ansprüchen: Schulte, d. Macht d. röm. Päpste üb. Fürsten etc. 1871.
n349:  Laut. 12 C. 2, 363 T. R. 4,544.
n351:  Schulte a. a. O. 51.
n353:  Gindely, Gesch. d. böhm. Brüder, 1, 188. Herz. Enc. 2. Aufl. 2,663.
n355:  K. Köhler, Luther und die Juristen, 1873.
n356:  Schmoller, zur Geschichte der nationalökon. Ansichten in Deutschland währen der Reformperiode 1861 (aus: Zeitsch. für d. ges. Staatswissensch. B. 16) S. 36. 39. 102ff. 228f. Erhardt, St. u. Krit. 1880 S. 672ff.
n357:  So lauten diese Worte und nicht wie sie neuerdings von Katholiken missverstanden oder verdreht worden sind: "zu dessen Hintergehung und Verderben".
n357a:  C. R. 1, 211sqq; der vicarius p. 212 ist (Br. 1, 479) Staupitz, nicht Link. Koilde, Aug. cong. 322 f. 328f. Br. 1, 477ff (die Worte S. 478: "in cujus (Antichristi) deceptionem et requitiam -- omnia licere arbitramur" hat Kampsch. Erf. 2, 79 und Janssen, Gesch. des deutschen Volks etc. 2. 107 so missdeutet.
n358:  Br 1, 480